Ausgabe 
30.6.1913
 
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sende Geschöpfe, ein Vor Todesangst rasendes Pferd uitb ans seinem Rücken, halb stehend, halb knieend, ein Soldat. Sie sanken und sanken und wurden immer kleiner, und Wintzer stand am Rande.und konnte nicht helfen und mußte zusehen, wie der treue Kamerad und Landsmann in den Tod hinabgezogen wurde. Er biß sich auf die Zählte und wandte sich ab, er hieb sein Pferd mit den Fäusten urch stieß ihm die Stiefelabsätze in die Weichen und jagte über die Heide. Weit, weit fort rüollte er, nur diese kläglichen? Hilfeschreie, dieses dumpfe Stampfen und maorische Plat­schen wollte er nicht mehr hören.

. Endlich war Wintzer wieder am Busch. Da blickte er sich uni und lauschte. Alles Ivar still und nichts mehr wär zu sehen. Er stieg ab und lehnte sich an sein Pferd, faltete die Hände vor der Bimst und betete ein Vaterunser. Dann wischte er sich mit dem Handrücken eine Träne aus den Augen und stieg den Pfad aufwärts. Ja, ja, im Kriege- lernt man manches, da lernt man auch beten, wer es noch nicht kann! i

Wenn es den ersten Kameraden von der Seite reißt, tvenn einem die spitzen Bajonette entgegenblitzen, dann zwinat sich ein Gebet kurz, aber aus tiefster Seele auf die Lippen. Wenn man am schwelenden Wachtfeuer sitzt und in schweigender Rächt in den Himmel starrt, da kommen wie einsame, müde Wanderer allerhand Gedanken in die Seele, du sieht man Bilder von Vater oder Mutter und all den Lieben in der Heimat, und jdie Fäuste, die noch am Tage den Kolben auf seinen Mitmenschen niedersaußen ließen, diese selben Fäuste falten sich ineinander, und die Lippen murmeln ein Gebet. Wie viele Gelöbnisse an Gott­vater werden in solchen Stunden geboren!

Auch Paul Wintzer hatte soeben gebetet mtb gelobt, und nun dachte er: Jetzt kann es getrost vorwärts gehen.

Er zog den müden Gaul nach sich, bis die Lehne so steil und steinig wurde, daß das Tier nicht weiter konnte. schlug er den Zügel um den verkrüppelten Ast einer Jungbirke und wühlte in seinem Furagebeutel. Ein Stück Feldzwieback, trocken und schmutzig, war alles, >väs er fand. Das gab er dem Pferde und ein Büschel frischen Grases hinterdrein. Dann streichelte er ihüi den Hals und ging. Mühsam klomm er empor, hastig und ohne bestimm- tes Ziel, aber immer seine Ausgabe im Sinn: Ich soll auf die Höhe, um in das jenseitige Tal nach Feinden zu spähen!

Auf einmal hörte er, wie aus der Erde dringend, mit unnatürlicher Plötzlichkeit einen Höllenlärm, der mit jäher, wilder Hast näher kam. Es war ein Stampfen und Rollen! und Poltern, ein -Schreien und Rufen, ein Knirschen und Ningen und Klirren. Wie ein Ungewitter ftob' es heran: Vier, acht, zehn, zwanzig Kanonen der preußischen Artil­lerie. Ein Ruf, -ein Ruck! Stille! dann geschäftiges Treiben von hundert Menschen, Kommandorufe, damp­fende, zitternde Pferde, die man rückwärts sortführte, dann ein Ruf, der ihm, Paul Wintzer, zu gelten schien:Du! Kamerad, . bitt' schön, mach Dich weg davorn, sonst kriegst' was ins Kreuz!"

Das brachte den staunenden Wintzer zu sich. Er sprang zur Seite, und einen Augenblick später krachte auch schon, nicht zehn Schritte von ihm, ein Schußj, und ein Feuerstrahl huschte dicht an ihm vorbei, und nun hielt ein Reiter neben ihm, starr wie ein Standbild, ein kurzes, dickes Fernrohr vor dem Auge. Und der Reiter, ein Offizier, schrie jetzt nach dem Geschütz-, da!s soeben geschossen hatte: Zweihundert Schritte zu kurz !" Und hui! wieder ein Krach, und der Reiter:Bravo, noch fünfzig Schritt höher!" H Und NUN begann eine Höllenmusik aus den pulver­schwarzen Schlünden, und was sie brüllten wär Grausen, und was sie gebären, war Tod.

Drüben, bei den Franzosen, schlief man auch nicht, und jetzt ifttm ein Luftzug, und an dem Soldaten Wintzer flog etwas vorüber und klatschte dann neben ihm nieder. Als er hinsah, war es ein zerfetzter Männerarnr, in der geballten Faust noch das Fernrohr. Und vor ihm, wo soeben auf dem Pferde noch der Offizier gesessen hatte, wälzte sich eine formlose Masse am Boden.

Er wandte sich ab und rannte fort. Er hatte hier nichts mehr zu suchen, und selne Erkundung war überflüssig ge­worden, ab-er da schrie es hinter ihm her:Halt! Da- geblieben, Kamerad! Wo willst Du hin?" Und er stand, und ein Offizier pitt auf ihn zu und sagte:Greif mit zu, Kamerad! Jede Faust wirb gebraucht!"

