Ausgabe 
28.7.1913
 
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tet zur andern. An murmelnder Unruhe greift eine freudige .Erregung um sich. Was ist geschehen?

Denken Sie nur einmal an, der kleine Horst hat heute lausen gelernt!

ist ja gewiß richtig, daß die übrige Welt von diesem erschütternden Ereignis auch nicht int entferntesten so stark be­rührt wurde, wie wir auf dem Reichspvstdampfer. Aber man betontmt eoen auf diesen Schiffen einen ganz besonderen Ein- bltck ttt dte Dtnge. lieber welche gleichgiltigen Sachen erregte man sich doch tm alten Europa, während Horst, der Held im Kinderkleidchen, von einem staunenden Ring erwachsener Be­wunderer umgeben unb behütet, über die sonnenwarmen Planken des Sonnendecks auf seine glückstrahlende junge Mutter zutappte. O, wir waren durchaus unterrichtet über das, was man in Berlin, London und Parts int Augenblick für das wichtigste hielt. Heut­zutage strahlen die Gedanken, die die Massen bewegen, als elek­trische Energie durch den Aether,Herr Drahtlos", unser Bord- ielegraphtst, stülpt sich die das Hörrohr haltende Spange über den Kopf. Ein drehender Griff an einem Hebel. Wir sind aui die Wellen eingestellt, die von dem ragenden Mast vom Norddeich aus über Meere und Länder die wichtigsten Neuig­keiten ausstrahlen. Jeden Morgen hängt am Anschlag vor dem Speisesaal die Reihe der Nachrichten, dieHerr Drahtlos" den die Erdatmosphäre durchschwirrenden Sensationen abgelauscht hat. Aber daß in der Welt draußen etwas wichtigeres sich ereignet hätte, als daß Horst auf der Fahrt zu seinem Vater laufen lernte, das hat damals, solange wir im Hause des Schiffs lebteitz .niemand von uns gefunden.

Und wirklich: es ist etwas ganz besonderes um diese jungen Mütter, die sich so selbstverständlich, als weilten sie an irgend einem Kurort, an Bord dieser Ostasiendampfer einrichteten, die ihren Kinder von dem Vater erzählen, der in Indien, China, in Japan auf sie wartet, seit damals, als seine junge Gattin in die Heimat zurückgekehrt ist. Um erst wiederzukommen, wenn der kleine Weltbürger die ersten, unter der fremden, heißen Sonne gefährdete Lebenszeit hinter sich hat.

Zu dritt waren diese jungen Frauen an Bordi Sie waren alle am Wend ein wenig müde und abgespannt, wenn sie die springlebendige Jugend, die sie den ganzen Tag über in Atem gehalten hatte, in den Kabinen in ruhigem Schlummer wußten. Dann lagen sie am Promenadendeck ausruhend in den Streck- stühlen und ließen sich freundlich lächelnd ausfragen von den drei tatkräftigen jungen Damen, die sich stets zu ihnen geselltem Was hatten die nicht auch alles sich zu erkundigen und zu ver­gewissern! Draußen in irgend einem ostasiatischen Hafen wartete auf jede von ihnen der Verlobte. Vor dem deutschen Konsul wird die Trauung stattfinden. Und dann geht es fort vom Schiff, das doch immer noch ein Stück Heimatboden in der Fremde war, oft noch viel Tagereisen weit, bis das Haus erreicht ist, das der Verlobte draußen im fremden Lande errichtet hat. Mitunter ist es in langen Jahren schonungsloser Arbeit und treuen Har­rens ein recht stattliches Haus geworden, so eine Art König- fitz für einen machtvollen Gebieter über tausende von Menschen, über weite Ländereien von der Ausdehnung deutscher Herzog­tümer, das jetzt da draußen in der feucht brütenden Hitze Hol­ländisch Indiens auf die neue weiße Herrin wartet, auf die brave Professorentochter aus .Stuttgart, die von Genua ab als vierte sich bett an Borb schon vorhandenen Bräuten zugesellte.

