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fDrervrertelhnndert seiner Schriften, in das nicht Kindheitserinne- Hingen verwoben sind, über den, nicht der Stern des Vaterhauses steht, das er stets so heilig gehalten als Wiege seines Dichtens, als urquell seiner Kraft. Von jedem Pccher, Kohlenbrenner und alten Weiblein hat das Mm-Peterl aus seinen Hirtenzügen, bei seinen Schneider-Wanderungen Geschichten erlausckt und sie in einem treuen Gedächtnis bewahrt. Eine echte „stoansteirische" Anekdote nach alter Bauernart zu erzählen, das ist Keim und Anfang seiner ganzen Tichtlünst gewesen. Dieser reich aufgespeicherte, im engsten Zusammenleben mit der Heimat stets wieder erneute Schatz aus dem Kindheitsparadies hat Rosegger tausendfältige Frucht getragen. Seine Anregungen stammen nicht aus Büchern; mag auch manches bei ihm an die Kalendergeschichte, wie er sic zuerst in I. N. Bogels Kalendern kennen lernte, anderes, vor allem die sorgsame Naturschildcrung der „Schriften des Wald- fchnlmeisters", an seinen Liebling Stifter gemahnen — letzten Endes ist bei ihm doch alles selbst erlebt, erwandert, „erfahren" auf dem „Pegasus Dampfbahn"; denn wie viele seiner Geschichten spielen im Eiscnbahnkripec! Bon solch' scharfem Blick der Beobachtung, der ganz persönlichen unmittelbaren Wärme rührt zum guten Teil das Urwüchsige, Kraftvolle seines Stils her. Etwas Primitives, Hinterwäldlerisches liegt in der Kühnheit und Naivität seiner Phantasie, in der Vorurteilslosigkeit und gesunden Robustheit seines Gefühls. Trotz der ausgebreiteten Bildung, die er sich in dem langen „Weltleben" erworben, hat Rosegger doch stets auf dem von der Kultur noch unberührten Boden des Waldbauernbuben gestanden, ist nicht beschwert von der Bürde einer alten Tradition, die die Kinder der Stadt und einer seit Geschlechtern empfangenen Zivilisation zu tragen haben. Daher die knorrige Absonderlichkeit mancher seiner Ideen, die Freiheit und Originalität seines Empfindens, die herbe Frische seiner Darstellung, die mit gutem Grunde an die kecke Nngebundenheik der Luther-Zeit und an den Holzschnitt-Stil des Hans Sachs denken lässt. Bauer ist er geblieben in dem tiefreligiösen Urgrund seines Wesens, in seiner unbefangenen Lust aur „Sinnieren" Und Philosophieren, in seinem schalkhaften Huntvr, in der gesunden Nüchternheit seines Instinktes und seiner stets praktisch zugreifenden Tatkraft.
In diesem scheinbar so glücklich und harmonisch entfalteten Leben gab es eine schwere Krise, eine entscheidende Epoche, die über den Wert seines Schaffens entschied nnd seiner Persönlichkeit wie seinem Werk den Stempel ausgeprägt hat. Tas war, als der Dorssck neidergesell des Meisters Nah „entdeckt" wurde, als der interessante „Natur- und Volksdichter" in den verführerischen „Wcltwirbel" gezogen ward. Wie mußte der Waldsohn, den die Sehnsucht nach „dcnr Höheren", nach Stadt und Kultur von früh an in, Fesseln geschlagen, geblendet werden, als er, mehr als 20jährig, so jäh mitten hinein gestellt wurde in die ihm so fremde Sphäre! Daß er nicht verblendet wurde, mag ihn gewaltige innere, Kämpfe gekostet haben, von denen auch er, der so gerne von seinen Schicksalen erzählt, nie völlig den Schleier fortgezogen. Alle die anderen Lobredncr der Scholle, Verehrer des Banerntnms, von Rousseau bis Tolstoi, von Gotthelf und Auerbach bis zu Sohnrey, sic kamen aus der Stadt aufs Land, von der Kultur zur Natur. Rosegger allein ging den umgekehrten Weg, der unendlich viel schwerer ist, und daß er ihn aufrecht und siegreich gegangen, ohne die Heimatideale zu verleugnen nnd aufzugeben, das ist sein größter Ruhmestitel. Tie guten Geister, die ihn dabei geleiteten, waren das Heimweh des Älplers, das ihn selbst aus den Ruinen von Pompeji plötzlich forttrieb zü den Heumatten und dem Feldrain seines Äaldlandes, waren die Pietät gegen die geliebten Menschen und die Sitten der Kindheit, waren die Frömmigkeit eines reinen Herzens, Wie tief ihn aber dieser Gegensatz gepackt, wie dieser Konflikt, den er inr Innersten durchlebt, zum Angelpunkt seines Lebensgesühils Wrirde, des ist sein ganzes Dichten und Denken Zeuge.
