326
Sie schlug den Crepeschleier zurück, trat aus die verschüchterte, verwirrte, junge Frau zu und- blickte sie au nut Ihrer alten Güte: , „
„Schau, Hildegard, jetzt bist du wieder mein Kind! sagte sie, ihre weiche Hand auf den Arm der Tochter legend. „Es ist mein einziger Trost, daß mein guter Adolf doch zuletzt noch seinem Herzen g'folgt hat und nicht seinen G'schwistern."
Hildegard schüttelte nachdenklich den Kopf.
„Ich weiß nicht, mir lscheint's wie em Unrecht, ^ch habe die Empfindung, daß ich das nicht annehmen dars Es ist so beschämend, daß der Papa so großmütig für mich «sorgt hat. Das habe ich nicht verdient. Ich habe euch doch Zerlassen und ich habe ihn nicht um Verzeihung gebeten und er ist im Groll gegen mich gestorben."
„Geh, geh, Kind," tröstete Mali, tief gerührt von der zitternden Stimme und den nassen Augen Hildegards. „Glaub das nicht! Schau, wie er so kraut gewesen ist, da hab' tch's ihm erzählt, daß ich bei dir war und wie: dir s geht und daß ich dein Buberl so gern hab ! Ich hatt ihn ia nicht hinübergehen lassen können mit einer Heimlichkeit gegen ihn auf dem Herzen. Da hat er mir die Hand adruckt Und hat g'sagt: „Ich hab' mir's wohl denkt! Ich kenn' ja meine Mali!" — Und am nächsten Tag hat er felber von dir an g'fang en und nach deinem Mann g'fragt. Wenn's mir wieder besser geht, nachher muß die Hildegard mit ihrem Wann und mit ihrem Buberl Herkommen! Ich möchr ihr G'sichtl Wiedersehen!" — O, mein Gott, es ist ja immer schlechter und schlechter mit ihm worden. Aber die Photographie vom Hansl hab' ich ihm bracht' und die hat K gar nicht mehr herlassen, er hat sie neben sein Bett ltegdn g'habt, bis z'letzt!"
„Wenn ich ihn nur noch einmal hätte sehen dürfen !" schluchzte Hildegard. „Ich habe ihm ja weh tun müssen, ich konnte ja nicht anders!"
„Er war dir nicht mehr bös, du darfst es mir glauben. Drum hat ex dich auch in seinem Testament g'halten wie sein eigenes Kind. Schau, wem hätt' er denn sein Geld hinterlassen sollen? Ich hab' mehr als ich brauch' für meine alten Tag' und seine Mutter und seine Geschwister, die Und steinreich und geben nix aus, weil's ja nix anders! freut, als wie gut essen und trinken, und die Kinder haben das G'schäft auch noch, und die Mdrianne, die gönnt dir's von Herzen, das weih ich. — Ich hab' mir schon alles Hb erlegt," fuhr Mali fort und schaute nun auch freundlich zu Emanuel aus. „Ich laß mir im oberen Stock eine Nette Wohnung Herrichten, und da haus' ich mit meine alten Möbel und mit meiner Babett und meiner alten Köchin. Ihr zieht zu mir und kriegt die schönen großen Zimmer unten, in die wir so nie 'neingegangen sind! Ich rod' euch nix drei, ihr könnt leben, wie ihr möcht't! Nur das Buberl müßt ihr mir recht oft heraufschicken, damit ich als Großmutter doch noch eine Freud' hab' an einem lieben Enkelkind!"
„Nein, nein, Mama! Das geht nicht, daß wir zu dir ziehen. Was würde da die Familie Bermhobler sagen, die alte Frau? Alle würden sie dir Vorwürfe machen!"
„Meinetweg'n!" erklärte Mali mit einem ganz ungewöhnlich energischen Ausdruck auf ihrem guten, runden Gesicht. „Ich will auf meine alten Tag' noch was Liebes in der Näh' haben. Ich tat' ja sterben vor Zeitlang m dem großen Haus! Nein, Hildegard, das darfst mir nicht abschlagen! Einmal, wie du klein g'wesen bist, da hab' ick dich zu mir g'nommen. Jetzt, wo ich so mtitterseelen-s allein bin, jetzt mußt es mir vergelten, jetzt darfst nicht mehr fort von mir!"
Ganz stumm, wie verblüfft von dieser nie erwarteten Wendung in ihrem Schicksal, gingen die jungen Leute durch hie regennassen Straßen, nachdem sie von Mali einen bewegten Abschied genommen.
Erst zu Hause, in ihreii armseligen Zimmern, mit den abgenützten Böden und den kahlen Minden, erst als die lachende Stimme des Kleinen sie erinnerte, daß sie nicht träumten, fielen sie sich erschüttert in die Arme.
„Noch fasse ich's ja nicht! Noch glaube ich's nicht!" rief Emanuel. „Aber wenn es wirklich wahr ist, wenn unser Kos sich so viel Heller pnd lichter gestalten soll, als ick hiir's nur te auszudenken gewagt hätte, dann muh es meiner Kunst zugute kommen! Dann rinae ich mich durch! Wanst wich noch Was. Ms mir! Dann soll man meinen
Namen mit Respekt nennen, bis unser Hansl einmal er» wachsen ist."
Hildegard blickte ihm zärtlich in die leuchtenden Augen.
Wie waren sie umflort gewesen! Wie hatte die Sorge um die Existenz, die Angst vor der Zukunft, sie verschleiert!
Sie konnte sich noch gar nicht gurechtfinden in dem Neuen, Ueberraschenden, was nun kommen sollte.
