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|(ur nach der Straße flüchtenden Schwindlers, dann wurde es still im Hanse.
„Nun lassen Sie uns, verehrte Frau Lampert, wieder hineingehen," sagte Just, dem die Genugtuung über sein erfolgreiches Dazwischentreten die Wangen tiefer gerötet hatte, „ich muß Ihnen doch noch berichten, wie das alles znsammen- hängt." Und er kehrte mit der dicken Dame in deren Empfangszimmer zurück.
Im Laden des Herrn Wilhelm Lampert war inzwischen der Herr Baron, seine Zigarette rauchend, unruhig auf und ab gegangen. Von Zeit zu Zeit hatte er nach seiner Uhr gesehen. Als eine bestimmte Frist vergangen war und der Diener sich noch nicht blicken ließ, nahm er seinen Hut zur Hand und sagte zum Juwelier: „Meine Frau ist vielleicht schon ausgegangen und mein Diener wartet nun auf ihre Rückkehr. Es ist besser, wenn ich mich persönlich nach dem Gasthofe begebe."
„Darf ich aber nicht gleich das Halsband mitsenden, Herr Baron?" fragte der dienstbeflissene Juwelier.
„Ich danke Ihnen sehr. Ich komme im Laufe des Tages noch einmal wieder und mache unser kleines Geschäft perfekt."
„Es wird mir eine Ehre sein, Herr Baron; ich lege die Perlen sofort für Sie zurück."
Herr Lampert begleitete den Fremden, der es plötzlich lehr eilig zu haben schien, unter wiederholten Verbeugungen bis zur Ladentür, deren Klinke er erfaßte, um dem Scheidenden die Mühe des Schließens zu ersparen. Er sah, wie der vornehme Herr in der Richtung nach dem Kaiserhofe um die nächste Straßenecke bog.
(Fortsetzung folgt.)
was Merlau in der Mnzosenzett erlebte.
Bon E r n st S i e b c ck, Pfarrer.
Wer sich mit den Ereignissen vor hundert Jahren in der Absicht beschäftigt, die Erinnerung daran in einem kleinen Kreise zu wecken und für die Gegenwart fruchtbar zu machen, der möchte gern die damaligen Geschehnisse und Erlebnisse in eben diesem Kreise kennen lernen. In bezug auf das große Ganze des" deutschen Vaterlandes kommt er bnmit nicht in Verlegenheit; ältere und neuere Werke geben nutz einen lebendigen Eindruck von dem, was die Gemüter in jeuct Zeit bcivegtc. Zum Beispiel bietet das im Verlage vdn Will). Longewiesche erschienene Buch „Die Befreiung! 3.813—1815" eine Fülle tiefer Einblicke in den Geist der Seit. Fontanes „Vor dem Sturm", Schreckenbachs „Der wilde Baron Von Krosigk" führen mit lebendiger Anschaulichkeit in die Erlebnisse der nächstbcteiligten Kreise ein. Schwieriger wird die Sache schon, wenn wir nns mit einem Gebiete zn befassen haben, das nicht selbsttätig an dem „Deutschen Sturm" teilgenommen hat sondern erst in die Bewegnng mit hineingerissen wurde, nachdem die Entscheidung schon gefallen war, wie unser Hessenland; besonders schwierig, wenn es sich um eine einzelne Gemeinde dieses Landes handelt. Haben wir für Hessen immerhin noch eine Reihe von Aufzeichnungen geschichtlicher oder biographischer Art, die uns Kenntnis geben teils von dem Gleichmut, mit dem die Zeitgenossen den Zwang der politischen Verhältnisse auf sich nahmen, teils aber auch vdn der inneren Spannung, welche ans der Anhänglichkeit ans engere Vaterland und der Begeisterung für das -größere Deutschland" entstand, so fehlen uns solche Zeugnisse aus oem inneren Leben einer kleinen Gemeinde völlig; mir wenigstens ist es' nicht gelungen, auch nur ein einziges aus meiner Gemeinde Merian zn finden. Im Gedächtnis der alten Leute haben sich freilich manche Erinnerungen an die Zeit vor 100 Jähren erhalten. Mer sie alle knüpfen sich nur an äußere Ereignisse und geben uns Kunde von der großen äußeren Not, die auf dem Lande lastete, lieber die innere Stimmung der Zeitgenossen läßt sich nichts ausmachen, wenigstens was Merlau anbetrisft. Vielleicht liegen in anderen Dörfern Urkunden oder Erinnerungen vor, welche uns einen Einblick in die Seele der Leute ermöglichen, und ihre Veröffentlichung wäre wertvoll. Die Not und die Drangsale, unter denen unsere oberhessischen Dörfer litten, treten uns besonders deutlich auch aus den schriftlichen Urkunden jener Zeit entgegen, und deshalb muß ich diese Darstellung auf die Schilderung der Äußeren Lage der Gememde Merlau beschränken.
