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8®gm, als ob seine Lunge mittriumphierte und mitjauchzte. Was dann mit ihm selber, geschehen wurde, knminmerte ihn nicht mehr. Tot oder lebendig, seine Ehre wäre für alle Zeiten wiederhergestellt. . .
Leider blieb es aber bei diesen Träumereien. Die Polen waren niederträchtig genug, friedlich und gemütlich bei Ackerbau und Viehzucht zu verharren und nicht den allerkleinsten. Aufstand anzuzetteln. So mußte er denn, täglich magerer und täglich hohläugiger, den Fluch der Lächerlichkeit weiter durch Monat und Monat schleppen und es sich mit hängenden Ohren gefallen lassen, daß er von dem frechen Spottverschen: „Zieht mit empörtem Sinn, aber sein Schwert bleibt drin" beinahe puf Schritt und Tritt verfolgt wurde.
Bis endlich auch für ihn wieder die Sonne aufging!
An einem Jahrmarkt weilte auch eine kleine Wandcrmcna- gerie in Lepuchowo, in der nach den Versprechungen greller Plakate, gegen. zehn Pfennig Eintrittsgeld sibirische Steppen- wölse, ein echt indischer Königstiger und andere Bestien zu sehen waren. Auf dem bretternen Podium vor dem Eingang stand der Besitzer und führte der größeren Anlockung halber, Mit einem braunen Bären allerhand drollige Szenen auf.
Das große, stattliche Tier, das mit ihm in herzlichem Einvernehmen zu stehen schien, watschelte, hoch ans den Hinterbeinen aufgerichtet, Arni in Arm mit ihm auf und ab, ließ sich ge- mütlich brummend einen Weiberrock überziehen und einen Strohhut iaufsetzeu und trat dann mit seinem Herrn zu einem Rundtanz an, dessen Ausführung man von einem Bären unmöglich zierlicher verlangen konnte. Hinterher setzte er eine Flasche Bier an die Schnauze, ließ den Inhalt kunstgerecht durch« seine Kehle rinnen und bedankte sich bei deni gütigen Spender durch einen zärtlichen Kuß. , _
Die Laiidleute und besonders die Kinder des Städtchens drängten sich in hellen Hausen vor dem Zelt. Mit blanken, runden Augen und halboffenen Mäulern, oft genug auch laut au'flachend, sahen sie dem seltsamen Schauspiel zu.
Mit einem Male wurde der Bür unruhig.
Seine kleinen, verschlagenen Augen fingen zu glühen an. Mit zuckenden Nüstern witterte er über den Marktplatz und stieß ein heiseres Gebrüll aus.
Vielleicht hatte der Blutgcruch von den Schlächterbänken oder irgendein anderer «Eindruck, der eben nur für einen Bären von Bedeutung war, seine Seele aus ihrem zivilisierten Gleichgewicht gebracht!
Eine Minute verharrte er reglos, die Vorderpranken in der alten Tanzstellung auf den Schultern seines Bändigers. Nur sein Kopf wiegte sich wie suchend und witternd hin und her.
„Allons, Dodo! Marsch, tanz!" schrie der Budenbcsitzer.
Ein derber Rippenstoß, den er Meister Petz gleichzeitig ver- schte, sollte seinen Worten einen freundschaftlichen Nachdruck verleihen. Aber die Bestie verstand das diesmal falsch!. Die Schnauze ganz hochreckend, als ob sie ihren Schmerz gen Hinrmel heulen wollte, hob sie die rechte Pranke und verabfolgte dem Ueberraschten eine gewaltige Ohrfeige. Ohnmächtig, blutend brach der Getroffene zusammen.
Brunrmend unb schnuppernd, Ivie überraschst von ferner eigenen Tat, sah Dodo auf den Gestürzten, dessen Verwundung gefährlicher «ussay, als sie war. Dann stieg er watschelnd über ihn fort und kletterte die Holztreppe hinunter, geradewegs in das gaffende Volk hinein.
