Ausgabe 
29.5.1913
 
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'EM!

Zwei Welten.

Roman von Emma Werk.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

"Ich bin mit allem einverstanden, wie's mein seliger a9te sich eine zitternde, von Dränen verschleierter Stimme unter dem Crepeschleier her-

--Er hat imr's in die Feder diktiert; es war sein freier er war noch bei klarem Verstand, toiemt er auch md}t selber hat schreiben können. Wenn ich bettelarm R?.111* nichts ändern an dem, was meinem armen Mols sein letzter Wunsch g'wesen ist. Aber für mich ist ausgiebig g'sorgt." ; 1

ßin S{c Brüder sprachen aber lebhaft auf die Mutter

, "Er war doch nicht mehr recht beieinander."Frei­lich mcht, er hat gar nicht mehr g'wußt, was er redt!" i, /'Hbsd-ichrd, die ihm seine Wohltaten mit solchem Undank g lohnt hat."Sie ist ja selber von ihm fort- g laufen/ flüsterten sie eifrig.

^,Fch must die Herrschaften allerdings darauf auf- 'nerham machen, daß bei Ungültigkeitserklärung dieser Aufichrerbung, also bei Wegfall einer testamentarischen Ver­fügung des Verstorbenen, die gesetzlichen Erbrechtsbestim- mungen in Kraft treten. Danach wäre Hildegard Reichmann, Ustch dem Adoptivvertrag vom 6. Oktober 1886, der ihr die Rechte eines ehelichen Kindes verschaffte, wodurch sie auch den Namen Bernhobler empfing, die Erbin erster Ordnung." 1

^>/Nein, das stimmt nicht!" ries Frau Walburga da- N'chen.Die Lach' ist rückgängig g'macht worden. Die Adoption gilt ja nicht mehr."

, «Die Lösung des durch Annahme an Kindesstatt be­gründeten Rechtsverhältnisses wäre allerdings möglich ge­wesen. Doch hätte dazu ein neuer Vertrag errichtet werden müssen, der von den beiden Ehegatten unterzeichnet worden wäre. Hiervon ist mir nichts bekannt. Frau Amalie Beruhobler, Sie haben keinen solchen Vertrag unterzeichnet Mcht wahr?"

Nein, es war wohl einmal die Red' davon. Aber rn der ersten Wut hat mein guter Adolf es nicht getan, und spater, da war er dann krank und"

Das war so seine Gewohnheit, daß er alles auf die lange Bank g'schoben hat," unterbrach die alte Frau sie ungeduldig. v i

"J<H glaub', er hat's nicht übers Herz g'bracht," meinte Mali leise, bewegt.Wenn er sich auch hart g'stellt hat gegen die Hildegard, er hat sie ja doch gern g'habt!"

Hildegard war nun mit ihrem Mann vorgetreten.

Ich würde niemals eine solche Vergünstigung an­nehmen," erklärte sie mit erregter Stimme,die ich UM einer Versäumnis, einer Unterlassung zu verdanken hätte!"

Sie haben, da Sie verheiratet sind, allerdings in Vermögensangelegenheiten keine eigene Entscheidung zu treffen, Frau Reichmann. Ihr Mann müßte in diesem Fall Ihr Vertreter sein!" sagte der Amtsrichter freundlich.

Ich schließe mich vollständig der Meinung meiner Frau an. Meine Frau hat durch ihre freie Entscheidung auf ihre Stellung als Adoptivtochter des verstorbenen Herrn Adolf Bernhobler verzichtet, weil sie sich von ihrem Vater nicht lossagen wollte. Sie wußte und weiß, daß sie die Folgen zu tragen hat."

Was brancht's die ganze Hin- und Herrederei?" rief nun Frau Walburga trotz ihrer neunzig Jähre noch immer mit einer scharfen, ans Befehlen gewöhnten Stimme.Mein Sohn Adolf hat ihr die Hälfte von seinem Vermögen ver­macht. Also kriegt sie's auch. Das gibt's in unserer Familie nicht, daß man den letzten Willen von einäm Verstorbenen nicht acht't. Es soll nicht heißen, daß die Bernhoblerschen sich um eine Hinterlassenschaft herum- g'stritten hätten. Meine Kinder find Gott sei Dank alle so g'stellt, daß sie der Hildegard nicht neidig zu sein brauchen. Prozessiert wird nicht, und ob das Testament jetzt gerichtlich gültig ist oder nicht, das geht uns nichts an. So wie's der Adolf b'stimmt hat, so wird das Ver­mögen auszahlt. Und dabei bleibt's. Nachher wär also alles in Ordnung, Herr Amtsrichter?"

Trotz der ungehaltenen Mienen ihrer Frauen, trotz' eines ärgerlichen Murrens von feiten Antons, wagten die Söhne keinen Widerspruch gegen die Entscheidung der Mütter.

Die Unterschriften würden abgegeben.

Die Wagen fuhren vor.

Die schwarzen Gestalten bewegten sich der Tür zu.

Emil und Gustav stritten sich, um die Ehre, ihre Mutter führen zu dürfen.

Hildegard, die ganz verlegen und ratlos in der fernsten Ecke stand, lehnte sich fest an ihren Gatten, um sich in seiner Nähe zu schützen vor all der Feindseligkeit, die ihr entgegenwehte.

Die verschleierten Frauen erwiderten ihren Gruß mit ärgerlichen Mienen zwar, aber doch weniger gleichgültig und stolz als vorher.

Sie war ja nun wieder eine Besitzende, sie gehörte wieder zu den anständigen Leuten.

Mali, die einzige, die im Mietswagen gekommen war, mußte warten, bis die Landauer der Verwandten weg- gefahren waren.

Sobald ihrs Schwiegermutter sden Raum verlassen hatte, schien sie wie von einem Baun befreit.