Zu diesen schriftlichen Urkunden gehören außer den Kirchenbüchern vor allem die Gemeinderechnungen aus den Jähren 1805 bis 1816. Sie enthalten eine Fülle wertvollen Stoffes zur Beantwortung der Frage, was M erlau in der Franzosen zeit erlebte. Merlau, jetzt zum Ämtsgerichtsbezirk Grünberg und zum Kreisamt Alsfeld gehörig, unterstand damals in Recht und Verwaltung dem Oberamt Grünberg. Zum Kirchspiel gehörten, wie heute noch) die Orte: Kir.schgarten, Flensungen, Ilsdorf, Stockhausen und Weickartshain. Dadurch, daß Merlau in der Nähe der großen Verkeyrsstraße Gießen—Grüüberg—Alsfeld lag, wurde das Dorf
besoudcrs häufig von Truppendurchzügen und Einquartierungen heimgesucht. Dazu bot das geräumige Schloß, das im Anfang des 19. Jahrhunderts noch stand, willkommene Unterkunft für größere Truppenmengen. Vollends zogen sich die Heeresabtei- lungen in hiesiger Gegend zusammen, nachdem die genannte Straße auch als eigentliche Heerstraße ausgebaut war, wovon später noch die Rede sein wird. Aber auch fn Zeiten, wo Merlau nicht unmittelbar von den kriegerischen Ereignissen berührt wurde, hatte die Gemeinde schwere Kriegslasten zu tragen. Von Grünberg ans ergingen unaufhörlich Forderungen zur Lieferung von Geld, Proviant und Pferden, so daß die Gemeinde schließlich an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit kam.
Schon die Jahre, in welchen Hessen noch nicht dem Rheinbund angehörte, sondern unter seinem Landgrafen Ludwig X. noch ein Glied des „heiligen römischen Reiches deutscher Nation" bildete, hatte es schwer unter den von und mit Frankreich geführten Kriegen zu leiden. Bis ins 2. Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hinein mußte es Kriegsschulden aus jenen Jahren bezahlen. Diese bestanden teils aus Geldleistungen an den Staat, teils aus Nachforderungen von Geschäftsleuten, welche damals für die Gemeinde den französischen Truppen Lebensmittel geliefert hatten. — Die Zinsen für frühere Kriegskosten betrugen 1800 bis 1810 durchschnittlich jährlich 80 fl. Am 18. November 1807. Wird der Gemeinde Exekution, d. h. zwangsweise Beitreibung,- angedroht, „weil sie von den Kriegsschuldenzinsen noch teilten Kreuzer bezahlt habe, die alltäglich vorkommenden Ausgaben aber vom Oberamt ohne Geld nicht bestritten werden könnten". 1810 ergeht an Merlan dreimalige Exekution wegen rückständiger Kriegskostenzinsen. — Bäckermeister Hofmann in Grünberg sendet 1805 eine Zahlungsaufforderung für 30 Mesten Hafer, die er im Jahre 1797 für Merlan an das französische Lazarett geliefert, hatte. Erst 1809 wurden dafür 42Va fl. bezahlt. Am 13. Mai 1805 empfing die Gemeinde folgende Verfügung: „Dem Merlauer Gemeindevorstand wird hiermit zum letztenmal befehliget, dafür zu sorgen, daß bis zu Ende dieser Woche das zur Bestreitung! der Metzger- und Becker- wie auch Berichtigung der Kommisiions- kosten ausgeschriebene Quantum anherr geliefert werde, widrigenfalls man sich genötigt siehet, mit Samstägiger Post Landgräfliches Militär zur Execution und Auspfändung sich zu erbitten, wodurch es alsdann ungeheure Kosten gießt, die sich die Amtsunter- thanen aber selbsten beigemessen haben. Landgräfl. Hess. Oberamt. gez. v. Schmalkälder." Vom 9. Dezember 1805 findet sich bann auch eine Quittung über 166 ft. 433,4 Kr., „welche zur Bestrei- tung derer Becker- und Metzgersorderimgen von 1798 bezahlt worden sind". Selbst noch 1813 erhielt Johannes Müller in Merlan aus der Gemeindekasse für Wein, welcher 1796/97 bei einer französischen Einquartierung verbraucht worden war, 38V" fl. Aber auch die Gemeinde stellte bis 1811 Ersatzansprüche wegen „von den Franzosen in 1797 genommenem Vieh", — scheinbar ohne Erfolg.
