Ausgabe 
29.11.1913
 
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fefijm einlud, besonders da bei der beginnenden DSmWcrung der fleme Saal fast leer war. Wegen der geringen Anzahl der Be­sucher konnte tdji indessen Herrn de Balvic nur schlecht verwei-- pen: cs war auch) zu spät, er hatte mich gesehen und kam auf mach zu Er war ein Fünfziger mit ergrautem .Haar, von elc- oc-utcr Haltung und angenehmem Ausdruck. Das ansprechende Gesicht hatte ledvch etwas Gequältes. Herr de Balvic war sicht­lich nervös und leicht erregbar. DaS zeigte sich in seinen zu ännen und bu langen Händen, seinen unruhigen und traurigen iÄlMU. Wer die Nervosität wurde wohl durch die gute Anlage eines trastigen Körpers in vernünftigen Grenzen gehalten.

, m,. ^Cm Austausch der .üblichen Redensarten begann Herr vc ;K5nli)ic:

Ich Abe die Aquarelle Hurtaut's sehr gern, seine Blumen sind reizend. - Sehen .Sie nur Wesen Strauch Stiefmütterchen: die Zusaminenstellung und die Farben sind entzückend."

W betrachtete das von Herrn, de Balvic mit her Stockspitze bezeichnete Bild; es war in der Tat ein Werk zarter Kunst. Dieser Balvic hatte Geschmack, man konnte mit ihm plaudern. Ich Inmwte i entern Urteil bei. Gewiß, Hürtauts Blumen gefielen Mr, aber ich zog seine Aussichten von Venedig vor. Sie hatten ment Entzücken erregt. Mit größter Wahrheit waren die Winkst- wen der Kanäle, die Blicke auf die Lagunen, die Fassaden der alten Palaste wiedergeben. Sie hatten mich mit jenem Zauber angelockt, den die geheimnisvolle Stadt immer auf mich aus- geuvt hatte. Scqweigend hörte er mir zu, während er ein wenig Ungeduldig mit seinem Stock spielte. Plötzlich unterbrach er mich: ., »aK w, ich weiß Wohl . . . Hurtant hat das alles richtig gesehen,. . . .aber ich will Ihnen eingestehen, daß mir alles, was mich an Venedig erinnert, unerträglich ist . " , Voller Mißtrauen sah, ich auf Herrn de Balvic. Er gehörte ledcusalls zu den Snobs, die, weil andere Snobs von der wnnder- voNen Stadt ohne jedes Verständnis entzückt sind, diese Schön­heit nicht zugeben wollen und durch Geriiigschähung die Bewun­derung ihrer Genoisen übertrumpfen wollen. Ich wollte dieses Thema abbrechen und die Unterhaltung auf das Gebiet gleich- giltiger gesellschaftlicher Dinge bringen, als Herr de Balvic fortsiihr:

Ja, alles, was mich an Venedig; erinnert, ist mir unangenehm aber glauben Sie mir, auch ich. habe Venedigscalli" Undcampt" geliebt, seine Kanäle, seine Kampanilen, seine Pa- lasie, seine Gärten, , seine Lagunen, seinen Lärm, ja sogar seine .Stille Ich, habe mich dort längere Zeit aufgehalten, und das zu einer Zeit, tn oer Venedig noch feine moderne Sommerfrische war ZN besitze sogar einen Palast, einen sehr schönen Palast, ben Sie vielleicht kennen, den Palast Alvenigo, ja, hinter St. Alvin ans der toten Lagune. Er wurde mir von einem Freunde hinterlassen und wenn Sie mir znhören ,vollen, erzähle ich Ihnen die Geschichte dicyes Freundes ..." I

. be Balvic setzte sich ans das Sofa. Der Saal war jetzt I vollständig leer. Ich folgte seinem Beispiel. Um uns heru-'mi I schienen die Blumen Hurtaut's in ihrem Rahmen zu jvelken, und aut die weneziauischen Aquarelle senkten sich geheimnisvoll nächt­liche Schatten.

