Ausgabe 
28.6.1913
 
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Und. da Vomiere ich Imten auf. Den Kopf nach vorne donnere ich auf. Auf den eisernen Türvorleger haut mein Schädel nn. Und meine schleiikernden Arme und Beine legen sich rinas- Urn. Bin ich tot? Schlafe ich?

Ich mache die Augen auf. Um mich stehen Leute. Sie be­fühlen mich und schütteln mich. Ich stehe auf und schaue sie verwundert an Ich verspüre keinen Schmerz. Und alle rufen: i,Ein Wunder! Em Wunder!"

Ja, Doktor, das war der Tag meiner Aussetzung. Denn nun fingen sie alle an, mich mit zärtlichen Namen zu be­legen. Die Treppe trippelts herab hinter mir. Ein Mann stürzt

. mich und schreit:Mein Sohn! O, mein lieber Sohn! Gott fei Lob und Dank, daß du uns erhalten bliebst!" Was sagen Sie dazu, Doktor? Ich kenne den Mann nicht. Hinter M drangt sich eine Frau vor.Mein Sohn! Mein Sohn!" Sie fügt mich und weint. Doktor! Ich kenne die Frau nicht. Uno nun kommen ein paar junge Leute und Mädchen. Und sie nennen mich zärtlich Bruder und Better und Freund Und liebkosen mich. Ich kenne sie alle nicht! Es finb, Verrückte, Doktor, oder Verbrecher.

Zuerst bleibe ich schweigsam. Dann aber, wenn sie immer zudringlicher werden, reiße ich mich los. Ich renne auf die Straße, ^ch kenne die Straße nicht! Man holt mich ein. Schmei- chelndsuait man mich zu betören. Betäubt von all dem Neuen laß ich mich ängstlich die Treppe, die fürchterliche, hinaufziehei!. ^ch trete in eme Wohnung. Ich kenne sie nicht. Man führt mich m mr Zimmer. Ich kenne es nicht. Man versichert mir heuchelnd, sch hätte mein ganzes Leben in diesem Zimmer zu­gebracht. Aber ich kenne es nicht. Und ich balle die Fäuste gegen die Lugner. Und stürze mich wieder zur Türe. Doch die Verbrecher. wollen mich nicht mehr freigeben. Mit Gewalt schließt man mich m das fremde Gemach. Nachts klettere ich aus dem Fenster, lasse mich an der Regenröhre nieder. Strau- Ablnd, schwindlig lange ich in der Gasse an, der unbekannten. Ich haste tn die nächste Straße. Ich kenne auch sie nicht. Bis zum frühen Morgen irre ich in den Straßen umher. Und da die Sonne aufgeht, weih ich, daß man mich in eine fremde Stadt vcrichleppt hat.

. Man hat mich wieder eingefangen. Ich setze mich

verzweifelt zur Wehr. Man brachte mich zurück zu den fremden Mencheii. Doch ich tobte und schrie und heulte und fletschte die Zähne. Ich brüllte unaufhörlich. Ich flehte auf den Knien, daß man mich in meine wirkliche Stadt und zu den Meinen zuruckbruigen möge. Ja, Doktor, und da geschah das Merk- ^-rvige. Da man mich Ungläubig nach dem Namen diesxjt Stadt und der Meinen fragte, konnte ich nicht sagen. Die Fremden da, die Lügner, die Verrückten, hatten mich behext. Ich hatte mein Leben verloren!

