Ausgabe 
29.12.1913
 
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Montag, den 29. Dezemver

1913 - Nr. 205

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Wehe dem, der nicht lügt!

Silvestermärchen von Helene Stökl.

(Nachdruck verboten.)

O über diese Welt voll Lug und Trug uud Falschheit, über diese Mensche« init ihren heuchlerischen Redensarten und lügnerischen Bersprechungenl Die Erde wäre ein Para­dies, iveun die Lüge sich nicht darauf eingenistet hätte, verwünscht möge sie sein mit ihrem ganzen Gefolge!"

Es war au einem Silvesterabend, als Assessor Hähnel seiner Entrüstung in solcher Weise Luft machte, während er, sich auskleidend, auf dem Bettrand saß uud bei jeder Verwünschung ein Stück seines Anzuges zusamnrenballtc und mit kräftigem Wurfe von sich schleuderte.

».Was habe ich von diesem Jahre alles erwartet! Was haben mir die Menschen versprochen, uud was haben sie gehalten? Das ist aber der Fluch unserer Zeit, der Zeit des Schwindels und der Lüge, der Heuchelei und der Falschheit!"

Ingrimmig stieg er in das Bett und wollte eben die Decke über den Kopf ziehen, um von dieser Welt nichts mehr zu Hören uud zu scheu, als er plötzlich innehielt und ver­wundert vor sich auf seine Decke blickte. Ein Heller Licht­kreis hatte sich auf derselben gebildet, und mitten darin stand ein kleines daumenlanges Geschöpfchen nnd sah ihn spöttisch mit seinen klugen funkelnden Augen au.

Es waren sonderbare Augen, jetzt schienen sie grün W fein, jetzt blau, dauu wieder leuchteten sie rötlich, nein, schwarz, braun, er konnte nicht klug daraus werden, sie änderten ihre Farbe, je nachdem ihn das Männchen damit anblickte. Das Männchen? Eben hatte es noch als ein. solches vor ihm gestanden, und schon hatte es sich in ein Weiblein umgewaudelt; jetzt zeigte eS die runzligen Züge eines Greises, und gleich darauf wandte es ihm das Gesicht eines kleinen Kindes zu.

Ich bin die Lüge," antwortete das kleine Wesen, ihn schlau aublinzelud.

Die Lüge?" fuhr Hähnel wütend in seinem Bette auf. So komm her, daß ich dich Zermalme nnd die Welt von dir befreie!"

Er haschte nach der kleinen Gestalt; soviel Mühe er sich aber auch gab, sie zu fangen, es gelang ihm nicht. Immer wußte sic ihm zu entschlüpfen, glaubte er sic hier, so war sic da, bis er ermattet seine Anstrengungen aufgab.

So leicht läßt sich die Lüge nicht fangen," lachte das Figürchen ihn aus.Weshalb plagst du dich aber so ab, mich in deine Gewalt zu bekommen? Du tätest der Welt einen schlechten Gefallen, tveun bit sie ihres besten Freundes be­rauben wolltest."

Ihres besten Freundes?"

Ja gewiß, weder du noch irgend eines deiner langbeini­gen Ncbengeschöpfe könnte ohne mich existieren."

Warum nicht gar?"

Es ist, wie ich sage, trotzdem ich die Lüge bin. Oder glaubst du wirklich, nur . einen , einzigen Tag meine Dienste entbehren zu können?"

Mein ganzes Leben lang will ich mit Vergnügen ohne dich fertig werden?"

Mit Vergnügen auch noch dazu! Nun, es kommt aus einen Versuch an! So höre: Nicht für dein ganzes Leben, das wäre zu grausam, nur für einen Tag, für den morgigen, will ich mich gänzlich fern von dir halten. Ich werde dir in keiner Weise zu Hilfe kommen, so dringend du «reiner auch bedürfen mögest. Morgen abend werde ich mich daun wieder einstellcn, um anzufragen, ob du meiner wieder bedarfst."

Da sollst du lauge frage» können, du verwünschtes Irr­licht!"

Er schlug nach dein vor ihm auf und ab tanzenden Püpp­chen, aber er schlug in die Luft, und unter dem Bette hervor kicherte es:Lebe wohl bis morgen! Da wirst du besser auf mich zu sprechen sein."

Dummes Zeug," murmelte Hähnel und schlief ein.

*

Ich wünsch' dem gnädigen Herrn ein glückseliges neues Jahr," scholl es am anderen Morgen Hähnel aus dem Munde seiner mit einer Tasse Kaffee in das Zimmer tretendenAuf- wärterin entgegen,uud ich wünsch', daß denr gnädigen Herrn alles nach Gefallen gehen «löge, und daß wir beide noch viele Jahre beisanunen sind."

Nun, das wünsch' ich gerade nicht," brummte Hähnel, der sich schlaftrunken die Augen rieb, ititb wie wir gleich hinzusetzcn müssen, keine ^»««8 davon hatte, daß es ihm für den heutigen Tag unmöglich war, irgend eine Lüge direk­ter Art hervorzubringen.Se eher ich Ihr verkniffenes San- regurkcngesicht nicht mehr zu sehen brauche, desto lieber!"

Meiu ,Sauregurkengesicht'? O, da muß ich doch bitten, das brauch' ich mir von keinem Menschen gefallen zu lassen. Ich bin eine ehrliche Witfrau"

Nu, uu, betrogen hat sie mich genug," warf Hähnel da­zwischen. t

Betrogen hab' ich? Na, da kann der gnädige Herr sich nur gleich um eine andere Aufwärterin nmsehen, die wird ihn vielleicht besser bedienen, so einen noblen Herrn, dein out Neujahrstage cinfällt, daß ihm's Gesicht von seiner Auswär- wärteriu nicht mehr gefällt, statt ihr ein Trinkgeld zu geben, wie sich's gehört. Sie" .

Hähnel hob seinen Stiefel mit so unzweideutiger Geste ämpor, daß die Alte -für geraten fand, schleunigst den Riick- zug anzutreten.So bedienen Sie sich heute nur hübsch sel­ber," rief sie uoch bei der Tür herein,ich geh' meiner Wege."

Na, ich weiß auch nicht, warum ich gerade heute Streit mit der alten Hexe beginnen inußte! Betrogen hat sie mich freilich, aber eine andere macht cs nicht besser, und ich kann jetzt sehen, wie ich mit denr Toilettemnachen allein zu stände koNUUL/,

Seufzend machte er sich an das Werk, sich in Visitem- toilette zu werfen. Bis er seine Stiefel selbst geputzt, ein paar