Die Kriege des zum Kaiser erhobenen Napoleon fugten zu diesen alten Lasten eine Menge neuer hinzu. Der 3. Koalitionskrieg 1805 brachte Merlau französische Einquartierung, an welche Frucht, Heu, Stroh, Hufeisen und Schmiedearbeiten zu liefern waren. Zur Bagage des Füsilierbataillons wurde ein Karren von Grünberg nach Berstadt gestellt. Eine auf den 14. Oktober ausgeschriebene Kontribution wurde „wegen des französischen Lärmens" erst am 19. Oktober bezahlt; ob man wohl sür die Sicherheit des Geldboten fürchtete, oder bei der unsicheren politischen Lage im Zweifel war, wem das Land eigentlich gehöre, dem Landgrafen oder dem französischen Kaiser? Der Umschwung der politischen Verhältnisse, die Auflösung des römischen Reiches deutscher Nation und die Gründung des Rheinbundes, dem Hessen beitrat, wurde bet Gemeinde unter anderem auch dadurch bekannt, daß am 21. August 1806 der Schultheiß aufs Oberami befohlen wurde, „um den großen Tüttel mit anzuhören, daß unser gnädigster Herr Landgraf zu einem Großherzog gnädigst erhoben wurde". Die neue politische Lage brachte der Mmeinde keine Erleichterung, im Gegenteil, die Aufwendungen für französische Truppen mehrten sich. Für die Offiziere der von Mitte März bis Ende September 1806 in Grünberg liegenden Einquartierung wurden sogenannte „Tafelgelber" erhoben, die in hohen Beträgen und in rascher Folge, innerhalb 24 Stunden vom Zeitpunkt der Anforderung an, abzu- liefern waren. Merlau zahlte zehn Mal 24 12 Kr. am 18. März,
8. und 20. April, 9. und 27. Mai, 18. Juni, 4. und 14.Juli, 2. und 4. August, dann dreimal 48 sl. 24 Kr. am 23. Anglist, 13. September und 4. Oktober, im ganzen 387 sl. 12 Kr. Fm Dorfe selbst lag des Capitain Ullmers Kompagnie, welcher Der Schultheiß Reitz 4 Mesten Gerste für ihre Pferde liefern mußte und bei bereit Abzug am 29. September er auf dem Oberamt Befehle wegen Nachlieferung von Brot und Fleisch nach Friedberg erhielt. Für Fuhren von Kanonen und Bagage nach Lanbach, Gießen, Friedberg und Langen, sowie für einen Transport französischer Invaliden von Gießen nach. Marburg mußte die Gemeinde an die 50 fl. aufbringen. Alles in allem mögen die Kriegskosten in diesem Jähre 600 . sl. betragen haben. Um diese Zeit wurde auch der Abbruch des Schlosses erwogen und wohl auch vollzogen. Nur der Teil des Schlosses, in dem der Gottesdienst c;e- tzalten wurde, blieb stehen und mußte von der Gemeinde „im Dach erhalten" werden. Die Merlauer Kirche war wegen Baufälligkeit unbrauchbar, und der.Gottesdienst fand deswegen schon