Nach einer kleinen Pause fuhr Herr de Balvic fort:

Der Freund, von deni ich Ihnen jetzt erzählen tvill, heißt Lucien, Dambrun. Ich lernte ihn bei meiner ersten Reise nach Venedig temteit. Ich war damals sünfnudzwanzig Jahre, Dambrun I war etwas älter als ich. Unser Verhältnis gestaltete sich bald so frenndschastlich, daß wir uns weiter besuchten, als wir itndj Paris ztirmckgekehrt waren. Ich lebte dantals sehr zurückgezogen. Die Geiellichaft >var mir zuwider, uud als Lucien Dambrun mir seinen Plan, Cm ganzes Jahr in Venedig zu verbringen, auseinandersetzte, nahm ich den Vorschlag, ihn zu begleiten, gern an, weil mir die Stadt m so lebendiger Erinnerung geblieben Ivar. Wir reisten | also Mammen, und richteten uns, so gut es ging, in einer- I blierten Wohnung em, bereit Fenster auf den Canale Grande I hinausgingen. Wir wollten das köstliche venezianische Leben qe- I meßen. |

^Danwls war ich noch nicht wie heute. Erst durch regelmäßige | Willensübung habe idj es erreicht, meine Nerven zu beherrschen I In meiner Jugend war ich allen Eindrücken hingegeben und I von meinen Nerven abhängig. Düstere Melancholie wechselte mit | Zormesansbrüchen, nach denen ich wieder in Mutlosigkeit verfiel; ich machte, alle Erregungen und Niedergeschlagenheiten' der Nerven durch. Die Gesellschaft eines Mannes wie Lucien Dambrun jvar nicht gerade geeignet, mich gleichmäßiger zu stimmen. Er war wißbegierig und erregbar, aber ein wenig eigentümlich und jun- vestimmt.. Er interessierte sich für vergangene Zeiten, aber auch metaphysische Fragen zogen ihn an. Er liebte Schnurrpfeifereien Und hatte enteit Hang zum NeVernatürlichen. Er mischte Ge- ibBsamreit in, den Mystizismus, er konnte sich für irgend eine qe- schicytliche Zeit und für eine philosophische Theorie begeistern. Etwas Unbeständiges, Erregtes war in ihm. Obwohl er auch I pas Leiten und das -Vergnügen liebte, toar er doch auf phan- I tastische Schauergeschichten versessen.

Nach Verlauf von einigen Monaten merkte ich, daß Lucien | Dambrun einen schädigenden Einfluß auf mich ausübte. Much Venedig selbst begann ungünstig zu wirken. Sie wissen, wie sehr ! sein Schweigen, seine Rätsel, sogar seine Gestaltung, fein Klima, die ganze traumhaft romantische Stimmung, die ihm eigen ist, '

^cele bedritcken, wie es heimlich Fieber und Unbehagen ein# fW, und sie können sich denken, wie wenig ich dazu veranlagt beseit diese giefährliche Beeinflussung anzukämpfen. Meine Willenskraft schwand nnmer mehr. Schließlich nahm ich fcett- r 7^ metnlr- bcv mir geblieben war, zusammen und per- ZaubZäim°zn°en'tgchen.'"'° Um gefährlichen

er ^ltcicn Dambrun Meinen Entschluß mitteilte,' wandte

dop em; aber Mich ihn zu überzeugen versuchte,

f? dieies Seb en auch für ihn nicht gut wäre, wurde er fast böse und sagte mir ziemlich kurst, daß er nicht nur nicht mit mir nach '^ariS jnru<fiufe5Tett gedacyte, sondern sogar die Absicht hätte, sich 0"dgubig tn Venedig mederzulassen. Er hatte gerade einen Palast entdeckt, der zu verkaufen war. Diesen wollte er erwerben und sich Dann etnijcnten. 1

, . . schieden zieinlich kühl von einander. Einige Zeit nach! batf^hPH esnrheItld) eitLen ^vi-ef von Dambrun! Er

hatte den Palast Alvemgo gekauft und war dabei, ihn einzurichten.

lener Zeit gab es noch in Venedig kitte Möbel im liebel M man fand auch günstige, Gelegenheiten, solche zu erwerben, Attt Leichtigkeit wurde er, tote er! mir mitteilte, den Palast so ein- richtcn, tote er zu Zeiten der schönen Komtesse Mvenigo aus'gesehen hatte, von her Easasnova sprach; in den Archiven hätte er interes­sante Dokumente darüber gefunden. '

