Ausgabe 
31.3.1913
 
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fo Tennen wir das Laubacher Stadtwappeu noch Heute. Dem EngelZbrunneu gegenüber liegt der große Lindenplatz. Auf ihm stand, wie ein Stadtplan int Städtischen Archiv von 1755 zeigt, eine Linde. Vielleicht hat auch das an ihm liegende, einem Gräflichen Rat von Linde gehörige Haus (jetzt Uhrmacher Enders und 'Bäcker Göbel gehörig) ihm mit seinen Namen gegeben. Ans ihm befand sich das Rathaus, das leider etwa 1853 abgerissen wurde, von dem sich aber ein farbiges Bild auf dem jetzigen Rat­haus befindet. Nach diesen! Bild war es ein stattlicher Holzbau, freilich zuletzt übertüncht, mit einem unverhältnismäßig hohen Dachreiter. In diesem hing das Armesünderglöckchen. Auch eine Uhr befand sich am Rathaus. Glocke und Uhr wurden beim Abbruch des Rathauses nach Weickartshain verkauft. Im Ober­stork befand sich ein Saal, in welchem alle Festlichkeiten gefeiert wurden, so auch von der Blasiusgesellschaft, einer Wie;enbau- genosseilschaft, die ihren Ursprung von der Zeit des Unterganges des Torfes Baumkirchen hinter Freienseen nm 1400 und der Uebersiedelung ihrer Bewohner nach Laubach herschreibt. Die Weiber machten zu diesem Jahrestag in den Backhäusern die Braten und durften dafür auch selbst an der Mahlzeit mit teil« nehmen. An dem Rathaus befand sich das Halseisen, an das solche, die etwas entehrendes getan hatten, gelegt wurden, zu welchem Schauspiel das Armesünderglöckchen die Bevölkerung zusammenrief. Noch früher wurden die Unglücklichen auch unter dem Schall des Glöckchens vom Stadtknecht in den Straßen zur Schau herumgeführt.

Von anderen Gebäuden Att-Laubachs sei noch das Amtshaus genannt, ein prächtiger Holzbau, der kürzlich künstlerisch neu Hergestellt worden ist. Alte Leute erinnern sich noch, daß dort an Delinquenten die Prügelstrafe vollstreckt worden ist. >Es' trägt an bem Hauptbalken an seinem Giebel folgende Inschrift:

Herr Gott allein, der Gnade dein, Hab ich verträumt, dies Haus gebauwt; Behüts o Gott Vor aller Not.

Der Segen dein Mög allzeit sein. Mit Jung und Mt, So mannigfalt In biefem' Haus gehn ein und aus.

Leider findet sich keine Jahreszahl; doch zahlt es sicher feine 300 Jahre.

Um dieses Haus entspann sich einst ein drolliger Streit, zur Zeit, als die Souveränität von Laubach an »Hessen übergegangen War, die Grafen aber eine Zeitlang noch gewisse Hoheitsrechte, z. B. auch am Gericht, besaßen. Tas Haus sollte ein neues Kleid bekomwen, es wurde beworfen und verputzt. Tie Ecken mürben bemalt, um Quobern vorzutäuschen. Sollten bie Quadern weiß mit roten abteilenden Strichen oder blau mit gelben ab­teilenden Strichen fein ? Man machte bie Ausführung in den Solmser Farben, aber auf Protest Hessens mußten sie übertüncht Und in den hessischen Farben ausgeführt werden. Bis zur Her­stellung im1 vorigen Jakfte sah man noch bie hessischen Quadern.

In bem Amtshaus war es, nach bem Glauben der Ult- Laubacher nicht recht geheuer. ®in Mann in gelben Stiefeln und schwarzem Hut ging darin um, mauerte dort. Als' dieserGelb- stiefel" es den Bemohnern des Hauses zu arg trieb, ließ man zwei Geisterbanner aus der Stadt komNien (deren einer der Vater eines erst voriges Jahr gestorbenen Mannes war), welche ihr Gesan" machten und mit Besen das Haus von oben bis unten kehrten, darauf an die Haustür einen Sack hielten, in den der Gelbstiefel" hineingekehrt und so in den Wald, und zwar in den Enlengraben getragen wurde. Dort band män den Sack auf und ließ denGelbstiefel" los. Nun wanert er im Eulengraben, und wenn inan abends dort geht, gibts als Patsche. Ich weiß aber nicht, ob einer der jetzt lebenden Laubacher noch eine solche Patsche bekommen Hat.