Ein unbeschreiblicher Tumult entstand. Unter 'kreischenden i-Jessus Maria Josephs" drängten Kinder, Weiber und Männer, von panischem Schrecken erfaßt, flüch«tend zurück.
Nur einer wankte nicht.
Während der Platz sich um ihn leerte, wie von eisernen! Besen gekehrt, blieb Pufahl, flammenden GlaW in den wäss- -igen Augen, einsam und aufrecht stehen.
Er fühlte es: setzt oder nie war seine große Stunde!«
Der Bär kam langsam auf ihn zu, ihn mit seinen Keinen, verschlagenen 'Augen böse und listig anglitzernd. Als er mir noch! wenige Schritte von ihm entfernt war, lief es wie ein elektrischer Schlag durch! dessen Glieder.
Seine Hand flog an den Degengriff, Kopf und Schultern wie einen Sturmbock vorschiebend, ganz in der prachtvollen Haltung seiner früheren Zeiten, rief er mit donnernder Stimme: -„Zurück! Oder ich zieh' blank!"
Der Bär stutzte.
Dann aber, ganz« so, als ob auch er bereits von Pusahls Kampf mit Modlibowski erfahren hätte, richtete er sich brum- inend auf den Hinterbeinen auf, anstatt der Aufforderung Folge zu leisten. Wiegend streckten sich seine Pranken nach! vorn. !$r schien den Stadtsergeanten an den Schultern fassen und zu Boden drücken zu wollen.
Da sprang Pufahls Säbel funkelnd aüs der Scheide.
Sich selber v«orwärts w«erseud, so daß auch! feine Helmspitze die zottige Brust des Untiers berührte, stieß er ihm die Klinge chit voller Wucht in die Herzgegend.
Ein heiseres iAuWeulen flog über den Marktplatz. Dann brach das schwere Tier Wer dem mitstürzenden StadtsetgeanteN! zusammen, seine im Todeskampf zuckenden Tatzen in dessen Gesäß vergrabend.
Acht Tage lang mußte Stadtsergeant Pufahl bäuchlings Bette liegen, ehe er seinen Dienst wieder antreten konnte. Als er dann rn voller Montur — die Stadtverordneten hatten ihm eine neue Hose bewilligt — zum erstenmal wieder aUf den Marktplatz trat, winkte David Mundgeruch ans der Ladentür freundlich zu ihm herüber.
. wie steht das Befinden, Herr Polizeirat?"
Würdig und gemessen Jam Pufahl näher.
"~ ’c ,wll's stehen, Herr Mundgeruch? Immer so lala." „Schnäpschen^ gefällig, Herr Pvlizeirat?"
„Eine Ehre, Herr Mundgeruch, eine Ehre!"
Acußerlich ließ er sich nichts merken, innerlich aber strahlte er. vor Freude, und sein Herz schlug Generalmarsch. Es war kerne Frage: seit seinem Kampf mit dem Bären saß er fest wie
Ie der Volksgunst i Niemand« erinnerte ihn mehr an Stephan Modlibowski, und Zigarren, Schnäpscheri und Miirst- waren gab es wieder in Hülle und Fülle.
Ja: noch mehr sogar als zuvor!
Als nämlich alles wieder in das alte Gleis zurückgekehrt war, und die Pnfahlsche Tat nicht mehr ausschließlich das Tages- gesprach beherrschte, machte sich bei ihm gelegentlich eine sanfte Melancholie bemerkbar, die man sich! lange nicht erklären konnte, da er. selber Hartnäckig schwieg.
Bis David Mundgeruch, der ein feiner Menschenkenner war, einmal das Geheimnis löste.
, ist doch e Mann und kein Wiebehupf, unser Herr PUi-
fahl , sagte er eines Abends zu Eli Rosenstock, als er Mit it)m zusammen aus der Synagoge kam: „Wer was hat er dabei doch für e Pech! Es muß e grau sanier Seeleu schmirz« fein, was er zu tragen hat!" «
Eli Rosenstock, der schwerhörig war, legte die Hand hinters Ohr.
