Ausgabe 
29.1.1913
 
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tnessener ist, unselbständige als selbständige Arbeit zu verrichten. Auch-Vorwürfe gegen den Lehrplan und die Art des Unterrichts sind etwas ganz anderes, als die Klagen über die unnütze Länge der Ausbildung. Was uns stört, ist wohl in erster Reihe das Zeitausmaß, das erst ausschließlich der Ausbildung und dann der Berufsarbeit gewidmet wird, sind in zweiter Reihe die Ver­hältnisse, unter denen diese Menschen dann ihre Arbeit leisten müssen. Wir sehen heute, daß der Mittelschüler bis in sein acht­zehntes Lebensjahr oder iwch länger von der Schule so sehr in Beschlag genommen wird, daß er daneben nur unter Opfern oit Nachtruhe oder notwendiger Muße einem kleinen Verdienst nach- gehen kann, trotzdem die Familie einen solchen Zuschuß oft bitter nötig hat. Noch häufiger aber werden wir beobachten, daß der Mittelschüler einen derartigen Verdienst überhaupt nicht findet und so nur vor die Wahl gestellt ist, entweder seiner Familie eine schwere Last aufzubürden oder aus der Schule auszutrcten. Unser heutiges Erwerbsleben verlangt meist den ganzen Menschen oder weist ihn zurück, eine Sonderung der Beschäftigungen nach Arbeits­zeit mit dementsprechend geringerer Entlohnung fehlt so gut wie völlig. Die schlechtbezahttcu Arbeiter sind heute auch die am längsten Beschäftigten. Wir sehen aber auch den gleichen jungen Menschen, wenn er die Mittelschule nicht mit der Hochschule ver­tauscht, meist einen Beruf ergreifen, der seine Zeit und Kraft so in Anspruch nimmt, daß wieder für geistige Muße nicht viel übrig bleibt. Dazu kommt, daß die Bezahlung in untergeord­neten Berufen für verfeinerte Genüsse so gut wie keinen Spielraum läßt. Man hätte vielleicht abends noch Spannkraft genug, um ein gutes Theaterstück oder Konzert aufzunehmen, aber das läßt wieder die Kasse nicht zu; man fühlt sich vielleicht iwch rege genug, um ein gutes Buch zu lesen, aber das Geld fehlt, um es zu kaufen, das Herbeischaffen aus Bibliotheken kostet Mühe und Zeit und hat man vielleicht beides überwunden, so wirken die engen dunipfen Wohnungsverhältnissc lähmend. Das Ergebnis ist, daß auch! der Angestellte mit guter Schulbildung bald versumpft.

So brauchen wir eine weiter und tiefet 'gehende Volksbildung, aber sie müßte anders verlaufen, wir brauchen viel Handarbeit, aber sie müßte anders gestaltet werden. Strebt der junge Mensch keiner geistigen Laufbahn im.eigentlichen Sinne dieses Wortes zu, so kann das Erwerbsleben ruhig mit etwa sechzehn Jahren be­ginnen. Aber bte Erwerbsarbeit müßte für Jugendliche min­destens bis zwanzig, womöglich bis Anfang der zwanzig auf Halbzeit gesetzt sein. Neben ihr müßte noch täglicher, und zwar nicht in die Abendstunden fallender regelmäßiger Schul­unterricht stattfindeu. Bis heute kennen wir die verkürzte Arbeits­zeit für jugendliche bis zu sechzehn Jahren nur bei reiner fabriksmäßrger Handarbeit, und auch dann ist die Verkürzung so gering und der Fortbildungsuuterricht so- lückenhaft, daß von einer tatsächlichen weiteren Ausbildung der Persönlichkeit kaum die Rede sein kann. Für die weiblichen jugendlichen Arbeiter fehlt der Fortbildungsunterricht fast überall.gänzlich, ebenso steht es bei den Berufen, die den Mittelschulklassen als noch weniger standesgemäß gelten, ohne geistige Anforderungen an den Menschen zu stellen. Der junge Wann, der nach beendeter.Handelsschule vielleicht mit achtzehn Jahren in ein Handelshaus eintritt oder nach acht Jahren. Mittelschule die unterste Sprosse der Beamten- teiter besetzen darf, gilt alserwachsen"; aus seine weitere ^geistige Ausbildung, die in diesem Älter doch nicht schon als abgeschlossen gelten kann, wird weder vom Privatunternehmer, noch! vom Staat als Arbeitgeber Rücksicht genommen. Und doch ist der Mensch für. viele Dinge, so für politische, volkswirtschaftliche und künst­lerische Ausbildung, die er als Persönlichkeit und Staatsbürger notwendig hat, erst um.die zwanzig herum so recht..aufnahme­fähig. Wollen .wir also reife, bewußte Menschen, so muß für den Durchschnitt zwischen Ausbildung und Berufsarbeit nicht ein scharfer Schnitt gemacht, sondern eine Uebergaugszeit geschaffen werden. Daun werden wir auch begreifen, daß die Ausbildung des Menschen nicht nur um des späteren Berufes, sondern um der Gesamt­persönlichkeit willen zu erfolgen hat. Die leidige Frage, wozu nützt das Lernen in diesen oder jenen Fächern, wenn Her Mensch es nicht weiter verwertet, hört dann von selbst auf, der Nutzen äußert sich in der gehobenen Lebensweise und Lebensanschauung der Bevölkerung.

