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ßwman von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Adolf Dechner war im Laufe des Nachmittags von Berlin herübergekommen, um den im Grottensaal aufgestellten Konzertflügel noch einmal nachzustimmen. Er hatte Friedrich Just der gerade bei ihm gewesen war, um ihm eine Mitteilung über den verschwundenen und von ihm durch Sabinens heimliche Mitwirkung wieder aufgefundenen Peter zu machen, mit nach Potsdani genommen; da die Zeit knapp war, sollte Just unterwegs über Peters trauriges Schicksal noch eingehender berichten. Die Beteiligung Peters an dem Einbruch hatte Just streng verheimlicht; er hatte nur das von Peter selbst erfundene Märchen weiter erzählt, daß die Poli- zer den Maurermeister Dechner wegen sozialdemokratischer Umtriebe suche, und daß sich dieser deshalb im Hause der Frau Meerholt versteckt hielte; der Erzähler hatte hinzugefügt, daß Peter neuerdings dort erkrankt und wegen seiner gänzlichen Mittellosigkeit der Unterstützung mitleidiger Seelen dringend bedürftig sei. Adolf Dechner hatte sofort seine Bereitwilligkeit erklärt, dem Bruder zu helfen und die Absicht ausgesprochen., ihn auch morgen heimlich zu besuchen; dann war er mit Friedrich Just von Station Wildpark nach dem Neuen Palais gegangen, um dort in dessen Mitanwesenheit er hatte ihn als seinen Gehilfen ohne weiteres mit in den Grottensaal genommen) den Flügel zu stimmen. Frau Mie- scke, die Hoffouriers-Witwe, die noch immer Beziehungen mit der kronprinzlichen Dienerschaft unterhielt und neugierig nach deut Palais geeilt war, um eine heimliche Zuschauerin des Festes zu sein, hatte die beiden Männer zufällig dort getroffen und es bei dem betreffenden Hausoffizianten vermittelt, daß sie alle drei den Balkon des Marmorsaales heimlich betreten dursten.
Der Staatsanwalt, dem dieser Zusammenhang noch unbekannt war, blickte verwundert empor und glaubte zu bemerken, daß ihm Just zunickte und heimliche Zeichen machte; er konnte sich aber auch getäuscht haben, denn es war eine beträchtliche Höhe bis hinauf zu dem Balkon; deshalb zuckte er mit den Achseln und ging, das Haupt wieder senkend, langsam weiter.
„Nun, essen Sie denn gar nichts?" fragte ihn eine freundliche Stimme; „die Pflege der Gerechtigkeit macht nicht
Es war der Kronprinz, der ihn so noch einmal anredete.
„Aber sie stärkt des Menschen Herz," erwiderte Teil, der nun glücklich den Bann, der auf ihm lag, abgeschüttelt hatte. Der,Kronprinz stieß, indem er die Schultern hoch und die Stirn in krause Falten zog, einen leichten Seufzer aus: „Ja, ja! Gerechtigkeit wird von aller Welt gefordert; man müßte aber ein Gott sein, um sie auch immerdar üben zu
können. Und doch ist gerade das Ihre schwere Aufgabe, Herr Staatsanwalt. Keine Anklage wider einen Schuldlosen, wider einen, nur halb Verdächtigen, gegen den keine zwingenden Beweise vorliegen; aber auch keine Schonung eines Schuldigen, er stehe so hoch, wie er wolle! Daun kommt uns auch die goldene Zeit, denn es gibt keine Gleichheit der Menschen, außer vor Gott und vor dem Gesetze."
Er hatte es mit freundlichem Ernst gesagt und drückte nun dem Staatsanwalt, wie einem, der ganz selbstverständlich derselben Meinung ist, mit einem leutseligen: „Auf Wiedersehen!" noch einmal die Hand zum Abschiede.
In, Teils Seele hatten diese gänzlich unanzüglichen Worte einen Sturm des Aufruhrs erregt. War es nicht ein Wink des Schicksals gewesen? Er wollte wahr sein, wahr ohne jedes Bedenken, ohne irgend welchen Rückhalt!
Ein schmerzhaftes Krampfen des Herzens schien ihn aber doch erinnern zu wollen, daß er mit diesem Entschlüsse Ellen wahrscheinlich für immer verlieren würde. Doch auch diesen Preis wollte und mußte er zahlen.
Ohne irgend etwas genossen zu haben, drückte er sich, als sich der Hof zurückgezogen hatte, eilfertig nach den Vorzimmern, wo ein Kleiderriegel hinter dem anderen stand und Lakaien bereit waren, den Herren und Damen in ihre Mäntel zu helfen.
Vor einem Paare, das aus einem der Zwischenräume zwischen zweier solcher Riegel fertig eingehüllt herauskam, prallte er erschrocken zurück; es war Ellen und der Leutnant v. Randenstein. Er ahnte nicht, was zwischen beiden eben verhandelt worden, so wie diese beiden selbst keine Ahnung! hatten, daß Friedrich Just, der, hinter den Kleiderriegeln versteckt, auf seinen jungen Freund, den Staatsanwalt, ungeduldig wartete, ein unbemerkter Zuhörer ihrer kurzen Unterhaltung gewesen war.
„Mein gnädiges Fräulein!" hätte Randenstein innig gesagt, indem er diensteifrig den schwanbcsetzten Mantel über Ellens schöne Schultern legte, „geben Sie mir, ehe wir uns trennen, wenigstens den Trost mit, daß ich noch hoffen darf."
. „Bitte, Herr v. Randenstein, kommen Sie auf dieses Thema nicht wieder zurück. So leid es mir tut, ich kann Ihnen keine Hoffnung geben."
„Dann ist Ihr Herz nicht mehr frei! Wem haben Sie es geschenkt? O, sagen Sie es mir!"
Sie hatte einen Augenblick gestockt, dann hatte sie ihp liebliches, von weißer Kapuze umhülltes Gesichtchen emporgerichtet und den beharrlichen Bewerber gequält angeschaut: „Warum foltern Sie mich mitleidlos? Ich werde nie heiraten! Genügt Ihnen das?"
Der gegen seinen Willen zum Lauscher gewordene Just hatte noch bemerkt, wie Ellen mit dem Taschentuch ihre Wangen betupft hatte, dann war sie zwischen den Riegeln heröor- getreten, uitS der lange Randenstein war ihr in seinem Rei- termantel säbel- und sporenklirrend zur Seite geblieben, um sie bis zu ihren harrenden Eltern zu geleiten.