„Was hat er zu tragen? E Seelenschmerz?" fragte er verwundert.
David Mundgeruch tippte ihm vertraulich aus die Schulter.
pNu etwa nicht, Käppche? Denk' nur: e so ehrenvolle Narbe und ausgerechnet an e Platz, wo er sie keinem kann zeigen!" . Da leuchtete es in «Eli Rosenstocks« Augen verstäuonisboK äus, Und als sie sich beide trennten, drückten sie sich« mit besonderer Bedeutung die Hände.
n„, „Nu, die Bürgerschaft wird's ihm gedenken", sagten sie zum Ab'chied. ' '
Karl Larsson.
Zu seinem 60. Geburtstage, 28. Mai.
Nicht nur in seinem Vaterlande, sondern in der ganzen Welt, und besonders auch bei uns in Deutschland, ist Karl Larsson der populärste aller lebenden schivedischen Künstler. Seinen sonnigen, lebenslrohen Schöpfungen sieht man es wahrlich nicht an, wie schiver es Larsson geivorden ist, seinen Weg und seinen Platz im Leben zu finden. Armer Leute Sohn, mußte er, der zu Stockholm das Licht der Welt erblickt hatte, sich schon von seinem 13. Lebens- jahre nn selbst erhalten. Er retuschierte Photographien, zeichnete Illustrationen, besuchte daneben, soweit es eben anging, die Elementarschule der Stockholmer Akademie und arbeitete sich so Schritt für Schritt zu einem beliebten Witzblattzeichner durch. Er rang um die Stipendien der Akademie — schließlich erzielte er wohl für eine historische Komposition ihre Medaille, aber nicht das Reisestipendium. Er reifte dennoch nach Paris.
Dort, wo er mitten in den Sturm und Drang der neuen »Freilichtmalerei" hineingeriet, begann er den Kampf um die Eroberung der modernen Malerei. Daneben aber ging immer noch der Kampf ums liebe Leben weiter. „Mein Ziel ist, Maler zu werden, und ein rechter Algier/ dieser Gedanke hielt Larsson in allen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten aufrecht. Heimgekehrt, vermochte er schnell seinen Rus als Zeichner zu erweitern, ging aber 1880 noch einmal nach Paris zurück. Nach ein paar weiteren Jahren harten Ringens glückte ihm der Sieg: im Jahre 1883 bekam er die Medaille des Pariser Salons. Gleichzeitig wurden die einheimischen Kreise mehr und mehr aus ihn aufmerksam. Er lebte damals in Greze, einem kleinen Malerdörfchen südlich des Waldes von Fontainebleau, und die duftigen, naturfrischen Aquarelle, die er nach dortigen Motiven malte, entzückten durch ihre Wahrheit und Poesie die Kenner. Dort in Greze lernte er auch seine Frau kennen; es war eine junge Malerin namens Karin Zergöö. Er malte sie damals int Brauikleide im Garten stehend — ein köstlich poetisches Werk, das der Anfang einer langen Reihe werden sollte.
Jetzt kehrte er heim und nun kämpfte er sich allmählich durch. Er wurde Lehrer an der neugegrünbeten Kunstschule des Museums in Göteborg und schulte sich durch die dekorativen Fresken für die Galerie des Herrn Pontus Fürstenberg für die größere Aufgabe der Fresken im Stockholmer Nationalmuseum. Im Jahre 1891 errangen seine Skizzen bei dieser Konkurrenz den Preis, und so hat er für das Museum seine größten und kühnsten Werke, Gemälde in einem streng modernen, dekorativen Stile anSsühren können.
Inzwischen halte er in Sundborn in der Nähe von Falim in Dalekarlen sich ein Häuschen erworben, das er nun nach seinem Sinne umzugestalten begann. Allmählich wurde dies Haus nebst


