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Werben, für den Stamm'gast urib Junggesellen. Einer, der nach anderthalb Jahren aus Berlin in die Wiener Heimat kehrte And dem ich von der prachtvollen Lebendigkeit in der reichis- d rutschen .Hauptstadt vorschwärmte, unterbrach mich und sagte fast geriUjrt; „O, nein, Wien, Wien! Sehen Sie, anderthalb Jahre bin ich nicht da gewesen unb heut hat mir in meinem Stammrestauvant der Franz meinen Kvuspelspitz gebracht, ein bisserl unterspickt, wie ichs gern hab, und der Josef im Kaffeehaus hat mir zum Schwarzen gleich die angebrannte Virginia hrngelegt und die „Illustrierten", genau tote vor anderthalb Jahren, als wäre ich gestern zum letzten Male dagetoesm." Also, man kann eine Menge boshafterDinge gegen diese phäakische Eroig- gleichheit Änwenden, kann sagen, daß es viele andere und toidjp tigere Ungelegenheiten gibt, und daß Wien eben, wie gerade dies beweist, das größte Dorf von Europa ist, aber für den Jünggesellm ist diese ewig gleichbleibende Aufmerksamkeit sehr angenehm.
Dennoch! Es gibt hier weniger Junggesellen als anderwärts. Die noble und geistige Distanzierung, die vom innersten Wesen zur Einspännerexistenz führt oder verurteilt, taugt nicht zu der breiten und animalischen Art des Wieners. Ludwig Speidel, der alle Formen des menschlichen Herzens beschrieben hat, der für die „alten Mädchen" tiefste Und reinste Töne gefunden hat: er würde tränenselig und schwach und sentimental, als er über die „einsamen Spatzen" z!u schreiben begann. Nichts weiter wußte er denen als Trost, als daß sie Männer seien, und dem Manne die Welt gehöre, glaubte ihnen Mut zu zusprechen, glaubte sie trösten zu muffen und verfiel nicht einen Alngenblick auf den Gedanken, daß i^neu das Junggesellentum innerstes Bedürfnis der Seele fein, ans einer unbeschreiblich edlen Scheu vor den alltäglichen, allstündlichen unb fo schwachen Gemeinsamkeiten eirt- springen könne. Denn Junggeselle sein ist nicht ein Malheur der Seele,, daß der Knabe ein Mädchen liebt, das einen andern gern hat, sondern: es ist eine Lebenshaltung, die int Beisammensein mit her Frau rin Feierliches und Festliches, fern aller allzu menschlichen Schwachheit, empfindet. !Tieses übersensible, vergeistigte und mehr norddeutsche Organ diskreter Noblesse ist der behaglichen Vitalität der Wiener Natur nicht gewachsen.
In i)en sozralen Formen spiegelt sich diese Besonderheit der Liebesneigung. Kabaretbesitzer und Nachtlokaleigentümer wissen davon ein Lied. Kenn die leben von der splendiden Laune des Junggesellen und sterben in Wien an dem Ehedrang. So sehr ist der Wiener Ehemann, daß er .nicht einmal die paar Wochen Strohwitwertum des Sommers aushält. Seine Familie weicht nicht über den Dunstkreis von St. Stefan, unb täglich fährt der Papa zwei, Süd- oder Westbahnflationen „aufs Land". Hintereinander sind int Vorjahr die VergnügungsetabliffseMents des Kaisergartens, Heuer die Waldschnepfe, das mondäne Heurigenlokal, und schließlich die Adriaausstellung verkracht. „Gestorben am bürgerlichen Ehebedürfnis der Wiener" steht es int Totenschein: die Nachtlokale schlafen den Schlaf des Soliden: und besonders: jene kühl distanzierende Form der Geselligkeit, die deut Junggesellen ein Zuhause vortäuscht, in der er bewirtet und empfang, Hansherrt ist und Fremder zugleich, existiert bei uns nicht. Es gibt, von drei Aüsnähmen abgesehen, bei uns keine Klubs.