'äh durch ein regelmäßiges, gesundes Leben meine erschütterten Nerven wieder ut Ordnung zu bringen suchte ich brauchte mehr als zwei Jahre dazu, erhielt ich wiederholt! Nachricht von Dambrun. Die Ausbesserungen im Palast Al- venigo schritten vorwärts. Dambrun hatte von Mörtel bedeckte tte Dekorationen entdeckt, hei Kunsthändlern viele Gegenstände und Möbel.getauft, die fast alle der Familie Akveingo gehört! hattem Einige dieser Funde wären wirklich merkwürdig, schrieb er. In Padua hatte er lackierte Möbel aufgestöbert, die in dem Zimmer der schönen Komtesse Bellina gestanden und ihr Wap­pen und ihren NaMeiMng trugen. So hatte er auch ein Toi­letten, ervice, das denselben Ursprung hatte, entdeckt. Dann hätte er einen Polizeibericht in den Archiven gefunden, der besagte, daß die Gräfin Alvenigo durch einen großen österreichischen Herrn geraubt und ihre Spur niemals wiedergefunden worden war. Der Polizist schrieb dieses Verschwinden dem! Teufel zu: denn die Komtesse hätte ketzerische Ansichten gehabt und sich viel mit Kabala beschäftigt.

Aber damit nicht genug. Dambrun hatte schließlich ein von Longhi gemaltes Porträt der Alvenigo entdeckt. Voll Freude beschrieb er es mir. Sie war int Karnevalkostüm dargestellt, nut einer Mantille aus schwarzer Seide, eine Rose in der einen Hand, in. der anderen eine weiße Maske aus Pappe. Er ver- Mach mir auch eine Photographie davon zu schicken! . .

Herr de Balvic unterbrach sich einen Augenblick, dann fuhr er mit eutent Seufzer fort: ' '

Leider sollte ich weder das Porträt, noch meinen atmen Freund Lucien Dambrun jemals Wiedersehen, ltmstände, die nicht hierher gehören, veranlaßten nnch, eine lange Reise nach Indien zu nntcrnehmen. Ich war achtzehn Monate abwesend. So lange' ich verreist war, empfing ich kein Lebenszeichen von Dambrun, Sein schweigen setzte mich nicht sonderlich in Erstaunen, und ich vermutete nichts Unangenehmes. Mein Freund hatte, so nahm ich an, das Leben, das ihm bchagte und von denk ich mich los!-- gemacht hatte, weiter geführt; er.litt ja auch nicht darunter wie ich. Es gibt Menschen, die in einer nervösen Spannung leben können und dabei ihr Gleichgewicht wahren; mir war es eben nicht möglich gewesen. Gewiß war Dambrun, während ich durch die Städte Indiens reiste, immer noch in Venedig, mit denselben' Hirngespinsten beschäftigt und noch immer in den Schatten der hübschen Komtesse Alvenigo verliebt. . . Welch schmerzliche Ueb'er- raschung erfuhr ich daher bei meiner Rückkehr, als ich! einen Brief vorfand, der mir Dambruns Tod anzeigte. In diesem Schreiben, das von seinem Pariser Notar an mich gerichtet war, wurde mir gleichzeitig mitgeteilt, daß Dambrun mich in seinem Testament als Erben des Palastes Alvenigo eingesetzt hatte und mir auch sein umfangreiches Tagebuch hinterließ, das Herr Leblin zu meiner Verfügung hielt. .

Herr de Balvic schwieg. Er schien einen Augenblick zu zögern, ehe er seine Erzählung fortsetzte. Schließlich gab er sich eilten Ruck und sprach weiter: 1

Erst als ich das Tagebuch las, begriff ich, was den Tod' meines armen Freundes herbeigeführt hatte. Ja, Lucien Dambrnn! war in Venedig gestorben, an seinem Zauber zu Grunde gegangen, der einem Geiste wie deut feinen, unheilvoll geworden war. Venedig hatte Schuld an jenem Wahnsinn, der sich täglich steigerte, wie mir das wirre Geschreibsel, das ich vor mir hatte, zeigte.- Denn mein armer Freund Dambrun starb an Wahnsinn in dem Palast Alvenigo. In seiner krankhaften Einbildnng sah er darin eilten Schatten, dessen Gegenwart feine Vernunft nach und nach zerstörte. i - I

Ich sagte Gegenwart; denn mit dem Gedanken dieser Gegen­wart, die zuerst unsichtbar war, begann das Unheil. Es begann! mit dem Gefühl, daß er nicht mehr allein sei in seiner Wohnung, daß jemand Tag und Nacht darin umherstrich. Taufend unmerk- liche Anzeichen vereinigten sich, um ihm eine heimliche Gewißheit zu geben. Zuerst war das Phantom noch ohne feste Gestalt, dann