Ausgabe 
30.4.1913
 
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Beamtem, welligem Haar. Ein kurzes Stumpfnäschen hebt sich reck über den schnralen, bleichen Lippen.

Die beiden sprechen und wissen nicht Was: sie tanzen und wissen nicht warum; sie fühlen nur, daß sie srch liebhaben, lieh vom ersten Augenblick an.

Die ersten Wochen vergehen in fröhlichem Verstehen. In einsamer Stunde haben sie sich ganz gesunden und in zögern­dem Drängen zum ersten Male geküßt. Sie sehen sich nur am Wend. Tagsüber sitzt sie in einer dumpfigen Geschäfts- ftube und vertrauert ihre Fugend hinter blinden Fenstern und dem klappernden Tickern der Schreibmaschine. Ihr Elternhaus steht drüben über dem Rhein in friedlicher Einsamkeit und alter Efeu breitet seine schützenden Arme über deut schmucken Herrn: Dort träumen die beiden in der kleinen Laube hinter dem Hause Und sinnen von Zukunft und Erfüllung. In schillerndeir Farben malen sie sich ihr Leben aus und glauben es darnach gestalten zu können, weil die Minute sie eint. Was denken sie an Schick­salsfügung und Lebensentwicklung. Bisweilen sitzt sie auch am Klavier und müht ihre ermatteten Hände über die leuchtenden Taften. Der Vater hört es so gern und daß das Mädel müde sein könnte, daran denkt er nrcht. Außerdem ist sie von frühster Jugend auf gewohnt streng zu gehorchen: einen Widerspruch gegen das Wort des Vaters, der ehemals Soldat war, kennt sie nicht. SM und geduldig trägt sie seine Härte. Denn hart ist er, sehr hart, unb doch stets ängstlich um die Seinen bemüht.

Wenn sie nun auch fühlt, wie man für sie sinnt und schafft, fo fehlt ihr doch die innere Wärme, nach der ihr jugendfrohes Herz sich sehnt. In ihrer Mutter findet sie keine Stütze, keine Beraterin. Die hat mit sich selbst und ihrem kranken Körper Sorge genug. Drum schließt sie sich umso fester an den Ge­liebten an. Bei ihm sucht sie ein Verständnis ihrer Regungen und . . . ihres Leids. Ist er gut zu ihr, dann blitzt die Freude ans ihren großen Augen in unendlicher Dankbarkeit. . . .

Sonntags geht es hinaus in die lachende Welt und in der Wehend eit Frische vergißt sie all ihren Gram. Sie ist stolz, mit ihm zusammen zu sein, und Arm in Arm gehen sie den Rhein entlang, unter den alten, riesigen Pappelbäumen, in deren Aesteu der Wind wehselig klagt. Bon der Stadt herüber klingen die Glocken durch den friedlichen Morgeir, und der Rhein rollt seine grünen Wogen unter der goldenen Hülle des Sonnenlichts.

Wie lieb und vertraut ist ihnen das ganze Bild. Da grüßt der graue Stephansturm von Der Höhe herab, dort ragen die edeleu Formen des Domes in den leuchtenden Tag, wölben sich die weiten Bogen der Stadtbrücke über den wellenden Strom.

So tiergingen die Jahre in innigem Verstehen und völligem Jneinanderaufgehen. ---- Dann kam der Abschied. Er sollte zwei

Jahre nach England. Das waren Harte, tränenreiche Stunden. Mait versprach sich täglich zu schreiben und nie einander zu vergessen. Umgeben von fremden, gleichgültigen Leuten, saß dann abends der einsame Junge ip seinem Zimmer und schrieb fange, heiße Briefe bei dem schwelenden Licht einer alten Erdöllampe und Tränen der Wehmut krochen ihm über die feuchten Wangen. So ging es fange Zeit. Die Brieflein flogen Wie gurrende Tauben und als der Mai kam, waren sic wieder beisammen. Wie hatten beide auf diese Stunde gehofft, was hatten sie von ihr erwartet. Doch die Zeit hatte sich verändert, und sie mit ihr. Ms sie sich wiedersahen, verstanden sie sich nicht mehr. Das Leben hatte sie entfremdet. Er ging bald und kam nie wieder.

