Ausgabe 
28.6.1913
 
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Daß ich diesmal selbst hinaus musste und wählen. Und ich alles zerriß und zerstörte und von mir warf, was sie mir geboten hatten. Ja, mir war es in nmnchen Nächten, als Würde ich jetzt andere Bilder tasten denn bisher, als würde ich nach weichen, heißen, nach runden Bildern, nach Atem Und Bemessung greifen müssen. Ich verging vor Qual und Sehnew

Und mut wollen sie mich nicht hinauslassen I Sie wollen! mich nicht suchen lassen! Sie sperren mich hier ein, die Narren! Doktor, sagen Sie es ihnen! Sagen Sie ihnen, daß ich hinaus muß! Nicht wahr, Doktor, Sie werden es ihnen sagen? Sie werden ihnen befehlen, daß sie mich hinauslassen! Mein MbUiU wartet. . .

Doktor?

Nicht wahr? Ich werde suchen dürfen? Nicht Wahr, Doktor, ich werde selbst suchen biirfeit? Tränenden Auges bitte ich Sie: lassen Sie mich suchen. Haben Sie Mitleid! Ich werde sonst wahnsinnig . . i ,'T

Der deutschen Freiheit Waffenschmied.

Zu Scharnhorsts 100. Todestag am 28. Juni 1913.

Am 2. Mai 1813 in der blutt gen Schlacht bei Großgörschen empfing der preußische Generalleutnant Gerhard Johann David von Scharnhorst die tödliche Wunde, der er nach wenigen Wochen am 28. Juni 1813 in Prag erliegen mußte.

Mit ihm war der Mann dahingegangen, der seit 1807 das große Werk der Befreiung Deutschlands^ still und ohne Lärnt, aber zielbewußt und wohldurchdacht, angebahnt hatte. Allen Ge- waltmaßregeln Napoleons zum Trotz gelang es Scharnhorst, die Stärke des preußischen Heeres auf 150 000 Mann geübter Truppen zu bringen, inbent er die Rekruten, sobald sie ausgebildet ivaren, zur Reserve entließ, um wieder neue Rekruten einzuziehen und auszubilden. Aus diese Weise zählte das preußische Heer bei deu Fahnen zwar nie mehr als die 42 000 Mann, die Napoleon im Tilsiter -Frieden dem König von Preußen Zugestanden hatte, aber in einem Zeitraum von 3 Jahren gelang es, 150 000 Mann auszubilden und in den Waffen zu üben. So bereitete Scharn­horst die Bildung einer allgemeinen Landwehr vor und leitete die Befreiung des Vaterlandes von dem schweren Drucke der Fremdherrschaft in die Wege.

Das Hauptverdienst Scharnhorsts ist die rasche, völlige Um­gestaltung der preußischen Armee, ihre Erneuerung an Haupt und Gliedern. Denalten Zopf" mit allen seinen Mißbräuchen und Mißständen schasste er ab; den Kastengeist verscheuchte er; die Vorrechte des Adels hörten auf, und die Reihen der Offi­ziere füllten sich damals mit jungen, talentvollen, tatkräftigen und aufopferungsfähigen Männern aus breiten Schichten des Volkes, aus dessen Herzblut die neue Armee geschaffen war. Zeitgemäße, freisinnige Arbeit >var es, die Scharnhorst in jenen Jahren für das deutsche Volk leistete. Er war für das Heer das, was Stein für das preußische Volk int ganzen war; der eine ist ohne den anderen undenkbar! Stein reformierte das ganze. Volk aus einem stagnierenden, selbstsüchtigen, zu einem lebendigen, arbeitstüchtigeu und ausopferungsfähigen Volkskorper; Scharnhorst wandelte das Söldnerheer in ein Volksheer um und hauchte diesem ueugebildeteu, wohldisziplinierten Heere einen echten, frischet: und siegesmutigen Soldatengeist und eine le­bendige Begeisterung ein, an der die Kriegskunst des korsischen Evoberers endlich zerschellen sollte.

Scharnhorst war tatsächlichein Mann des Volkes", wie ihn Metternich, dem die preußischen Reformeir und Männer wie Stein, Blücher und Gneisenau ein Greuel waren, einst genannt. Am 12. November 1756 wurde er zu Bordenau in Hannover als der Sohn eines Pächters geboren, und bis zum Jahre 1873 war er selbst als Landwirt tätig. Dann kam er durch Vermitte­lung des Grafen Schaumburg-Lippe in dessen Militärschule auf dem Wilhelmsteiu, von der aus er 1778 in das hannöversche Dragoner-Regiment von Estorff trat. Zum Fähnrich befördert, ward er 1783 zur Artillerie versetzt und zum Lehrer an der Kriegsschule berufe». . 1784 avancierte er zum Leutnant, 1792 zum Stabs-Hauptmann. Als Chef einer reitenden Batterie Pflückte er, in den Kriegsjahren 179395 in Flandern und Holland die ersten Lorbeeren und zeichnete sich besonders bei Menin aus. 1794 wurde er Major. 1801 trat er als Oberst- lentnaut der Artillerie in preußische Dienste über und iv-urde, da man seine theoretischen, kriegswissenschaftlichen Kenntnisse nicht minder hoch einschatzte. als seine praktischen Eigenschaften als Stratege, Direktor der Lehranstalt für junge Infanterie- und Kavallerie-Offiziere. 1802 stiftete Scharnhorst die Militärgcsell- schaft in Berlin, avancierte zum Obersten und wurde in den erblichen Adelsstand erhoben. 1806 finden wir ihir als Ge­neralstabschef des Herzogs von Braunschweig. Bei Äuerstädt Würbe ec verwundet; aber er machte .trotzdem Blüchers Zug^ nach Lübeck mit, wo er mit diesem gefangen genommen, aber bald ausgetauscht wurde. Schon bei Ehlau ist er wieder bei der Fahne und beeinflußt als Generalquartiermeister L'Estocqs ent- scheidend den Gang der Schlacht. 1807 beruft ihn Friedrich Wilhelu: III. an die Spitze der Militarorganisations-Kommission;