Nicht jeder Ostasiendampfer beherbergt gleich auf einmal so viel erwartetes Familienstück. Die Unternehmungslust auf das Zukuitstvertrauen, das hier in Erscheinung tritt, wird bedingt durch geschäftliche Erfolge. Und die hängen ab vom Fließen oder Stocken in den vielfach verschlungenen Strömungen des Güteraustausches auf dem Weltmarkt. Und so zieht sich hier durch das nüchterne Gewebe der welt-wirtschaftlichen Zusammen­hänge ein lebenswarmer Einschlag menschlicher Schicksale.

Das war also doch die Fortsetzung des Vortrages über die Handelsstatistik; nur in Romcmform," sagte die Frau mit lächeln­dem Vorwurf. .Mau kann es auch das Themavom größeren Deutschland" nennen," verteidigte sich der andere,oder sagte man vielleicht besser: von der größeren Heimat Europas?"

Aber die Strafe für ihn blieb nicht aus. Man soll nicht heimtükisch wehrlose Damen über Statistik unterhalten. Denn während der junße Ingenieur sich auf diese seine Weise der Mutter des Backsischchens angenehm zu machen suchte, während dessen verjobte sich oben neben dem Turnsaal der Backfisch mit dem Kieler Privatdozenten. Diese Verlobung hatte aber nichts mit der weltwirtschaftlichen Lage zu tun.

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So jeden zweiten, dritten Tag bekommt man zur anregenden Abwechselung eine andere Hafenstadt, ein neues fremdes Land vor die Türe hingestellt.Schließen Sie ja die Fenster und die Türe Ihrer Kabine zu," Warnen die Offiziere. Ach, auf dem engen, stramm regierten Schiffsbezirk auf hoher See gibt es keine Diebstahlsgefahr, verlernt der verwöhnte Fahrgast allzu schnell Vorsicht und Mißtrauen, wie sie der Umgang mit Men­schen erfordern, verlernt er fast den Gebrauch des elenden Geldes, an dessen Stelle ein hingekritzekter Vermerk auf einem Zettel das einzige Zahlungsmittel an Bord darstellt.

In dem Augenblick, in dem man den Fuß auf das feste Land setzt, ist man nicht mehr Fahrgast, sondern ein ganz ge­

wöhnlicher Sterblicher im Gewühle von Seinesgleichen. Und das tst em recht empfindlicher Unterschied.

man gefrühstückt hat, hat man bereits einen großen Sack voll der landläufigen Münze und voll Ratschlägen und Dann geht es, ledig aller sonst üblichen Gepcick- Gaphofswrgeit, auf die Entdeckuttgswanderung. Und während- depen liegt unser schwimmendes Heim in ragender Massigkeit vraußen an der Hafeitmauer, stets aufnahmebereit für seine hung­rigen oder ruhebedürftigen Ausflügler. An der Laufbrücke, die vom Kat herüberführt, hält der stämmige, blonde Bootsmann

Wie vertraut blinkt hinter ihm der blaue Briefkasten, das Wahrzeichen der Kaiserlich deutschen Reichspost. Die Plan- ken, die wir wieder betreten, sind ein Stück Heimatboden.

. dann bei hereinbrechender Dunkelheit iu irgend einem Mittelländischen Hafen, sei es nun Algier, Genua ober Neapel, bte einzelnen Trupps der Ausflügler zurückkehren und in lebhafter Unterhaltung beim Wendessen oder später in der lauen Wend- mft an Dock ihre Erfahrungen austauschen, da gibt es begeisterte Schilderungen von Landschaftsbildern, Kunstschätzen, da gibt es heiteres Gelächter bei den Erzählungen von komischen Erlebnissen. Und zaghaft erst angeschlagen, spinnt sich zum Schlüsse allgemein das Thema aus:Bei uns in Deutschland".

Ach, was ist bei uns daheim nicht alles besser, von der Post bis zur Straßenreinigung, vom Theater bis zu den Kranken­häusern. , Es sind an solchen.Tagen immer Gäste zu einem guten Glase Bier frisch vom Faß^ wie es int Rauchzimmer ausgeschenkt wird, an Bord. Irgend jemand von den Fahrgästen kennt einen Arz,t eine Lehrerin, einen Kaufmann aus der deutschen Kolonie der betreffenden Hafenstadt. Und die stimmen dann .heimweh­krank am, eifrigsten mit ein: ,Za, bei uns in Deutschland".