Junggeselle sein ist in Wien eine Spezialität, und ein Humorist lebt seit Jahr Und Tag einzig von dieser Pointe. Seit Jahr und Tag ist auch der letzte Wiener Junggeselle großen Stiles tot. Das war der fesche Hofrat. Der hatte etwas von der ein» fängerischen Dämonie des großen Weiberschrecks anno Don Juan und Casanova. Man darf, ohne Taktlosigkeit, ein Wort davon reden, denn der ihm im Leben der Nächste und Liebste war, Hermann Bahr, erzählt nun hier und dort und hoffentlich bald im Buch, aus dem toUitdervollen, überschwänglichen und verblüffend ab- und zuspringenden Dasein dieses Max Bürckhardt, den ich mir (hat itaS nicht Bahr selber bekannt?) so imgesähv denke, tote den „Faun" in der Bahrschen Komödie, der aus einem hohen, hohen Berg seine Almhütte hat und die Frauen lockt. Und weiter in der Erinnerung zurück, da taucht die grämliche Visage des ewigen Grillparzer auf, der mumifiziert war bei lebendigem Leib, der auS1 Traumichnicht und Mißmut die Kathi nicht geheiratet hat und fast teufllche Lust darüber empfand, rote das Madl neben ihm welkte.
Im ganzen aber: die Künstler von Wien sind fügsame Ehemänner, Ein behaglicher Zug bürgerlicher Solidität fnndamen- ttert ihr Sehen. Wir haben kein Cafä des Westens. Wir haben tettte Bohkme. Einen kleinen Anlauf zu solcher Ungebütndenheit nahm das Wiener Künstlertum so um 1890, als Hermann Bahr, dte Lungen, noch voll Monntartre-Luft, im „Griesteidl" residierte. Aber dte einst 20 und 30 toteren, sind jetzt alte Herren. Und dte Jungen haben eine andere Art. Merkwürdig brach es kürzlich etnem timt diesen von bett Lippen: „Ich Mdenke zu Mratem, heber Freund." Woraus ich mit den Augen: „??" Und er, nachdem er ein paar Men genannt: „Wie die arbeiten. Ich vertue zu titel Zeit. Es wird dann besser roerben." Und wirklich: öts in, die Wiener Dichtung läßt sich diese Jünggesellenschöit Nachweisen, läßt sich dieser gediegene und solide Zug zur Tüchtig- keit.verfolgen. Diese Bücher Werraschen nicht durch ein jähes Wbbtegen, zur Höhe und enttäuschen nicht durch ein aufreizend vKiM Mißlingen, wie es' nur dem hohöm'ehasten Genie passiert.
Sie sind alle gut, diese Romane und Dramen, tüchtig gearbeitet von Ehemannshirnen ersonnen. ueuiueuei,
ß-hJ?o15m Wiener gehört die Wienerin einmal dazu. Ludwig
T" nnte' di«„siebente Großmacht. Und als vor ein mÄJ'" ^Aerosterretchischer Landtagsabgeordneter vom Agrartsmus, die Wienerin für die Grohf- m“rirtpn' Irr» ^?"^bnden Ausgaben verantwortlich machte, da gerieten alle Federn m «eifervolle Bewegung, der Luxus der Af^ge, sie selber nicht eine'Putzdogge, sonder» dte Gehilfin des Mannes, die „repräsentierend" feine Karriere I» ’Ä? darüber mag man seine Gedanken haben: richtig ist es. Nicht nur, daß eine Wiener Dame der Aristokratie, die gern nach Parts gekommen wäre, vor über einem Menschenalter p61 " ^si^Nbit die Schaffung eines' ganz neuen Staats- d.A Mtlitarattachees, durchgesetzt hat, „la femme reprssentattve gibt den Ton an, „la femme repräsentative" ent» 'NMdet über das Fortkommen ihres Prinzgemahls. Es soll ein- mal sich, ereignet haben, daß, vor längerer Zeit, der geeignetste uicann für einen Mlnisterposten übergangen wurde, weil fx nicht verhetratet war. Kenn wer sollte „repräsentieren"? Und toirk- N-w.- Wlmer, der ein geborener Bier-WäNde-Mensch ist, ver- steht sich darauf nicht. Was für reizende und wundervoll wohn- liche Garyonwohnungen habe ich in Berlin, in München, in aller ^Belt erlebt! Bei einem Wiener Junggesellen ist die Wohnung immer wie auf Abbruch. Es fehlt an allem. Was für Schnaps- kompositionen verstand mein Freund in München zu mischen! In Wien hat man ja, Gott sei Dank, das Kaffeehaus quer über der Gasse. Und nur einer verstand von all den vielen ein gastliches Sau§ lohne Hausfrau zu öffnen. Tiefes Behagen entströmt jedent Winkel seiner vier Wände. Bilder hängen rings, Künstler, Männer der. Politik und Männer des Wissens finden sich in seinem Salon. Seine Abende sind berühmt in der Stadt. Dieser .eine ist der Patrizier Ludwig Lobmeyer, Großfabrikant, Herrenhausmitglied unb ein begeisterter Mäcen. Aber ist doch nur einer.
