Ausgabe 
30.8.1913
 
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Rehe!" Ihre Stimme hatte einen feierlichen Ernst, als wäre jedes ihrer Worte jetzt eilt heiliger Schwur.

Rehe! Was dein Vater in tiefster Seele empfindet, das ziemt dir als Kind nicht zu ergründen davon mußt du in ehrfurchtsvoller Scheu die Augen wenden. Aber eines will ich dir versichern, hier, bei deinem Haupte, das in meiner Hand ruht: Es ist nichts zwischen deinem Vater und mir geschehen, was den Pflichten gegen seine Frau, der Würde vor seinem Kinde, den leisesten Abbruch täte es ist nicht und wird nicht, so wahr ich lebe! Und nun steh auf, Rehe. Du hast deinem Vater schwerstes Unrecht abzuvitten nicht du ihm, aber er kann dir frei ins Auge sehen, bei allem, was mir heilig ist!"

Abermals erschütterte ein leidenschaftlicher Gefühlsaus­bruch, diesmal tiefster Reue und Scham, den ganzen Körper des jungen Geschöpfes, so daß Gottliebe sie mütterlich zu sich heraufzog. , , ,

Laß nun gut sein, Rehe laß gut sem. Und mm leb wohl!"

Sie drückte einen langen Kuß auf Rehes' Stirn mit zitternden Lippen.

Vergiß mich nicht, Rehe, und entschädige du beuten armen Vater wenigstens für all das, was ihm das Leben versagt hat."

Schmerzzerrissen, leidenschaftlich erwiderte das Mäd­chen ihre Liebkosungen, aber dann drängte Gottliebe sie mit sanfter Gewalt zur Tür.

Und nun geh, bitte! Laß mich noch ein Weilchen hier allein."

Allein mit sich, schritt Gottliebe langsam aber mit festem Entschluß zum Tisch am Fenster. Dort ließ sie sich nieder und warf einige Worte auf einen Briefbogen > für Malmort bestimmt.

,fFch gehe nun doch ohne Abschied. Verzeihen Sie mir es; über ich kann nicht anders. Eben habe ich Ihrem Kinde geschworen, daß Sie ihm allezeit offen ins Auge werden blicken können, und daß sie stets an mich als an eine Makellose wird denken können. -Ich tottt nicht falsch geschworen haben. Ich kann nicht für mich -einstehen bei einem letzten Beisammensein zwischen uns, allein, in der Einsamkeit. Denn einmal sei es gesagt, was den Inbegriff unfaßbarer Seligkeit für mich hätte bedeuten können > ich liebe dich, liebe dich zu unsäglich, Wulsrin Malyiort! Und nun lebe wohl."

Mjt fester Hand schrieb sie zu Ende, verschloß den; Bries in einen Umschlag und adressierte ihn. Dann hing sie Mantel und Rucksack um, griff zum Pickel und schritt zur Tür.

-Ein kurzes Lauschen' - draußen kein Laut auf dem! langen Gangi da huschte sie aus dem Zimmer, Und unhörbar schlich sie sich Flur Und Treppe hinab-. Wie eine Flüchtende -eilte sie über den Hof t- niemand war Gott fei Dank gerade in dem -einsamen, grauen Gemäuer zu sehen )i und in der nächsten Minute schloß sich leise hinter ihr die kleine Austrittspforte im Schloßtor.

So entfloh Gottliebe unbemerkt von dem Kastell, ohne noch einmal den Blick zurückzuwenden.

*

Friede! '1 Friede ringsum auf den schon dunklen Matten drunten zu Füßen der Felsenkuppe, der breza dei Malmorti, auf dem regungslosen schwarzen Seespiegel in der Tiefe des Tals und auf den rosig angehauchten Firnen droben,' die im letzten Scheidekuß des Tagaestirnes sanft erglühten r-- nur kein Friede in der Brust der Einsamen', die auf dem Boden ausgestreckt lag, die fieber-glühende Schläfe an den harten Fels gepreßt, der doch ftchllos und starr war wie das Schicksal, das sie zerschlagen hatte.

Erbarmungslos zerschlagen!

Denn was war nun noch daran mit ihr und ihrem Leben? Ein müdes Sichhinschl-eppen, trostlos, freudlos bis ans -Ende.

Ah, dieses Schicksal! Dieser dunkle Dämon, der mit hohnvollem Lächeln jetzt auf sie herniederstarrte, die zer­brochen am Boden lag.

-In zitterndem Grimm ballte sie die Hände, daß die! Nägel sich ihr schmerzend ins Fleisch bohrten.

Daß er sie so genarrt hatte!