Es hilft hier keine Beschönigung: Bis das Schiff uns nach Genua brachte, hatte es uns alle schon tzu Hurraschreiern der schlimmsten Sorte gewandelt. Ja, die radikalste Demokratin in unserer Mitte war in Neapel durch den gewalttätigen Straßeic- bettel so zermürbt an Bord zurüchgeKehrt, daß sie am liebsten Deutschland, _ Deutschland über alles" angestimmt hätte. Am liebsten auf einem recht belebten Platz, versicherte sie.

Von der ©eefeite ist Neapel am schönsten. Bon Bord aus sicht man den Schmutz nicht," stellt der Düsseldorfer Fabrik- dierktor als Ergebnis seiner heutigen Erfahrungen fest. Er sucht vor sich selber eine Ausrede, um das Schiff nicht verlassen zu Utüssen. In der Schiffsgesellschaft hat sich eine Menderung voll­zogen. Die meisten Vergnügungsreisenden find in Genua lauf den rückkehrenden Llohddampfer untgestiegen. .Dafür haben sich noch einige Passagiere nach ostasiatischen Häfen eingeschifft. Wem aber irgendwie die Zeit zu Gebote stand, der nahm am wehmütigen Abschiedsabend den Zahlmeister auf die Seite und sicherte sich seine Kabine zunächst bis Neapel. Und dann gab es noch einmal eine Galgenfrist bis Port Said. Daß dort der un­vermeidliche Abschied auf uns harrte, darüber konnte sich Niemand himvegtäuschen. Denn durch den Suezkanal hindurchzufahreU, das konnte sich zum Vergnügen nur ein einziger Fahrgast leisten. Das war die Hamburger Dame, die wieder einmal ihre Schwester zum Tee besuchen wollte. Und die Schwester wohnt doch in Hongkong. Wer wenn matt Zeit hat, kann man es ja machen. Und teurer als ein gleich langer Aufenthalt in irgend einem Baderorte ist ja eine solche Schiffsreise nicht. Wo. . . <

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Und bann steht nttot doch eines Tages am Kai in bent neuem Bewußtsein, daß jetzt das traute Zimmerchen, das mit uns durch die Welt fuhr, nicht mehr an der Hafenmauer auf uns wartete Born Schiff her, das mitten im Kanal liegt, grüßen winkende! Tücher zum Abschied. Wir wissen, daß im Indischen Ozean ein Schwesterschiff auf dem gleichen Reisewege in umgekehrter, nach der Heimat gewandter Richtung, unserem jetzigen Aufenthalt zn- strebt. In drei Tagen wird es fahrplanmäßig hier eintreffert. Dann wird über die niederen Holzhäuser Port Saids hinweg die Flagge des Norddeutschen Lloyd und die der deutschen Reichspost von hohen Masten uns künden, daß wieder das schwimmende Heim auf Uns 'wartet, daß alle kleinlichen, allzu menschlichen Neise- sorgen wegen Unterkunft, Verkehrsmitteln nicht mehr für Uns vorhanden sein werden. Mit ganzen Bergen voU Seidenballen und Teebündeln im Laderaum, mit heimkehrfrohen Menschen auf den Decks wird es dann auf derselben Seestraße zurückgehlen, die wir gekommen sind, durch die ganze Ausdehnung des Mittel­meeres, herum Um das westliche Europa bis in unsere sonnen- arme Heimat im Norden. Eine karge, unfreundliche Natur hat dort die Erdensöhne gezwungen, sich Au mühen. Und so haben sie notgedrungen unter dem kalten Hinimel gelernt, Kräfte zu entwickeln, die vom Norden aus ein eisernes Herrschaftsband um den Erdball schmieden.

Unser schwimmendes Haus bewegt sich als lebendes Glied in solch einer Kette, die unser nordisches Nebelheim mit der Wunder­welt des fernsten Morgenlandes unlöslich verbindet, mit den uralten Märchenländern. Und eine neuzeitliche Art von Hexerei, aus bereit Banne sich aus freiem Willen niemand lösen zu können scheint, muß wohl auf diese Schiffe übergestrahlt haben. Wollte man sie einfach als vorzügliche Verkehrsmittel bezeichnen, was sie nebenbei ja auch sind so wäre das dasselbe, als stellte man den Geist von WodinH Zauberlampe sich in der Uniform eines