Ausgabe 
28.7.1913
 
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auf, dann ein dumpfer Fall aus der Tiefe. Er wär auf dem Grund der Spalte angekommen.

Eine furchtbare Vorstellung schoß dabei in Gottliebe auf. Der Unglückliche, der dort hinabstürzte und nun halb zerschmettert in der grausigen Tiefe in Frostschauern lag lebendig begraben!

Ein Schwindel packte sie, und unwillkürlich krallte sich ihre Hand in Tonis Rechte, während sie den Oberleib zurückwarf, daß er seine Brust berührte. Es durchfuhr ihn wie ein elektrischer Schlag; aber die Zähne zusammen- beißend, stand er unbeweglich, ihr Halt gewährend ein Augenblick, unbeschreiblich süß und doch qualvoll für ihn.

Nun hatte sie den kleinen Anfall wieder überwunden.

Gut, daß Sie bei mir standen!" sagte sie, sich anf- richtend und ihn loslasfend. Nun erst merkte sie, daß seine Rechte eiskalt und feucht war.

Ist Ihnen nicht wohl, Toni?" fragte sie teil- nehmend.Sie sind so kalt? Sie haben sich gewiß, neulich! 'toa[8 geholt beim Edelweißpflücken!" *

Ah, uit gar!" lachte der Spängler kurz auf, indem er sich schon wieder zum Weitergehen gewendet hatte.Ich bin halt a bissel übernächtig."'

Sie stiegen weiter, und das Plaudern verstummte, denn der Weg erforderte ihre Aufmerksamkeit. Wiederholt mußten sie Spalten auf fußbreiter Schneebrücke überschreiten oder mit Leitern durchklettern, dann sich wieder an einer Glet-- scherwarid im Zickzack auf Stufen hinaufarbeiten. So kamen sie endlich auf die Höhe des oberen Ortlergletschers. Eine Weile ging es hart am vereisten Grat entlang; der Blick S"t zur Linken Tausende von Fuß tief hinab ins Suldeu-

, wo im bläulich schimmernden Mondlicht schemenhaft die Hauf er erkenntlich waren. Wie ein Traunr schön war dies stille, einsame Wandern auf ragender Firnhöhe; wenn das hoch nie ein Ende nehmen möchte!

Dann Namen sie endlich hinauf auf's untere Ortler- plateau; zwei Stunden waren verstrichen. Die gute Hälfte, wie der Spängler sagte. In allmählicher, aber steter Stei­gung ging es nun gerade das Gletscherseld hinauf, gefahrlos, aber lein wenig anstrengend aus der glatten Schneedecke. Gottliebe ward warm.

Einen Augenblick!" bat sie den vor ihr steigenden Tour. >,Ich will nur meine Jacke ausziehen."

Und um es tun zu können, legte sie, sich bückend, ihren Bergstock auf den Schnee. IM selben Augenblick aber begann der Stock auch schon zu rutschen und wäre abgefahren, wäre her Spängler nicht schnell dazugesprungen und! hätte ihn noch beim Ende gepackt.

Auch Gvttliebe hatte sich im gleichen Moment mit einem Keinen Aufschrei nach dem Stock gebückt, und so fuhren sie Heide mit den Köpfen zusammen, so dicht, daß Tonis .Bärtchen ihre Wange streifte.

Lachend richtete sich Gvttliebe auf.Nun hätten Sie bM «einen Kuß abgekriegt, Toni," scherzte sie übermütig. Zum Lohn, daß Sie mir den Ausreißer da' so fix fest- genommen haben."

Sie war so sicher im Gefühl ihrer vertrauten Berg­kameradschaft mit dem Toni, daß sie sich nichts Arges bei den scherzenden Worten dächte. Sich gleich die Jacke aus- zieheud, sah sie nun auch sein Erbleichen nicht.

«Er stieß mit einem scharfen Ruck die Spitze des Stockes ins «Eis.

So « der reißt so bald nit toterer aus!" sagte er, «ohne nach ihr hinzusehen, fast grimmig. Ihr im gleichen Ton zu antworten, war ihm nicht glich mit seinen zitternden Lippen.

Sie reichte ihm das Jäckchen hinüber, nun nur noch im kurzen Bergrock und weiß-wollener Golfblufe.

Da, bitte, Toni .kriegen Sie's noch in den Rucksack?"

Ganz «gewiß," versicherte er und« schnallte den Sack ab, chn aufschnürend. Im Augenblick, als er ihre Jacke Nahm, UM fte hineinzutun, schlug ihm daraus Parfüm, halb der zarte, süße Hauch ihres jungen Leibes. Die Vor- stellnüg, er habe da ein Stück von ihr in seinen Händen, thm anvertraut, ward so übergewaltig in ihm, daß seine großen Hände das Kleidungsstück mit zitternder Zärtlich­keit umfingen. Ein unbesiegbares Verlangen brannte in ihm äuf. Einen schnellen, heimlichen Blick warf er auf Gvttlrebe sie stand gerade ihm abgewaicht und steckte sich den Lodenhut fester, da riß er plötzlich das Jäckchen an

ferne Lippen, und geschlossenen «Maes seinen Duft ein-» saugend, preßte er einen glühenden Kuß darauf.