..Alles, was ich erreichen konnte, war, daß man mich hier- hersuhrte. Hier hatte ich wenigstens Ruhe. Hier durfte ich Mich sammeln Ich brauchte die heuchlerischen Menschen, die nur Vater und Mutter und Bruder und Schwester sein wollten nur am Sonntage zu sehen, wenn sie weinend, mit tiefunglück- hc?eit Mitleidigen Gesichtern zu mir kamen. Sie brächten mir Blumen und Leckerbissen. Aber ich warf alles verächtlich !?rt, «äs tonnen Sie sich denken, Doktor! Und schließlich kamen ste überhaupt nicht mehr. Sie verstehen, wie froh ich da war Wenn nun konnte ich mich ganz meiner heiligen Ausgabe wid- men. Der heiligen Aufgabe, mein Leben, meine Heimat und meme Familie wiederzufinden. In den Tiefen der Teeren, schwarzen Nacht, ine alles Vergangene bedeckte, die Schatten zu lösen, die verworrenen, sie zu jagen und zu fangen in ihrer verzweifelten Flucht, ihnen meinen Atem einzuhauchen, meinen glühenden, suchenden, Leben tastenden Atem, und sie endlich vor mir hin- zustellen, sichtbar und greifbar. Und so, in mühseliger, pei- mgender/ oft hoffnungsloser, dann wieder fieberhaft glücklicher Arbeit die Welt zu bauen, lückenlos und befriedigend aufzubauen, aus der ich mich einst trostlos verirrt hatte und vor deren verschlossenen .Pforten, lebensnackt, ich hockte, am Fuße der Treppe. . -

Doktor:, ich habe tS mir sauer werden lassen. Es ist wahr: man hat mir zuerst freundlich an meinem Lebenswerk geholfen. Die Leute, die mich hier festhalten und schützen vor den Fremden da draußen, ließen mich zwar nicht hinaus auf die Suche. Aber sie kamen liebreich zu mir und boten mir ihren Dienst. So schickte ich sie hinaus. Und sie kehrten zurück und brachten mir Zeitungen Und Bilderbücher und Photographien. Wer mir irgendwie Liebes erweisen wollte, mußte mir Photographien brin- ge>r. Berge von Photographien, Doktor. Hunderte und Tau- sende. Mit Städten und Häusern, mit Möbeln und Vorhängen. Uno mit Menschen, mit unendlich viel Menschen.. Mein Zimmer hier war voll von all den Bildern. Sie bedeckten Stühle und Tisch und Sofa,und Bett, Schrank und Gesims und stiegen schier bis zur Decke hinan, verstreuten sich über den.Boden Und füllten dre Schubfächer, die überffoffen.

Wo sie sind?

Ja, Doktor. Ich habe das Riesenwerk vollbracht. In langem, peinvollem marternden Wägen und Vergleichen habe ich sie gesichtet. Bon den Bildern um mich stieg ich hinab in die Schatten meiner Nacht und verglich Und maß jene an diesen.

Son den Schatten Meiner Seele klomm ich empor zu den Bildern um mich lind irrte und suchte in ihneii, irrte und suchte, bis ich fand. Das Werk war ungeheuer. Aber der Tag kam an fe' td> den ganzen wilden Wust, wie die Asche, die über- a l9M'5.e^l0ten Feuers, von mir werfen konnte. An dem ich endlich klar und sicher inmitten der Slusgewählten stand und sie,, eins nach dem anderen, wie ich eines nach dem an- deren gepicht und gefunden hatte, einheften fonnte in dieses weihe-

F"sHn Sie es behutsam an.

soll fleckenlos bleiben. Schieben Sie die silberne Spange ^mick und offnen Sie den Sammeteinband. Und nun sehen

Stadt, meine Vaterstadt, meine wundervolle ffmn. n dem Traum meines Herzens habe ich sie zu- lammengestellt, sorgsam und mühevoll. Betrachten Sie die aol- d^ue Kuppel der Kirche. Verweilen Sie in den breiten und Ä?en Straßen. Kühlen Sie sich in den luftigen Gärtem Und bleibenSw stehen, hier vor diesem gewaltigen Bau, diesem erhabenen schlotz. Es ist mein Haus, Doktor.

n Hu? auf diesem Blatt sehen Sie es in seiner ganzen Pracht. O, Doktor, welche Kampfe, ehe ich diese Säule, o welche Ver­irrung, ehe ich dieses Portal gesunden! Aber nun steht es' wie es sein soll, Doktor. Ich habe mein Vaterhaus wiedergefuuden.

Dort meine Gemächer. In diesem Zimmer hat meine Wiege gepandeil. An diesem Tische habe ich einst gefeffen. Ich weiß e§ bestimmt. Und lächle, wie ich es so lange vergessen konnte.

will Sie nicht ermüden. Denn all dieses sind Neben- dulglu Aenn nun will ich Ihnen das Herrliche zeigen, Doktor.

