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Roman von Paul Grabern-
Nachdruck verboten.) (Fortsetzung.)
Wohl Waren aber diese Gefahren dem Toni bewußt ihtb schwer rangen daher in ihm die Empfindungen, wahrend! er, sorgsam jeden Tritt Gottliebes überwachend, mit ihr vom Grat des steilen Tabarettakamms durch die Felsen- risse zum Gletscher hinabkletterte.
War es nicht eigentlich doch ein „unverantwortlicher Leichtsinn" — wie es der Stadler vorhin genannt hatte —, haß er diesen Nachtaufstieg mit einer Anfängerin unternahm ? Doch nein! Er kannte Ja hier jeden Schritt und Tritt. Und sollte sie ja straucheln, sein Seil war gut, und er hielt sie mit eiserner Hand; er hätte sie allein aus hundert Meter tiefer Eisspalte heraufgezogen — er hätte für sie Riesenkräfte gehabt. Er fühlte es, wie sich schon bloß bei dem Gedanken jede Muskel an ihm stählern straffte! i— Mer ein anderes quälte ihn viel mehr.
Wem: der Stadler es nun wirklich in seinem gerechten Zorn über ihn fertig brachte und ihn wegen dieser „Gewissenlosigkeit" dem Sektioiisvorstand anzeigte und ihm vielleicht das Führerpatent entzogen wurde? Der Stadler hatte ja vorhin diese Drohung als letzten Trumpf ausgespielt, um ihn abzuhalten von dem Vorhaben. Dem Späng- ler pochte unruhig das Herz. Was dann? Wenn ihn diese Schmach träfe, wenn seiner Familie so der Ernährer genommen würde!
Der Angstschweiß trat dem Toni auf die Stirn bei diesem Gedanken. War er nicht ein furchtbar leichtsinniger Mensch, ein erbärmlich schlechter Sohn, daß er seiner alten, schwergeprüften Mutter das vielleicht antun konnte? Wie mit eisernen Klammern schnürte es ihm die Brust zusammen, und eine dunkle, furchtbare Augst packte ihn, ein Gefühl, als gleite ihm der Boden unter den Füßen weg, er müsse ins Uferlose versinken. Wenn er doch lieber standhaft geblieben wäre, sich nicht durch ihre Bitten, ihren Zorn hätte erweichen lassen?
Aber da traf sein Blick ihre schlanke Gestalt, wie sie da vor ihm gerade sich schmiegsam von einem Felsen schwang Und nun leuchtenden Auges, froh ihrer Jugendkraft, zu ihm auflächelte, ahnungslos, welche Zweifel ihn zerrissen. Vor diesem hellen Aufstrahlen stoben alsbald die düsteren Gedanken davon. Nein, nein! Er konnte nicht anders! Er wollte nicht anders! Und wenn es Leben und Seligkeit galt, ihr folgte er — bis ans Ende der Welt!
Dann gingen sie auf dem Gletscher; nach WeniigeM Minuten standen sie vor einer ziemlich steilen Eis wand, die es 'schräg hinauf zu traversieren galt. Nun trat der Spängler en die Spitze, und es galt, die vielfach ausgebrochenen oder geschmolzenen Stufen mit dem Pickel auszubessern. Sausend
fuhr die Hacke unter seinen Hieben nieder, daß, die Eis- splitter nur so spritzten.
„Mein Gott, Toni, Sie hauen ja drauf los, als wollten Sie den ganzen Ortler einschlagen," scherzte sie. Und es wav so ähnlich. Er meinte die lodernde, quälende Glut in ihm fo ausrasen zu können.
„Ich wünscht', ich könnt's!" gab er zurück, ohne innezuhalten. „Und ich meine, 's wär' Ihnen ganz recht. Nacher könnt' wenigstens all das andere Volk da hinter uns lümnter mehr 'nauf."
„Großartig!" lachte sie hell auf. „Wie ©ie sich in meine Gedanken eingelebt haben! Wir passen wirklich famos zusammen, Toni. Unsertwegen braucht's auf den Bergen keinen Menschen weiter zu geben — gelt?"
„Ueberhaupt nit aus der ganzen Welt!" Und ein ganz besonders sausender Streich fuhr hernieder.
„Sie sind ja wahrhaftig noch ein größerer Menschenfreund als ich, Toni," staunte sie scherzend. „Den Zug hab' ja früher gar nicht an Ihnen bemerkt. Na, ein paar Leute wollen wir lieber doch noch leben lassen, meinen Sie nicht?"
In einer halben Stunde waren sie oben auf der Wand'; nun ging es in der Eisrinne des unteren Ortlergletschers aufwärts.
„Fetzt heißt's aufpassen," meinte ernster Werdend dtzr Toni, „'s gibt hier Spalten! Daß Wir im Neuschnee nit fehltreten."
Wohl trug sie der während der letzten Regentage Ijier frisch gefallene und an der Oberfläche gefrorene Schnee: aber an den Schneebrücken der großen Spalten und sonst vielfach war Vorsicht geboten.
„Hier!" Er hatte richtig die Stelle gefunden. „Bitt' schön, nun ganz genau in meinen Fußstapfen gehen und immer nach rechts treten!"
Neugierig schaute Gottliebe vor sich hin auf den bläulich flimmernden Schnee. Eine feine, kaum wahrnehmbare Rille, einen Fuß breit von ihrer Linken, zog sich da vor ihr über den Schnee hin. Sie hätte von selbst gar nicht darauf geachtet. Wer allmählich ward sie Weiter, und plötzlich ging sie in einen klaffenden Riß über, eine dunkle Eisspalte gähnte sie an. v „
Ein leiser Schauder flog doch Gottliebe an, als fie jetzt dicht am Rande des verderbendrohenden Schlunds dahinschritt, gehorsam Fuß um Fuß in Tonis Fußstapfen setzendt Und doch packte sie das prickelndbange Verlangen, einmal da einen Blick hinunter zu tun. Sie sagte es ihm. Da trat er schweigend zu ihr, nahm ihre Hand fest in ferne Linke, und nun beugte sie sich Weit vor. Hellblau glitzernd stieg die gewaltige Eiswand zur Tiefe hinab, dann verlor sie sich im nachlschwarzen Schatten. ,
Gottliebe bückte sich — sie fühlte, Wie Toms Hand sie fester umklammerte und er ganz dicht hinter sie trat — und nahm einen Klumpen hartgefrorenen Neuschnees auf; den ließ sie in den gähnenden Schlund hiitabfallen. Dann hielt sie den Atem an; einmal, zweimal schlug der Klumpen


