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I
Lauernblul.
ßlönian von Gerhart t>. Anryntor (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Bald sitzt Ellen am Flügel, Frau von Brank hat mit einer Häkelarbeit aus dem Rundsofa in der Mitte des Saales Platz genommen, und der Staatsanwalt setzt sich unfern des Flügels in einen Schaukelstuhl.
„Ich komme vom Gebirge her," beginnt Ellen mit klangvoller, vortrefflich geschulter Sopranstimme zu singen. Die Zauberweise des immer wirkungsvollen Schubertschen „Wanderers", das tiefe Weh des unbefriedigten Sehnens, das aus den tiefen Tönen quillt, bewegt das Herz des andächtig Lauschenden.
Im Geisterhauch tönt's inir zurück:
Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück!
Teil schauert unter der düsteren Schwermut dieser 'Klänge zusammen, auch an ihm,'wie an jedem Menschen, der nicht seelentaub ist, vollzieht sich das Wunder, das nur die Musik zu bewirken vermag: in der Tiefe seines Herzens brechen die Quellen Neuer Gefühle auf, iu seinem Hirn dämmern die Ahnungen neuer Gedankenreihen, die er sonst noch nie durchlaufen hat, die aus der gemeinen Wirklichkeit hin- ausführen iu die Unendlichkeit des Uebersinnlichen. Was keine Mathematik und keine Logik zu erschließen vermag, das erschließt uns die geheimnisvolle Macht der Töne: eine neue Welt, losgelöst vom Satze des zureichenden Grundes, eine Welt der Entzückung des wollüstigen Schmerzes, des himmelhohen Jauchzens und zum Tode Betrübtseins. „Tort wo du nicht bist, dort ist das Glück!" Gilt das ihm? Ruft ihm Ellen das vernichtende Wort zu? Ist er wirklich ein friedloser Mann geworden, verbannt aus dem Paradiese der Hoffnung und Liebeswerbung?
Sie hat geendet und schaut nach ihm hinüber, wie, um ihn zu fragen, ob ihm das Lied gefallen habe. Er nickt ihr schwermütig zu; feilt Herz ist so aufgewühlt vom Sturme der widersprechendsten Gefühle, daß ihm das Wort versagt und er nur schweigend seinen Beifall ausdrücken kann.
Ellen legt ein anderes Heft auf das Notenpult. „Ich will ein paar Lieder von Schumann singen, er ist doch der Fürst unter den deutschen Liederkomponisten." Und-nach kurzum Borspiel beginnt sie:
Es ist schon spät, es ist schon kält, Was reit'st du einsam durch den Wald?
Tell kennt auch dieses „Waldgespräch", das ihm eine der schönsten Perlen des deutschen Liederschatzes ist; gespannt folgt er dem ziemlich raschen, dramatisch bewegten Vortrage, und tote Ellen das packende „Jetzt kenn' ich dich, Gott steh' mir bei!" hinaussingt, da läuft es ihm kalt über den Rücken, und toie sie mit der unheimlichen, vernichtenden Verkündigung der Here schließt: „Kommst nimmermehr aus diesem
Wald!", da hat er ivieder die Empfindung, als ob er selbst der Verstoßene, der Todbedrohte sei, und die Wucht dieses! düsteren Schicksalsspruches legt sich ihm zentnerschwer aus! die Seele.
Die Sängerin schweigt, dann wendet sie einige Seiten des Heftes um uud hebt von neuem an:
Ich kann lvohl manchmal singen, Als ob ich fröhlich sei . . .
Auch dieses Lied hat sie schon früher einmal dem Staatsanwalt vorgesungen, aber den Eindruck, den es heute auf ihn gemacht, hat er in solcher Stärke damals nicht empfunden. Mein Gott, denkt er, wie ergreifend kann dieses Mädchen singen. Sie muß wohl selber deu Schmerz kennen, um ihn so wahr und überwältigend auszudrücken. Aber, fragt er sich zweifelhaft, was sollte einer Ellen von Brank, dem verwöhnten Liebling des Hauses, dem Schoßkiude des Glückes, schon Schmerz bereitet haben?
Doch keiner fühlt die Schmerzen, Im Lied das tiefe Leid . . .
In einem schwermütigen Ritardanto hat sie diesen Schluß hingehaucht, er klang wie das unwillkürliche Bekenntnis einer sonst streng verschlossenen, einsam trauernden Seele.
Bis ins Innerste des Herzens fühlt sich Teil erschüttert, aber diese Erschütterung ist zu gleicher Zeit — welch' wunderbare Wirkung der Musik — so süß und wohltuend, daß er um keinen Preis dem Strome dieses tönenden Ergusses Einhalt tun möchte. Trotzdem bittet er Ellen: „Nichts Trauriges' mehr, gnädiges Fräulein, es erdrückt mich."
„Dann soll Sie der Sonnenschein wieder aufrichten," tönt es munter zurück, und Ellen hebt an:
O Sonnenschein, o Sonnenschein, Wie schaust du mir ins Herz hinein!
Anmutig und schalkhaft, wie ein neckender Liebesgott, trägt sie die herzige Weise int Volkstone vor, und aus der Seele des Staatsanwalts schwinden die trüben Wolken, und das goldene Licht des Hoffens und der Zuversicht geht ihm wieder triumphierend auf.
Ein silbernes Lachen fügt sie als iinprovisiertes Me- lisma dem Schlußalkord an, dann steht sie auf und fragt in ungesuchter Einfachheit: „Jst's nicht ein herziges Lied?"
„Das wirkt kräftiger als vier Wochen Sommerfrische!" erwidert Tell voll aufrichtigen Dankes. „Sie haben mir einen hohen Genuß bereitet."
Auch an Tell hat die Musik, wie jede echte Kunst, eine sittliche Läuterung vollzogen, und wie er bald darauf mit Ellen durch den Garten nach dem Seeufer zuwandelt, fühlt er sich angetrieben, die Scheidewand, die die Unwahrheit zwischen ihm und seiner Begleiterin errichtet hat, mit kühner Hand niederzureißen. Er möchte Ellen beichten, daß er es war, der gegen ihren Vater int Zweikampf gestanden hat; er möchte von ihren Lippen feine Begnadigung oder seine Verdammnis erfahren. Und — trifft es sich in der Tat nicht sonderbar? — auch Ellen muß von diesem Bedürfnis


