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eine schon Verlorene hielt, in den Tod gehetzt um seinetwillen, da stand klar ein Erkennen vor seiner Seele. Was! sie ihm gewesen war — was sie ihm hätte sein können!
Er hätte anfschreien mögen in dieser Stunde würgender Qual.
Dann aber stürzte er weiter talab, ganz mechanisch, ohne klare Ueberlegung. Nur ganz dumpf sprach da etwas zu ihm: Weiter, weiter!
So stürmte er über den steilen Hang hinunter, die Windungen des Weges verschmähend — in einem rasenden Springen. Ein Straucheln hätte ihm schwere Gefahr bringen können; denn gerade unter ihm fiel der Hang au dreißig Fuß tief senkrecht zu der Talstraße herab. Aber er achtete nicht darauf — nur hinunter, an den See, die einzige Vorstellung, die ihn ganz beherrschte.
So kam er an eine vorspringende Felsklippe, die ihn zwang, sich nun seitlich zu halten, und wie er gerade eilends nach links abbvg, so ein neues Gesichtsfeld auf das See^- ufer drunten bekommend, sah er dicht unter ihm, unter m! Hang des Berges, eine weibliche Gestalt regungslos sitzen, den Kopf in beide Hände gestützt — Gottliebe !
War der Name wie ein Aufschrei von seinen Lippen geklungen? Er wußte es nicht. Aber sie wandte drunten jetzt plötzlich den Kopf zu ihm herauf — eine müde Bewegung; Md starr blieben auch ihre Zuge, als sie den Herannahenf- den nun gewahrte.
Wenige eilige Schritte, halbe Sprünge, und er war Bei ihr. i
„Gottliebe — was tun Sie hier?"
Aus schwer atmender Brust stieß er die Worten hervor.
Sie gab keine Antwort, sondern wandte den Blick .wieder mit einem leeren Ausdruck aus den See hinaus.
Da legte er die Hand, zitternd von der furchtbaren Anstrengung dieses tollen Laufes, auf ihre Schulter, und mit einer Stimme, aus der all die Todesangst um siel bebte, nannte er noch einmal, beschwörend, zärtlich tiw wurfsvoll, ihren Namen.
Wie dieses „Gottliebe" in ihre Seele drang, wie sie der Griff feiner zitternden Hand erschauern machte! — diese Sekunde verriet ihr, was er für* sie empfand.
Ein Aufschwellen höchster Seligkeit brandete da in ihrer Brust „auf, dann aber folgte im nächsten Moment der zerschmetternde Sturz in die abgründige Tiefe schwarzer Hoff- Uüngslofigkeit. Was zeigte ihr das erbarmungslose Schicksal erst ein Wück, dessen sie doch nie teilhaftig toerben, pupte? Und sie barg, mit leisem Aufstöhnen das Gesicht in >ie Hande, daß er das Zucken ihres Antlitzes nicht gewahren ollte.
„Reden Sie doch nur — ich beschwöre Sie! — Nur ein Wort! Was wollten Sie hier?"
„Fort!"
„Das sollen Sie nicht — das dürfen Sie nicht! H.ier- bleibeu sollen Sie, Gottliebe! Es wird Ihnen jede Genug- tuung werden. Meine Fran wird Sie um Verzeihung bitten und noch heute mein Haus verlassen."
„Und Rehe?"
Sie 'verharrte noch immer so, ohne aufzuseheu, das Nntlitz in den Händen.
„Rehe wird einsehen, daß sie kindisch war, p'on ihrer Mutter ausgestachelt —"
„Nein, nein!"
In leidenschaftlichem Ausbruch streckte sie plötzlich die beiden Hände geballt von sich, daß er nun ihr blasses/ schmerzverstörtes Gesicht sah.
„Ich werde es nie vergessen, wie sie mich anstarrte, voll Entsetzen, voll Abscheu — wie 'eine Aussätzige, wie eine Verruchte!"
Erschüttert sah er sie an, so schmerzerstarrt. Was hatte sie gelitten! Aber dann durchzuckte sie ein Entschluß.
„Nein, nein! Lassen Sie mich sort!"
Sie stieß es verzweifelt au§' und sprang auf, ihm zu enteilen.
Mer da umfing sie sein Arm.
„Sie müssen bleiben — um meinetwillen!"
Wie lgelähmt lag Bei diesem Wort ihr Leib! einen Moment in feinem Arm. Da war es, wovor sie hatte flüchten wollen. Und wie in einem Schwindel schloß sie die Äugen.
Eine berauschende Seligkeit strömte über ihn dahin, wie er sie so hielt, die Zartem Widerstandslose.
iÄt, um meinetwillen, Göttlielw!"