Wie er dann wieder aufblickte und« nach ihr hinspähte sie stand zum «Glück rroch immer wie vorher war ihm zumute, als, habe er eben ein Verbrechen begangen. Schnell kniete «er nieder, um den RUcksack packen zu können und barg die Jacke darin.

So,' nun kann's weiter gehen." Sich umwendend, schaute sie auf ihn herab«. Er wagte es nicht, ihrem Blich zu begegnen. Ein glühendes Rot der Scham war ihm ins Gesicht geschossen, und mit zitternden Händen schnallte er an dem Rucksack herum, um Zeit zum SichsaMmeln zu ge-i Winnen.

Sie kommen Wohl nicht damit zustande, Toni? Soll ich Ihnen helfen?"

Danke tut nit not; es geht fchon!" Gewaltsam zwäng er fein wild pochendes Herz zur Ruhe.

Ihren Bergstock aus dem Eis reißend mit Gewalt, sv fest hatte ihn der Spängler vorhin dort hineingetrieben « schaute Gottliebe noch einmal zu Tal. Weit draußen, über den letzten Wellenlinien der Berge in verschwimmeuder Ferne, begann gerade der fahle Morgenschein heraufzu­ziehen, allmählich das Mondlicht znm Verblassen bringend«.

Es wird Tag." Gottliebe sprach es und ließ den Blick rückwärts schweifen, den Weg entlang, den sie ge­kommen waren. Da sah sie plötzlich unterhalb der letzten Eiswänd über den Gletscher menschliche Gestalten gleiten zwei, vier!

Da kommen schon die ersten Partien!"

Der Spängler schaute scharf hin.'s ist der Platzer und der Th«öni ans Trafoi mit den beiden Herren, die gestern noch so spät aus die Hütt'n kommen sind."

Die müssen ja aber förmlich raufgerannt sein," ärgerte sich Gvttliebe.Als wir ausbrachen, waren sie doch noch nirgends zu sehen! Kommen Sie, Toni, daß die uns womöglich nicht noch Überholen."

In schnellerem Tempo stiegen sie aufwärts auf der sich langhinstreckenden Gletscherebene. Immer näher kamen sie ihrem Ziel; nun überwanden sie auch noch den letzten Hang und waren jetzt auf dem oberen Plateau, auf das die Ortler- spitze aufgesetzt ist. Eine kleine halbe Stunde noch, nut) sie waren ans dem Gipfel.

Das Bewußtsein, so nahe am Ziel zu sein, verdoppelte Gottliebes Kräfte. Sie trieb den Spängler zu immer schnel­lerem Tempo an. Der Alpinistenehrgeiz hatte auch sie ge­packt: vier Stauden galten als die Normalzeit für die Be­steigung von der Payerhütte aus; sie konnte es, wenn sie so weiterging, als Anfängerin mit drei Stunden machen/ obenein noch zur Nachtzeit das mußte sie durchsetzen!

Während sie so eilig weiterstiegen, ward der Himmel immer blasser, und der Mondschein wich ganz« dem fahlen Zwielicht des frühsten Morgens. Ein kühler Hauch strich ihnen «entgegen, aber sie achteten nicht darauf, erwärmt von der raschen Bewegung.

Und endlich waren sie am Gipfel. In wenigen Mi­nuten zum letztenmal hieß es, Stufen sch«lagen er­klommen sie die letzte Steigung, und nun standen sie an dem schmalen, aber nur wenige Schritte langen Grat, der hinüber zur Spitze führt.

Gvttliebe ergriff Tonis Hand, aber es hätte dessen nicht bedurft; in einem hochgesteigerten, fiebernden Gefühl des« großen Gelingens ging sie selbstverständlich sicher in ihrem Siegesbewußtsein über den fußbreiten Eissteg hin, zu dessen beiden Seiten sich der steile Berghäng in schwindelnde Tiefen stürzte.

So, nun noch ein halbes Dutzend Schritte weiter vor-» wärts ans dem schmalen, länglichen Plateau, uud nun blieb der Spängler stehen, seinen Pickel einstoßend: AM Ziele!

(Fortsetzung folgt.!

Unter der Reichspoftflagge.

Uugenblicksbilder von einem Ostasiendampser.

Von Dr. Kurt Basch Witz (Hamburg).

II. (Schluß).

Es liegt eine feierliche Dämpfung über dem Treiben de« Munteren Gesellschaft, die oas Promenadendeck belebt. Aus dem leuchtenden Blau des sonnenbeglänzten Meeres scheint eine freund­lich stille Traumstimmung aufzusteigen. Da taucht eine Neuig- rert auf. Sie zieht ihre Kreise von einer der plaudernden Mutz-