Die andern kennen nicht diesen verführerischen Reiz der Einsamkeit, voll Melancholien des Gewesenen und voll sanften Entzückens der Erinnerungszeichen. Sie versauern in geiziger Dürftigkeit. Ihr Heim ist ohne diskrete .Verschwiegenheitsecken und ohne Grazie, tote das Junggesellenzimmer Franz Grillparzers im städtischen Museum. Ein Tisch, ein Bücherbrett. Nicht mehr als die Notdurft. Es fröstelt einen. Und lo!enn es irgend angeht, huschelt man sich schnell, knapp vor dem Patriarchenbart, ins Etzeleben, Der alte Gentz, Metternichs Staatsrat, der Vielgeliebte, reichte der Tänzerin Fanny Elßjler die Greifenhand zur Ewigkeit eines Wundes, der nur kurz währen konnte. Nicht lange ist es her, da nahm sich ein ■ toeitberühütter Professor mit grauem Bart das Leben, totil sich ihm Iber Traum, eine Junge .zu fr ein, nicht erfüllt hat. Kein frivoles Wipro ort flog damals auf; keine lächelnde Bemerkung. Nichts verstand der Wiener besser als dies.
Als Jünggefelle kommt man gier tote anderwärts auf die Welt, toei'i >es in der Natur schon so liegt. Aber als Junggtesellg zü leben, ist dem Wiener Näder die gemächliche und geruhsame Natur, wider sei» solides und rentuerhastes Temperament. Als Junggeselle stttbt hier keiner. Oder er stirbt daran.
Die Eisfabrik im Fingerhut.
Aus ganz einfache Weise läßt sich im Sommer wie im Winter dicht neben einem heißen Ofen Eis bereiten; mmt braucht dazu weder eine Eismaschine noch eine aus Eis und Schnee hergestellte Kältemischung, sondern nur einige Tropfen Wasser, Ammonium- nitrat, eine Untertaste und — einen Fingerhut. Die Anleitung dazu, in diesem einen kleinen Eisblock zu erzeugen, wird im neuesten Heft der „Welt der Technik" gegeben. Um das Eis zunächst einmal außen am Fingerhut zu erzeugen, d. h. diesen an der porzellanenen Untertaste anfrieren zu lasten, stellt man die letztere auf den Tisch, bringt ans ihre Mitte einige Tropfen Wasser unv stellt nun den Fingerhut darauf. Dann gießt man in den Fingerhut, und zwar säst bis zu seinem Rande gleichfalls Wasser, in das nun Ammoniumnilrat geschlittet wird. Nachdem wir kurze Zeit umgerührt haben, ist 'der Fingerhut richtig auf der Untertasse angefroren. Dieses gewiß einfache Verfahren, Eis zu erzeugen, beruht aui der Anwendung der sogenannten „Lösungskälte". Manche Salze lösen sich unter großer Erwärmung im Wasser; bei manchen wiederum ist der Lösungsvorgang mit der Entwickelung einer bedeutenden Kälte verbunden. Ganz besonders stark ist diese letztere bei Anwendung von Amnwniumnitrat, also salpetersaurem Ammoniak. Es tritt dabei eine Temperaturerniedrigung von über 20 Grad eilt. Wenn wir daher ein Wasser von gewöhnlicher Wasserleitungstemperatur, also von etwa 10 Grad verwenden, so wird es burd) einfaches Auflösen von Ammoniumnitrat auf etwa 10 Grad unter Null abgekühlt. Da das Metall unseres Fingerhutes ein guter Wärmeleiter ist, so wird diese niedrige Temperatur auch rasch auf das auf der Untertasse befindliche Wasser übertragen und dieses friert. Die im Fingerhut befindliche Salzlösung kommt trotz ihrer niedrigen Temperatur nicht zum Frieren, weil ja Salzlösungen erst bei Temperaturen frieren, die weit unter dem Gefrierpunkt des Wassers liegen.
Wollen wir einen kleinen Eisblock erzeugen, so brauchen wir unseren Fingerhut nur mit Wasser zu füllen und ihn an einem