An die verkürzte Arbeitszeit des Jugendlichen mit obli­gatorischem Fortbildungsunterricht schließt sich die volle Beschäf- tigungszeit des Erwachsenen. Aber wird der Mensch, der gelernt hat, daß seine Schulzeit nicht einzig den Zweck hat, ihn für den Berus vorzubereiten, sich auch darein fügen, int reifen Alter all seine Zeit der Berufsarbeit zu widmen? Wir sehen gerade einen der größten Vorteile der so verlängerten und verbesserten Ausbildung des nicht-geistigen Arbeiters, darin, daß er noch schärfer gegen die lange Arbeitszeit ankämpfen wird, als dies schon heute der Fall ist. Verfolgen wir die Geschichte der Arbeiterbewegung, so sehen wir am Anfang den Kampf um Lohnerhöhung, daun um günstigere Arbeitsbedingungen, erst in dritter Reihe geivöhulich der Kampf um Arbeitsverkürzung. Der Mensch muß bereits eine gewisse Höhe erreicht haben, um das Bedürfnis nach Muße sehr lebhaft zu einpfiuden. Auf einer niederen Stufe wird er sich mit einer langen Arbeitszeit abfindeu, wenn nur seine primi­tivsten physischen Ruhebedürfnisse halbwegs befriedigt sind. Erst

später kommt das Bedürfnis, Zeit nicht nur zuui Schlafen und Essen, sondern zum geistigen Sein zu haben. Der Erwachsene muß immer mehr das Bewußtsein bekommen, daß. seine Persön­lichkeit neben der Berufsarbeit Rechte hat. Gewöhnt man ihn daran, daß. seine jugendliche Ausbildung nicht nur um des späteren Berufes willen erfolgt, sondern den Menschen in ihm ausbilden soll, so wird es für den Menschen in sich, auch als Berufsarbeiter geistige Muße und Weiterbildung fordern. So wird die höhere Ausbildung Antrieb zur kulturellen Lebensweise auf späteren Lebensstufen, und verträgt sich auch mit niederer Berufsarbeit.

A. S.-N.

Aus dem Winterlehen unserer Vögel.

Wenn auch das Lied behauptet,die Vöglein allzumal" hätten sich nach Süden gewendet, so ist das winterliche Vogelleben unserer Heimat doch noch außerordentlich reich und zudem wegen des Fehlens des Laubes leichter zu beobachten. Unsere besten Säuger weilen freilich im Süden, dafür aber tummeln sich in Wald und Feld, bei strengem Frost oder tiefem Schnee auch in der Vorstadt und in Straßen der Stadt selbst zahlreiche.Kleinvögel, Finken, Meisen, Kleiber, Baumläufer, Grünlinge, Ammern, Haubenlerchen, Zeisige und Zaunkönige und auch einzelne Stare weilen im Winter hei uns. Auf den Landstraßen kann man Sperlinge, Ammern und Haubenlerchen in ganzen Scharen dabei beobachten, wie sie den Pferdcmist auf der Nahrungssuche zer­pflücken, die Baumvögel durchsuchen jedes Fleckchen.Rinde nach Insekten und besonders die Meisen sind hierbei recht possierlich zu beobachten. *

