SBi e leicht — das möge folgendes Ereignis dartun. Welches sich am 28. September 1913 in den ersten Nach- mrttagsststunden in dem Städtchen Zahna zutrug.
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. Dieser 28. September begann mit einem warmen, wolkenlosen und schulfreien Morgen, an dem es Adelheid riskieren zu können vermeinte, ihren Bruder Othmar zwecks einiger Einkäufe in die Stadt zu schicken.
„Othmar," sagte sie, indem sie ihrem Bruder einen Hundertmarkschein überreichte, „es ist warm und sonnig draußen, und ein wenig Bewegung wird dir gut tun! Gehe also und kaufe folgendes für mich ein: beim Moll- und Weißwarenhändler Lademann einen Strahn grauer Strickwolle Nr. 2, in der Spiegelhandlung Saupe einen Handspiegel für 75 Pfennige und im Warenhans Schleuderer fünf Päckchen Zahnstocher. Verliere den Schein nicht und sieh zu, daß man dir richtig auf ihn herausgibt! Sei nicht zu lange! Knüpfe auf dem Wege keine Bekanntschaften an nnd lasse dich ans der Straße mit niemandem in ein Gespräch ein! Ziehe den leichten Ueberrock an nnd vergiß deinen Stock nicht! Vergiß auch nicht zu danken, wenn man dich grüßt!"
Othmar lächelte ein wenig, steckte den Hundertmarkschein in die Tasche nnd sagte ergeben:
„Ja, liebe Adelheid!"
Dann zog er langsam den leichten Ueberrock an, nahm Hut und Stock und machte sich auf den Weg.
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Der Woll- unb Weißwarenhändler Bruno Lademann machte, als Othmar mit höflich-bescheidenem Gruß in seinem Laden erschien, eine verbindliche Geste, lächelte bestrickend und fragte:
„Was steht zu Diensten, Herr Professor?"
„Ich bitte um einen Strahn grauer Strickwolle Nr. 2," lagte Othmar.
„Sehr wohl."
Äruiio Lademanii sorderte Othmar mit einer Hand- bewegimg auf, auf einem Stuhl am Ladentisch Platz zn nehmen, holte das Gewünschte herbei nnd packte es umständlich ein.
Sein Mund blieb bei diesem Geschäft keinen einzigen Augenblick geschlossen. Er bemühte sich, Othmar zu unterhalten, indem er ihn nacheinander nach seinem Wohlbefinden, seiner Arbeit, seiner Schwester Adelheid und nach seinem Dachshund „Waldmann" ausfragte, und schloß nach feinen Ausführungen, als Othmar eben bezahlen wollte, mit der vlötzlichen unb überraschenden Frage: „Pardon — darf ich dem Herrn Professor als Gelegenheitskauf ein Dutzend erstklassiger Nachthemden empfehlen?"
„Nachthemden —?" fragte Othmar mehr erschreckt als erstamit.
„Jawohl! Bitte, überzeugen Sie sich selbst! Ist das keine erstklassige Ware? Garantiert echt! Unzerreißbar! Spottbillig! Fräulein Adelheid wird staunen! Ich darf sie doch einpacken? Natürlich — nicht wahr? Keinen Widerspruch, Herr Professor! Die Nachthemden müssen Sie kaufen! Eine solche Gelegenheit kommt niemals wieder! So, das Paket ist schon verschnürt. Mit der Rechnung eilt es nicht, Herr Professor! Durchaus nicht! Absolut nicht! Und nun vielen Dank, Herr Professor! Und beste Empfehlungen an Fräulein Adelheid! Die Strickwolle läge bei! Ergebenster Diener! Adieu! Beehren Sie mich wieder, Herr Professor! Vielen Dank!" —
Ein umfangreiches Paket unterm Arm — so fand sich Othmar plötzlich wieder draußen auf der Gasse. Es war ihm ganz wirr in seinem Kopf. Wie, hatte er nicht einen Strahn grauer Strickwolle Nr. 2 kaufen sollen? Und war das, was er da im Paket trug, nicht ein Dutzend erstklassiger Nachthemden — garantiert echt unb unzerreißbar?
Othmar seufzte beklommen auf. Er buchte an ben Handspiegel, ben er noch bes weiteren zu kaufen hatte. Und furchtsam unb zögernb setzte er seinen Weg fort.
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In ber Spiegel- unb Bilderhandlnng Jakob Saupe würbe Othmar von ber Gattin bes Geschäftsinhabers, Frau Rosa Saupe, sehr süß empfangen unb mit großer Beharrlichkeit gleichfalls genötigt, auf einem Sessel Platz zu nehmen. Das lästige Paket nahm Fran Saupe Othmar persönlich ab unb stellte bann auch ihrerseits bie gleichen Fragen,- die Othmar erst vor wenigen Minuten bem Woll- unb Weiß- warenhänbler Labemann beantwortet hatte. Den verlangten Handspiegel zu 75 Pfennigen packte sie babei fürsorglich ein,
verschnürte ihn unb überreichte ihn Othmar mit ihrem ge- totnnenbften Lächeln. Den Hundertmarkschein, ben Othmar ihr zur Zahlung präsentierte, wies sie bagegen mit einer ab- wehrenben Geste ihrer beiben Hänbe zurück.