Es fei hier gleich noch einiges von den Geister- und Hexen­glauben der Mt-Laubacher gefügt. Sie sahen Dinge, von denen mir nüchterne Leute heute nichts mehr wahrnehmen. 'Sanft weidete der Laubacher Schäfer seine Herde beimMten Keller". Hier lag das ettoa 1400 ausgegangene Dorf Hartmannshausen. Bis vor Turäem war von ihm noch ein alter Keller zu sehen, heute ist es nur noch ein großes Loch. Nicht weit davon, aber schon auf Gräflichem' Gebiet, war bis' vor kurzem noch der' alte Ziehbrunnen erkennbar. Obwohl es noch sehr frülj im1 Jahr war, sah der Schäfer -eine Schlüsselblume blühen. Er pflückte sie ab und steckte sie an seinen Hut. Ta stand mit einemmal eine weiße Frau vor ihm, die ihm zu folgen tointie. BeimAlten Keller" sah £r eine Tür, die er bisher noch nie wahrgenom'men hatte. Er folgte der weißen Frau und siehe, in bem Keller lag alles voll Gelb, unb er durfte sich davon einstecken, so viel er wollte. Ms er herauSgehen wollte, rief die Fran ihm zu:Vergiß bas beste nicht!" Er verstand aber nicht, was das heißen sollte. Sie meinte aber den Schlüssel, der von inwendig steckte. Hätte er den mitgenommen, so würde er bie Tür immer wieder gefunden haben und hätte sich im'mer wieder Geld holen können.

Zur Zeit der Grnmmeternte ging vor ungefähr 150 Jahren ein Bauer mit seinen Ochsen zum Pflügen. Da der Knecht krank jtnb eS mondhell war, wollte er bis um 10 Uhr, wo bie Tore geschlossen wurden, bleiben. Er bestellte sich deshalb von seiner Frau das Wendessen aufs Feld. Es bestand aus Schnitzsuppe und Pfannkuchen. Er würde bis zürn Torschluß nicht fertig, und da kr den Kreuzer für das Oeffnen des Tors scheute, beschloß er,

mit feinem Gespann draußen zu übernachten. Im Schutz des Siechhauses, das beim Friedhof stand, setzte er sich nieder und schlief ein. Um Mitternacht wachte er auf und sah, wie alle Gräber sich öffneten und die weiße Schar der Toten, Ehie sei Gott in der Höhe! singend, nach der langen Wiese zu zog. Plötz­lich, mit dem Schlag 12 Uhr, war mit -großem Gepolter alles vorbei. Ein Schauder überlief den Manu und am Morgen, sobald das Tor geöffnet war, eilte er nach ^Haus, erzählte seiner Frau, was er gesehen, legte sich ins Bett und sagte:Ich muß sterben." Nach acht Tagen war er tot. Vor feinem Tode riet er seiner Frau, sie solle nicht ivieber heiraten, sonberu sich einen Knecht nehmen, bis bas einzige Töchterchen herangewachsen sei und mit feiner Verheiratung wieder ein Mann ins Haus komme. Ja, er nannte auch den Mann, den sie als' Knecht dingen solle'. Dieser diente jahrelang treu unb bekam jedes Jahr zu seinem Lohn 1 fl. zugelegt, und als er sich verheiratete, bie beste Kuh aus bem Stall als Hochzeitsgeschenk.

