Ausgabe 
29.1.1913
 
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X.

lieber der Steppe lag der Frühling. Meta schritt, Konrad an der Hand, langsam den schmalen Pfad zwischen blühenden Wiesen hin gegen Schloß Dopolanyi.

Sie ivar etwas voller geworden während des letzten, Halben Jahres, und auf beit von Wind und Soyue leicht gebräunten Wangen blühtest frische Rosen auf.

Konvadcheu, der nun sechs Jahre alt ivar, stampfte tapfer neben ihr hin. Seit seiner letzten Krankheit in Dresden, wo er wochenlang in einem sonderbaren Zustand, bald fiebernd, bald schlafend dahingelegen Valle, ivar eine auffallende Veränderung mit ihm vorgegangen.

Meta erinnerte sich noch ganz genau der Stunde um Mitternacht am Tage nach Allerseelen, als er nach ztoölf- stündtgein Schlaf plötzlich die Angen aufgeschlagen und sie, die neben fernem Bettchen saß, seltsam wach und hell angeblickt hatte.

Und wie er dann plötzlich ganz deutlich gesagt hatte: Mama liebe Maina!"

Von diesem Tage an sprach das Kind. Es war, als habe es seit langem einen reichen Schatz von Worten in sich angesammelt, der nun plötzlich frei geworden war.

Zu gleicher Zeit kam Leben in seine großen Augen und Ausdruck in das runde, schmäler gewordene Gesichtchen.

Auch seine Wangen bräurite die Sonne der Pußta und jetzt, wo ein Meer von Blüten die Luft ringsum mit wunder­barem Duft erfüllte, röteten sie sich von Tag zu Tag mehr.

Ein lebhaftes Kind war Konrad nicht geworden. Etwas seltsam Verträumtes, Verschleiertes lag über seinem Wesen. Er sprang nie mit dem Wind um die Wette und mied die Gesellschaft anderer Kinder. Am liebsten, saß er zu den Füßen seiner Mutter und hörte zu, wenn sie Märchen erzählte oder schritt, tote jetzt, an ihrer Hand schweigsam über die endlos scheinende Steppe.

Nur wenn irgendwo lvild und feurig die Klänge der Zigeunermusik ertönte, hob ier den Kopf und seine Augen blitzten. Dann konnte nichts in der Welt ihn bewegen, Wetter zu gehen, ehe der letzte Geigenstreich verklungen ivar.

Meta hatte sich überraschend schnell auf Dopolanyi ein» S" bt. Sie war viel allein. Montelli hatte den größten der Zeit in dem eine Stunde entfernten Gestüt oder dem Rennstall zu tun. Abends gab es fast immer Gäste oder man brachte die Zeit bei benachbarten Gutsbesitzern zu. Wer Ungarn kennt, kennt auch die ans Märchenhafte, grenzende Gastfreundlichkeit und Lebenslust seiner Mag­naten. Und Dopolanyi lag so recht im Mittelpunkt eines an Gütern reichen Komitats.

Es war Wend. Die Sonne stand tief am Horizont Und ihr Licht strömte, immer goldener werdend, über die Steppe, daß sie aussah wie von Flammen umflossen.

Meta ging immer langsamer. Daheim erwartete sie ja niemand. Montelli war zu den Rennen nach Wieit gefahren und sie hatte abgelehnt, ihn dahin zu begleiten, houtztsächlich, unu,sich glicht vonjdem Kind trennen zu müssen.

Daneben gab es allerdings noch einen zweiten Grund, her sie von der Reise abhielt. Sie wollte es vermeiden, mit Prinz Reinsperg zusammenzutreffen. Seine Huldignngen in den letzten Dresdener Tagen waren allzu deutlich "ge­wesen und jetzt, wo ihr Mann in einem Abhängigkeits- Verhältnis zu ihm stand, war ihre eigene Stellung noch schwieriger geworden.

Sie hatten jetzt die Pappelallee erreicht, die in schnur­gerader Linie zum Schloß führte. Da faßte Konrad plötzlich ihre Hand fester und richtete seine glänzenden Augen er­regt aufwärts.

Mama hörst du? Es macht jemand Musik, so schöne Musik!"

Meta horchte betroffen auf. Wirklich im Schloß spielte man Klavier. Leise und iveich drangen die Töne durch ein geöffnetes Fenster hinaus in den stillen Abend.

Jetzt konnte sie auch die Melodie unterscheiden. Es war Wagner.Frau Holda kam ans dem Berg hervor .

Wunderbar lieblich, wie der Klang einer wirklichen Schalmei, hörte es sich an.

Wer konnte es sein? Der Verwalter spielte höchstens leichte Operettenmusik. Sollte Viktor zurück sein? Aber das war ja nicht möglich. Bor drei Tagen reiste er erst ab und heute hatten bte Rennen begonnen .

Meta beschleunigte den Schritt. Im Hof stand ein fremder Wagen, den ein Knecht eben in den Schuppen schob. M lief ihr auch schon die Verwalterin aufgeregt entgegen:

Gnädige Frau. welche Überraschung! Seine Hoheit ist angekommen!"

Verwundert starrte Meta in das runde, rotbackige Ge­sicht der kleinen Frau.

Prinz Reinsperg? Unmöglich!"

Ja, ja vor einer Stunde kam er an."