Der Wald ist das Heiligtum von Roseggers Poesie. Wie Vst bildet er den Rahmen seiner Geschichten! Bald idyllisch und schützend, wie in den „Schriften des Waldschulmeisters", wo er die Geburt einer ganzen sittlichen Gemeinschaft mit seinem tiefen Frieden behütet, oder grausig-gewaltig wie im „Gottsucher", wo er den Untergang eines entgötterten Geschlechts mit ansieht, oder gar finster drohend, wie in „Jakob dem Letzten", wo er dem Bauern sein Gut verschlingt. „Baum und Bauer gehören zusammen; stirbt der Baum, so stirbt der Bauer", heißt es in der Geschichte vom Lerchrinner in den prächtigen „Sonderlingen aus den Mpen". Und ebenso wie am Wald hängt er an der Scholle, die des Bauern „Tausender" ist, der nicht zerreißen noch ver- ibrennen kann. „Jakob der Letzte" ist das Hohelied dieser Liebe zum Acker, wie „Erdsegen" den Städter schildert, der inneren Frieden und wahres Glück im Bauerntum findet. Den Fluch aber bringt in dieses Paradies die Kultur, wie es „das ewige Licht" darstellt: Die Großstadt dringt in den Wald, die Habgier vernichtet den Glauben derer, die „das Weltgift getrunken haben". Wessen Seele aber vom Weltgift zerfressen, der ist unrettbar verloren; auch die ländliche Natur kann ihn nicht heilen, wie der tragische Untergang des Fabrikäntensohnes in „Weltgift" erweisen soll. „Die Menschheit steht nirgends so fest gegründet, als im Bauerntum, und dieses nirgends so tief als in den Bergen", sagt Rosegger im „Erdsegen". Und mit der Klage um den Unter»
Saug dieses besten Menschentums eint sich der Jammer um den Verfall der Religion, dieses ewigen Granits, auf den alles Gute gebaut rst. Priester wollte der Kluppenegger-Petcr werden, und er ms nur nicht geworden, weil der Bischof am 28. Oktober 1858, als er ihm fürs soeminar vorgestellt werden sollte, auf der Weinlese rn Unterstcrer war. Vom Geistlichen aber hat er etwas behalten,
„EMt „Bergpredigten" in 'die Welt geschickt nnd mit dem L . ?öenglockp geläutet. ■ Mit dem persönlichen Schicksal des Priesters hat er sich zuerst beschäftigt, hat wohl auch die Schwächen der Bolksrelrgion bekämpft, aber sein Glaube gestaltete sich ihm dann immer tiefer und freier nnd tritt als Grundproblem neben die soziale Frage. Tas Kind war einst „den Kaiser Joseph suchen" gegangen. und sand ihn nur im Grabe; der reife Mann nahm in ferne Weltanschauung als erster Ocsterreicher viel von der Toleranz uud dem edlen Idealismus des Josefinischen Zeitalters auf. E „Mein Himmelreich" hat er seine Religion bekannt, und es ist die eines Dichters, der seinem Heiland am Wegrain begegnet, in „unserer lieben Frau" „die zweite Mutter" verehrt, den Kranz von Festen nnd Heiligen als schönsten Schmuck des Jahres liebt und mir den Teufel, den „Wauwau", aus unserer Zeit austreiben möchte.