In bet Kirche sah man zuweilen einen alten Pfarrer vom gräflichen Stuhl zur Sakristei gehen. Einst ging er wieder burch bie Kirche, als gerade nach bem Nachmittagsgottesdieust der Pfarrer vor dem' Mtar stand. Um die Anmeldungen für bas nächste Äbend- mähl entgegenzunehmen. Er folgte der Erscheinung nach, und seitdem ist der alte Pfarrer nicht mehr gesehen worden. Wahr- scheinlich ist der Pfarrer der alte, ehrwürdige Konsistorialrat Heusinger, von dem' folgende Geschichte erzählt wird. Nach feinem Tode kam ein neuer Pfarrer, der auch dem neuen Glauben huldigte. Eines Nachmittags in der Katechismüslehre suchte er den Jünglingen zu beweisen, daß Jesus Christus nicht Gottes Sohn, sondern der Weise von Nazareth sei. Aber als er am Schluß fragte: Also, wer war Jesus' Christus?" erhielt er die alte Antwort aus Luthers Katechismus':Ich glaube, daß Jesus Christus', wahrhafter Gott ustv." Darauf habe er entrüstet dem Knaben eine Ohrfeige gegeben. In diesem Augenblick sei im Gräflichen Stuhl der alte Pfarrer Heusinger erschienen unb habe eine drohende Handbewegung in die Kirche hineingemächt. Daß. es um bif Kirche herum, auf dem alten Friedhof, nicht geheuer ist, nimmt uns nicht Wunder. Ms bis vor wenig Jahren zwischen Kirche unb Mauer der Friedrichsburg noch das Leiterhäuschen stand, wagten in der Dunkelheit viele nicht mehr dort vorbei gehen, denn dort sollte ein großer schwarzer Hund umgehen. Vielleicht scheut sich heute noch m'ancher, bei Dunkelheit hier zu gehen. Unb in dem Pfarrhof soll sich zeitweilig ein Kalb nut Kette sehen und Hören lassen. Auch geht im Schloß eine weiße Frau um, zum letztenmal soll sie einem vor etwa 15 Jahren verstorbenen Glied des Gräflichen Hauses erschienen sein. Auch spntt es in einem Zimmer des Schlosses, im sogenannten Kadelzimmer, nach einem: früheren Koch Kabel genannt. Da wird des Nachts alles durchs einander geworfen, bie Decken und- Kissen aus: dem Bett, auch der Gast, der im' Bett liegt. Daß es in der Nähe des Galgens nicht geheuer war, läßt sich denken. Mancher hat da, ivo der Weg nach Ruppertsburg' durch das Wälbchen führt, einen Mann ohne Kopf gesehen. Solcher kopflosen Männer, die durch ihr plötzliches Erscheinen erschreckten, hüt es übrigens auch noch an anderen Plätzen gegeben, so in der Aeppelsbach, in den Wiesen, wo jetzt an der Schottener Straße das Häuschen des Straßen­wärters steht. Er trug gelbe Stiefel, ebenso wie der kopflose Manst in der Steinbach. Diesen hat zum' letztenmal eine noch jetzt lebende alte Fran als junges Mädchen gesehen. Sie wollte in der Steinbach eine Last Gras Holen, mit einemmal Land der Gelbstiefel vor ihr. Entsetzt ließ sie ihren Sack im Stich Uno lief nach Haus'.

Zwischen Äaubach.und Ruppertsburg, von der Straße links nach der Frickrichshütte zu, lag das ebenfalls um 1400 aus­gegangene Dorf Lauternbach, wonach noch heute verschiedene Ge­wanne ihren Namtzn haben. Dort ging in Mondscheinnächten ein Mann um, der Grenzsteine versetzt hatte und nun zur Strafe mit dem Grenzsteinmauern" mußte. Einst kam Nachts ein Laubacher, der in Ruppertsburg gewesen war, des Wegs daher. Und sah eine Gestalt, bie einen schweren Stein auf der Schulter trug und rief:Wo setz ich en nur he, wo setz ich en nur he?" Der Laubacher aber rief beherzt:Ei du en doch da he, wo den hergeholt host".Ei, darauf hab ich ja schon lang gewart," erwiderte der andere und banrnit war er erlöst und für immex verschwunden. Andere, die Grenzsteine versetzt hatten, müßten zur Strafe dafürgläu gi", glühend gehen, Und mancher hat . als Nachts e gläu Männche gesehen. Feldgeschworene aber, die falsch gemessen hatten, die Raureschläjer, Ruthenschläaer, fanden ebeiisalls im Grab feine Ruhe, und müssen nun immerfort messen. So hat inan z. B. auf dem Stelzenberg' öfters einen messen' sehen. Unb in der Kor soll ein alter Bür germ'eisteü-umgehen und messen. Ueberhaupt kehrten die Menschen nach ihrem: Tod g'ern an die Stätten ihres Frevels oder auch ihrer gewohnten Tätigkeit zurück. Ein Selbstmörderwanerte" in seinem Hause, welches deshalb schwer verkäuflich war. Svwanert" int WalddistriktZwil- lingsseife" ein alter Förster, und im:Tiergarten" der frühere Förster M. Eine eigene Sache war es auch mit dem Irrlicht oder Irrwisch. Wenn man einen Irrwisch sah, durfte man nicht sagen:Irrwisch leucht wie Hawerstrotz, komüt ean schmeiß mich blitzeblo." Einst aber droschen drei Laubacher, die als Drescher gegangen waren, in der Äetterau. _ Es war noch dunkler Morgen, da sahen sie vor der Scheuer einen Irrwisch, Zwei