Meta fühlte, wie ihr das Blut jäh bis unter die Haar­wurzeln stieg:

Weshalb kam er? Jetzt, wo Montelli nicht hier ivar wo das Rennen begann in Wien? Es ivar zu aller- mindest eine grenzenlose Taktlosigkeit!

Und zugleich empfand sie mit bitterer Empörung: du darfst ihn nicht einmal wegweisen; denn es ist ja sein Haus, tu das er kommt.

Ohne eilt Wort zu sprechen, stieg Meta die Treppe hinauf. Das Spiel oben war verstummt.

Warum spielt er nicht weiter?" fragte Kouradchen ärgerlich, und seine Mutte antwortete zum erstenmal bei­nahe heftig:Laß das jetzt! Sei ganz still -- morgen spiele ich dir, so viel du willst."

Wer du kannst es nicht so schön!"

Wenn auch komm nur komm!"

. Sie zog das Kind hastig mit sich fort. Sie wollte gleich' in das Kinderzimmer, wollte Konrad zu Bett bringen und beit Abend über bei ihm bleiben. Der Besuch ging sie nichts! an. Um keinen Preis wollte sie irgend welche Notiz davon nehmen.

(Fortsetzung folgt.)

Arbeit auf Halbzeit und verlängerte Ausbildung?

Unter diesem Titel bringt das zweite Januarheft des Knust- warts eine Anregung, bereit Verwirklichung von einschneidender Bedeutung für die Geistesbildung weiter Kreise sein könnte. Wir geben die sehr beachtenswerten Ausführungen hier iviedcr.

Die Klagen über die Ueberfüllmta t>ou Mittelschulen und Universitäten werden immer lauter. Bald sind es die Frauen, die sich nicht zu den wissenschaftlichen Berufen drängen und den Männern die Konkurrenz nicht erschweren, bald die unteren Volks­schichten, Arbeiterschaft und Kleinbürgertum, die ihre Kinder nicht höheren Berufen zuführen sollen. Auch gegen das Bürgertum wird immer wieder der Vorwurf, erhoben, es schätze handwerks­mäßige Berufe zu gering und 'lotse selbst schlechtbegabte Söhne unter allerlei Qualen für Kinder, Eltern und Lehrer durch Gymnasien, Realschulen und Hochschulen, statt geistig wenig regsame einer tech­nisch-handwerksmäßigen Ausbildung zuzuführen. Ebenso wird behauvtet, die Kosten der Ausbildung stünden ost in schreiendem Mißverhältnis zu der wirtschaftlichen Lage der Eltern und zu dem Berufe selbst, den die jungen Leute, daun notgedrungen er­greifen müssen. Man findet es unzweckmäßig, ivenn Knaben acht Jahre lang klassische Bildung aufnehmen, um dann als kleine Post­oder Bahnbeamte uuterzukommen, da sie bei dieser Beschäftigung alles mühselig aufgespeicherte, später nicht weiter verwendete Wissen allmählich vergessen; es sei ebenso töricht, versichert man uns, wenn Mädchen jahrelang verbesserte Schulen, die einen wirklich ernst nehmenden Bildungsgang ermöglichen, durchlaufen/ um dann als Schreibmaschinenfräulein oder als Telephonistin beschäftigt zu werden. Noch viel bedenklicher sei es, versichert man, wenn Menschen die Hochschule absolvieren, um dann um des lieben Brotes willen, Stellen anzunehmen, für die Hoch- schulbildung nicht Vorbedingung ist. Namentlich bei studierenden Frauen tritt dieser letztere Fall häufig ein, man sieht hier auf mancher Seite einen Grund gegen die weibliche Studentenschaft/ zum mindesten unter den heutigen Verhältnissen.

Wir wollen hier nicht die Zweckmäßigkeit oder Unzweck- Mäßigkeit unserer Lehrpläne untersuchen. Uns interessiert heute eine andere Frage: ist es notwendig, ja nur sinnvoll, die Aus­bildung des jugendlichen Menschen in erster Reihe in Hinblick auf seine spätere Tätigkeit auszugestalten? Wir hören mancherlei! von den Bauem auf Island und den Färöerinseln; sie besuchen Lateinschulen und pflegen Kunst. Wenn sie von ihrer Feldarbeit heimkehren, kommt es häufig vor, daß im einen oder.andern Hause eine Beethovensche Sonate gespielt wird. Zum Landbau haben sie derlei gewiß nicht nötig, aber ioas sich bei 'ihnen entwickelt hat, ist ein kultivierter Menschenschlag, der neben schwerer Hand­arbeit geistigen Genüssen zugänglich ist. Freilich berichten die gleichen Reisenden von einem gewissen gleichmäßigen Wohlstand unter dieser Bauernbevölkerung, Bettler sollen überhaupt nicht zu sehen sein.)

Was empfinden ivir eigentlich als störend, ivenn wir sehen, daß ein Mensch jahrelang geistig ausgebildet wird, um dann eine untergeordnete Beschäftigung ergreifen zu müssen? Weder die .Ausbildung als solche, denn die meisten sind sich klar darüber, daß die durchschnittliche Bildung ein wichtiger Bestandteil der Kultur­höhe eines jeden Volkes ist, noch die Beschäftigung als solche/ denn wir wissen ebenso gut, daß uusere Kultur eine ganze Reihe unselbständiger, vorwiegend auf Handarbeit beruhender Leistungen nötig hat, intb ferner, daß es der Mehrzahl -der Menschen iveit ange-