Donnerstag, den 30. Oktober
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„ Laurrnblut.
Bwman von Gerhart v. Amyntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Tell lächelt im Vorgenusse der Verblüffung, die seine Mitteilung Hervorrufen ivird und sagt deutlich mit einem Schielblick nach der noch immer schweigsamen Ellen: „Ich mochte nur gerecht gegen ihn sein, denn er ist mein Stiefbruder."
„Ihr Stiefbruder?" fährt Brauk betroffen auf. „Pardon! Das wußte ich nicht; davon haben Sie uns nie etwas gesagt."
Das, was der Staatsanwalt eigentlich erwartet hatte, ist wunderbarerweise nicht ein getreten; Ellen zeigt keine Spur vou Ueberraschung; sie scheint ausschließlich unter dem Kanne der ihr im Garten gewordenen Mitteilung zu stehen und für alles andere gänzlich unempfänglich zu sein.
Auch Frau von Brauk nimmt das Bekenntnis des Staatsanwalts, wenigstens scheinbar, mit großer Gemütsruhe auf. Nur Just schaut verwundert darein; er begreift nichts recht, warum sein jugendlicher Freund auf einmal Verhältnisse so offen darlegt, zu deren strengster Geheimhaltung er ihn noch vor kurzem so dringend verpflichtet hat.
„Ihr Stiefbruder?" wiederholt der Freiherr noch immer verständnislos, „ist denn Ihre Frau Mutter noch einmal in zweiter Ehe verheiratet gewesen?"
„Peter Dechner ist ein Sohn aus meines Vaters, erster Ehe; damals hieß mein Vater noch Dechner; erst als er zum zweiten Male heiratete, hat er den Namen Tell angenommen."
„Hm, hm", inacht Brank, der jetzt erst mit dem Namen Dechner seine eigentlichen Jugenderlebnisse in Verbindung zu bringen beginnt, „das ist ja höchst merkwürdig! Ich kann mir übrigens denken, Herr Staatsanwalt, daß die Rolle, die Ihr Stiefbruder spielt, Ihnen nicht gerade immer erwünscht sein mag."
„Sie ist mir völlig gleichgültig. Wir Verkehren nicht miteinander; mein Stiefbruder ist für mich nicht vorhanden. Ich denke auch, daß man biiligerweise mir das nicht anrechnen ivird, was ein Mensch, der zufällig mein Stiefbruder ist, an Staat und Gesellschaft sündigt."
„Gewiß nicht, davon kann keine Rede sein. Oft genug gibt es selbst in den höchsten Familien des Landes Mißratene, die sich selbst wohl schaden, dem Glanze des alten Familiennamens aber keinen Abbruch tun können."
Die Tafel ist aufgehoben. Der Wagen, der den Staatsanwalt zur Bahnstation zurückbringen soll, ist vorgefahren. lDie freiherrliche Familie und Just haben den scheidenden Gast bis nn das Portal des Schlosses begleitet. Brank drückt ihm mit unverminderter Herzlichkeit die Hand; der ritterliche Herr scheint tit seinen Gesinnungen gegen Dell ber
Alte geblieben zu sein. Nur Frau von Brank wünscht, tote es dem Scheidenden ivenigstens Vorkommen will, in einem etwas kühlen Tone eine glückliche Fahrt, und Men, die ihm sonst immer die Hand zum Lebewohl geboten hat, steht in kühler Zurückhaltung hinter den Eltern und hat für däK „Adieu!" des Gastes nur ein gezwungenes, stummes Kopfnicken.
„Vorbei! Vorbei!" denkt Tell in Bitterkeit, wie ihn der rasselnde Wagen über das Pflaster des Hofes davonfährt, „sie ist wie die anderen! Dem hocharistokratischen Dämchen ist meine plebejische Verwandtschaft in die Nase gefahren. Ha, ha! Mein Bruder Peter hat gar nicht so unrecht, dev Teufel , hole die Gesellschaftsklassen und ihre Vorurteile! Nun heißt es, den Weg durch dieses Lebens Unverstand allein zurückzulegen — allein — ohne Hoffnung und ohne Liebe — aber ich bin wahr gewesen, wahr gegen die anderen und gegen mich selbst! Und das soll mein Trost sein!"
Der Wagen rollte durch die sternhelle Mainacht, und int Gebüsch zur Seite des Weges schlägt eine Nachtigall.
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Das war heute ein aitsregeuder Tag im Hause des! Goldschmieds Lampert in der Hornstraße. Die Gesellschaftszeit war ja eigentlich schon vorüber; aber Frau Julie Lampert, die immer gern etwas hoch hinaus! wollte, mußte! durchaus noch ihre große, wenn auch etwas verspätete Gesellschaft geben, die möglichst an die Ballfestlichkeiten der vornehmen Welt erinnern sollte.
„Ich bitte dich, Frau," hatte der Gatte mit seiner lispelnden Stimme gesagt, „warum sollen wir uns auf unser«! alten Tage noch diese Wirtschaft, diese Unbequenilichkeiten machen?"
Aber da war er schön angekommen!
„Auf unsere allen Tage!" hatte die dicke und vor Gesundheit strotzende Dame beleidigt wiederholt; „nun, wenn ich dir nicht mehr jung genug bin, so sieh' du nur selbst einmal in den Spiegel: für einen Springinsfeld wird man dich auch nicht mehr halten."
„Liebe Julie, eben deshalb — warum ereiferst du dich denn? — Eben weil ich kein Springinsfeld mehr bin. und weil ich auch für keinen mehr gelten ivill, möchte ich dich bitten, von diesem Tanzfeste abzustehen."
„Du sollst auch nicht tanzen, aber das junge Volk, dem wir doch auch einmal eine kleine Rücksicht schuldig sind." Sie mäßigte den Ton ihrer Stimme und fuhr um vieles sanfter fort: „Denke doch an unseren Peter; sollen wir ihm denn zu seiner Meisterschaft nicht eine Aufmerksamkeit erweisen ?"
„Na, mit dieser Meisterschaft hat es doch wohl etwas gehapert; nur mit Ach und Krach hat er die Prüfung bestanden ; ich weiß es vou meinem Freunde Knoblauch."
„Weil sie ihn als einen Sozialdemokraten am liebsten hätten durchfallen lassen — der Peter hat es mir selbst erzählt —, aber er hat so glänzende Arbeiten geliefert unb alle ihre kmfflichen Fragen so aufs Te-Zett beantwortet.


