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ter sich mit einem endlosen Kuß an ihr fesh Er mutzte —! muhte!
Gottliebe entschwand- für einige Augenblicke das Be- tvntziscin. Der Sturm der Leidenschaft, der da so plötzlich, Mnz unerwartet, über sie hinbrauste, benahm ihr Atem und Besinnung. Willenlos, regungslos lag sie in seinem Mrm.
Aber dann, als er Lust schöpfend sein Gesicht von denr ihren hob, kehrte ihr das Besinnen wieder, und instinktiv stieß sie ihn mit beiden Händen heftig zurück.
Der Stoß traf ihn so unerwartet, daß er auf dem glatten, hartgefrorenen Schnee einige Schritte gleitend zu- rücktaumelte. Ein Schrei des Entsetzens entfuhr Gottliebe. Er wankte, fiel — in die schwindelnde Tiefe, zerschmettert — von ihrer Hand! Vorwärts stürzte sie, mit ausgestreckten Händen, ihn zu halten — aber da hatte er schon von selbst wieder Halt gefunden. Aufrecht stand er da, aber totenblaß im Gesicht, ohne einen Blutstropfen; nur die Augen starrten sie an mit einem unbeschreiblichen Blick, als wollten sie sagen: Töte mich, mir geschieht recht! Aber diesen Augenblick der Seligkeit kannst du mir doch nicht mehr entreißen! Er wiegt mehr als Tod und Hölle!
Schlaff sanken Gottliebe die Anne herab, und ein Zittern lief durch ihren ganzen Seift — die Nachwirkung der Erschütterungen dieser Minute. So standen sich beide wortlos gegenüber.
Dann hob Gottliebe langsam die Hand und strich sich über die Stirn.
„Wie konnten Sie das tun!"
Leise, tonlos kamen die Worte von ihren Lippen; aber sie trafen ihn wie Geißelhiebe. Er zuckte zusammen, als wolle er sich ihr zu Füßen werfen. Aber es geschah nicht; doch seine ineinandergekrampsten Hände hoben sich flehend gegen sie.
Dies erschütternde, ftumme Bitten sprach mehr zu ihr als alle Worte. Ein Mitleid stieg in ihr auf mit denr Unglücklichen, den seine Leidenschaft so bis ins Mark aufgerührt Wtte, daß er ganz aus den Fugen seines Wesens verrückt war. Aber dennoch sprach sie strenge:
„Sie haben mein Vertrauen schändlich geinißbraucht — Ihre Pflicht aufs schwerste vergessen! Wie konnten Sie sich so an einer schutzlosen Frau vergehen?"
Da schlug er die Hände vors Gesicht, und in herz- -erschütternden, schluchzenden Lauten entrangen sich ihm die Korte:
„Ich weiß! Ich bin halt a verlorner Mensch, ein elendiger! Aber ich könnt' ja nimmer anders, so wahr mit Gott Helf! Ich hab Sie zu viel lieb."
Dies nur in der völligen Zerschmetterung seines Innern preisgegebene Geheimnis seines Herzens, dies rückhaltlose Bekennen feiner Schuld Hegt das letzte Auflehnen verletzten Frauenstolzes in sich zusammensinken. Sie mußte cs ihm ja Swen, sie sah es ja: er hatte wirklich nicht anders nnt. Die Macht in ihm war unwiderstehlich gewesen. Vein Verfehlen war nur der Ausbruch einer Leidenschaft, die sie entfesselt hatte; freilich, ohne es zu wollen. Aber gleichviel, war der Unseligtz, der da nun im innersten Wesen - vernichtet war, nicht zu entschuldigen? Lag schließlich nicht ygar in seinem Verfehlen eine Huldigung, die elementarste -Urmische Bekundung ihres unwiderstehlichen Zaubers über ihn?
Sie hätte nicht Frau sein müssen, wenn das alles nicht allmählich sie versöhnlich hätte stimmen sollen. So richtete sie denn nach letztem, kurzem Kampfe das Wort an ihn:
„Nun gut, Toni! Ich weiß jetzt, daß Ihre Handlungsweise nicht aus niederen Motiven entsprang. Ich will Ihnen daher verzeihen, was geschehen ist. Aber nun kein Wort mehr davon! Es ist selbstverständlich, daß es zwischen uns so sein Suh, als wäre diese Minute nie gewesen, als wären Ihre orte eben nie gesprochen worden. Verstehen Sie mich?" , Der Spängler nickte nur stumm, ohne sie anzusehen. Seine Mienen zeigten seit dem unglücklichen Vorkommnis «twas Verstörtes; es war, als sei etwas innerlich in ihm gebrochen. Sein Tun und Treiben fortab hatte etwas ganz Mechanisches an .sich, an dem seine Seele keinen Anteil Hatte, und seine Blicke starrten mit einem kälten, leeren Ausdruck ins Weite.
Gottliebe merkte es wohl, und der Unglückliche dauerte he immer mehr; aber ihre weibliche Würde und zugleich! Hine natürliche Befangenheit — so allein mit ihm auf
engem Raum nach dem Vorgefalleneu — nötigten ihr doch eine merkliche Zurückhaltung auf.