Sie rief babei aus:
„Aber, Herr Professor — biefe Kleinigkeit eilt nicht! Gott bewahre! Ein Mann wie Sie, von Ihrem Ruf, Ihrem Ansehen — bas wäre noch schöner! Jawohl! Da machte ich mir keinen Augenblick Sorgen! Ueberhaupt war es schon längst mein Wunsch, gerabe Ihnen etwas anzubieten! Etwas, bas nur für Sie paßt! Etwas Auserlesenes, etwas Gediege- nes, etwas Künstlerisches! Sehen Sie her, Herr Professor! Sind biefe zwei Oelbrncke nicht herrlich? „Morgenrot" unb „Abeubfrieben"! Zwei Penbanis, die Sie über Ihrem Schreibtisch aufhängen müssen! Da liegt Poesie darin, nicht wahr? Unb welche Farben! Alle echt! llnb bie Rahmen schwer vergolbet! Unverwüstlich! Ihre Urenkel werden sie noch haben! Gefallen , sie Ihnen? Ja? Natürlich! Ich wußte es ja! Ihr Geschmack, Herr Professor — allerhand Achtung! Ich packe sie Ihnen auch sorgfältig ein! Der Preis? 40 Mark! Jawohl, für alle beide! Aber das eilt nicht! Nein, nein, die Rechnung geht Ihnen zu! Hier, Herr Professor! Sehen Sie, wie herrlich die Bilder verpackt sind? Und vergessen Sie auch Ihr zweites Paket nicht! Da! ■ O bitte, bie Türe öffne ich Ihnen schon! Einen schönen Gruß an Fräulein Abelheib, Herr Professor! Es war mir ein Vergnügen! Wien! Beehren Sie mich balb toieber!"
Als Othmar toieber glücklich ans ber Gasse branßen staub, fiel ihm zunächst bas eine Paket aus ber Hanb. Als er sich bückte, um es aufzuheben, verlor er das zweite. Dieses Pech nahmen zwei Schulbuben, bie vorübergingen, zum Anlaß, in ein freches Gelächter auszubrechen.
Othmar würbe vor Beschämung rot, hob beibe Pakete auf unb stopfte bas eine unter ben rechten, das andere unter, ben linken Arm. Dermaßen ausgerüstet, setzte er schwitzend seinen Weg fort. Denn er hatte ja noch fünf Päckchen Zahnstocher zu kaufen!
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Im Warenhaus Schleuderer stürzten auf Othmar Bei seinem Eintritt ber Inhaber Isaac Schleuderer, der Lehrling Emil und, die erste Verkäuferin, Fräulein Paula, zu. Die ersteren befreiten Othmar von seinen Paketen, die letztere setzte eine kokette Miene auf und fragte:
„Was darf es fein, Herr Professor?"
Othmar errötete unter ben verführerischen Blicken unb stotterte:
„Fünf Päckchen Zahnstocher, liebes Fräulein..."
„Bitte sehr," lächelte Fräulein Paula unb trat an eins ber vielen Regale, um bas Gewünschte zu holen.
In btefem Augenblick aber attackierten ber Inhaber Isaac Schlenberer unb ber Lehrling Emil ben Herrn Professor.
„Sonst noch etwas gefällig?" fragte mit lanernber Frennblichkeit ber Chef.
„ff. Emaillegeschirr gefällig," schnurrte ber Lehrling, „prima Wachstuch, echt japanische Reisetaschen, Liegestühle,' Hängematten, billige Panamahüte, gestickte Pantoffeln, Bettvorleger, seidene Lampenschirme, porzellanene Standuhren, Kohlenkästen, Füllfederhalter, Staubbesen, Gummimäntel, Briefpapier, Salatschüsseln, Gummischlänche--"
„Still," sagte Fräulein Paula und schob mit einer energischen Arnibewegung den Lehrling beiseite, „biete dem Herrn Professor nicht Waren an, für die er kein Interesse hat! Der Herr Professor wünscht etwas ganz anderes! Der Herr Professor wünscht eine Badewanne!"
„Eine prima verzinkte Sitzbadewanne, Marke „Juno","- bestätigte Fräulein Paula mit einem Feuerblick. „Oder haben Sic schon eine solche?"
„Nein," sagte fassungslos Othmar.
„Sehen Sie", triumphierte Fräulein Paula, „also müssen Sie eine kaufen! Emil — schnell, packen Sie eine ein! Denn ohne eine prima verzinkte Sitzbabewanne „Inno" können Sie nicht sein! Sie ist ber beste Arzt! Die Sitzbabewanne „Juno" schützt Sie vor allen Krankheiten! Nichts ist so gesunb wie ein Sitzbab — man kann es kalt, lau ober heiß nehmen, je nach Bebarf! Es hilft immer! Menschen, bie im Besitze einer Sitzbabewanne „Juno" sind, werden bekanntlich nie krank! Zuverlässige Atteste erster Autoritäten bezeugen das! Man kann ein Sitzbad gegen Migräne nehmen, gegen Bauchweh, gegen Hühneraugen unb gegen hohle Zähne! Es schabet nie! Ein Sitzbad ist zu allen Tages-


