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her kommen,
Dieser Appell an des Goldschmieds gutes Herz verfehlte seine Wirkung. Herr Lampert legte sein schmales, bart-
M sie nicht umhin konnten, ihn als Meister in ihre Innung
Hand versprochen."
„Dann fällt der Himmel ein; vielleicht bringt er gleich ein paar Schutzleute mit, um fernen Stiefbruder festnehmen zu lassen, wenn dieser etwa ein zu freches Maul haben sollte."
„Wilhelm, verstelle dich doch nicht so! Ich weiß es ja, du hast den Peter nicht weniger lieb als ich."
sicher."
„Dann wirst du dich auch geirrt haben."
„Nein, nein! Auf Peter lasse ich nichts kommen," fuhr Frau Lampert fort: „er mag ein Hitzkopf sein und manchmal Dinge sagen, die er nicht verantworten kann, aber einer Schlechtigkeit ist er nicht fähig, ganz bestimmt nicht! Ich werde ihn übrigens fragen; er hat mir noch immer die Wahrheit gesagt."
Damit war die Unterhaltung wegen des zu geoeuderr Festes beendet gewesen und Frau Julie hatte auch sofort die Vorbereitungen zu demselben mit anerkennenswertem Eifer zu betreiben begonnen. Heute nun ist der große Tag erschienen, und schon in der sechsten Morgenstunde sind Lohndiener und Tischlergesellen in dem stillen Heim des Goldschmiedes tätig, um es der Bestimmung des Abends gemäß herzurichten. Die beides Vorderzimmer der Wohnung werden als die eigentliche Gesellschaftszimmer dienen; in der daranstoßenden großen Berliner Stube soll getauzt, aber auch
getafelt werden; das neben dieser Stube befindliche Schlafzimmer des Lampertschen Paares aber wird in einen dritten Salon verwandelt, und zu diesem Zwecke müssen die Betten und die Waschtische nach einem im Hofflügel befindlichen, einfeustrigen Zimmer geschafft werden.
Herr Lampert ist noch beim Rasieren in der Schlafstube, als die Tischler in dieses Allerheiligste eindringen, um unter lautem Gekrach und Gepolter die Ehebetten auseinander zu nehmen.
„Aber das ist ja schlimmer als ein Umzug!" stöhnt er entrüstet auf, „ich habe nicht einmal Ruhe beim Rasieren!"
Frau Julie steht, tiefgeröteten, schon etwas schwitzenden Angesichts, mit einem koketten Morgenhäubchen ans dem unfrisierten, wirren Haar und mit einer weißen Latzschürze vor ihrem mächtig wogenden Busen, in der Tür^des Schlafzimmers nnd überwacht die Hantiernngen der Tischler.
„So spute dich ein wenig!" versetzt sie ungeduldig, „wir müssen die Stnbe in Ordnnng bringen."
Herr Lampert ist in seiner Sonntagsruhe so erbarmungslos gestört, daß er sich bei dem Geschäfte des Rasre- rens ein paar tiefe Schnitte im Kinn beibringt, die er mit einem schnell von seiner Zeitung abgerissenen Fetzen Papier verklebt. Notdürftig gewaschen nnd gekämmt entflieht er nach einem der modernen Zimmer. >
Doch auch hier findet er kein Behagen. Schon Yon sieben Uhr ab beginnt die Korridorklingel zn tönen, und da das Hausmädchen bei der Einrichtnng der Wohnnng mit Hand anlegen mnß, so übernimmt er selbst das Amt des Oeffners. In rmnnterbrochener Folge kommen bestellte Waren, auch Briefe und allerlei Anfragen an. Der Gärtner sendet Bln- mentöpse zum Schmucke der Zimmer uud au der Tafel, auch einen Korb mit lauter kleinen Sträußchen. ,
„Barmherziger Gott, wo zu denn diese vielen Buketts ?
Frau Julie ist herbeigeeilt, reißt ihm den Korb aus der Hand und wettert den Ueberbringer an: „Das bringen Sie mir schon jetzt am frühen Morgen? Wo haben Sie denn Ihre fünf Sinne? Soll der ganze Plunder bis heute abend verwelken?"
„Der Herr meinte", erklärte gleichmütig der Gärtnerbursche, „die Blumen müßten, im Keller verwahrt bleiben, dort würden sie sich schon frisch erhalten."
„Ihr Herr ist ein . . . ." Sie wollte Eiel lagen, doch sie verschluckte das Wort und fuhr gefaßt fort: „Hier haben Sie zwanzig Pfennige Trinkgeld, nnd sagen eie Ihrem Herrn, ein andermal möchte er gefälligst zuverlässiger fein; was ich zum Nachmittag bestelle, das will ich mcht schon früh morgens ans den Hals geschickt bekommen. Nnn, was stehst dn denn noch da, Wilhelm?" wendet sie sich an den Gatten, „kannst du die Blumen nicht nach dem Keller tragen? Du hörst doch, daß sie sonst verwelken!"
