Ausgabe 
29.5.1913
 
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Der erste Philosoph des Bürgertums Christian Wolf dagegen be- S)itte die sittliche und staatliche Notwendigkeit und Wichtigkeit ieser Institution, dieM-nischenpflicht" jedes einzelnen, einhüb­sches Häuslein von Schößlingen der Mäßigkeit" zum allgemeinen Wohle zu erziehen. Heiraten Ivar daher ein löbliches und sehr nützliches Werk, ähnlich wie Steuerzahlcn, und das Geschäft der Vermittlung betrieben Regenten und Fürstinnen, vornehme Beamte und strenge Gelehrte mit gleichem Eifer. Man heiratete viel, doch nicht mehr als heute, so daß die heutigen Klagen über die wachsende Zahl der Junggesellen vor der Statistik nicht gerechtfertigt er-< scheinen. Starb einer der Ehegatten, so entschloß man sich bald wieder zur Heirat, denndie Vernunft verlangte es'.

Da die Stimme des Herzens keine Entscheidung herbeiführt, so legt man sein Geschick vertrauensvoll in die Hände anderer, Persönlichkeiten, zu denen man mit besonderer Achtung aufbuckt, wie Frau Gottsched oder Gellert, empfangen Hunderte von Briefen, in denen sie um Ratschlag beieinem! Antrag angegangen oder nach einem passenden Lebensgefährten gefragt werden. Gellert gibt für eine gute Ehe folgendes Rezept:Man setze zwei ver­ständige und gesittete Personen von beiden Geschlechtern, die ein­ander kannten und liebten und auf das Geheiß ihrer Herzen, unter Einwilligung der Klugheit und auf den weiten Rat ver­nünftiger Eltern und Freunde, dies heilige und.genaue Bündnis schließen." Diegöttliche Kulmus" rät einem wohlhabenden Herrn, nicht allzu sehr auf Vermögen zu sehen, sondern auch auf häus­liche Tugenden.Ihre Geliebte sei nicht häßlich, aber durchaus nicht so schön, daß jeder sie für eine Göttin halte und ihre Eitel­keit durch seinen Weihtauch erwecke." Doch selblt dieser ihrer Zeit schon vorauseilenden, sartfinnicjen Frau erscheint der Ge­danke der Heirat eines Bürgerlichen mit einem adligen Fräulein als ein Unding, und in ihrerUngleichen Heirat" erhält der reiche Bürger Willibald mit brutalein Hohn einen Korb von der Edel- dame. In den Romanen wird die Mesalliance immer wieder behandelt; noch bei Roussean trennen Standesrücksichten Julie von St. Preix und erst in GoethesMeister" überwindet die Liebe die gesellschaftlichen Schranken. Vermögen ist der Punkt, um den es sich bei jeder Brautwerbung vor allem handelt, und mit vielen Formalitäten wird derEhepakt", die so wichtige ge­schäftliche Seite der Sache, geschlossen. Gellert gibt einem Fräu- leiii B., das ihm anvertraut, sie sei nicht reich genug, um heiraten in können, ohne weiteres zu, daß das Geld sehr wichtig sei, ist aber im Prinzip gegen Geldheiraten. Er tröstet sie damit, daß sie, wenn sie doch einen Manu finde, um ihrer Tugenden willen geheiratet werde. Jeder heiratsfähige Mann wurde nach der Höhe der Mitgift, die er fordern könne, eintaxiert und das nicht heimlich, wie wohl heute manchmal, sondern ganz offen und selbstverständ­lich. Der jüngere Hagedorn gesteht als Legationsrat, daß er ans höchstens 12 00014 000 Rsthl. rechnen könne; das gäbe 600 Thlr, Zinsen, und das sei sehr wenig für das teure Dresden.

