Ausgabe 
29.11.1913
 
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1 Nun schlüpfte auch Just aus seinem Versteck hervor und gesellte sich im Ausgange des südlichen Schloßflügels in un­auffälliger Weise zu dem Staatsanwalt.

Ich habe Ihnen Wichtiges zn melden," raunte er ihm leise zu:lassen Sie uns nach der Station zu Fuß gehen, wir haben noch 25 Minuten bis zum nächsten Zuge."

Teil nickte. Er hüllte sich fester in seinen Mantel, denn es war kühl geworden, und machte sich mit seinem Begleiter auf den Weg.

Was ist vorgefallen? Reden Sie?"

Hier noch nicht, Herr Staatsanwalt. Lassen Sie uns erst die andere Seite des Weges gewinnen, dort, bei den .Gärtner-Lehranstalt vorbei, dort drüben sind wir ungestört."

Sie überschritten den Fahrdamm, auf dem die laternen­versehenen, herrschaftlichen Wagen mit den Berliner Gästen vorüberrollten, und erreichten den einsamen Fußgängerweg auf der westlichen Seite der das Schloß mit dem Bahnhof verbindenden Allee.

So, Herr Staatsanwalt," hob Just, sich umschauend, an,hier sind wir sicher, hier kann ich berichten, Ich habe! heute Peter Dechner erst ganz vergeblich gesucht."

Warum?" warf Tell scharf dazwischen.

Just hob verwundert den Kopf und schaute zu seinem um vieles größeren Begleiter empor, konnte aber trotz der zahl­reichen, an den,Bäumen des Weges befestigten Lampen Teils Gesichtszüge nicht deutlich erkennen. So erwiderte er etwas eingefchüchtert:Ich wollte ihn nur sehen, um mich zu über­zeugen, ob er den Verlust jenes Briefes nicht schon gemerkt haben möchte."

Und wollten ihn dann warnen," ergänzte Tell im Tone strengen Verweises',ihm womöglich einen: Wink geben, daß er sich dem Arme der strafenden Gerechtigkeit entziehen sollte. Doch das verbitte ich mir! Ich, kenne keine Bedenken und keine Rücksichten mehr und werde pflichtschuldig gegen ihn einschreiten."

Helle Freude verklärte das Antlitz des anderen; es söhien ihn mit hoher Genugtuung, zu erfüllen, daß sein jüngerer Freund sich endlich aufgerafft hatte und mutig nur der Stimme seines Gewissens folgen wollte. Doch er hütete sich, diese Genugtuung zn verraten, und beteuerte nur:Ich wollte ihn gewiß nicht warnen, Herr Staats'-- anwalt, sondern nur sehen. Ich muß nämlich gestehen, daß mir immer wieder Zweifel kamen, ob ein Mann wie Peter, trotz seiner politischen Ansichten, sich wirklich zu einem so schmachvollen Verbrechen habe erniedrigen können; deshalb nur wollte ich ihn aufsuchen. In seiner Wohnung auge- kommen, erfuhr ich aber, daß er nach Hamburg abgereist sei. Das' machte mich denn doch wieder stntzig, denn ein so urplötzliches' Verschwinden aus Berlin kam mir äußerst verdächtig vor. Als noch verdächtiger muß es freilich er­scheinen, daß diese Abreise, wie ich zufällig hinterher er­fahren sollte, der reine Schwindel war; Monsieur Peter be­findet sich nach wie vor in Berlin, und zwar in einem Ver­steck, wo er ziemlich sicher vor der heiligen Hermandad ist,"

Tell, der immer aufmerksamer zugehört hatte, fragte gespannt:Ei, wie erfuhren Sie das?"

Ich war zu Herrn Adolf Dechner in der Friedrich-- straße gegangen, da ich dort näheres über Peters Reife­zwecke erfahren zu können glaubte. Herr Adolf wußte aber nichts von seinem Bruder und hörte von dessen Abreise zum ersten Male. Wie wir noch darüber sprechen, kommt feine Braut aufgeregt ins Zimmer in der unverkennbaren Absicht, dem Bräutigam eine wichtige Mitteilung zu machen; wie sie mich aber gewahr wird, stutzt sie und fängt etwas! gezwungen von gleichgültigen Dingen zu reden an. Ich merke gleich, daß ich im Wege bin, und gebe meine Absicht kund, mich zurückzuziehen. Doch der peinliche Herr Adolf

nun, Sie kennen ihn ja, Herr Staatsanwalt! will das nicht dulden, ich würde es tibelnehmen, warum Sabine nicht auch in meiner Gegenwart sprechen wollte? Ich wäre doch ein alter Freund des Hauses und dergleichen. Ich mußte also bleiben, und nun schüttete das geängstigte Fräulein sein Herz ans. Peter Dechner war in Berlin und hatte sich an ihren Beistand gewandt; er würde mit Ausweisung bedroht, so hatte er ihr vorgeflunkert, und deshalb möchte sie ihm ein Versteck verschaffen, wo er vorläufig sicher vor der Polizei iväre."