Was mußte er ihr erst das Land der Seligkeiten zeigen, ist das sie doch nie kommen sollte? So hätte sie ihr Leben weitersthren können wie bisher; zwar nicht beson­

ders freudevoll, mit -einem leisen Sehnen im Herzen, aber doch erträglich denn sie hatte ja noch nie gekostet, wie der Sonnenschein des wirklichen Glücks das Blut jubelnd pulsend durch die Adern treibt.

Mer hier hatte sie -es kennen gelernt, hier auf dieser Stelle, wo er damals neben ihr gestanden und mit stolzer Gebärde ihr den Ursprung seines Geschlechts gewiesen hatte. Da war es über sie dahingebraust in heißer Woge einem Mann zu eigen zu sein, ganz sein ihm zu eigen, dem einzigen auf der Welt, zu dem sie emporsehen mußte in hingehender Liebe und Verehrung dem einzigen aber auch, der für sie unerreichbar bleiben mußte immerdar.

Und doch wäre es auch fein höchstes Glück -gewesen mit ihr vereint zu sein. Sie wußte es ja nun aus seinem eigenen Munde.

O, ein Glück, nicht auszudenken!

In ihm ganz aufzugehen, in sein verdüstertes Leben- wieder frohes Licht zu werfen, mit fünfter, liebender Hand zu heilen, wieder allmählich aufzubauen, was eine Un­würdige niedergerissen hatte was hätte es Größeres, Heiligeres für -eine Frau geb-eu können?

Und warum war ihr dies Los nicht beschieden H warum?

Rur weil blinder Wahn, Menschensatzung -es verbot!

Unseliger Aberwitz, um dessentwillen sich §to-ei_ Men­schen verbluten mußten! Wem war mit diesem Opfer ge­dient? Dem Gott der Liebe da droben? Den beiden, die da- zähneknirschend aneinandergeschmiedet bleiben mußten, weil die kupplerische Natur sie -in jugendlicher Ahnungslosigkeit einst eingefangen? Ihrem Kinde, das so das friedvolle! Glück eines Vaterhauses nie kennen lernte?

Warum also warum?

-In qualvollem Aufstöhnen -grub Gottliebe die Hände in den harten Fels.

Und wenn sie doch nur eine Stunde des Glücks hätte wenigstens durchleben können in seinem Arm! Einmal sich satt trinken, den lechzenden Durst mit vollen, wonnigen! Zügen stillen! Einmal reich sein, königlich reich, in seinem Leben! Dann hätte sie doch gewußt, warum sie nachher darben und dürsten mußte. Mer -auch das nicht -ein­mal!

Wulsrin Malmort!"

In verzeifeltem, unerfüllbarem Sehnen drang der Name aus gemarterter Brust laut hinaus in die schlummernde Einsamkeit.

Gottliebe!"

Wie ein Echo klang es ihr zurück.

Wie denn?

Doch nur eine Täuschung ihrer üufgepeitschten Nerven!

Mer dennoch lauschte sie, den Atem angehalten, hin­aus in die Dämmerung.

Da noch einmal laut und deutlich ihr Name! Und die Stimme, die ihn rief!

Im nächsten Moment war sie auf den Füßen, sprang zum Rand der Kuppe nein, keine Täuschung! Auf dem Wege eine hohe, dunkle Gestalt, die her-aufstürmte. Er!

Ihr zitterte das Herz, bebten die Knie, wie sie ihn heraneilen sah-. Etwas schrie in ihr: Hinweg, hinweg! Und doch stand sie wie erstarrt, tote willenlos. Sie fühlte, jesi sollte so sein ii es gab! doch kein Entrinnen mehr. Si-ej hatte dagegen angekäm'pft mit schier übermenschlicher Kraft/ vergebens! -t nun erwartete sie ihn wie ihr Schicksal.-

Und plötzlich siel in ihr Auge ein blutroter, bren­nender Schein, der sich, während sie äbgewandt zu Tal geschaut hätte, droben auf den Firnen entzündet hatte. Der Sonnenbäll war schon versunken, Finsternis braute in den Tiefen, ab!er drob en -auf den Hoch gipfeln glühte d- jauchzende, lohende Glut.

(Schluß folgt.)

Der Tag einer wiener Junggesellen.

Von Hans W.-anto ch (Wien).

-Eigentlich hat es her Wiener Junggeselle sehr gut. jTie Kellner in den Restaurants' und Kaffeehäusern bemuttern ihn gerowu; denn feer Stammgast gilt etwas'; feie Speisenträger und Markeure spielen ihm -eine reizende Komödie feer Häuslichkeit, daß mt Grunde nur für ihn gekocht und gebraten werde, daß int Kafsee- IjattS nur wegen seines reservierten Marmortisches die- fünfztg änderen dastehen, damit der Saal nicht ungemütlich leer sei, pnd daß feie Zeitungen ans allen Ländern nur für ihü getauft