'Aus welchen Motiven heirateteman nun? Typisch dafür sind die Betrachtungen, die der Historiker Pütter in seiner Selbst­biographie darüber anstellt:Mittag- und Abendessen, wie es von Speisewirten zu haben war, entsprach gar nicht meinen Wünschen. Einsam zu essen, war gar nicht nach meinem Sinn. Andre häusliche Beschäftigungen, Wäsche, Kaffee usw. waren für mich unangenehme Beschäftigungen." So suchte er sich eine Frau, und wie er, machten es viele andre geistig bedeutende Männer, die in sittlicher und seelischer Hinsicht an der Spitze ihres Volkes standen. Wenn ein frivoler Mensch wie der Professor Bahrdt auf jede gute Partie losgeht, die ihm ein Kollege vorschlägt, so ist daS verständlicher; aber ebenso handelten sittlich einwandfreie Gelehrte, wie Achenwall und Michaelis; selbst Bürger, der Liebes­sänger, wollte vor allem Geld und Georg Forster bestellte bei seinem Buchhändler Spener neben anderen Dingen sich! auch eine Frau. Gustav Freytag hat als das klassische Beispiel dieser so nLchternen Eheschließungen die Heiratsgeschichte des großen Theo­logen Johann Salomo Seniler ausgeführt, wie dieser fie selbst in feiner Lebensbeschreibung mit schlichter iEindriuglich-keit er­zählt: Der arme Professor ist mit einerwürdigen Freundin" versprochen, intugendhafter Ernsthaftigkeit".Es war aber dabei nichts von der Wonne oder großen Freude, welche unsere neueren Zeitgenossen in so vielen Romanen Malen und gar gefühl­voll dar stellen!" In Koburg wohnt er bei der verwitweten Doktorin Dröbner, und hier erhält er den sehnlichst erwünschten Ruf nach der Universität Altdorf:endlich soll er lehren und wirken dürfen!" Doch er hat kein Geld zur Reise; er hat Schulden bei seiner Wirtin, und nach langem, qualvollem Ringen erkennt er als einziges Mittel, die wohlhabende Tochter der Doktorin, die er bisher nicht beachtet, zu gewinnen; erbequemt sich unter das allgemeine einzige Gesetz der höchsten Regierung Gottes", entsagt der früheren Verlobten und heiratet die Demoiselle Dröbner, führt Mit iHv eine lange, glückliche Ehe und preist ihre einzigen Tugenden nach ihrem Tode in einer rühreiiden Lobschrift. Es ist der pietistische Einschlag, der Glaube au Gottes Vorsehung, der so viele damals die -einmal Erwählte für die einzig Richtige halten lieh.

Ein ähnliches Bild sei aus einem andern Lebenskreis nadr gezeichnet: Ein Herr von Nüßler ist mit einer Hofdame in Merseburg verlobt und reist mit hochbepacktem Brautwagen durch Schnee und Nacht zur Hochzeit, er verirrt sich, wird von einem HJfarrer in OßMnde ausgenommen und erfährt von dessen Mutter,

daß die Hofdame eine schlechte und zänkische Person sei, von der ein unehelicher Sohn im Dorfe erzogen werde. Der Appetit zu dieser Heirat vergeht ihm, aber wohin mit dein Brautstaat? Der Pfarrer rät ihm, zum Kanzler von Ludewig nach Halle zu fahren, der zwei mannbare Töchter habe. Da der Kanzler an­gesehen und reich ist, macht sich Nüßler auf den Weg, wird in der Familie freundlich aufgenommen und hält um eine Tochter au. Er liebt die zweite, aber er muß die älteste nehmen, da die andere, schon fast verlobt ist und siehe da! er wird sehr glück­lich mit ihr. Daß die Dichter nicht idealistischer waren als die Gelehrten und Beamten, zeigt die Ehe Friedrich von Hagedorns, der die weder junge, noch schöne, noch kluge Tochter eines angeblich reichen Schneiders heiratete, um aus seinen Schulden heraus- zukommen, aber schließlich nichts bekam. Die Motive der Mädchen waren meist Befehl der Eltern, Angst vor dem Sitzenbleiben- Wunsch nach Versorgung, wie wir das z. B. von .Frau Reiske wissen.

