Ausgabe 
30.4.1913
 
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Zwei Welten.

Roman von Emma Merk.

(Nachdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Nicht lvahr, Kind', du bist entsetzt über deinen Vater?" sagte er mit einem zerknirschten Nicken.Freilich, ob- ich mich wirklich entschlossen hätte, dich tut Kloster zurückzu- lassen, das wein ich ja nicht. Aber sieh, da kam doch dieser gutmütige, biedere Mann, der Herr Bernhobler, in mein Atelier und versicherte mir, seine Frau, sein Mali, liebe die Kleine wie ihr eigenes Kind und so wollten sie dich auch halten und du solltest es schön haben."

Mit gequälten, schmerzvollen Augen sah er in das junge Gesicht empor.

Bedenke, Hildegard! Ich dachte nicht Mehr an Leben, ich dachte nur an den Tod! Ich hatte keine Zukunft mehr! Ein Lebensmüder, ein Verzweifelter bin ich gewesen, der nur Ruhe wollte, nur Vergessen! Und so ist das Wider- natürliche, das Furchtbare, das Haarsträubende geschehen! So habe ich verzichtet auf Mein Kind!"

Sie fühlte, wie sich ihr das Herz zusammenpreßte unter einer schweren Verantwortung', einem tiefeinschneidenden Widerstreit der Pflichten.

Bott wildem Schmerz überwältigt, drückte er sein Haupt auf ihre Hände und stöhnte:

Weggeschenkt hab' ich mein Kind! Verloren! Ver- loreu! Schwarz auf weiß können sie mir beweisen, daß ich kein Recht mehr an dich habe! Daß du ihnen gehörst, den Fremden, die dich dem Pflichtvergessenen aus den Armen üahiuen! Und ich lobe noch! Die Reue über diesen Verzicht hat mir das alte müde Herz noch nicht zerdrückt!"

Armer Vater," sagte Hildsggrd mitleidig.Gott sei Daur, daß du lebst! Daß ich dich wieder habe!"

Ach Kind!, das ist ja eben das Beschämende, Klägliche, daß mir die VerMretflungsstimmüng, in der man den großen Sprung ins Dünkel vollbring en kann, allmählich abhanden kam. In der kräftigen Meeresluft, unter den mächtig anstürmenden Eindrückeit der Reise regte sich wieder der Wille zum Leben, die Lust zum Schaffen. Ein froher Mensch bin ich freilich nicht mehr geworden. Wie ein Huschatter, der gleichgültig, als ginge ihn das ganze Treiben nichts mehr qn, das Spektarulum an sieht, so bin ich in der Welt Hirt und her gefahren, von einem Kriegsschauplatz zuM andern, zeichnend und zeichnend, mitten rm uralten Streit und Jammer der Menschheit. Ich war ganz stumpf geworden, ganz still und empfindungslos. Bis mir dein Anblick das erstarrte» wieder weckte! Bis das junge Kesicht mix alles zurnckrief, was gewesen, und lang be- grabenes Leid wieder iteii erwachte. Seitdem weiß ich, daß mein ganzes Leben Wahnsinn gewesen seit dem Tag, da ich mein Mud aus den Händen gab!!"

Er hatte sich wieder aufgerichtet und starrte mit trauer- vollen, todtraurigen Augen vor sich hiit.

Hildegard streichelte ihm sanft das graue haar.

Du sollst dich nicht quälen, Vater, sollst nicht grübeln über die Vergangenheit. Mein Herz hast btt ja nicht fort­geben 'können, es ist immer ein bißchen einsam geblieben, trotz all der Güte, die ich erfahren habe. Unbenmßt, in dunklem Verlangen hat es nach dir gebangt, nach der rechtett Liebe, nach der rechten Heimat und nun köntteu sie es nicht mehr losreißen von dir!"

Er sah zu ihr auf, mit nassen Augen, und Preßte nur ihre Hände,, kämpfend gegen die Rührung, die seinen Körper durchbebte.

Plötzlich aber sah sie, daß seine Wangen fahl wurden, daß er lute in einer jähen Ohnmacht die Augen schloß.

Um Gottes willen! 'Was ist dir? Vater!" rief sie erschrocken.

Sie hatte ihn mit ihren Annen umklammert, weil sie fürchtete, er 'könnte vom Stuhl herabfinken, und ihre Augen suchten verzweifelt in dem Chaos nach dem Wasser­krug, nach irgend einem Stärkungstrank.

. Sie atmete auf, wie erlöst von Todesangst, als er sich nach ein paar Minuten wieder regte und zu lächeln ver­suchte.

Eine plötzliche Schwäche, * verzeih', Kind, es ist schon vorüber. Es kam nur von der großen Erregung und dann 'ich glaube, ich habe heute noch nichts gegessen seit dem Frühstück."

Sie sah ihn mit so großen, besorgten Augen an, die so deutlich fragten: 'So arm bist du, Vater, daß du hungern müßt?, daß er rasch hinzufügte:

'Nein, mein Schatz! 'Beruhige dich uur, uicht aus Not . So schlecht geht's mir nicht. Ich habe mehr, als ich fiir mich brauche. Ich habe gearbeitet und auf die Stunde gewartet, in der ich hoffen konnte, dich zu sehen, nnd da habe ich ganz vergessen, daß es Essenszeit war."

Ihre suchenden Augen hätten auf einein Tischchen eine Spirituslampe und einen Wasserkessel entdeckt, es schien auch Tee und Zucker vorhanden. Während sie sich abhastete, um so rasch als möglich eine» warmen Trank zu brauen,, nur froh, daß sie sich überhaupt nützlich machen konnte, dachte sie mit übermächtig anwachseudem Mitleid:

Er ist so allein! Wie brauchte er jemand, der für ihn sorgt! Er vergißt, daß Essenszeit ist!

Unwillkürlich mußte sie lächeln trotz ihrer Gemütsbe­wegung.

Wie man. bei ihnen zu Hause eine Mahlzeit wichtig nahm! Wie ihr Papa schon um 12 llhr nachsah, ob noch nicht aufgedeckt lvar. "Aber es waren ja immer so viel Hände, die halfen. Und sie hatte gar nichts zu tun! Und hier war niemand! Auch ivenn er krank wäre niemand!

Sie fühlte, wie sich ihr das Herz zusammenpreßte unter einer schweren Verantwortung, einem tiefeinschneidenden Wiedrstreit der Pflichten.