Ausgabe 
29.9.1913
 
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lende Summe festzustellen, und fuhr fort: ,,Dte gnädige Frau foirb dir 3600 Mark für mich einhändigen; mit denen wmmst du so schnell wie möglich wieder hierher zurück. Ver­liere das Geld nicht! Und eile dich! Du kannst dir eine Droschke nehmen."

Zu Befehl, Herr Baron!" erwiderte der Diener in strammer militärischer Haltung.

Der Fremde ivandte sich jetzt an Herrn Lampert, und auf ein Stehpult hinter dem,Ladentische deutend, das mit Tinte, Papier und Federn versehen war, fragte er kurz:Sie gestatten doch?"

Ich bitte gehorsamst, Herr Baron," versetzte der Juwe­lier; er hatte durch die Worte des Dieners erfahren, daß der Fremde ein Baron war und gab ihm nun auch seinerseits diese Anrede;es steht alles zu Ihren Diensten, Herr Baron."

Der Fremde begab sich an das Pult, legte mit der Linken einen Briefbogen zurecht, lachte dann aber verdrießlich auf und kehrte sich wieder nach Herrn Lampert um.Ich vergaß ganz, daß es mir unmöglich ist, mit der Linken zu schreiben; ich habe mir neulich drei Finger der Rechten an einer meiner Dreschmaschinen verletzt. Doch dem ist leicht abzuhelfen gewiß haben Sie die Güte, nach meinem Diktat ein paar Morte zu schreiben."

Mit dem größten Vergnügen, Herr Baron; bitte, ganz Über mich zu verfügen."

Schon stand Herr Lampert am Pult, tauchte die Feder ein und wartete auf das, was er niederschreiben sollte.

Liebe Frau," begann der Baron zu diktieren,über­gib dem Ueberbringer dieses sofort 3500 Mark von dem Gelbe, das du für mich verwahrst; ich kann zufällig sehr Wne Perlen kaufen. Besten Gruß von Deinem Wilhelm." So, haben Sie es? Schön, das genügt vollkommen."

Der Baron nahm den Zettel, den Lampert geschrieben und mit einem Löschblatt getrocknet hatte, durchflog seinen Inhalt, faltete ihn zusaminen und gab ihn dem Diener. Hier, aber schnell, daß ich nicht zu lange warten muß!"

Der Diener entfernte sich mit eiligen Schritten. Sein Herr hatte die schwere goldene Taschenuhr gezogen, um sich' die Zeit des Abganges des Boten zu merken; jetzt langte er eine kostbare Schildpattasche hervor, entnahm ihr eine Ziga­rette und fragte höflich:Sie gestatten, daß ich rauche?"

Bitte sehr, Herr Baron; hier ist Feuer und hier ein Aschenbecher."

Während dieses Vorganges im Laden saß Friedrich Just im Kontor und suchte in dem umfangreichen Wohnungs­anzeiger die Namen der beiden Brüder Dechner. Aber wäh­rend er las und das endlich Gefundene in sein Notizbuch eintrug, hörte er unwillkürlich mit seinem scharfen Ohr die Unterhaltung der beiden im Laden befindlichen Herren. Plötz­lich hielt er im Schreiben inne, wandte sein Antlitz der Glas­tür zu und lauschte gespannt auf jede Silbe, die nebenan gewechselt wurde. Er legte die Feder aus das mit grünem Tuch überzogene Pult, stand geräuschlos auf, schlich an die Tür und lugte durch die Scheibe derselben nach dem Freniden. Da es im Kontor ziemlich dunkel war, so konnte man den Späher aus dem vom Sonnenlicht erhellten Laden durch die überdies teilweise matt geschliffene Scheibe unmöglich sehen. Mit vorgestrecktem Kopfe und angehaltenem Atem, die Augen starr auf beit Fremden gerichtet, stand er und überlegte, wo er diese Gestalt schon einmal gesehen, diese Stimme schon einmal gehört hatte. Eben war der Diener des Barons mit dem Zettel aus dem Laden geeilt, als über Friedrich Justs Antlitz ein Ausdruck flog, den man als Schreck, oder auch als freudige Genugtuung über das endlich in der Erinnerung Aufgetauchte hätte deuten können. Ohne sich erst lange zu besinnen, eilte der entschlossene Mann auf den Zehenspitzen zu der zweiten Tür des Kontors, die' unmittelbar nach dem Flur führte, öffnete sie geräuschlos und verschwand unbemerkt durch dieselbe. Auf der Straße sah er noch den Diener, der vorläufig keine Droschke gefunden hatte unb zu Fuß die Rich­tung nach der Hornstraße einschlug. Vor dem Nachbarhause des Juweliers rollte in diesem Augenblick eine Droschke erster Klasse heran, aus der eine Dame ausstieg, die den Kutschen entlohnte. Friedrich Just stürzte auf den freigewordenen Wa­gen zu und sagte dem Führer desselben:Wenn Sie mich so schnell wie möglich nach der Hornstraße 200 fahren, er­halten Sie einen Taler Trinkgeld."