18071810 leitet« Scharnhorst das Kriegsdepartement, um dann Ches des Generalstabs der Armee zu werden. Die Fahre 1810 biä 1813 bilden den Höhepunkt seiner erfolgreich.'» Arbeit, ber allein es zu danken war, daß der Aufruf >deS preußischen Königs gn sein Volk nicht kraftlos verhallte, die allein es möglich Machte, daß 1813 der Befreiungskrieg siegreich geführt werden konnte.

Ms 1813 die Russen an der schlesischen Grenze erschienen, betrieb Scharnhorst mit allen Mitteln die Erhebung Preußens. Und er war es, der am 28. Februar mit den Russen den Vertrag W Kalisch abschwß. Stuf Scharnhorsts' Betreiben wurde vom Kömg das Eiserne Kreuz gesttstek. Beim Ausbruch des Krieges kam Scharnhorst als Generalleutnant und Chef 'des General- stabs zur Schlesischen Armee Blüchers. Sem Plan, die Fran­zosen im Aufmarsch in der Flanke anzugreifen, wurde, so sehr er und Blücher zu tatkräftigem Vorgehen drängten, leider zu spät ausgeführt, so daß der Tag von Großgörschen nur einen Teilerfolg brachte, der durch die Verwundung Scharnhorsts noch mehr getrübt wurde.

Interessant ist es, daß auch Scharnhorst, wie viele andere Männer jener Zeit, z. B. Blücher, Botzen, L'Estocq, Kleist, v. Nollendorff, Rückert, Fichte, Hippel, Schön, Frey, Hardenberg, Freiherr von Stein und andere, Freimaurer war. Er trat am 10. März 1779, noch als Fähnrich im Estorff sch en Dragoner-Regi­ment, der LogeZum goldenen Zirkel" in Göttingen bei, von ber er am 8. März 1780 in den II. Grad befördert wurde. Bei seiner Aufnahme fungierte Br. Gottfried Bürger, der be­kannte Dichter, als Redner. Es ist gar kein Zweifel, daß die Freimaurerei auch auf Scharnhorsts Denkungsart eine große Macht ausgeübt hat! Der Einfluß dieses Bundes aufpie Männer und die Bewegung jener Zeit war überhaupt wahrscheinlich viel größer, als man heute so schlechthin anzunehmen pflegt. Jeden­falls spielten fast überall, wo die Sache ber Befreiung des Vaterlandes energisch betrieben wurde, Freimaurer eine führende Rolle, und Freinraurer waren es auch, die den bekannten Tugendbund" und diePartei ber Patrioten" gründeten.

Nach seiner Verwundung bei Großgörschen reiste Scharn­horst, ohne der Wunde viel zu achten, nach Wien, um Oester­reich zum Anschluß an die Verbündeten zu bewegen. Er hatte aber keinen Erfolg bei Metternich, und auf ber Rückreise erlag er in Prag seiner vernachlässigten Wunde und dein Schmerz über einen Mißerfolg, an dem damals die Sache der Verbün­deten zu scheitern drohte.

Die Früchte, die er gesät, sollte Scharnhorst nicht mehr reifen sehen. Wie so viele unserer großen Männer, konnte auch er nur die Saaten streuen; die Ernte mitzufeiern versagte ihm das Geschick. Aber sein Verdienst tvnrde schon von den Zeit- genossen airerkannt und richtig eingeschätzt, als eine der größten Taten jener eisernen Zeit. Am 21. August 1814 feierte Blücher bei einer Trauerloge in der NationalmutterlogeZu den drei Weltkugeln" in Berlin das Verdienst und das Andenken seines Gencralstabschefs und setzte seinem Br. Scharnhorst Wohl das schönste Denkmal, als er ausrief:Bist du gegenwärtig, Geist meines Freundes, mein Scharnhorst, bann sei du selber Zeuge, daß ich ohne dich nichts würde vollbracht haben!" Und Max von Schenkendorff, auch ein Freimaurer, singt von seinem Br, Scharnhorst,'der deutschen Freiheit Waffenschmied".;

Keiner war wohl treuer, reiner, Näher stand dem König keiner,. Doch den: Volke schlug sein Herz.. Ewig auf beit Lippen schweben Wird er, wird im Volke leben, Besser als in Stein und Erz!" -8,*

Auflösung in nächster Nummer.

Biiöerriiticl.

Auslösung des Geographischen Verschiebrätsels in voriger Nummert Zlexiko Kuba

Habana Haiti Florida Jamaika.

Redaktion: K. Neurath. Rotationsdruck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gietzei^