„Jawohl, jawohl", stammelt der Eiugeschüchterte, und wie er im Schlafrock, mit den duftigen Sträußchen beladen, die Treppe hinabsteigt, zittert er bei dem Gedanken, daß etne ihm begegnende Mitbewohnerin des Hanfes durch seine komische Erscheinung znm Spotte gereizt werden könne. Doch die Sache länst glücklich ab, nnd keuchend eilt er nach weni- gen Minnten wieder hinauf, um tu seiner Wohnung zn verschwinden.
Nenes Signal der Flurglocke. „
Er öffnet wieder nnd steht vor einem weitzgc,churzten Jungen, der ihm mehrere geschlossene runde Körbe und eine große Holzschachtel übergibt. Es sind Torten, Teekuchen, Käsestangen, Konfitüren. , ,
„Barmherziger Gott! Wo denn nur hin mit alt diesem
Er schleppt die ganze Bescheruiig nach dem Zimmer seiner Gattin nnd stapelt sie dort ans dem Sofatische auf.
Wiederum ein schriller Glockenlaut.
Der Weinhäudler sendet den bestellten Wem.
Wie er oben wieder in seine Stube tritt, stürmt ihnl Julie aus dem benachbarten Salon aufgeregt entgegen.
„Es ist nm aus der Haut zu fahren", brnnirnt er iw» grimmig, wie er das Schloß der Kellertür öffnet, „das soll mir heute zum ersten und letzten Mal passiert sem."
„Wir wollen ihn nur gleich nach dem Keller schassen". Herr Lampert holt den Kellerschlüfsel und steigt zum zweiten Male, diesmal mit dem Träger der Weinkörbe, in die Unterwelt. Er ist durch die ungewohnte Inanspruchnahme seiner Person schon so aus dem Gleichgewicht gebracht, daß er an die GefaHr eiper unerwünschten Begegnung auf der Treppe gar nicht mehr denkt; aber erschrocken greift er nach den
nicht seine Wirkung. Herr Lampert legte ]etn schmales, bartloses Vogelgesichtchen in ein paar verdrießliche Falten uud seufzte: „Nun ja — man ist doch kein Heide; ich könnte ja, sozusagen, den Schlingel mein eigen Fleisch und Blut Nennen, so oft habe ich ihn als kleinen Buben auf meinen! Knien reiten lassen, aber was zu viel ist, das ist zu viel; das will der liebe Gott gewiß nicht, daß wir zu allen Sünden Und Torheiten eines Pflegesohnes in zärtlicher Schwäche ein Auge zu drücken — wenn er sich nicht bald bessert, daun, ziehe ich mich ganz von ihm zurück, daun mag er ins Verderben laufen." t „
„Das wird Sabinchen schon zu verhindern wißen. Wenn die erst seine Fran ist, bu sollst es sehen, daun wird sie ihn schon Herumkriegen." ,, , . r
„Das gebe der Himmel! Vorläufig glaube ich noch mcht daran. Der Peter hat Umgang mit Leuten, die mir nicht gefallen. Erinnerst du dich noch jenes Garniers, der mir einmal cm Perlenhalsband mit meinem eigenen Gelde abschwin- deln wollte? Du hast ihn selber nicht gesehen, aber doch feinen Boten, feinen sogenannten Diener, der natürlich sein Opießgeselle war — denke dir! ich müßte mich sehr irren, wenn Peter nicht mit diesem verdächtigeii Kerl neulich durch die Friedrichstraße gegangen ist."
„Hast hu ihn darauf nicht angesprochen?"
„Das konnte ich doch nicht; ich war meiner Sache nicht
anfzunehmen." t ~ ,
„Ein netter Maurermeister, der gemeinschaftliche Sache mit den streikenden Gesellen macht!"
„Davon verstehe ich nichts, das geht mich Nichts au, aber Meister ist Meister, und ich dächte, wir könnten stolz sem giif unsere drei Pflegesöhne: der Peter Maurermeister, der Adolf nächstens Sozius des berühmten Fabrikanten Haßler — Haßler & Dechner, wie das klingen wird! — und der William königlich preußischer Staatsanwalt — unsere Gaste werden Augen machen, wenn sie uns inmitten eines solchen Kleeblattes sehen werden/'
Der Goldschmied stieß em hartes Lachen aus: Bilde dir nur nicht ein, daß sich William in eine Gesellschaft begeben wird, in der er den Peter zu treffen gewiß ist."
„So?" erwiderte mit pfiffigem Augenblinzeln die dicke Dame, „hältst du mich wirklich für so einfältig? Denkst du, ich werde ein Fest geben, bei dem der Stolz unseres Hauses fehlt?"
„Unser William ivird doch nicht so dumm sein und hierher kommen, wenn er weiß, daß wir ihm den Sozialisten vorsetzen, der seinem eigenen Zwillingsbruder die Braut weggekapert hat — pfui Teufel, das hätte mir einer bieten sollen, als ich mit dir verlobt war."
„So schlimm ist die Sache gar nicht. Sabine ist mit Adolf niemals richtig verlobt gewesen, und wenn sie em- gesetzen hat, daß sie den Peter noch lieber hat, so kann man es doch nur äußerst gewissenhaft von ihr nennen, daß sw noch zu rechter Zeit Farbe bekannte und sich und den Adolf nicht ms Unglück gebracht hat. Und der Staatsanwalt kommt doch! Ich bm bet ihm gewesen und er hat es mtr tn die


