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nach Wahrheit zwischen ihnen beiden erfüllt feilt, denn plötzlich bleibt sie vor einem über und über mit lala Bluten- trauben bedeckten Fliederbusche stehen, und zu ihrem Begleiter die Augen ausschlagend, fragte sie unvermittelt: „Herr Staatsanwalt, wollen Sie mir aus eine vertrauliche Frage eine ehrliche Antwort geben?"
Eine bange Ahnung durchzuckt seine Seele, doch entschlossen sagte er: „Das will ich!"
„So sagen Sie mir: ist mein Papa wirklich nur auf dem Scheibenstande oder nicht vielmehr in einem Zweikampfe verwundet worden? Und sind Sie am Ende sein Gegner gewesen?"
„Wie kommen Sie auf diese Vermutung?"
„Durch Ihr eigenes Benehmen. Die Unsicherheit, die Sie mir gegenüber heute den ganzen Tag gezeigt haben, hat Sie verraten — nicht wahr, ich habe recht?"
„Leider ist es so," gesteht der Staatsanwalt in mutigem Wahrheitsdrange.
Banges Schweigen auf beiden Seiten.
Durch Ellens schlanken Wuchs geht ein Zittern; mit bebenden Händen greift sie nach der Orchidee, die sie dem Strauße des Staatsanwalts entnommen und in das Knopfloch ihres Mieders gesteckt hatte; ohne zu wissen, was sie tut, zerpflückt sie die Blume mit kurzen, heftigen Bewegungen und läßt die losen Blätter achtlos auf den Kies des Weges flattern.
„Mein gnädiges Fräulein," flehte Teil bestürzt, „urteilen Sie nicht nach dem Schein! Wenn Sie wüßten, welch' ein grausames Mißverständnis diese unselige Sache veranlaßt hat, Sie würden mir verzeihen, wie dies auch Ihr Herr Vater längst getan hat. Fragen Sie ihn, oh ich anders konnte; ich handelte unter einem Zwange, für den Sie mich wahrlich nicht verantwortlich machen dürfen."
Vergebens bemüht er sich, seine Verteidigung zu führen. Mit gesenktem Haupte steht Ellen da; sie atmet schwer und tief und zerfetzt auch noch den Stiel der bereits zerpflückten Blume. Ihre" Brust hebt und senkt sich in schluchzenden Stößen, und eine Tränenflut stürzt ihr über die schmerzlich zuckenden Wangen.
„Ich beschwöre Sie, Fräulein Ellen — ich bin unschuldig — so hören Sie mich doch nur au!"
Sie hört ihn nicht mehr. Hastig hat sie sich abgewandt und mit hastigen Schritten kehrt sie zum Schlosse zurück, ihn der Einsamkeit und seiner Bestürzung überlassend.
Eine Stunde später sitzt Teil mit der freiherrlichen Familie und Just au der Abeudtasel; er hatte schon unmittelbar nach der Szene im Garten abreisen wollen, aber der ahnungslose Herr von Brank hatte ihn nicht fortgelassen.
Ellen ist schweigsam und etwas bleich; der Glanz ihrer Augen ist weniger lebhaft als sonst; auf Befragen der Mutter erklärt sie, daß sie eine Anwandlung von Kopfschmerz habe.
Tell nimmt gezwungen an der Unterhaltung teil, deren Kosten besonders der Hausherr und Just zu tragen haben.
„Die Zustände in Berlin werden immer greulicher," wendet sich Brank an seinen Gast. „Kennen Sie denn schon die famose Rede, die Peter Dechner, der bekannte Politiker, neulich in einer Versammlung gehalten hat? Ich las sie soeben in meiner Abendzeutung."
/ Der Gefragte verfärbt sich, will sich denn heute alles gegen ihn verschwören?
„Nein," wirft er scheinbar gleichgültig hin, „derartiges Zeug lese ich überhaupt nicht."
„Das sagen Sie, ein Staatsanwalt? Ei, ei! Von solchen Dingen müßten Sie doch eigentlich Kenntnis nehmen," bemerkt scherzend der Freiherr. „Ich würde übrigens solches Zeug, wie Sie es ganz richtig nennen, auch nicht lesen, wenn nicht gerade dieser Peter Dechner hier bei mir einen Bau geleitet hätte. Ein gewandter, schneidiger Bursche, dem ich solche Ansichten gar nicht zugetraut hätte; es ist jammerschade um ihn!"
„Was hat er denn gepredigt?" fragt Frau von Brank, di« sich des hübschen Maurerpoliers nun auch erinnert.
„Ach, liebe Claire, das läßt sich vor Damenohren eigentlich gar nicht wiederholen; er hat über die Frauen und die Ehe gesprochen — ich sage dir, die Haare sträuben sich einem, tveitn man es liest. Die Ehefrau soll ihrem Gatten als Freie und Gleiche gegenüberstehen r—“
„Nun, das ist gar keine so unberechtigte Forderung," wendet der Staatsanwalt ein.
„Sie soll Herrin ihrer Geschicke sein und in freier Liebes«- wähl nur aus Neigung den Ehebund schließen —"
„Das letztere unterschreibe ich auch," bemerkt Frau von Brank.