Ein Dichter, das ist Rosegger nun einmal in erster Linie, obgleich er als „Mein Ehrgeiz" das Motto über sein Leben gesetzt: „Ein großer Dichter traun, Tas hört sich süß und feilt; Doch höher ist mein Stolz; Ein großer Mensch zu fein." Echt dichterisch sein Philosophieren, fein Reformieren; echt dichterisch ferne volkstümlichen Arbeiten, die eilt so reiches Material aus dem Volksleben der Steiermark in farbigen Bildern und Studien zusammentragen. Mag er predigen oder schelten, mag er plaudern vder belehren, stets wird er erzählen, denn Erzähler ist er mit Leib und Seele, eine epische Begabung vom reinsten Gehalt. Wohl, findet er als Lyriker frische und anmutige Töne, besonders im Dialekt, in dem er sich am ungezwungensten bewegt. Aber wie verblaßt alles, gegen die Verse eines wirklich großen Lyrikers gehalten, wie es der stammcsverwandte Stelzhamer war! Auch seine hochdeutsche Lyrik, erst jüngst als „Mein Lied" in einer trefflichen Auswahl gesammelt, spiegelt mehr den herrlichen Menschen, als den bedeutenden Poeten. Das einzige Drama, das er, abgesehen von ein paar Gelegenheitsstücken, geschrieben, das Volks- schauspicl „Am Tage des Gerichts", zeigt kein dramatisches, Wohl aber ein handfestes theatralisches Talent, nnd es ist ein Beweis für die weise Selbstzucht dieses nie durch den schönen Schein Bersührtcn, daß er nach dem starken Erfolg des Stückes für immer der Theaterwelt entsagte.
Gottfried Keller, der sonst auf die poetischen Produkte seiner Seit meist nicht gut zu sprechen war, hat sich an den kleineren .Geschichten des „Petri Kettenfeierle" geradezu delektiert. Halb anekdotische Skizzen, erzählt Baechtold, wie „Ein Pfeiflein zur 'rechten Zeit", „Ums Vaterwort", „Wie ich mit der Theresel ausging", waren für ihn von allererstem Rang. Mit feinem gewohnten Scharfblick scheint uns der Schweizer Meister in diesem Urteil die Größe Roseggers fein erkannt zu haben. Sie beruht auf den einfachen Geschichten, die gleichsam die Zellen seines Werkes darstcllen, und nur bisweilen schließen sich diese Zellen zu einem umfassenden künstlerischen Organismus zusammen. Unübertrefflich und einzigartig ist cs, wie Rosegger ein Erlebnis berichtet, eine Anekdote mit sorgfältig zugespitzter Pointe vorträgt, eine Episode schildert ober eine Gestalt hinstellt, mag er das in geschlossener Novellenform tun oder in autobiographischer Darstellung oder im Plauderton seines Aeimgarten-Tage- buchs. Köstlich ist der trockene Humor dieses „Schalkes aus den Bergen", wundervoll seine unendlich reiche, stets das Charakteristische erfassende Beobachtung, das Schlagende seiner Vergleiche, das Lebendige seines Dialogs. Eine große Kunst liegt in seinen Naturschilderungen, eine feine Einfühlung in feinem Verhältnis zu den Tieren, die schon der Hirtenbub in ihren „Individualitäten" studiert, in seiner Kinderphilosophlie, deren warme Tiefe so rein aus dem Sammelbuch von den Meinen strahlt. Eine erstaunliche Fülle von Meisterwerken hat er in seinen zahlreichen Novellenbänden geboten, in denen der reifste und unvergängliche Teil seines Schaffens liegt. Andererseits tritt schon hier manchmal ein Hang zum plauderhaften Abschweifen, zN allzu persönlichem Mitreden hervor. Das mag in seinen Bekenntnisschriften und Feuilletons am Platze sein; die Form seiner größeren Werke schädigt es, obgleich er meistens sich mit der Tagebuchform hilft, die ihm Raum für seinen Bekcnntnisdrang gewährt. Bei allen seinen Romanen merkt man, daß sie aus einer Zelle gekeimt sind, und diese Urgeschichte läßt sich meistens Nachweisen. Oft ist sie besser als das große Buch; so übertreffen die köstlichen biblischen Geschichten im Dialekt aus einem feiner Erstlinge („Tannenharz und Fichtennadeln") Weit das.blasse, matte, ganz verunglückte Leben Jesu „I. N. R. I." Auch die Vorstudie zu „Erdsegen" in „Allerhand Leute" ist besser als dieser höchst unwahrscheinliche Roman. Andere Bücher, wie „Haide- peters Gabriel", die historische Erzählung „Peter Mayr", „Weltgift" fallen in einzelne, z. T. prächtige Episoden auseinander. Vollendet aber sind ihm drei große Werke gelungen: „Jakob der Letzte", die Tragödie des modernen Bauern, die man etwa mit dem „Büttnersbauer" von Potenz vcrgleicheir muß, um ihre ganze Schönheit zu verstehen, der grandiose „Gottsucher", in dem er über sich und sein Land hinaus in ewige Regionen, erwächst, und das tiefsinnige '„Ewige Lieht", dieser Hochgesang der Men-