Sehen Sie diesen hohen, ernsten Mann? Im weißen Sorte.- Gr tragt einen langen, schwarzen Mantel, der ihm von den Schultern bis ans die Füße fällt. Er hat große blaue Augen. Er ist stolz. Er ist ein Fürst. Wissen Sie, wer es ist? Es ist mein Vater. Nicht wahr, ich sehe ihm ähnlich? Alle sagen, .daß ich ihm ähnlich sehe.

Aus diesem Blatte haben Sie meine Mutter. Es ist eine wahrhaft königliche Gestalt. Sie ist mild und schön. Sie sitzt .,etnSnä geschnitzten Lehnsessel. Sie trägt ein wundervolles ^^d/nkleid mit kunstvollen Spitzen. Ich habe lange suchen müssen, bis ich nn Grunde meiner Seele diese Spitzen sand.

Und nun meine Brüder. Sie sind alle'älter als ich. Ich bin der Jüngste. Und nun meine beiden Schwestern. Hier mein üuter Oheim., Er hat zwei Kinder, liebenswürdige Knaben, Denken ©ie sich, daß ich die beiden Vettern beinahe vergessen hatte!

Das ist meine Stadt, Doktor, mein Haus und meine Fa­milie. Aus dem Dunkel meiner Nacktheit, mit dem einzigen Lichte meiner Sehnsucht, habe ich mir Heimat, Heim und die Lieben gesucht. Und sie um mich gestellt in diesem Album meiner Welt und meines Lebens.

Was, mir fehlt? Was meinem Albuni noch fehlt? Ja, Doktor, ich gestehe es, zuerst war ich zufrieden und glücklich, Glücllich vor allem, als jene Falschen einst wiederkamen und ich sie hierherführen konnte,, wie jetzt Sie, und ihnen die Wahr­heit zeigen. O, ich habe sie zerschmettert in dieser Gegenüber­stellung. Ich habe sie niedergeschlagen, als ich ihnen die Lügen zerriß und ihnen meinen wahren Vater, meine wahre Mutter, die wahren Geschwister wies! Ja, Doktor, an dem Tage war ich glücklich.

Dann aber, wissen Sie, kamen die Nächte, in denen das Suchen von neuem1 begann. Zuerst wußte ich nicht, wohin es ging. Ich flüchtete erregt in mir selbst herum. Ich tastete an neuen, ungewohnten Schatten. Ich suchte. Ich suchte. Feucht vor Angst, schwer vor Angst suchte ich. Bis mir klar ward, daß tn den Diesen meines vergangenen, verlorenen Lebens ein Ungelöstes schlief. Daß eine furchtbare Lücke klaffte in diesem Bau meiner wiedergefundenen und wirklichen Welt.

Sie haben mich schon verstanden, nicht wahr? Sie müsse» das ja verstehen. Sie müssen ja dieses leere Matt verstehen . -

In bett Fiebern meiner unruhigen Nächte, in den wilden Gesichten meiner zerrissenen Träume begriff ich mählich meines Suchens Sehnsucht. In den Träumen der toten Welt war die höchste Schönheit meines Lebens begraben geblieben! Und ich hatte sie noch nicht erlöst ...

Ich hatte noch nicht mein liebes Weib gefunden. . ..

Doktor, welche Not! Welche Qual, Doktor, wie ihr Bild allmählich in mir wuchs. Tausendmal wandelte es sich. Sie hatte immer andere Züge. Oft fein lächelnde, oft winkende, oft drohende, zerfleischende Augen. Ihre Formen schwanden und schwankten. Schlank, üppig, weich, herbe ... O, Doktor, ich ranke mich an die tollsten Träume.

Und wieder schleppten sie mir Bilder herbei. Berge. Türme. Wieder versank der Raum, wieder vergruben sich meine Hände, bohrten sich meine Blicke in die Vielfältigkeit der zahllosen Bilder. Wer ich fand nicht, die ich suchte. In meiner Nacht stand fein Vorbild auf, gebieterisch auf vor dem seelenlosen Papier. Ich maß Totes an Totem. - .

Ich flehte sie an, ich bestürmte sie, ich bettelte, ich hetzte sie. Alles, was sie mir herbeibrachten, blieb. fremd. Ich ver­zweifelte. Bis ich verstand, daß sie hier nicht suchen konnten.