Die Lage war höchst peinlich. Gottliebe trat daher an den Rand des Plateaus und spähte den Weg entlang. Sie wünschte jetzt aufs lebhafteste, daß jene beiden Partien, die sie vorhin gesehen hatten, recht bald heraufkommeu möchten. Wie verändert plötzlich die ganze Situation! Wo war der Zauber des Hochgebirges geblieben, der sie noch vor wenigen Minuten so berauscht hatte — wo das harmlos vertrauliche Kameradenverhältnis zum Toni? Der stand da an der anderen Seite, ihr abgewandt, auf seinen Pickel gestützt, hart am Abgrund, nud starrte regnngslos ins Weite hinaus. Wie schade, wie traurig dieser' Abschluß der herrlichen Bergfahrt!
So war es wirklich eine Erlösung für beide, als nach einer Weile die erwarteten Partien von drunten hörbar wurden. Wenige Minnten später waren sie auf dem Gipfel.
„Na, da hätten's mir's ja glicklich geschafft! N'u Mor- chen, meine Herrschaften!"
Im breitesten Sächsisch begrüßte der vorderste Tourist gemütlich die Anwesenden.
„Ach, sehn Se mal — nee, wie großardich! Die scheene Morchenrehde!" begeisterte sich der zweite der Touristen.
Gvttliebe hätte sich unter anderen Umständen sicherlich kaum zu fassen gewußt vor Empörung über diese Banalitäten angesichts solcher Natur; jetzt aber hörte sie das alles gelassen an. Sie ging sogar ans die Unterhaltung ein, die die redseligen Sachsen alsbald mit ihr anknüpften.
Währenddessen traten die beiden Führer zum Toni.
„Grüß Gott, Toni!" Und der erste reichte ihm die Hand. „Bist also glücklich 'naufkommen mit deiner Dame! — Na, weißt, der Stadler hat aber no fchö angeb'n. Fuchsteufiwild ist er auf dich. Tu wärst scho nimmer wert, an Führer zu heiß'u, meint er, daß du dös serti bracht hast, und was er sonsten no verbracht."
„Ist mir scho ganz gleich, was der Stadler daher red't." Mit starrer Gleichgültigkeit sagte cs Toni. „F weiß scho allein, was i tu."
„Na," lachte der andere vor sich hin, sich ans dem Hartschnee niederlassend und seinen Rucksack aufschnürend, „wir hab'u 's jo a nit anders 'macht. Und 's sind verschiedene Partien no gleich nach uns aufbroch'n. Tie ganze Hütt'n is rebellsch word'n durch euch, sag i dir. A so was hat man no nit erlebt da drob'n!"
Interesselos, nur mit halbem Ohr, hörte der Spängler zu, was der andere ihm noch weiter erzählte. Seine Gedanken waren bei ganz etwas anderem — was scherten ihn diese Kleinigkeiten? Das hatte aufgehört, Wert für ihn zu haben! Und in dumpfem Brüten starrte er, den Kopf auf die Fäuste gestützt, wieder vor sich hin.
(Fortsetzung folgt.)
Peter Rosegger.
Zu seinem 70. Geburtstag — 31. Juli.
Von Dr. Paul Landau.
Als „der Peter" 50 Jahre alt wurde, da feierte mit ihm diesen Tag seine Steiermark und sein Alpenvolk. Als Roseggers 60. Gcburlskag kam, da war es ganz Deutschland, das ihm dazu seine Huldigung darbrachte. Heute, wo zum 70. Male der Tag wiederkehrt, da in der niederen Hütte des „untern Kluppenegger" zu Krieglach-Alpl der Erstgeborene in der Wiege lag, nimmt die ganze Welt herzlichen Anteil an dem Feste des „großen Dichters der steirischen Seele", und ein Weltruhm umgibt ihn und sein Werk. Nicht nur, daß er in allen germanischen Ländern viel gelesen wird; auch die Romanen beschäftigen sich eifrig mit diesem so urdeutschen Geiste, und die Franzosen haben ihr Interesse in einer ganzen Rosegger-Literatur kundgegeben, deren letztes und wichtigstes Werk, die große Arbeit von A. Vuillvd, die umfangreichste und am tiefsten schürfende Würdigung des Menschen, seiner Weltanschauungen und seiner Dichtungen ist, die wir besitzen. Der Ehrendoktor und Ehrenbürger, der zu einer geistigen Macht in unserer Kultur geworden ist, mag bei solch weltweiter Wirkung und weltweiter Huldigung wieder dem „Märchen seines Lebens" nachdenken, wie damals, da er der Gast des österreichischen Kronprinzenpaares war: „Vom Steinhaufen, aus welchem einst der barfüßige Halterbub sein eingedorrtes Stück Mittagsbrot gegessen, bis zur Tafel des Erzherzogs und Kronprinzen ist ein etwas umständlicher, aber ganz amüsanter Weg".
Ein weiter Weg!! Und doch schließt sich der Ring so fest, der sein Leben umspannt, von der Jugend in der Waldheimak bis zu diesem erntereichen Alter. Es! gibt wohl kein Buch in denr