Noch einmal bekräftigte er es, mit leiser, bebender Stimme. „Wenn Sie es nicht tun wollen Rehes wegen, so! denken Sie doch an mich. Wollen Sie mir das einzig^ bescheidene und mich doch so beseligende Glück rauben, Sie wenigstens um mich zu haben, Sie zu sehen, mit Ihnen .zu wandern und meine Gedanken zu teilen? Wollen Sie mich denn wieder ganz arm, bettelarm werden lassen — viel ärmer noch als zuvor, wo ich ja wenigstens nicht wußte, daß da eine Frau auf der Welt ist, deren Besitz mir alle Seligkeiten des Lebens geschenkt haben würde?"
Regungslos, von süßen Schauern überrieselt, hörte sie seine Worte an; in diesen flüchtigen Sekunden die Höchsts Wonne ihres Daseins cinskostend. Mer als er nun geeit o et,- als mit seiner Stimme der Zauberbann erloschen war, der sie tvie ohnmächtig an seiner Schulter hatte lehnen lassen'/ da riß sie sich plötzlich von ihm los.
„Tas hätten Sie mir nie sagen sollen — nie!" Totenblaß, mit großen, starren Augen sah sie ihn an. „Nun haben Sie selbst es mir ja unmöglich gemacht, in Ihrem Hause zu verbleiben."
„Gottliebe!"
In höchstem Erschrecken hob er die Hände zu ihr hin.
Wer sie fuhr fort, mit unerschütterlicher Festigkeit,- den Blick voll aus ihn geheftet.
„Wie sollte ich Ihrer Tochter in die Augen sehen können, nach diesem Geständnis eben?"
„So vergessen Sie meine Worte! Betrachten Sie sie als nie gesprochen!"
Verzweifelt rief er es ans, flehend, beschivöreud.
„Das kann ich nicht!" Mit einem' festen Ton jagte sie es, und in ihrer, Augen leuchtete noch einmal all der Abglanz des beseligenden Glücksgesühls jenes flüchtigen Moments vorhin ans.
„Warum nicht?"
„Weil diese Ihre Worte das ganze Glück meines Lebens ausmachen von dem ich nun fortan zehren soll bis att das Ende."
Voll sah sie ihm ins Gesicht bei diesem Geständnis/ mit einem Strahl unendlicher Liebe in beit Augen.
Ta schwand ihm jedes Besinnen. „Gottliebe!" Und im. Sturm seiner Gefühle wollte er sie an sich reißen, mit einer wilden, über alles dahinbrausenden Leidenschaft.
Eines Blitzes Länge war es ihr, als müsse sie ihm nun widerstandslos verfallen, im süßen Taumel, als wolle die tzanze Welt um sie hemm versinken — nur sein, seich ,ganz sein! Tas einzige Gefühl, das sie beherrschte.
Aber da schoß plötzlich Rehes Bild vor ihr auf: Die dunklen Augen starrten fie voll Entsetzen und Abscheu an — und mit einer heftigen Bewegung entzog sie sich seiner Umarmung,
„Hält!" Abwehrend streckte sie die Hände vor. „Wenn' Sie mich auch achten, Herr v. Malmort!"
Da stand er wie erstarrt vor ihr. Noch ein letzter furchtbarer .'Kamps mit feinem aufgestörten, wild emporlohen,- den 'Empfinden, dann trat er zurück, es wär, als sänke e# nach der ekstatischen Ailspaininug schlaff zusammen.
,Mie Sie befehlen."
Seine Stimme klang tonlos.
Mechanisch schritten sie so ein Stück am Seeufer dahin/ er ein völlig Niedergebrochener — sie eine Beute innigsten Mitleids und brennenden Wehs. Sie hätte anfschreien mögest vor Dual; aber von den fest zusammengepreßten Lippen rang sich kein Laut.
„Also Sie wollen dann fortnoch heute vermutlich?"
Wie klanglos sein sonst so wohltönendes tiefes Organ war! So rauh und brüchig tote der Ton einer Glocke, durch die ein Wetterschlag einen Riß gemacht hat.
Sie nickte nur matt statt jeder Antwort und hielt den Blick ab'gewandt. Sie hätte den Anblick der trostlofen, geliebten Züge ja nicht ertragen.
„So 'gehen Sie am besten heut abend nach Thalwys. Sie können dann morgen früh mit der Uost weiter nach denk Engädin zu."
M 'war ihr recht so; sie War zu müde, um selbsv Wäne zu machen.
(Fortsetzung svlgt-l