„Ach, Liebster," sagte sie, „ich fühle ja, daß, wir die gute Mama nicht allein lassen dürfen. Aber dennoch ist mir bang vor der Rückkehr in das alte Haus. Ich fürchte mich vor der Atmosphäre. Ich meine, die ganze Vergangenheit käme wieder, erdrückend, beklemmend, die alte Unfreiheit, die schläfrige Enge! Wie solltest du dich da wohl fühlen?"
„Da sei guten Mutes, Liebste! Die Spießbürger fangen uns nicht ein! Dazu steckt doch zu viel Künstlerblut m unseren Adern! Wir lassen die Bernhoblers hinter ihrer Mauer! — Wir aber öffnen die Fenster und Türen unseres Heims, daß Sonne lunb Licht hereinkommt, wir leben mit der Jugend, mit den Ringenden und Strebenden; wir wollen dafür sorgen, daß wir nicht einrosten und versanden!"
Ehe-Idea!e von einst und heut.
Eine kulturgeschichtliche Plauderei.
Von Dr. Paul L a n d a u.
Die Entstehung der Liebe" hat einmal Kurt Brehsig um das! Jahr 1150 n. Ehr. ansichen wollen uud als erstes Dokument dieser neuen Kulturerscheinung den für die Gräfin Maria von Cham- vaane geschriebenen Liebestraktat des Kaplan Andreas analysiert. Wollte man die „Entstehung unseres Ehrbegriffs' m ähnlicher Weise zeitlich bestimmen, so muß man etwa sechs Jahrhundert- weiter in der Kulturgeschichte vorschreiten, denn erst in der zwecken Hülste des 18. Jahrhunderts erfuhr das Ehe-Ideal jene seelische Vertiefung, die der Geistliche des Mittelalters tur die Siebe gefordert hatte. Nicht Reichtum und äußere Glucrsumstande sollten für die Wahl der Fran entscheidend sein, sondern untere Neigung, wie es Andreas dereinst für die Wahl der Geliebten verlangt
Uns ist der Gedanke, daß zur rechten Ehe die Liebe gehört, zum mindesten als sittliche Forderung so völlig in .Fleisch Und Blut übergegangen, daß wir den Begriff einer Ehe als reiner Geschästssache für etwas höchst Barbarisches, ja Unmoralisches halten Dabei vergessen wir, wie jung dieser Begriff in der deutschen Sittengeschichte ist, vergessen, daß er erst m dem Zeitalter unserer klassischen Dichtung ausgebildet wurde und erst in der Romantik, vor wenig mehr als einem Jahrhundert, wertere Gesellschaftskreise erfüllte. Richardson, den man mit Recht den Entdecker der modernen Frauenseele genannt hat, beschäftigt sich noch höchst ernsthaft mit der Frage, ob denn die Liebe überhaupt zur Ehe erforderlich sei, und daß er sie bejaht, wird von anderen Autoren lebhaft bestritten. Es sind höchst nüchterne, Erwägungen,- bei denen Rücksicht auf Stand und Vermögen altern en schmdew die die Helden der Romane von Gellert, Hermes, Frau la Roche u a bei der Wahl einer Brant anstellen. Erst bei Meland, wie in der englischen Parallelentwicklung bei Fielding rmd Sterne fangt das Herz an, neben dem Verstand mitzusprechen, und den gewaltigen Umschwung des Gefühles bahnt erst Rousseau an, vollendet Goethe mit „Werther" wid „Stella". Uird der gleiche Umschwung des Empfindens vollzieht sich viel langsamer in der Wirklichkeit.
Gleichsam als äußerer Ausdruck der Tatsache, daß Lieb? und Ehe nichts miteinander zu. tun haben, steht in den fürstlichen Ehen des Wsolutismus neben der Gemahlin als offizielle, ja unbedingt notwendige Erscheinung die Favoritin. Wenn em Herrscher zufällig seine Frau liebt, wie der spätere Kaiser Karl von Oesterreich, dann zwingt ihn das Hofzeremouiell doch, eine „Mar- tresse en titre" zu wählen und „offiziell zu besuchen", und des Volles Stimme spricht aus dem Wort jenes Bauern, der beim Einzug des Larrdesherrrr mit seiner jungen Gemahlin ausnest „Nun fehlt unserm lieben guten Fürsten nur noch eine^schöne Maitresse!" Ihre Sanktion dazu erteilten Philosophie und «taats- recht, trenn sie, wie selbst Leibniz und Thomasius, Polygamie; und Nebenehen nicht für unerlaubt erklärten. Die adligen Kreise eiferten dem hohen Vorbild nach und Ehepaare, die sich, wirklich liebten, mußten dies bei Hofe sorgfältig verbergen, um nicht heu „Fluch der Lächerlichkeit" auf sich zu laden. Es war em Zeitalter, „wo die eheliche Liebe nicht besonders stark ist", wie Graf Lehudorsf einmal in seinem Tagebuch schreibt.
Diese frivole Auffassung der Ehe tvar aber in den weiten bürgerlichen Kreisen des deutschen Volkes durchaus nicht heimisch. Hier herrschte frommer Ernst und ein starkes Beivnßtsem von der Bedeutung dieses Schrittes; nur von Liebe war nicht die Rede. Ter Pietismus, besonders Zinzendors, sah! in der ehelichen, Gemeinschaft eilt „Abbild und Vorbild der Vermählung Christi nut der Seele" und nährte die tiefen Bedenken Legen die Ehe, die nach Luthers warmherziger Lobpreisung des Ehestandes unter den Frommen wieder erwacht waren. Jeder „finnlische Affekt ward verurteilt; wie Bruder und SckMgter sollten die Gatten leben.


