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Mit dem nötigen Nachdruck unternommen. Oesterreichische Einflüsse, die Napoleon ans verwandtschaftlichen Rücksichten schonen wollten, machten sich geltend, und Blücher hatte Mühe, bis er sich durch- sehtc, daß ihm und York die Verfolgung des Feindes übertragen wurde. So vergingen mehrere Tage, und Napoleon gewann einen ihn rettenden Vorsprung.
Bei Weißenfels wurde die Saale überschritten, und der Weitermarsch über Freiburg a. d. Unstrut nach Erfurt fortgesetzt. Bee Freiburg von nacheilendeu Reitern des Norlschen Korps bedrängt und bei Weima r von schwärmenden Kosaken zeitweise beunruhigt, erreichte die französische Armee ohne besondere Kampfe am 23 Oktober Erfurt. Hier wurde ein Tag gerastet und aus den reichen Magazinen dieser Festung für Verpslegurig und Ergän- zung der Munition gesorgt. Hier erfuhr auch Napoleon, daß der bayerische General v. Wrede über Würzburg nach dem Maintale vorrücke. Hierdurch veranlaßt, verbreitete sich das Gerücht, durch das auch Blücher getäuscht wurde, Napoleon werde niinmehr seinen Rückzug nicht durch das Kinzigtal, sondern durch den Vogelsberg über Gießen nehmen.
Nachdem Napoleon in Erfurt zur Deckung seines Rückzuges das Ondinoische Korps zurückgelassen hatte, setzte er in Eile seinen Weiterniarsch nach Eisenach fort, wo er in der Nacht vom 25./2G. Oktober verblieb. Auf dem Wege nach Vacha erfuhr er am ~6., daß in dem Dorfe B u t l a r durch den Verrat der Einwohner seine Avantgarde mit der Kriegskassc überfallen worden sei. Sofort befahl er, das Dorf trotz der Bitten der Einwohner in Asche zu legen Napoleon folgte der Vorhut, die schon auf dem Wege nach ® I u chte r n war. Von Vacha aus am 27. nach und begab sich a*u 2p Wer H ünfel 5 nach Fuld a. Hier stieg er am Posthause ab, ließ sich eine Tasse Schokolade und ein Fuldaer Hörnchen (Gebäck) gut schmecken und setzte am 28. seine Reise nach Schlüchtern fort. . Nur dunkle Gerüchte von der Schlacht bei Leipzig hatten sich ul den Fürstentümern Hanau und Fulda, die seit dem 15. Februar 1810 zu dem Großherzogtum Frankfurt unter Karl von Dalberg gehörten, verbreitet, die in Frankfurt erscheinende „Gazette du grand — buch6 de Francfort" "suchte den Erfolg der .Verbündeten absichtlich zu vertuschen, obschon ihr bereits am 23. der Präfekt von Fulda das Erscheinen feindlicher Truppen bei Meiningen und Eisenach gemeldet hatte. Bald erhielt man in Schlüchtern Gewißheit. Tausende von Kranken und Verwundeten trafen in bejam- merswertem Zustand ein. Ihnen folgten am 23. bis 25. Oktober weitere Kolonnen, die es sehr eilig hatten und bei der Bezahlung der eingekauften Gegenstände gar nicht auf die Herausgabe des Geldes warteten. Am 27. gegen Abend traf die Avantgarde des französischen Heeres, etwa 12 000 Mann stark, bei Schlüchtern ein und wollte gerade zwischen Schlüchtern und Niederzell das Biwak beziehen, als sie von größeren feindlichen Reitertrupps, hauptsächlich Kosaken, überrascht wurde. Bald zogen die Franzosen wieder m der Richtung Gelnhausen weiter. In der Nacht vom 27. zum 28. Oktober erschien ein Korps Kosaken unter General Tschernitschefs die Bürgermeister) von Schlüchtern auf, durch Bürger die Bäume decke der russische General den Maire (so nannte man damals die Bürgermeister) von Schlütern auf, durch Bürger die Bäume der Hauptstraße abhacken zu lassen und durch einen Verhau den Franzosen den Weg zu versperren. Während man damit beschäftigt war, erschien die französische Haupiarmee mit Napoleon vom „Distelrasen" her. Die Kosaken stoben auseinander, verloren sich in die umliegeiiden Wälder und Dörfer; andere ritten über die Berge am linken Ufer der Kinzig nach Gelnhausen weiter. Bis zur Ankunft der Kosaken hatte man in Schlüchtern immer noch geglaubt, Napoleon sei mit der Hauptärmee über Lauterbach nach Gießen marschiert, ein Irrtum, in den auch Blücher verfiel.