„Höre nur weiter," fährt der Freiherr unbeirrt fort, „das dicke Ende kommt noch. Der Ehebund sei ein reiner Privatvertrag ohne Dazwischentreten eines staatlichen und kirchlichen Funktionärs; er könne, wie jeder andere Privatvertrag, jederzeit gekündigt und aufgehoben werden, wenn sich Unverträglichkeit, Enttäuschung oder Abneigung zwischen den Ehegatten Herausstellen sollte."
( „Pfui," ruft Frau Klara, „was soll denn aus den Kindern einer solchen Ehe werden?"
„Hierauf hat Herr Peter Dechner auch die Antwort bereit: nach seiner Meinung kennt nur die Bourgeois-Zwangs« ehe eine Rücksicht auf die Kinder, da eben der Bourgeois legitime Kinder als Erben feines Besitzes haben müsse; in der Inobern en Gesellschaft gäbe es aber nichts mehr zu vererben, und deshalb falle jede Bedenklichkeit wegen der Kinder fort. Wenn eine vom Gatten ausgegebene ober ihrerseits dem Gatten fortgelaufene Frau zufällig Kinder habe, so könne sie in der modernen Gesellschaft durch diese Kinder in keiner Weise in ihrer Freiheit und Beweglichkeit verkürzt werden, denn das Zuchthaus — Pardon! ich wollte sagen moderne Gesellschaft — habe soviel Pflegerinnen und Erzieherinnen für die vaterlosen Würmer übrig, daß eine Mutter niemals Sorgen um ihre Kinder, sondern einzig und! allein nur noch Vergnügen an ihnen haben würde. Mit einem Worte: paart Euch in freier Liebeswahl ohne Kirche und Standesamt, trennt Euch wieder, wenn Euch der Sinn darnach steht, und die Kinder überlaßt getrost — nicht etwa dem stieben Gott, den haben diese Weltbeglücker längst .als abgesetzt erklärt, sondern dem modernen Zuchthause."
Fran Klara schüttelt entsetzt den Kopf; Ellen blickt ernst und still auf ihren Teller; Just kneift die glattrasierten Lippen zusammen und trommelt leise mit den Fingern auf dem Tischtuche. Der Staatsanwalt fühlt die Verpflichtung, etwas zu erwidern. Ein eigentümlicher Trotz regt sich in ihm: warum geht er dem Bekenntnis, daß dieser Peter sein Stiefbruder sei, so ängstlich aus dem Wege? Hat er denn einen zwingenden Grund, dies zu verheimlichen? Wird er besser ober schlechter durch die zufällige verwandtschaftliche! Beziehung zu einem Politiker? Und kann sich nach dem, was er vorhin im Garten erlebt hat, seine Stellung hier in Giesdorf überhaupt noch verschlechtern? „Was Peter Dechner anbetrifft," sagt er nach kurzer Ueberlegung, „so ist er gerade kein Flachkopf, er ist nur ein Durchgänger, der sich immer mehr versteigt und erhitzt, je länger man die» Wahrheiten, die als verlorene Weizenkörner auch in der Spreu der politischen Doktrinen stecken, zugleich mit dem Unsinn unterdrücken will." !
„Sie wollen doch einem solchen Menschen nicht ernstlich das Wort reden?" fragt der Freiherr verwundert.
(Fortsetzung folgt.)
Die Schlacht bei Hanau/)
(30. bis 31. Oktober 1813.)
Von Tr. Heinrich Berger, Gießen.
Der letzte Akt des mehrtägigen Schlachtendramas in den Ebenen von Leipzig hatte am Abend des 18. mit der Bezwingung des korsischen Löwen geendet. Rückwärts nach! den schützenden Festen des Rheins lautete jetzt die Parole. Die große „Rekirade" der französischen Scharen beginnt ohne Verzug. In der Nacht vom 18 zum 19. eilen beim Mondschein von allen Seiten vom Schlachtfelde her die Kolonnen herbei und strömen dem Weg nach Li n de na n zu. Alles in hastiger Ueberstürzung. Wagen und Geschütze fahren ineinander. Ueberall Stockung und nur langsames Vorwärts kommen. Die Reste von fünf Reiterkorps von Victor und Angereau voraus; ihnen folgen die Garden. Polen,- Westfälinger und rheinbündlerische Truppen unter Poniatowsky und Macdonald sollen die Verteidigung der Stadt Leipzig, in der noch zahlreiche Franzosen verblieben sind, übernehmen und den ungestörten Abzug der übrigen Korps ermöglichen. Napoleon selbst muß sich am 19. mit Gewalt durch das Straßengewirr der Stadt Leipzig den Weg nach Lindenau bahnen. Hier ordnet er die aufgelösten Verbände seiner Truppen und begibt sich nach jM arkra n- städt, nachdem er seinem Marschall Oudinot die Deckung seines! Rückzugs übertragen hatte. Die Verfolgung des Gegners wurde von den Verbündeten infolge der Uneinigkeit int Hauptquartier nicht
*) Nach mündlichen Ueberlieferungen, urkundlichen Mitteilungen und anderen Quellen.