,lJch muß zurück, meiner Truppe von dieser Anhöhe hier Meldung bringen!" .

Unsinn, Deine Truppe sieht doch, daß- !vir vorgerückt find und diesen Hügel besetzt haben. Außerdem findest Du Deine Truppe nicht in diesem Schlachtenaewühl. Die hat sicher schon längst ihre Stellung Verlässen. Also greife mit zu!"

Und so rannte er nach dem nächsten Geschütz und schleppte Geschosse mit herbei, wie es ihm die Kanoniere befahlen, und wenn das Geschütz nach jedem Schuß zurück­rollte, weil sie noch nicht Zeit gehabt hatten, es einzugraben, griff er mit in die Speichen und schob- es vor in seine alte Stellung. Das war ein Kampf! Heller, heißer Kampf!

Ein Feldprobst kam und spendete den Sterbenden Trost. Dann griff der Probst, der ein wackerer Geselle war, auch tüchtig und achtete nicht des Geschoßregens, mit welchem die französischen Füsiliere ihren Sturm auf die artillerie- besetzte Anhöhe vorbereiteten. Er führte Leichtverwundete weg und nahm einem getöteten Krankenträger den Ver­bandskasten ab und verband hier, so gut -er konnte, und stärkte dort einen, der schwach geworden war, durch einen Trunk Wasser.

Die französischen Geschütze wurden stiller und stiller. Ja, -Ihr Franzosen, bindet nicht mit der preußischen Artillerie an, die versteht ihren Kram!

Da, was war das drunten im Tal? Was waren das für neue Regimenter, deren Waffen im regenfeuchten Sonnenstrahl leuchteten?Das sind Leibhartschiere, Napo- leons Elite!" schrie ein Leutnant.

Hei, mut gibt's Arbeit! Wie sie durch die Ebene flitzten! Jetzt am Fuße des Hügels, jetzt auswärts,- immer aufwärts! Die Kanoniere greifen zu Säbel und Pistole stumm stehen die Geschütze. Jetzt sind sie am Buschsaum. Und nun sind sie da, die baumlangen Kerle, lauter prächtige Gestalten, ein blutjunger Leutnant in bloßem Haupte voran. Seine Kopfbedeckung nahm ihm ein kühner Föhrenast, sein Haar, goldblond und g-elock!t, flog int Winde, ein Banner für seine Kämpen! Auf- jauchzend schwingt er den Pallasch int Kreise und springt nun mit einem wuchtigen Satz mitten in die Feinde.

Im selben Augenblick spürte Paul Wintzer einen heißen Strich an seiner Wange. Er wischte sich mit der Hand darüber und bückte sich gleichzeitig, um einen daliegenden Degen aufzuhebeit, und er sah, wie der blonde Leutnant eilte Pistole zog und sie au/f ihn anl-egte. Da stürzte er vorwärts und schlug mit seiner harten Faust den Degen mit furchtbarer Gewalt auf den Kopf des jungen Offiziers, daß der Stahl im Haupte blieb, und er nur noch den Griff in der Hand hatte. Paul Wintzer ergriff den Pallasch des Gefallenen und rannte ihn einem Hartschier durch den Leib und stolperte mit hin. Der Hartschier schlug ihm drei­mal den eisernen Pistolenknauf in das Gesicht, ehe er starb. Wintzer wollte sich aufraffen, obgleich er vor Blut nicht aus den Augen sehen konnte, aber sein linkes Bein war wie gebrochen'^und schmerzte sehr, und aus dem Stiefel­schaft quoll rotes Wut in hellem Bächlein. fiel er, von Schwäche übermannt, wieder.

(Fortsetzung folgt.)

Vie Fremdenlegion

auf dem Marsch unterm dreißigsten Breitengrad.

Nach dem Bericht eines Legionärs von O. N.

Matt graut der Morgen über dem mit spitzigen Steintrümmern und Geröll bedeckten Wüstenstrich herauf, und am fernen Horizont blitzen helle Lichtstreif-en durch die trübselige Einöde. Beim Halb­duster ruhen die abgemagerten Soldaten der Legion in bleiernem! Schlaf und daneben liegen die Tiere in schwärzlichen gtudeln. Eine träge Stille lastet über der einsamen Gegend.

Da ertönt plötzlich eilt schriller Pfiff, und wie geschäftige Ameisen laufen die aufgeschrockten Schläfer durcheinander, türmen schwere Lasten auf die höckrichten Rücken der Kamele, beladen die Maultiere und reihen sich nach kurzer Zeit in ihre Abteilungen ein. Langsam setzt sich die Truppe in Bewegung, und unter Schimpf- wvrten stapfen die armen Kerle im Zwielicht des Weges. Sieben Tage schon geht es in anstrengendem Marsche durch das sandige Hügelgelände unter den siedeudheißen Strahlen der Wüsten- sonne.

Eine Stunde etwa schiebt es vorwärts bei unsicherem Lichte, bis sich im Osten in grellen Farben die Morgenröte zeigt. Ein Seufzen der Erleichterung durchfliegt die Reihen und manches