Solange es hell ist, sind sie emsig bei der Nahrungssuche, und man muß sich eigentlich immer wieder darüber wundern, wie sie und zahlreiche andere Vögel, die bekanntlich einen außer- ordentlich großen Nahruugsbedarf haben, genügend viel Futter auftreiben. Ein trefflicher Tierbeobachter, der Engländer R. Kearton, der namentlich durch feine wundervollen Tieraufnahmeu bekannt geworden ist, hat hierüber einmal eine Untersuchung an- gestellt.Geht man im Winter durch die dürren Wälder," so erzählt er,so hört man hungrige Fnttersucher über die welken Blätter Hüpfen, oder sieht, wie sie diese fleißig umdrehen, in der Hoffnung, eine versteckte Kleinigkeit darunter zu entdecken. Aber wieviel von dieser Art Arbeit getan werden muß, bevor eine einzige Mahlzeit zusammengebracht wird, ist fast unglaub­lich. Um vollständig die Schwierigkeiten zu begreifen, die den Vögeln das Herbeischaffen der Nahrung während der Monate Dezember, Januar und Februar macht, habe ich mich so weit wie möglich körperlich und geistig in die Lage eines ausgehungerten Vogels versetzt und bin an einem frostigen Wintertage in die Wälder gegangen, um Futter zu suchen. Auf Händen und Füßen in einem Unterholz von Eichen, wilden Kirschen, Birken und Haselnußstränchern kriechend, habe ich die Blätter eines nach dem anderen sorgfältig umgedreht, bis ich auf den nackten, feuchten Boden kam. Zwei Quadratmeter lieferten bei eifriger Nach­forschung einen kleinen Wurm, eine Eichel, eine gesunde Hasel­nuß und eine kleine Schnecke. Eine zweite Durchsuchung in einem anderen Teile desselben Gehölzes ergab nur einen ein­zigen, halb erstarrten Wurm auf zwei Quadratmetern Fläche. Vierzehn Tage später untersuchte ich sechs Quadratmeter in der­selben sorgfältigen Weise uitb sand nur eine einzige dürftige Haselnuß von der kleinsten Sorte." Kearton weiß natürlich sehr wohl, daß das Sehvermögen des Vogels dem des Menschen überlegen ist. Außerdem ist noch hiüzuzufügen, daß die Rinde fast aller Bäume, lote jedem Entomologen wohl bekannt ist, von Insekten in verschiedenen Entwicklungsstadien wimmelt. Nament­lich Goldhähnchen, Meisen, Kleiber und Baumläufer verstehen es meisterhaft, in den halsbrecherischen Stellungen jede Stelle eines Baumes gründlich abzusucheu. Besonders gute Beobachtungs­gelegenheit findet der Vogelliebhaber zur Winterszeit in großen Garten- und Parkanlagen. Wer Glück hat, bemerkt wohl auch einige der ziemlich seltenen Wintergäste, etwa Schneeammern, Seidenschwänze oder Eisvögel. Die Schneeammer, ein Vvgel aus dem hohen Norden, erscheint, ivenn der Winter in ihrer Heimat sehr streng ist, bei uns zuweilen scharenweste. Allerdings wird sie häufig vou den Städtern verkannt und für einen absonderlich gefärbten Sperling gehalten.

Im Winter 1864/65 sollen nach Angaben Marshalls Schnee- ammcru in Deutschland besonders zahlreich beobachtet lvorden sein. Ein Vogelliebhaber unter den Dichtern, Heinrich Seidel, erzählt in seinen autobiographischen Skizzen gelegentlich von seinen Vogelbeobachtungen im Schweriner Schloßparke am Großen Schwe- riner See.Wurde der Winter strenger und fror der große See zu, so zeigten sich im Schloßgarten au einer Stelle, Ivo durch einen kleinen Fall das Wasser offen blieb, die seltsamen edelstein- glänzenden Eisvögel und betrieben ihren Fischfang, indem sie sich von .einem Zweige aus kopfüber ins Wasser stürzten. Es kamen auch wohl in Scharen aus dem hohen Norden die Seidenschwänze oder die nstedlicheu, rotköpfigen Birkenzeisige." Was Seidel da erzählt, bezieht sich allerdings auf feine Jugend, und es. scheint, als ob in neuerer Zeit die Winter gaste seltener beobachtet würden. Den Eisvogel allerdings, der auch sonst hei uns heimisch ist,, hat der Schreiber dieser Zeilen noch im vergangenen Winter mitten in Berlin, im Tiergarten,. beobachten können. Unter den in Deutsch"