Montüg, den 29. september
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Gsuernblut.
No man von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
Die Unterhaltung des Juweliers Lampert mit Herrn Just wurde durch den Eintritt eines Kunden unterbrochen. Es war ein großer, vornehm anssehender Herr int mittleren Lebensalter; er hatte ein scharf geschnittenes Gesicht, lebhafte, streng blickende Augen, an den Schläfen schon leicht ergrautes Haar, auf der Oberlippe und am Kinn aber einen pechschwarzen, wohl künstlich nachgefärbten Schnurr- und Knebelbart. Ein glänzender Zylinder bedeckte ihm die Stirn; sein modischer Sommerpaletot stand offen und gestattete den Anblick eines bunten, seidenen Bändchens, das aus dem Knopfloch des schwarzen Tuchrockes hervorlugte; die dunklen, feingestreiften, tadellos sitzenden Beinkleider fielen auf ein Paar glänzende spitze Lackstiefel hinab, die bei jedem Tritte leise knarrten. Im seidenen Schlips steckte ihm als Nadel ein goldener Scarabäus, dessen Kopf und Flügeldecken aus schimmernden Edelsteinen gebildet waren. Das Auffälligste an diesem sehr sorgfältig gekleideten Herrn war aber, daß e4 den rechten Arm seines Paletots nicht angezogen hatte; die rechte Hälfte dieses Kleidungsstückes war vielmehr nur über die Schulter gehangen, und man konnte sehen, daß der nur mit dem Rocke bekleidete rechte Arm in einer Schlinge ruhte, die aus einem breit angeordneten schwarzseidenen Knüpftuche gebildet war.
„Sie haben Brillautringe?" fragte der Fremde mit nicht gerade unhöflichem Klange der Stimme, aber doch so kurz und gemessen, wie ein Mann, der durch stets beanspruchte und ihm auch unweigerlich gewährte Aufmerksamkeit der Bedienung ein wenig verwöhnt ist.
„Sehr wohl, mein Herr," versetzte der Goldschmied, der sich sofort von Friedrich Just abwendete und sich dienstbeflissen dem Fremden widmete.
„Ich will einer jungen Dame einen solchen schenken; zeigen sie mir, bitte, keine zu großen Exemplare."
„Hier, mein Herr. Diese Ringe dürften von passender Weite sein. Ich habe deren auch noch mit zwei, drei und mehr Brillanten."
Herr Lampert hatte einen Glaskasten dem Kunden hingeschoben und den Deckel geöffnet. Er kannte die Anzahl der Ringe in diesem Kasten — ein Juwelier muß immer Vorsicht tig sein >—; er sagte daher nur: „Treffen Sie gefälligst Ihre Auswahl, mein Herr," und wandte sich dann wieder zu Friedrich Just zurück, welchem er zuraunte: „Treten Sie dort in mein Kontor, Herr Just; Sie finden dort ein Adreßbuch, aus dem Sie sich die Wohnungen der beiden älteren Tellscheü Söhne ausschreiben können; aber vergessen Sie nicht, sie? heißen Dechner, Adolf und Peter Mehner; jener ist Instrumentenmacher, dieser vorläufig noch Maurerpolier. Dort aufs dem Schreibpult — Sie werden schon finden."
Er schob ihn in das durch eine Glastür vom Laden getrennte halbhelle Hinterstübchen und kehrte wieder zu dem Ladentische zurück.
„Was kostet dieser Ring?" fragte der Fremde, der seine Auswahl getroffen hatte und nist einen einfachen Goldreif mit einem prächtig funkelnden Solitär hindeutete.
„Dieser hier? Es ist ein sehr schöner Stein von reinstem! Wasser — 560 Mark — fester Preis."
Ohne ein Wort zu erwidern, zog der Kunde mit seinen Linken etwas unbeholfen ein Ledertäschchen hervor, entnahm demselben sechs Einhundertmarkscheine und legte sie auf den Ladentisch.
Herr Lampert strich dann die sechs Papierscheine ein und gab darauf zwei Zwanzigmarkstücke mit einer neuen Verbeugung heraus.
Der Fremde ließ die beiden Goldstücke achtlos in die Tasche seines Beinkleides gleiten, nickte mit dem Kopfe und wandte sich wieder zum Gehen. Schon in der Nähe -der Tür blieb er hinter der inneren Glasscheibe des Schaufensters noch einmal stehen, wies auf ein in demselben ausgelegteA Perlenhalsband und fragte, wohl überrascht durch die Schönheit des Schmuckstückes: „Was kostet dieses Halsband?"
„Viertausend Mark, mein Herr." Der Juwelier öffnete das Jnnenfenster, langte nach dem Halsb-ande und übex- reichte es dem Fremder: zur Ansicht. „Es ist nicht teuer; die Perlen sind sämtlich bläulich und von seltener Regelmäßigkeit — sehen Sie nur diesen wundervollen Glanz!"
^Jn der Tat, dieser Schmuck gefällt mir; das lväre ein passendes Hochzeitsgeschenk für meine zukünftige Schwiegertochter. Nannten Sie den äußersten Preis?"
„Den äußersten, mein Herr; ich schlage grundsätzlich nie vor; Sie werden bei Wilhelm Lampert nur mit der strengt sten Reellität bedient."
„Nun gut, ich kaufe diese Perlen. Aber ich bin auf diesen größeren Einkauf nicht vorbereitet und muß mir die erforderliche Sunime erst aus dem Gasthof holen lassen, in dem ich mit meiner Fran abgestiegen bin."
„Wie es Ihnen beliebt. Wenn Sie befehlen, sende ich Jhnen das Halsband zu."
„Danke; ich will Sie nicht in Sorge und Ungewißheit versetzen. Sie kennen mich nicht und es kommen bei derartigen Einkäufen leider allerlei Unredlichkeiten vor; das einfachste ist, ich schicke meinen Diener, der draußen wartet, nach dem Gasthausc, der kann mir das Geld sofort holen."
Der Fremde, der das Halsband Herrn Lampert zurückgegeben hatte, schritt an die Ladentür, öffnete sie ein wenig und machte „Pst! pst!"
Auf dieses Zeichen trat ein junger Mensch in einfacher Livree über die Schwelle, zog den Hut und wartete in ehrerbietiger Haltnng auf die Befehle seines Herrn.
„Fritz," sagte der Fremde, „ich werde dir einen Zettel geben, den bringst du der gnädigen Frau nach dem Kaifer- hofe." Er hatte, während er so sprach, ein ledernes Täschchen gezogen, durchblätterte den Papierinhalt, um die ihm seh-