Sie hatte ihn nicht gehalten. Sie fühlte, Wie es ihn hin- austrieb, wie es in ihm tobte und gärte.

Geduldig trug sie auch ihr neues Leid. Für sie gab cs eben kein Glück, keine Sonne. Mit ihm War ihr alle Daseins­freude genommen. Auf ihn hatte sie gehofft, er War für, sie oie Verkörperung ihres Lebens gewesen. Die Welt verlor jetzt die Bedeutung für sie.

Das herbe Weh machte sie ganz still. Mit müdem Kerzen pflegte sie ihre alten Eltern, die dem Schmerz ihres' Kindes verständnislos gegenüberstanden.

Eiii Unglücksfall entriß ihr den Vater unb bald danach trug sie auch die Mutter zu Grabe. Mit linder Hand und hiiigebender Zärtlichkeit hatte sie für das kränkelnde Wcibleiu gesorgt bis zum letzten Ateiiizug.--Jetzt stand sie ganz allein.

Alles hatte sie verloren, was ihr teuer war. Malt und ge= bkochen lebte sie wunschlos für sich hin.

Jil einem kleinen, schiefen Kämmerchen verbrachte sie die traurigen, einsamen Tage ihres Lebens in Armut unb Kümmer­nis. Wenn draußen aber die Sonne schien und die Vöglein in bett Zweigen trillerten, bann ging sie bisweilen Hittaus unb verstrickte die Stunden in einem der kleinen Gärtchen, wo mut­willige, tollende Kinder zwischen Bänken und Bäumen ihr lockeres Spiel treiben.

Jahrelang saß sie auf der selben Bank, auf dem selben Platz. Sie kannten sie alle, die schlürfettde Alte mit der riesigen Haube, die den kahleit Schädel fast völlig umschloß, unb dem zerschlissenen schwarzen Mantel, der ihre abgemagerte Gestalt noch gebeugter scheinen ließ. Emsig rührte sie die Nadeln und hinter den braunen Brillengläsern lugten zwei gutmütige, liebe­volle Augen auf die St einen, die sie neugierig umbrängten,--

An einem lieblichen Maientag blieb ihr Platz leer stand ihr Herz still.--

Ein Ausdruck hoffnungsvoller Freude lag auf ihren kalten Wangen und der bleiche Mund war wie in Verzückung leicht geöffnet. Durch das Fenster drang der Duft blühender Rosen und die Abendsonne umhüllte die Tote in verklärendem Gold.

volkrbräuche am himnielsahrtrtage.

Ter Himmelsahrtstag ist ein echter, rechter Frühtingsfeiertag, an beirt allerwärts die Menschen in Gottes freie Natur ziehen, die bann in ihrem schönsten Schmucke prangt und mit ihrem Blütenduft und Sonnenschein alle Herzen freudiger und fröhlicher stimmt. Als kirchliche Feiertag besteht der Himmelfahrtstag erst seit dem 4. Jahrhundert, und er ist wie alle anderen mit manchen Bolksbräuchen verwebt, die zum! Teil aus alten Zeiten stammen. Früher müßte in der Nacht der Himmelfahrt in den Bauernhäusern Butter bereitet werden, und zwar unter völligem Schweigen. Diese Butter galt als ganz besonders heilkräftig; sie heilte Krank­heiten und Gebrechen und schützte davor, man atz sie also nicht nur, sondern bestrich auch! den ganzen Körper damit. ?lM Himmel­fahrtstage selbst vermied der Landwirt ängstlich, eiserne oder stählerne Dinge in die Hand zu nehmen, aus Furcht, dadurch den Blitz zur Einkehr auf den Hof einzuladen: das erinnert an die alten, auch heute noch geübten Sitten der Bauern, dem Donar zu Ehren, dem Gott des Blitzes und des Donners, des Regens und des Windes, aber auch des! Schützers und Förderers der Ern­ten, am HimMelfahristage gewundene Kränze aus weißen und roten Blumen an den Türen und Pfosten der Ställe unb Scheunen aufzühängeir.