Der Kutscher schmunzelte.Das wollen wir schon machen. Man schnell 'rin, Herr!"

Nach zehn Minuten hielt das verschnaufende Pferd vor dem bezeichneten Hause und Friedrich Just flog, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppen bis zum zweiten Stockwerk empor.

Wilhelm Lampert" stand auf dem blanken Messing­schild neben dem Knopf der elektrischen Klingel eingraviert. Gott sei Dank! Er hatte das Ziel richtig gefunden und war dem Diener mit denr Zettel hoffentlich zuvorgekommen. Er drückte auf den Knopf und sagte zu dem Mädchen, das die Korridortür geöffnet hatte:

Ist Frau Lampert allein? Sehr gut! Dann melden Sie ihr, daß ein Abgesandter ihres Mannes sie in einer dringenben Sache zu sprechen hat."

Die würdige Dame, die bald darauf den ungestümen Besucher in ihrem geschmackvoll eingerichteten Salon emp­fing, war von kleiner, zur Fettleibigkeit hinneigender Gestalt. Aus ihrem glatten, vollen und blühenden Angesicht funkelten zwei lebhafte freundliche Augen den Kömmling er­wartungsvoll an; doch ehe sie noch fragen konnte, um was es sich handle und was ihrlieber Mann" denn von ihr wolle, stieß Just, noch halb atemlos, hervor:Sic haben noch keinen Zettel Yon Herrn Lampert erhalten?"

Nein, mein Herr, es ist niemand hier gewesen."

Das freut mich, Fran Lampert; so bin ich gerade noch zu rechter Zeit gekommen."

Mein Gott! Sie erschrecken mich. Was ist denn vor­gefallen? Doch kein Unglück?"

Beruhigen Sie sich, verehrte Frau; Ihr Gemahl ist frisch und munter. Aber vielleicht bin ich in der Lage, ihn vor einem empfindlichen Verlust zu bewahren das heißt, ich kann mich auch irren und meine Kombination kann falsch sein. Wenn ich mich aber nicht irre, dann dürfte hier sehr bald ein Diener mit einem schriftlichen Auftrage Ihres Gat­ten erscheinen, um eine größere Geldsumme von Ihnen ab­zuholen. Hören Sie? Da klingelt es schon! Das wird er sein! Geben Sie dem Boten keinen Pfennig, ich warne Sie! Es handelt sich um einen raffinierten Betrug. Ich werde Ihnen nachher alles auseinandersetzen."

Ein Diener möchte Sie gern sprechen, Frau Lampert," meldete das jetzt eintretende Dienstmädchen.

Was soll ich ihm denn aber sagen?" flüsterte die.Gold- schmiedsfrau dem Warner zu.

Suchen Sie ihn hinzuhalten. Ich werde inzwischen über die Hintertreppe zur Polizei gehen"

Um Gottes willen! Verlassen Sie mich jetzt nicht! Ich mag mit dem schrecklichen Menschen nicht allein bleiben," erklärte die an allen Gliedern Bebende, indem sie Friedrich Just ängstlich am Arme festhielt.

Wie Sie wünschen", flüsterte Just zurück;ich bleibe hier, es ist nur schabe, daß der Vogel entwischen soll."

Ich werde ihm sagen, daß ich eben im Begriffe sei, in das Geschäft meines Mannes zu gehen, und daß ich daher das Geld selber überbringen werde," entschied Frau Lampert, der es in diesem kritischen Augenblicke nur darauf ankam, den unheimlichen Boten auf gute Art loszuwerden.

Sehr gut, bitte aber bleiben Sie fest, lassen Sie sich nicht etwa umstimnten."

Fran Lampert stand schon in der geöffneten Korridor­tür und hielt den Zettel in der Hand, den ihr der Livree-, bediente übergeben hatte. Sie prüfte die Schrift kein Zwei­fel, es war die ihres Mannes. Nachdem sie gelesen hatte, sagte sie ebenso freundlich wie bestimmt:Ich komme gleich selbst in den Laden und werde das Gewünschte mitbringen."

Herr Lampert hat mir aber eingeschärft," wandte der Diener höflich ein,daß ich nicht ohne das Geld zurückkehreu darf; er schien es sehr eilig zu haben; es weilt ein Fremder bei ihm, mit dem er wohl ein Geschäft abschließen will."

Also ist der sogenannte Baron ein Schwindler und Sie sind feilt Helfershelfer!" tonte die scharfe, hohe Stimme Friedrich Justs, der hinter Frau Lampert in den dunklen Korridor getreten und dort für das Auge des draußen stehen­den Boten unerkennbar geblieben war.

Die Wirkung dieser Worte war die von Just erwartete. Der überraschte Diener prallte einen Schritt zurück, dann, ohne sich zu besinnen, machte er Kehrt nnd jagte bie Treppe in wildem Laufe hinab, als ob die Hölle hinter ihm her wäre!

Ha, ha, ha!" lachte ihm Just höhnisch nach,um ehr« liche Leute zu begaunern, müßt Ihr es schlauer ansangen,^

Man hörte hoch die Tritte des unten durch den Haus-