Und sie hat es ihm verschafft?"

Ja, Herr Staatsanwalt."

Schwachherzige Weiber! Wo denn?"

Inst überlegt;. Er kannte den Entschluß Tells, jetzt

rücksichtslos vorgehen zu wolle», aber er wüßte atich, daß trotz dieses Entschlusses dem Staatsanwalt das Herz arg bedrückt war. So erwiderte Inst denn ausweichend: Irgendwo in einer Kellerwohnung des Nordens."

Sie müssen doch Straße und Nummer wissen?" Ich habe leider beides vergessen."

Nun, man wird es morgen von Sabine Meerholt er­fahren," meine der Staatsanwalt.

Schweigend, ein jeder in seine Gedanken verloren) verbrachten sie die Heimfahrt.

Zur selben Stunde saß Peter Dechner mit seinem' Wirte, dem Invaliden Gebauer, in dessen Kellerstübchen zusammen. Die Fensterläden waren geschlossen, auf dem Sofatische brannte die Lampe, neben ihr stand eine Flasche mit schwerem Rheinwein, aus der Peter dann und wann; sein und des andern Glas mit leise zitternder Hand füllte.

Es war eine recht schlechte Nacht gewesen, die Peter verbracht hatte, und Sabine hatte nur die Wahrheit gesagt, als sie ihrem Bräutigam und Friedrich Just berichtete, daß Peter nicht wohl wäre. Das böse Gewissen hatte ihn nicht schlafen lassen.

Als der Tag heraufgekommen und siegreich auch in die unterirdische Wohnung gedrungen war, stand Peter auf uud kleidete sich mit matter Hand an.

Peter trat in die vordere Stube, seinen Wirt zu be­grüßen.

Herr des Himmels! Wie sehen Sie denn aus?" hatte ihn dieser angeschrien:Sie werden mir doch nicht krank werden?"

Peter hatte mit dem Kopfe geschüttelt:Ich habe nur schlecht geschlafen."

Doch der Invalide, der einige Erfahrung in den Hin­fälligkeiten und Gebrechen des menschlichen Leibes besaß, war an Peter yerangehumpelt, hatte ihm den Puls gefühlt und sich dann die Zunge zeigen lassen.

Wissen Sie was?" hatte er seine Untersuchung beendet, Sie scheinen mir eine tüchtige Erkältung weg zu haben; Sie dürfen heute abend nicht wieder ansgehen. Sie bleiben hübsch zu Hause, und wir brauen uns einen steifen Grog, der wird Ihnen den Schäden wieder austreiben."

Mit dem steifen Grog war nun Peter nicht einverstan­den gewesen; als der Abend hereingebrochen war, hatte Gebauer von dem Gelde, das Peters Bruder am Nachmittag heimlich durch Sabine gesandt hatte, ein paar Flaschen schweren Weines holen müssen, und Peter versuchte nun fein altes Hausmittel, sich mit Hilfe des Rebensaftes wieder in eine bessere Verfassung zn versetzen.

Gebauer, des Weines gänzlich ungewohnt, hatte schon tiefgerötete Wangen, feuchtschimmernde Augen nnd eine leicht anstoßende Zunge; dabei verriet er aber die entschie­dene Neigung, durch langatmige Reden seinen Gastfreund über die Lage der Gesellschaft und die nach seiner Meinung erforderlichen Umgestaltungen derselben gründlich aufzu- klären. Wäre Peter nicht innerlich vom Stachel der Reue zerfleischt worden, er hätte wohl kaum dem Geschwätz des braven Alten so geduldig zugehört; so aber lieh er ihm' ein williges Ohr, indem er den schlichten Manu und seine: kindliche Weltanschauung und die unerschütterliche Treue und Festigkeit seines Charakters im geheimen beneidete.

So ein Kerl," beendete der Alte eine längere Rede) der sein Vaterland aufgibt, d!at is' jenau dasselbe wie eener, der seine Mutter verleugnet man kann ihn wohl zu allerlei Verbrechen anreizen und er wird auch jelehrig Raub und Einbruch und Brandstiftung mitinachen, aber als Baustein zum Aufbau eener Welt ist so een Subjekt doch nimmer zu jebrauchen," .

(Fortsetzung folgt.)

Da§ Porträt der Aomteffe Mvenigo.

Von H e n r i d e R 6 guie r.

Jfh mache mir nicht viel aus neuen- Bekanntschaften, als rch den Grafen Valvic bemerkte, den ich gestern ber einem! ®tner fcnnen gelernt hatte, war meine erste Regung, ihm nuj dem Wege zu gehen, um eine Unterhaltung mit ihm zu vermei- dem Er war mir keineswegs nnchmpathisch; aber ich wollte mich einen Augenblick sammeln, um den starken Eindruck, den tue Aquarelle und Zeichnungen des Malers Hurtaut auf mich Machten, stärker genießen W können. Bor den so eigenartigen Schöpfungen deI jungen Künstlers, die in einer Ecke des Saales hmgen, stand ein großes' Sofa, das zum Misruhen und UeheP-