Ausgabe 
30.4.1913
 
Einzelbild herunterladen

266

'Hier ist Tee, Vater! Aber versprich, daß du nicht wieder vergessen wirst Zu essen, daß du auf deine Gesundheit achtest um meinetwillen!" '

s,Jch danke dir, Kind! O, es ist wunderbar süß, einen Menschen ans der Welt Kn wissen, der ein bißchen An­teil nimmt an dein alten Einsiedler. Wie gut du bist, mein Liebling!"

Vom nahen Turme schlug es acht.

Hildegard zählte entsetzt die Schläge und suchte in wilder Hast nach ihrem! Hut, nach ihren Handschuhen.

I©o spät! Und zu Hanse sitzen sie schon bei Tische!" rief sie ganz heiser vor innerer Beklemmung.Ich muß ja fort! Ich weiß nicht, wie mir die zwei Stunden vergangen sind! Leb wohl, Vater!"

.,t,Jch begleite dich hinunter," sagte er mit einem Aus­druck des Schmerzes, der ihr ins Herz schnitt.Verlaß mich nicht ganz, mein Kind!" flüsterte er im dunklen Flur sie noch einmal an sich drückend.

Ich komme wieder, Vater, gewiß!"

Sie mußte sich eilig losreißen, wenn sie auch fühlte, daß ihr Fortdrängen ihm wehe tat.

An diesem inneren Zwiespalt würde nun künftighin ihr Lebten kranken, sie wußte es.

Die Droschke, die sie glücklicherweise fand, schien ihr viel zu langsam M fahren und während sie den Rädern Flügel wünschte, dachte sie mit bangem Herzklopfen:

Was sage ich nur? Es ist so schwer, zu lügen! Wenn ich die Ausrede nur herausbringe!

Als sie aus der Droschke sprang, bemerkte sie allerdings, daß ein Wagen vor deur Hause stand, aber sie war ziu eilig, inn darauf zu achten, sie stürzte die Treppe empor, ward von Babett sehr ungnädig begrüßt, warf Hut und Schleier auf den nächstbesten Stuhl und eilte sehr verlegen in das Wohnzimmer.

Und hier saß die Großmutter auf deut Sofa.

Rechts und links bon ihr Adolf und Maki, mit finsteren und trübseligen Mienen. -

Sie hatte wirklich die Empfindung, als trete sie vor das hochnotpeinliche Gericht und stammelte in größter Verlegenheit:

Ich bitte uni Entschuldigung. Meine Uhr ging falsch. Ich habe mich bei meiner alten Lehrerin, die ich aufsuchte, verspätet."

So, so, lügen tust du auch noch!" fubr die Großmutter sie mit keifenderStimme an.Es wird alleweil netter! Wir wissen recht gut, wo du g'wesen bist und daß die Lehrerin, bei der du dich verspätet hast, einen Bart hat! Natürlich, einem anständigen Menschen gibst bn einen Korb. Heiraten mag sie nicht! Wer hinter dem Rücken von Vater und Mutter eine Bekanntschaft, ein Techtel­mechtel, eine Z'samntb'stellung, das gefallt ihr besser. So ein ehrvergessenes Ding!"

Großmutter!" rief Hildegard, deren Wangen sich mit flammender Röte bedeckt hatten, deren Augen blitzten, vor Entrüstung über diese unverdiente Beleidigung.Ich ver­stehe wirklich nicht, wie du so Unglaubliches behaupten kannst."

So, das verstehst net. Mr meinst wahrscheinlich, die Leut' hätten keine Augen int Kopf. Das Kinderfräulein von der Frau Kommerzienrat, die wo in mein'm Haus wohnt, hat dich g'sehen, wie du heut hinter der Glyptothek mit einem Herrn z'samm'troffen bist. Sie hat's auf der Stieg meiner altert Johanna erzählt; no, und die Johanna ist natürlich gleich zu mir reigekommen und hat die Händ' über'm Kopf z'sammg'schlagen und hat g'meint: was das heutzutage für eine Welt ist. Wie ich die saubre; G'schicht ig'hört hab', hab' ich mir denkt: so, jetzt kenn' ich mich nachher schon aus! Darum hat ihr der Leutnant net paßt! Johanna, hab' ich g'sagt, jetzt bringst mir meinen Hut und meinen Kragen und der Kutscher soll anspannen. Ich hält' net ruhig schlafen können, wenn ich der Sach' net nachgegangeu wär'. Der Adolf und die Mali müssen wissen, daß btt zum Dank für alle Guttaten, die du von ihnen g'häbt hast, Schänd' und Spott über die Fantilie bringst. Ja, was denkst du dir überhaupts? Meinst, so eine Fantilie wie die unsere, die töt so was leiden! Nein, mein' Liebe! Da bin ich schon noch da! Ich will vor allein wissen, wer der Mensch ist, mit dem du eine Be­kanntschaft hast?"