Wie am Donarstag die heidnischen Germanen die Feldarbeit ruhen ließen, um ihren; Gotte Gelübde darzubringen, so ist auch heute nod). der HimMelfahrtstag ein Donnerstag, an dem in vielen Gegenden der Sanbmiann Kürbiskerne pflanzt, in der Hoff­nung, sie würden dann besonders große Kürbisse fruchten. Einen Stich am Festtage zU nähen, trägt man jetzt noch in Ostpreußen: Scheu. Originelle Bräuche sind in den f»genanntenHimmel- fährtsdörfem" in Sachsen üblich. In diesen tzimMelfahrtsdörfern Gödewitz, Fienstedt, Gorleben, Zörnitz und Krimpe Bietet der HimMelfahrtstag Gelegenheit, ein mit Blumen und Maien bekränztes Faß voll HiMmelfahrtsbier zu leeren, das nach einer !Ansprache, Verlesen der Stiftungsurkunde und Singen von Liedern unter Jubel angestochen Wirb.

Tie ^Einrichtung des Festes soll von einer Königin namens Elisabeth stammen, die vor vielen Jahrhunderten auf der Durch­reise durch Fienstedt von den Einwohnern mit sieben Rinkeimern Bier bewirtet worden sei und hievfür den Bewohnern dieses Torfes Und der benachbarten alle Steuern für ewige Zeiten unter der Be­dingung erlassen habe, daß jede der Gemeinden alljährlich am DtmM'elsahPtstage ihr zu Ehren sieben Rinkeimer Bier trinke. Originelle Speisen gibt es in München Gegenden am Himmel- fahrtstage, so in Holland ein Gebäck, die sogenannten Himmel- fahrtskugeln, in der Gegend von Hanau die sogenannten Kugel­hoppen. In Marköbel heißt Himmelfahrt gar dasKugelhoppen- fest". Hier findet zwischen Knaben und Mädchdn ein Wettlaufen nach diesem Gepäck statt. Au vielen Orten Deutschlands, beson­ders aber England, wurden früher und zum Teil auch heute noch der HimMelfahrtstag zu Maskeraden aller Ml, zu Flururngäugen, zu Wettrennen, zu Prozessionen und Wallfahrten benutzt.

Die Erlösung vom Zeit.

lieber einen Mangel an Entfettungsmitteln hätten wir uns gerade nicht zu beklagen. Die große Zahl der Präparate, die den vom Fett 'Heimgesuchten angeboten wird, bedeutet zweierlei. Einmal weift sie daraus, daß die Nachfrage sehr groß ist, also ein dringendes Bedürfnis vorliegt; dann aber können wir aus dem fortwährenden Anpreisen neuer Mittel schließen, daß es bisher noch kein einziges sicher und günstig werkendes Entfet- tnngsmitfel gibt, daß das rechte noch verborgen ist,denn wollt es sich enfmummen, so müßte all das Galgeapack verstummen."

Mai: ist nun der Entfettungsfrage von den exakten Natur­wissenschaften (Physik, Chemie) aus nabegetreten. Die Frage, die man sich stellte, war diese: wie kann man die natürliche.Verbren­nung vom Fett im Körper beschleunigen? Daß die Körper­wärme durch einen Verbrennungsprozeß, d. h. durch Verbindung mit Sauerstoff erzeugt wird, ist allgemein bekannt. Wir atmen mit der Luft Sauerstoff ein, der in den Lungen vom Äut auf­genommen wirb. - Das sauerstoffreiche (arterielle) Blut durch- strömt den ganzen Körper und gibt dort den Sauerstoff ab, wo er zu einer Verbrennung benötigt wird. Bei dieser Verbrennung entsteht Kohlensäure, die vom Blut zu den Lungen und von dort durch Ausatmung ins Freie befördert Wirb. So feilt sich der Pro­zeß der Körperverbrennung von außen gesehen, dar. Die Gesetze der Chemie geben uns Aufschluß über den feineren Mechanismus dieser Reaktion.

Das Brennmaterial des Körpers befehl hauptsächlich aus Fetten und Eiweißstvffen. Diese Substanzen befinden sich mit Sauerstoff nicht im Gleichgewicht, d. h. sie verbinden sich mtf ihm.