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Firnenrsulch.
Roman von Paul Grabern.
'Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
" Mit einem inneren Ausjauchzen rief es sich, Gottliebe zu: Arn Ziele! Das, was sie sich vorgenommen, erst aus einer puren Laune, halb aus Eigensinn heraus, dann aber nach der Geisterspitzentour aus freudiger Begeisterung für die Bergwelt, aus dem edlen Wunsch heraus, einmal ihre Energie an einer großen Aufgabe zu messen — sie hatte es nun erreicht, und glänzend erreicht, das durfte sie sich ohne Selbstüberhebung sagen!
Mit stolz erhobenem Haupt ließ sie die freudetrunkenen Blicke über das grandiose Alpenpanorama schweifen. Wahrlich, bei einem Könige der Könige war sie hier zu Gast! Huldigend scharten sich um des Ortlers Majestät die Großen seines Reichs, selber gewaltige Herrscher, über das Heer der eisgepanzerten Bergrecken: die Königsspitze, der Zebru, der Monte Cevedale, Cristallo und wie sie sonst hießen, die gekrönten Häupter der Ortlergruppe. In starrer, großer Ruhe lagen sie da, hoheitsvoll, Ehrfurcht heischend von den vermessenen Menschenzwergen, die sich erkühnten, neugierig hier oben einen Blick in ihre Titanenwelt zu tun.
Und ein Schauer der Ehrfurcht zitterte wirklich durch Gottliebes Brust. Die unendliche Erhabenheit der Weltenschöpfung predigte aus diesen stummen Giganten. Wie vergänglich, wie Wurmhaft winzig erschien angesichts dieser Titanen, die noch Zeugen der Geburtswehen der uralten Welt waren, der Mensch. Und doch! Wie gewaltig, selbst wie titanenhaft, daß er es wagte, zu diesen Furchtbaren, Unnahbaren durch eine Welt von Schrecknissen zu dringen und ihnen kühn seinen Fuß aufs diademgekrönte Haupt zu setzen! Er in Wahrheit der König der Könige! — Und tote sie noch so stand, mit wogender Brust schauend, da zitterte leise ein rosiges Erglühen durch die Luft, über das Firmament, über die Berge hin — die junge Sonne kam. Dem Hernteltn der Eisherrscher gesellte sich der glühende Purpur. .Wie ein stummes Aufjauchzen ging es ringsum durch die Welt — die Majestät der Majestäten zu grüßen, die Allbeherrscherin — die Urzeugerin jeglichen Löbens!
Mit angehaltenem Atem starrte Gottliebe verzückt in die Weite. Sie ahnte es nicht, wie der rosige Schein, sie selbst verklärend übergoß und um ihr loses Haar eine flimmernde Goldaureole wob. Aber der da neben ihr sah es, und seine Hände um das eiskalte Erz seines Pickels klammernd, verzehrte er sie mit weitaufgerissenen Augen. Was waren ihm Berge und Sonne, die ganze Welt? Hier,, hier —i das war der Mittelpunkt seines Seins, das war feine Welt, die Herrliche, Schöne, Unerreichbare, die jetzt, in ihre Andacht versunken, sonnenverklärt, ihm tote eine Lichtgestalt aus überirdischen Höhen erschien.
Aber da machte sie plötzlich eine jähe Bewegung W ihm herum:
„Toni, Toni, wie danke ich Ihnen, daß Sie mir drM verhalfen haben! Könnt' ich's Ihnen doch irgendwie zeigen!" Und plötzlich kam ihr ein Einfall: „Hier!" Sie löste sich schnell ein feines goldenes Kettenarmband vom linken Handgelenk und reichte es ihm hin: „Als ein kleines Zeichen meines Dankes, als ein Andenken an diese Stunde!" .
Mechanisch lieh der Spängler das goldene Kettlein in seine Hand gleiten. Er wußte nicht, wie ihm geschah. Ihr unerwartetes Heruinfahren, ihre Worte — aber nun Plötzlich zuckte er zusammen. Ein Wort schlug an sein Ohr: Andenken! Das löste ein Echo aus: Abschied! Ja, ein, Andenken gab man einander beim Scheiden! Und nun, wo sie ihr Ziel erreicht, mit ihm hier auf dieser Höhe stand, nun brauchte sie ihn nicht mehr, nun würde sie Bald wieder von dannen gehen — hinaus in die Welt auf Nimmerwiedersehen! Und er blieb allein zurück. Was sollte dann aus ihr werden? In diesen ganzen letzten Tagen hatte er nur gelebt im Gedanken an sie, an die große Tour mit ihr, wo er um sie sein durfte, sie leiten, sie schützen! Und nun — aus. Alles, alles aus!
Es würgte Toni plötzlich in der Kehle, ein Schleier trat vor seine Augen. Ihm war ja, als sänke da eben die ganze Welt in Trümmer. Jäh wandte er sich zur Seite.
Mit höchster Befremdung sah es Gottliebe.
„Was haben Sie denn, Toni?"
Noch nichtsahnend fragte sie es, aber ihr schoß im selben Augenblick ein Verstehen aus. Sein verzehrendes Anstarren vorhin, dies Zusammenzucken jetzt — aber, wie ihm war, ein warmes Mitgefühl mit seiner Qual stieg zugleich in ihr auf. Der arme, gute Junge! — Sie hätte ihm, dem sie wirklich so unendlich dankbar war in dieser Stunde, ja, den sie hier in dieser Bergwelt, losgelöst von aller Konvention, wirklich wie einen lieben guten Freund gern hatte, sie hätte ihm ja so gern Liebes erwiesen, und nun feilt schmerzliches Zusammenfahren! ■
„Totti?" Noch einmal fragte sie leise. Aber als sie statt jeder Antwort plötzlich nur seinen starken, ihr abgewandten Körper wie in einem niebergemürgien Schluchzen erschüttert sah. als sich nun ein dumpfer, stöhnender Laut von seinen Lippen brach, da ward sie selbst ergriffen.
Leise legte sich ihre Hand auf seine Schulter, und halb flüsternd kamen ihre teilnehmenden Worte:
„So reden Sie doch, Toni! Schütten Sie doch Ihr - Herz aus."
Ihre Berührung, der warme Hauch ihrer Lippen an seinem Ohr, es war zu viel für ihn. Die gewaltsam nieder- gekämpfte Leidenschaft seines Empsindeiis lohte auf einmal himmelaus, ihn verzehretid. Im nächsten Augenblick hatte er sie an sich gerissen, seiner nicht mehr mächtig — ohne ein Wort, blindlings dem Ansturm seines Empfindens sol- ■ gend. Wie ein Nerschmachteter, vor Durst halb Irrer traut