Am 28. gegen Mittag passierte die französische Haupt- armee, etwa 20 000 Maun stark, Schlüchtern und lagerte sich in und bei dem Städtchen. Sofort sprengten einige Offiziere vor das Kloster (damals Gymnasium, jetzt Lehrerseminar), meldeten dem Rektor Kasselmann die Ankunft Napoleons und beauftragten ihn, für Herstellung der Wohuräume Sorge zu tragen, da der Kaiser im Koster Quartier nehmen wolle. Um 3 Uhr stieg Napoleon int Kloster ab, nachdem seine Garden den Klosterhof und die anstoßenden Gärten besetzt hatten. Um 4 Uhr nahm der Kaiser schnell sein Mahl ein. Nach der Tafel ließ er einen Ortseinwohner vortreten, der über seine Wahrnehmungen bei Volmerz, einem Dorfe bei Schlüchtern, wo sich Kosaken und preußische Husaren gezeigt hatten, berichten mußte. Der Gewährsmann berichtet, daß er bei seinem Eintritt den Kaiser an getroffen habe, wie er mit feinen Generälen Berthier und Caulaincvurt an einem Tische gestanden, auf dem eine große Karte ausgebreitet war. Der Kaiser zeigte große Unruhe und fragte, ob noch feine Nachrichten aus Mainz eingetroffen seien. Gegen Abend traf ein Ordonnanzoffizier von Mainz, über Hanau kommend, ein und meldete, daß der Paß von Wirtheim vor Gelnhausen noch unbesetzt sei. Napoleon deutete ylit dem Finger auf die Karte und wandte sich mit den Worten an Berthier: „Nous passerons le Rhin." Mm Wend unterhielt sich der Kaiser in anscheinend guter Laune mit seinem Quartiergeber, dem Rektor Kasselmann. Der Forstmeister Zipf wurde gerufen und gefragt, über wieviel Pferde er noch bis zum anbern Morgen verfügen könne. Am 29. gegen 8 Uhr morgens setzte Napoleon in einem geschlossenen Wagen unter starker Bedeckung von Kavallerie seine Weiterreise fort. Seinem Wagen mußteii zwei Postillione vorausreiten.
Die am 27. von Schlüchtern bis S a l m ü n st e r vorgegaw geue Vorhut biwakierte bei diesem Städtchen. Als sie am 28. mor- gen» aufbrach, wurde sie von einer preußischen Reiterschar unter dem . ajor v- Eolomb, die von Brückenau kam, und der sich unterwegs een Streiskorps des österreichischen Obersten v. Scheibler attgeschlos- fen hatte, angegriffen. In den Hauptstraßen von Salmünster entwand ein Kampf, der allgemeine Verwirrung anrichtete, aber den Weitermar,ch der Franzosen nicht hinderte.
Q, ®te französische Nachhut berührte am 29. Schlüchtern in voller llnllofung Die Wagen gerieten in der Stadt ins Stocken, Hunderte von Kranken uno Verwundeten mußten in der Stadt zurückgelassen werten. Am 30. erschienen schon die Vortruppen der Verbüiideten.
, Avantgarde der Franzosen kam von Salmünster aus unbehelligt durch den Wirtheimer Paß und traf am 28. Oktober UT pv1 n h a n f e n ein. Nachmittags erschienen in der Stadt einige fto)afen, denen bald das ganze Tschernitscheffsche Korps folgte. Die Franzosen eilten m wilder Flucht nachdem Hanauer Tor und schlugen den Weg nach Langenselbold ein. Schlimmer noch als die Fran- zosen hausten die Kosaken in der Stadt, zum Glück für die geäng- stigten Gelnhauser Bewohner verließen sie mit Anbruch des Tages am 23- fte Stadt und nahmen ihren Weg in der Richtung Hanau.
Wrede,. der bayerische General, der 1812 noch tapfer auf Napoleons "Seite in Rußland gekämpft, wollte den retirierenden Franzosen entgegentreten und trat von Aschaffenburg aus mit 30 000 attann seinen Marsch nach Hanau an. Eine zweite Abteilung, 2000 Mann stark, beorderte er mit General Volkmann über Alzenau nach Gelnhausen, und weitere 10 000 Mann mußten Wer Seligenstadt nach Frankfurt vorgehen. Dadurch zersplitterte Wrede seine Kräfte. Trotzdem ihm am 26. von dem österreichischen Obersten v Scheibler die Mitteilung wurde, daß die ganze französische Armee durch das Kinzigtal im Anmarsch sei, glaubte er noch immer, bajj er es nur mit einem Teil der Franzosen zu tun habe, und daß Napoleon nut der Hauptarmee den Weg über das Vogelsgebirge nach Gießen genommen habe.