So war das Ehe-Ideal um die Mitte des 18. Jahrhunderts' unendlich fern von dem unfrigen. Kant hat es am klarsten sor- fnuliert, indem er fordert:In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige moralische Persönlichkeit ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den Äe- schmack der Frau belebt und regiert wird." Aber damals erhoben sich schon immer stärker die Mächte des Gefühls, die dies nüchtern tüchtige Gebäude einer bürgerlichen Ehe zu erschüttern drohten. Klopstocks schwärmerische Zärtlichkeit für feine Meta, Lessings mannhaft stolzes, leidenschaftlich verhaltenes Ringen um Eva König boten Beispiele von ganz neuartigen, ungeahnten Herzens- beziehungen. Mozart schrieb an den strengen Vater, int Gedenken an sein mit irdischen Gütern nicht gesegnetes Constanzerl:So nach Geld möcht ich nicht heiraten; ich will meine Frau glücklich machen, fctnb nicht mein .Glück durch sie machen." Alsarmer Mensch" hält er es für fein Recht,eine Frau zu nehmen, die ich liebe und die mich liebt". Damals hatte schon RousscausNeue Heloise" den Sieg des Herzens über den Verstand verkündet, aber während hier noch die Liebenden entsagen, stirbt Wcrther, weil er Lotte nicht erringen kann. Seine Liebe bedeutet ihnt setn Leben, lind da die Liebe nun zum Mittelpunkt der ganzen Existenz geworden ist, wird sie auch zum Mittelpunkt der Ehe. Die Frütz-Römantik, vor allem Friedrich. Schlegels und Schleier­machers, erklärt Ehe ohne Liebe für null und nichtig und für Voraussetzung jeder echten Ehe ewige Liebe. Ein ganz anderes Ehe-Ideal wird hier gepredigt und gewinnt einen tiefen Einfluß auf die Geister, der auch heute noch seine Kraft bewährt.

Vermischter.

* Ein fürstlicher Trousseau in alter Zeit. Die Ausstattung einer Prinzessin pflegt wegen ihres Reichtums Noch heute allgemein und natürlich Hanz besonders die Damenwelt zu interessieren, wie es sich jetzt wieder bei der Prinzessin Viktoria Luise gezeigt Hat, obgleich zweifelsohne die einer amerikanischen Multimillionärstochter luxuriöser ist als die einer Purp'urge- boreuen. Früher aber überragte der Troussean einer wirklichen und nicht bloß Dollar-Prinzessin an Kostbarkeit alles, was andere Töchter des Landes mitbekamen. Die unzähligen Hemden bet Lucrezia Borgia kosteten Stück für Stück 200 Dukaten, und das Hochzeitskleid der Prinzessin Dorothea, Tochter Friedrichs I.,' war so mit Brillanten übersät, daß es ans 4 Millionen Taler geschätzt wurde. Mer Lucrezia verfügte über die Schätze der Kirche, und Dorothea war die Tochter eines überaus prachtliebenden Königs. Auffallend dagegen ist, daß auch in einer einfachen und sparsamen Zeit bei der Ausstattung von fürstlichen Damen riesiger Aufwand getrieben wurde. Als sich im Jahre 1594 die Prinzessin Anna, Tochter des blödsinnigen Herzogs Albrecht mit dem späteren Kurfürsten Johann Sigismund verheiratete, kaufte man U- a. für fie ein Halsband mit 32 Diamanten und Perlen und goldenen Rosen, sowie ein zweites, das 3000 Mark, damals eine riesige Summe, kostete. Ein drittes mit Rubinen, Diamanten und Perlen ließ man für 3750 Mark aus Nürnberg kommen, ein viertes kostete 3115 Mark. Für 1745 Mark wurden lose Perlen gekauft, außer­dem 24 Diamant- und 60 Rubinrinbe. In Aügsbürg bestellte man außerdem 48 Kreuzringe, zum Teil mit Diamanten. Eine gol­dene Kette kostete 295 Mark. An Kleiderstoffen wurden in Deutsch­land eingekauft 16 Stück glatten Sammets von verschiedenen Far­ben, 3 Stück geblümter Sammet, Sammet auf Samm'et, Sammet auf 'Atlasboden und Sammet-Kassa. Ferner 6 Stück farbiger Atlas, 50 Ellen plattgoldene Stücke, 50 Ellen Taletha mit Gold und Silber gestreift, 500 Ellen Silber-Rohsammet, 350 Ellen Silber- und Gold-Stichwerk, goldene und silberne Borten usw. So fährt der Chronist in der Aufzählung noch lange fort.

* Englische Hochzeiten und die Mode. Die eng­lischen Hochzeiten bieten noch immer Gelegenheit zur Entfaltung Malerischer Einzelheiten int allgemeinen und großen Schicks im besonderen. So fuhr z. B. die Tochter von Lord Ribblesdale mit ihrem Vater in einer antiken Familienkutsche zur Trauung, die mit einem richtigen Postillion vorn und an Riemen hängenden Dienern hinten ausgestattet war. Tausende von Menschen waren begierig, die Kutsche mit der Braut zu sehen. Fünfzehn Kinder, 8 Knaben und 7 Mädchen, formten eilt reizendes Brauigefolge .