Samstag, den 30. August
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Firnenraulch.
Roman von Paul Grab ein.
Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Er schlug den Weg zum Schloß zurück ein, und schwei- gend folgte sie ihm. Sie Ivar vorhin, in ihrer furchtbaren Erregung, fortgestürzt ohne ihr Reisegepäck; also mußte sie ja noch einmal hinauf. Außerdem wollte sie seiner Leute wegen auch in formell richtiger Weise Abschied nehmen. Auch das Wiedersehen mit Frau v. Malmort und Rehe schreckte sie jetzt nicht inehr; was war das alles gegen das, was diese Minuten eben für sie bedeutet hatten? Mochte jetzt kommen, was da wollte, es traf sie nicht mehr, es wär ihr so gleichgültig. Da drinnen bei ihr war alles so kalt und tot.
Wortlos stiegen sie so höher und höher, denselben Weg, den sie damals hinaufgeschritten waren nach dem Abenteuer am See, am ersten Tage, wo sie sich kennen lernten. Wie deutlich jeder Moment dieser Begebenheit vor ihr stand., Damals fing es an, daß! ihre Seelen zueinander sich hinfanden. Und wieder sah sie seinen aufleuchtendän Blick, fühlte sie seinen ersten Händedruck: „Brav, Kamerad !" Das sollte nun alles vorbei sein — für immer! Nie wieder sollte sie die geliebte Stimme hören, nie wieder in sein gutes, ernstes Auge sehen!
Ein dumpfer Lauj> brach sich plötzlich von ihren Lippen, und sie blieb stehen. Sie fühlte — sie wär am Ende mit ihrer Kraft.
„Bitte — lassen Sie mich allein. Gehen Sie vorauf. Ich komme nach."
Es zerschnitt ihm das Herz, sie so zu sehen, und noch einmal kam es auch über ihn; doch nicht mehr die Glut verzehrender Leidenschaft, nein —ein heiliges, stilles Leuchten entsagender Liebe, die sich! bereits losgerungen hat von allem Begehren.
„Ich will es tun, Gottliebe. Aber eine Bitte müssen Sie mir noch erfüllen: Erlauben Sie mir, Sie heute abend ein Stück zu begleiten. Lassen Sie nicht eben das unfern Abschied gewesen sein, die letzten Eindrücke voneinander. Vergönnen Sie mir noch einmal, mit Ihnen auf die ewigen Firnen zu schauen, im Scheidekuß der Sonne — da sollen dann auch unsere Seelen voneinander sich trennen."
Einen Augenblick schwankte sie, von widerstreitenden Empfindungen hin- und hergerissen. Würde sie einem nochmaligen Losreißen voneinander gewachsen sein? Sie hatte sich ja noch nicht zu jenem wunschlosen Lieben durchgerun- gen, in ihr glomm in der Tiefe noch der Brand, bereit, jeden Moment verzehrend wieder aufzulohen. Mer sie vermochte ihm diese letzte Bitte nicht auch noch abzuschlagen.
„Gut — begleiten Sie mich. Aber nur als Freund und Kamerad, wie sie es bisher taten, Herr v. Malmort. Und nun bitte — gehen Siel"
Da dankte er ihr mit einem traurig-stillen Lächeln und tat dann nach ihrem Wunsche.
*
Die Stunde des Abschieds wär da; der Rucksack lag gepackt neben Mantel und Pickel; bald mußte Malmort kommen, Gottliebe abzuholen zu dem letzten Gang miteinander.
Nun trat sie noch einmal ans Fenster des Gemachs, das sie so lange traulich beherbergt hatte, und blickte hinaus in den Schloßhof, wo die schrägfallenden Strahlen der Nachmittagssonne zitterndes, goldenes Flechtwerk auf die altersgrauen Steinquadern hefteten. In tiefes, wehzitterndes Träumen versunken stand sie so. Da machte ein Geräusch sie auffahren: die Tür ging, Malmort?
Sie kehrte sich langsam herum nnd gewahrte nun statt des Erwarteten Rehe. Sie hatte sich heute mittag mit ihr wie mit der Mutter formell wieder ausgesöhnt — Frau v. Malmort hatte der Wagen bereits vor zwei Stunden Urieber davongeführt — aber es wär zwischen ihr und beut* Mäbchen, bas da jetzt zögernd, gesenkten Hauptes an der Tür stehen blieb, doch nicht mehr zu der alten Bertranch heit gekommen. Es war eine unübersteigbäre Schranke! zwischen ihnen.
Wortlos blickte Gottliebe eine Weile auf das Mäbchen, mit einem stillen Schmerz: Auch das aus, was so schön begonnen hatte! Dann brach sie zuerst bas lastende Schweigen, in milbem, ernstem Ton:
„Nun, Rehe, kommst bu mir Lebewohl zu sagen?"
Wer ruhige Don ber Frauenstimme mit dem leis schmerzlichen Unterton machte das junge Geschöpf da in all seinem Weh und seinen marternden Zweifeln erbeben. Im nächsten Augenblick flog sie auf Gottliebe zu, und in einem, Ausbruch namenloser Verzweiflung kniete sie vor ihr hin.
„Gib mir den Glauben an dich — an meinen Pater wieder!"
Aufschreiend umklammerte sie die Knie der Freundin nnd vergrub ihr Gesicht in ihren Schoß.
Sanft legten sich Gottliebes Hände auf ihren Scheitel.
„Wie soll ich das, Kind, wenn du meinen eigenen Worten und dem Widerruf deiner Mutter nicht traust?"
„Verzeih mir, verzeih!" schluchzte Rehe auf. „Ich möchte dir ja glauben — so namenlos gern. Aber ich kann jene Stunde heute vormittag nicht vergessen, Ivo der Vater nach dir fortstürzte, in einer Angst, wie man sie nur um den geliebtesten Menschen auf der Welt empfindet! — Siehst du, das frißt mir am Herzen, das läßt den Stachel hes Argwohns nicht aus meiner Seele kommen, daß die Mutter doch recht hatte, daß Ihr jetzt alle mir nur etwas vorspielt, auf Verabredung, um mich zu schonen!"
Gottliebes Gesicht war in jähes Rot getaucht ,nun aber staud eine tiefe Blässe auf ihren Zügen, die sich jetzt mit fester Entschlossenheit der zn ihr Aufschanenden zu- wcmdten.


