Ausgabe 
29.12.1913
 
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Knöpfe an das beste Hemde genäht, sieb mit kaltem Wasser rasiert und ein leidlich gutes Paar Handschuhe herausgesuchj hatte, war es höchste Zeit geworden, seine Neujahrsbesuche anzutreten.

Zuerst muß ich natürlich zu meinem Onkel," überlegte er,er ist daran gewöhnt, daß ich ihm meine Gratulation in aller Frühe bringe, und jetzt, da er krank ist und alle Tage Ernst mit dem Sterben machen kann, darf ich es in keinem Fall mit ihm verderben."

Prosit Neujahr, Onkelchen, Prosit Neujahr!" rief er bem Onkel, der von der Gicht geplagt im Lehnsessel saß, schon von weitem zu,freut mich recht sehr, Sie so wohlauf untr ,ßut aussehend zu finden," wollte er sagen, da er wußte, wie verhaßt dem Oukel jede Auspielung auf seine schlechte Gesund­heit war, aber die Worte verkehrten sich in feinem Munde nnd zu fernem eigenen Entsetzen hörte er sich sagen:freut mich recht sehr, daß ich Sie so krank und elend aussehend finde, bleiben Sie nur ja so uud tun Sie mir etwa niM den Kammer an, sich noch einmal zu erholen."

Der Onkel machte ein etwas verdutztes Gesicht zu die- fem überraschenden Glückwunsch.

Du haft dich versprochen, lieber Neffe, bist zerstreut, oder solltest du wirklich deinem alten Onkel, der es immer so gut mit dir gemeint hat, den Tod wünschen?"

Keinen schmerzhaften, langsamen Tod, liebster, bester Onkel," ächzte Hähnel, während ihm die kalten Schweißtrop­fen ans der Stirn standen,Sie wissen ja, wie tener Sie mir immer waren," er stotterte etwas bxi diesem Satze, aber er brachte ihn doch heraus, denn tatsächlich hatte er nichts gegen den guten Onkel einzuwenden, als daß er ihn gern beerbt hätte,ewig kann der Mensch nun doch einmal nicht leben, aus ein paar Jahre früher oder später kommt es da nicht an, und mir paßte es eben jetzt am besten. So ein kleines ange­nehmes Schlagflüßchen, oder wenn sich vielleicht die Gicht auf den Magen schlagen wollte"

Nun aber ist's genug! Ans meinen Augen, Du Unge­heuer! Gleichviel, ob der Wein aus dir spricht, wie ich fasp glauben möchte, und du die Achtung vor deinem Onkel so weit vergißt, dich in diesem Zustande zu zeigen, oder ob bu wirklich diese Gefühle in deinem Busen trägst, wir zwei sind fertig miteinander. Warte immerhin auf meinen Tod, nicht einen Taler, nicht einen Groschen, nicht einen roten Heller sollst bu von mir erhalten. IInb nun hinaus, ober ich vew greife mich an bir!"

Voller Verzweiflung schlug sich Hähnel, ans ber Straße angelangt, vor die Stirn.

Plagt mich denn ber leibhaftige Gottseibeiuns, daß ich 'meinem Onkel solche Sachen sage! Seit Jahren mühe ich mich ab, alles zu tun, um mich ihm angenehm zu machen, unb nun! Es ist doch gerade, um mit dem Kopfe au die Wand zu rennen!"

An die Wand rflimte er nun allerdings nicht mit dem Kopfe, wohl aber an einen ihm des Schneegestöbers wegen ebenfalls gesenkten Hauptes Entgegenkommenden.

Können Sie nicht achtgeben!" rief ber Getroffene.Hol' Sie der Kuckuck!" schrie Hähnel, aber er änderte plötzlich den Ton, als er in seinem angerannten vis-ä-vis seinen Haupt­gläubiger erkannte.Ah, Herr N ist mir sehr ang," die Zunge weigerte sich,angenehm" zu sagen,ist mir sehr unangenehm. Sie zu sehen."

Der Andere lachte mit saurem Gesichte:Freut mich, Sie so zum Scherzen aufgelegt zu treffen! Kommen, wie ich sehe, gerade vom Herrn Oukel. Scharmanter alter Herr! Nun, wie stehts mit dem Testament? Wieviel erwarten Sie zu be­kommen?"

Nicht einen roten Heller," bekannte Hähnel wider Willen.

Keinen Heller! Nicht möglich. Sie treiben Ihren Spaß mit mir."

Es ist mir durchaus nicht spaßhaft zu Mute," konnte Hähnel der Wahrheit gemäß beteuern.

Hat er Ihnen das selbst gesagt?"

Eben als ich bei ihm war."

Nun, dann hören Sie, was ich Ihnen sage. In acht Tagen will ich mein Geld haben, ober ich verklage Sie. Haben Sie verstauben?"

Das fehlte noch," jammerte Hähnel, während er durch bas Schneegestöber bavoustürzte.