Nach Hanau toaren bis zum 26. nur dunkle Gerüchte von dem Ausgang der Schlacht bei Leipzig gedrungen. Nur an der Unruhe der sraiizösischen Behörden merkte man, daß etwas Besonderes vorgehen müsse. Erstaunt war man, als der französische Stadtkommandant am 27. plötzlich die Stadt verließ und die Wache an die Bürgergarde abgab) Am 28., morgens um J/27 Uhr, rückte eine Schwadron bayerische Chevauxlegers in Hanau ein. Ihr folgte bald das ganze Reiterregimeiit. In der Vorstadt von Hanau, an der Kinzigbrücke, da, wo die Friedberger Landstraße einmündet, erschieneii unterdessen gegen Miitag starke französische Abteilungen Die Bayern wurden gegen Wend des 28. aus der Stadt gedrängt und nahmen östlich der Stadt bei der „Ehrensäule", in der Nähe des heutigen Friedhofes, ihre Aufstellung.
. Von dem Nürnberger Tor in Hanau (bei dem Friedhof) gehen drei Wege aus, der eine nach Aschaffenburg, der zweite nach Niederrodenbach (Pulverfabrik), und der dritte nach Gelnhausen (Leipzig) über die „Lamboybrücke". Oberhalb dieser Brücke begrenzt die Leipziger Landstraße der „L a mbo ywald",**) den die französische Armee auf ilirem Marsche durchschreiten mußte. Die erwähnte Brücke über die Kinzig wurde am 28. abends von bem vorgenannten bayerischen Reiterregiment besetzt, da von Gelnhausen her starke französische Kolonnen im Anmarsch waren. Am 29. traf die ganze bayerische Armee unter Wrede, 30 000 Mann stark, ein, vertrieb die Franzosen aus der Stadt und besetzte in der Vorstadt die Kinzigbrücke. An demselben Tage entspann sich in der Nähe des Lamboywaldes, im sogenannten „Popvenwald" ein heftiges Gefecht Die Franzosen mußten den Rückzug antreten; 3000 Mann gerieten in Gefangenschaft. Wrede sandte jetzt auf der Gelnhüuser Landstraße die Division L a m o 11 e vor; er selbst verlegte fein Hauptquartier in das Hanauer Altstädter Schloß.
Die von Wrede über Alzenau nach Gelnhausen Vorgeschichte Abteilung unter Volkmann, bestehend aus zwei Reiterregimentern und einem österreichischen Jägerbataillon, hatte von Gelnhausen bis nach Höchst lan der Kinzig, unweit des Wirtheimer Passes, Aufstellung genommen, wurde aber von einer herannahenden französischen Abteilung zuni Rückmarsch über Merholz nach Hanau gezwungen. Die Kosaken hatten am 27. die Brücken über die Kinzig bei Höchst und Gelnhausen zerstört, die jedoch von der französischen Avantgarde schnell wieder hergestellt werden mußten, da die Hauptarmee (mit dem Kaiser im Anmarsch war. Unbehelligt war er durch den gefährlichen Wirtheimer Paß gekommen. Als Napoleon glücklich diesen Engpaß hinter sich hatte, rieb er sich die Hände und äußerte zu seiner Begleitung: „Eh bien, qiie üeut done ce monsieur de Wrede; il est dnps!" Bei dem Dorfe Rothenbergen in der Nähe von Gelnhausen entspann sich ein Kampf zwischen Franzosen und der erwähnten von Hanau vorgeschickten Division Lamotte, die nach hartem Kampfe über Rückingen bis zum Lamboywald zurüch- gedrängt wurde. Napoleon hatte in der Dorfschenke , zu Rothenbergen den Ausgang des Gefechtes abgewartet. Dann begab er sich nach Langenselbold, wo er im Fürstlich-Menburgischen Schlößchen die Nacht vom 29. zum 30. Oktober verbrachte.
**) So benannt nach dem kaiserlichen General Lamboy, der 1635 Hanau belagerte, aber durch Landgraf Wilhelm von Hessen- Kassel aus dem Walde vertrieben wurde (jetzt befinden sich im Walde die Ulanenkaserne und die Kaserne des Eisenbahnregiments).