Ja, die Mutter hat schon recht!" schrie jetzt auch Adolf atif das junge Mädcheii ein.So was ist bei uns doch

noch Nicht vorgekomtnen. Da töt ich mich bedanken. Und dabei Machst noch so einen hochmütigen Kopf, als ivenn matt dir Unrecht tat, wenn man dir die Leviten liest, statt daß dich schätnst!"

Ihr tut mir doch Unrecht, Papa!" sagte Hildegard, sich Mr Ruhe zwingend, obwohl ihr das Herz klopfte bis in den Hals.Ich habe nichts getan, was Schande und Spott über eure Familie bringen könnte. Ich habe keine Bekanntschaft, nicht in dem Sinne, wie die Großmittter das meint."

Was, dit willst es mir aus dem Gesicht herausleugnen, daß du hinter der Glyptothek mit einem fremden Herrn an(f der Bank g'sessen bist?"

JNein, Großmutter, deine Johanna war gatiz recht berichtet, das Kinderfräulein hat rasch und güt rapportiert," erwiderte Hildegard hart.Sie hätte nur auch erzählen müssen, daß es kein junger Mann war, mit dem ich auf der Bank saß."

shJung loder alt, es g'hört sich net, daß ein juug's Mädel eine Z'samm'b'stellung hak, wo Vater und Mittler nix davon wissen!" ; pief Adolf.

Er hatte eine erschrockene Bewegung Malis gemerkt und wendete sich fragend an seine Frau:

t,,No, was hast denn? Was machst denn für ein G'sicht?"

Hildegard warf einen raschen erstaunten Blick auf die gute Mama, die in der Tat verlegen und angstvoll vor sich hinschaute.

,Jetzt kommt's mir bald so vor, als wenn btt am End' mehr wissen tätst als ich, Mali!"

Aber Frau Beruhvbler schüttelte verneinend mit schmerzlichem Ausdruck bett Kopf.

Die Großmutter klopfte ungedulbig mit ihrem Stock auf den Tisch.

Ich will jetzt, einmal ivissen, toter der Herr war? No! Wir's bald?" stieß sie mit scharfer Stimme hervor.

Einen Moment zögerte Hildegard.

Dann sagte sie beklommen:

Es war mein Vater!"

(Fortsetzung folgt.)

Anna Maria.

Novelle von Otto N e u r a t h.

Es war int Mai. lieber dem Rhein lohte in leuchtendem Pur­pur das Abendlicht. Der Duft der Rosen lag weich in der säuselnden Luft. An allen Wegen blaute der Flieder in vollen Dolden und die weißen Kastanienblüten leuchteten hell aus dem frischen Grün. In der Stadt selbst sah man ivenig von der lieb­lichen Pracht und nur in den Gärten reckten schüchterne Blüm- leitt die zarten Krönchen empor, als scheuten sie das ruhelose Treiben der haftenden Menschen ....

Aus der alten Christophkirche klangen die letzten Töne eines Bittgesanges und die klagenden Schlnßakkorde der Orgel. Kurz darauf drängten sich die durchweg jugendlichen Kirchenbesucher durch den schon düsteren Borhos des Gotteshauses und eilten in scherzenden Gruppen auseinander. Vom Turme lautete cs den Schluß des Maigebetes.

Eine Zeitlang lastete drückende Ruhe über der engen Straße, und nur das Gelleit der Straßenbahnklingeln und der rasselnde Ton der Schisfsglocken brachten etwas Lebendiges in die trost­lose Stille.

In dem der Kirche gegenüberliegenden Eckhanse erhellen sich plötzlich 'die Fenster und junge Menschlein huschen durch das wölbige Portal die steile Treppe hinaus zur Tanzstunde.

Heute soll die Vorstellung sein. Die Mädels glühen vor Erwartung und Freude und die Jungens harren schüchtern und verlegen der kommenden Dinge.

Nach langem Warten erscheint der Taitzmeister. Ein alter, freundlicher Herr in weißem Haar und Backenbart. Er weist den Herren umständlich ihre Plätze an und dann ertönt eilt wirbelnder Einzugsmarsch: die jungen Dämchen erscheinen klop­fenden Herzens int Saale. Unter feierlichen Verbeugungen nnd Knixen je nach der Fertigkeit, mehr oder weniger steif spielt sich die gegenseitige Bekanntmachung ab und dann drehen sich die Paare zum erstenmal im Tanze.

Bald ist die stnmpfe Förmlichkeit gewichen. Man lernt sich näher kennen, spricht über Schiller und Kant, über Theater und Musik, und wenn man auch nichts davon versteht, man zeigt doch wenigstens den guten Willen.

Etwas abgesondert von den andern stehen zwei in stiller Versunkenheit. Er, ein aufgeschossener, blonder Junge, mit blauen Augen, und verlangendem Mund, sic, ein schlankes, blasses Wesen, halb Kind, halb Weib, mit dunkeln, ängstlichen Rehaugcn und