Erft nachdem sich bie Besuche bei feinen Vorgesetzten durch bas Hinterlassen von Karten unverhofft einfach er- febtgt hatten, beruhigte er sich einigermaßen.Was Onkel,

Gläubiger, Aufwärteriu!" philosophierte er, währenb er trt bem Laden eines Kunstgärtners das schönste Bonguet erhan­delte, das aufzutreiben war. Sie konnten seinem Glücke nichts anhaben, so lange er der Liebe seiner Brant gewiß war, und das glaubte er, Gott sei dank, fein zu können. Er war zi« Tisch bei ihrer Tante, einer ältlichen, aber noch die Jugend­liche spielenden Dame, geladen, die Mutterstelle bei ihr ver­trat, und zu ihrem Hause begab er sich jetzt, sich fest vor-< nehmend, seine Zunge ernstlich zu hüten. Dem geliebten Mädchen gegenüber, dem er alles Gute so aufrichtig wünschte als sich selbst, lief alles glatt ab, nur der Tante gegenüber konnte er den galanten Ton, den er sonst -so meisterhaft inne zu halte» wußte, nicht recht treffen. Die gewöhnlichsten Komplimente blieben ihm im Halse stecken, bis er, um jedem Mißgeschicke vorzubeugen, zu den unverfänglichsten und all­gemeinsten Gesprächsstoffen griff.

Aber das Schicksal ereilte ihn trotz aller Vorsicht. Als die Tante gegen Ende der Tasel auf ein Wohl, das er ihr ausgebracht, mit pathetischem Augenaufschlag seufzte:Ja, wenn die Jahre nur, ohne ihre Spur zurückzulassen, an uns vorüberziehen wollten," da konnte er sich nicht enthalten, zu rufen:

Sie, Verehrteste Tante, haben doch keine Ursache, dies zu finden, Sie sehen ja wahrhaftig mit jedem Jahre jünger aus," wollte er sagen, unbälter" sagte er in ber Tat.

Die Tante suchte ihren Aerger unter einem koketten Lächeln zu verstecken.Für wie alt halten Sie mich eigentlich, Herr Assessor?"

Kaum dreißig," hätte dieser gestern noch schnell und skrupellos gerufen, undgut fünfzig," fugte er heute.

Die Taute bekam einen plötzlichen Hustenanfall, der sie nötigte, den Tisch zu verlassen; halb ärgerlich, halb be­lustigt kam die Nichte, nachdem ihre Hilfe sehr ungnädig zurückgewiesen worden war, zu dem Geliebten zurück.

Warum mußtest du aber die Tante so beleidigen, uribl noch dazu heute?"

Ja, wenn ich das selber wüßte," jammerte Hähnel. Ist sie wirklich noch nicht fünfzig?"

Freilich ist sie's! Aber derlei sagt man doch nicht'. Sie wird dir das nie verzeihen."

Wenn nur du mir verzeihst," flüsterte Hähnel, feine Geliebte zu sich heranziehend, und nun folgte all' das! süße Geplauder, wie es nur ein verliebtes Paar zuwege! bringt. Nicht ein einziges Mal versagte Hahnels Zunge ihm hierbei selbst bei ben gewagtesten Beteuerungen bett Dienst, denn wenn auch kaum bie Hälfte ber Lobpreisungen! seiner Geliebten aus Wahrheit Anspruch machen konnten, so hielt er sie selber doch nach der Art verblendeter Liebst Haber bafür, und was man in gutem Glauben, sagt, ist keine Lüge, wie jedermann !veiß. Seine Seligkeit sollte, aber einen plötzlichen Stoß erfahren.

(Schluß folgt.)

Ein strähn wolle, ein Handspiegel und fünf Päckchen Zahnstocher.

Eine Schnurre von H e r m a n n Wagne r.

Othmar Lucke war Lehrer ber Literatur an ber höheren Töchterschule zu Zahua, hatte einen wunberschönen blonden Bollbart, fünfte und verträumte blaue Augen, eine melo-; bische, etwas schüchterne Stimme und noch keine Frau.

Die Stelle der Frau nahm in seinem Haushalt die leider unverehelicht gebliebene ältere Schwester Othmars ein, Adel­heid mit Namen, die nicht ganz so fünften Charakters war wie ihr Bruder, die Othmar aber nichtsdostoweniger auf­richtig liebte, und der zu Gefallen er, wje es hieß, auch un­verheiratet geblieben war.

Denn der Grundzug in dem Wesen Othmar Luckes war jene sanfte lammhafte Güte, die es nur schwer fertig bringt, jemandem etwas abzuschlagen.

Adelheid bemutterte denn auch Othmar auf das aus­giebigste. Sie verwaltete fein Geld, bestimmte feine Aus­gaben, regelte feinen Verkehr, betreute feine Gesundheit und hielt alles von ihm fern, das etwa sein Wohlbefinden hält« beeinträchtigen können.

Nnd Othmar Lucke war feiner Schwester Adelheid für alles das vom Herzen dankbar, denn er fühlte, daß ein Lamm seiner Art in dieser bösen Welt, die dicht von Wölfen bt£ völkert war, ohne die sichere Führung durch einen Schäsex leicht zu Schaden kommen konnte.