Ausgabe 
28.5.1913
 
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In aller Stille, nur in Gegenwart der zwei Zeugen: Reichmann und Doktor Weitring, wurden fte im Herbst getraut.

Paul blieb in Hildegards Obhut zurück, während die Neuvermählten für ein paar Wochen nach dem Süden reisten.

Sie hatten kaum die Riviera erreicht und ihre, ersten irohlannigen Karten geschickt, als ein Trauerfall eintrat, ver Hildegard erschütterte.

Adolf Bernhobler Ivar bald nach seiner Rückkehr von Karlsbad gestorben.

Bei dem Trauergottesdienst kniete die junge Frau, die ihn einstVater" genannt, wohl fernab von den Leid- tragenden, die in den vordersten Betstühlen versammelt waren, aber sie weinte heißere Tränen um den Verstor­benen, den sie in einem schweren Widerstreit der Pflichten! hatte weh tun und kränken müssen, als die ganze übrige Verwandtschaft.

Schüchtern, mit klopfendem Herzen, begehrte sie dann, mit ihrem Kind ans dem Arm, Einlaß in dem Hause, das sie in so jähem Entschluß verlassen, um der guten Mama ein Trostwort zu sagen.

Aber sie traf es schlecht.

Frau Walburga Bernhobler saß gerade im Wohu- ztmmer.

Mali hatte nicht den Mut, ihrem Herzen zu folgen und die .Ausgestoßene einzulassen.

Zur höchsten Verwunderung der jungen Leute aber bekamen sie in den nächsten Tagen eine gerichtliche Zuschrift:

Sie hätten sich am 15. September in dem Amtszimmer Nr. 12 des Justizpalastes einzufinden, behufs der Hinter- lasseyschaft des verstorbenen Rentiers Adolf Bernhobler.

Als Hildegard mit ihrem Gatten eintrat, waren schon sämtliche Brüder und Schwägerinnen des Verblichenen mit rhren Kindern in dem Vorzimmer versammelt.

Nur Marianne fehlte; sie weilte noch im Süden. Ein hilft er er Anblick. Die Herren in ihren schwarzen Röcken, W Damen mit den langen Crepeschleiern vor dem Gesicht und über den Micken herab, die sie förmlich in eine Trauer- Wolke einhüllten. Unter den feierlich Hernmstehenden ent» Sitb eine Bewegung, als die beiden jungen Leute hie r öffneten.

Man fragte sich sichtlich: Was wollen die hier? Was haben die hier zu suchen, zu erwarten?

Rejchmann stieg eine Röte des .Unwillens in die Stirne, Hai ar bemerkte, wie man von ihnen fortrückte, wie eisig Mu seine Frau empfing.

Ich bitte um Entschuldigung," sagte er mit stolzer Höflichkeit,meine Frau hat eine Vorladung erhalten, der wir Folge leisten mußten."

Keine Hand streckte sich Hildegard entgegen.

Nur unter einem schwarzen Schleier nickte ein trüb­seliges Gesicht ihr heimlich zu.

Wie losgelöst, in Bann getan von der fest zusarnrnen- klebenben Trauerversammlung blieben die Ausgeschlossenen in der fernsten Ecke, während die anderen leise flüsterten Und die kleine Greisin, die in der Mitte saß, manchmal mit einem lauten Ausruf ihrer Ungeduld Ausdruck gab, daß man die Bernhoblers hier warten ließ.

Der Amtsrichter trat endlich ein, begrüßte die Anwesen­den mit einem kurzen Nicken und begann:

Ich habe die Geschwister des Verstorbenen vorladen lassen, weil sich unter den mir zugestellten Papieren eine letzwillige Verfügung, datiert vom 10. November 1902, befand, in der verschiedene Legate auch für die Brüder, Nichten imb Neffen bestimmt wurden."

Mali schluchzte.

Das Herz zuckte ihr bei der Erinnerung an die furcht­bar traurigen Stunden, in denen ihr armer Adolf ihr diese letzten Verfügungen diktiert hatte.

Er hatte ja nicht glauben wollen an sein nahes Ende, bis man ihn hatte versehen lassen müssen. Der Herr Dom­propst selbst war gekommen, um ihr gut sagen, daß sie nicht länger zögern dürfe, wenn sie nicht das ewige Seelenheil ihres Gatten gefährden wolle. Da war ihr nichts übrig geblieben, als ihn auf beu Geistlichen vorznbereiten. Nach­dem er die Sterbesakramente empfangen, glaubte er nicht mehr an die tröstlichen Worte des Arztes; er wußte, wie schlimm es mit ihm stand.

Die schlaflosen Nächte brachte er daun damit zu, seinen Besitz an Schmucksachen und Wertgegenständen zu verteilen,

und sie saß an seinem Lager und schrieb nieder, was die schwache Stimme unter manchem Seufzer murmelte.

Die Geschwister schauten sich etwas befremdet an, als nur von Brillantringen, Pokalen, silbernen Zigarrenetuis und goldenen Dosen die Rede war, die sie erben sollten.

Sie hatten, nachdem sie eine Vorladung erhalten, mit großer Sicherheit erwartet, daß Adolf einen Teil seines Vermögens au sie verteilt hätte.

Vor einem Jahr erst hatte Fran Walburga jedem ihrer Kinder eine Million geschenkt:

Ich will nicht, daß ihr auf meinen Tod wartet," hatte sie gesagt.Ihr sollt froh sein, wenn ich die Augen zumach'. Jeder kriegt sein Sach', und was ich für mich übrig b'halt, das wird an fromme Stiftungen verschrie­ben."

Was das Vermögen des Erblassers anbelangt, so steht hier auf diefem Blatt eine kurze Verfügung," fuhr der Amtsrichter fort:

Meiner guten Frau Mali soll unser Hans gehören und die Hälfte von meinem Geld. Die andere Hälfte kriegt die Hildegard, weil sie's doch am notwendigsten brauchen kann und weil ich nicht will, daß es ihr schlecht geht."

Die Verwandten schauten sich verblüfft und verstört an.

Es entstand ein unwilliges Gemurmel.

Darf ich die Herrschaften noch unt eine kurze Ruhe bitten?" bemerkte der Amtsrichter.Gerichtlich hat diese Aufzeichnung keine Gültigkeit, denn nach § 2231 BGB. muß ein Testament von dem Erblasser selbst geschrieben sein. Hier ist nun allerdings eine eigenhändige Unterschrift. Die übrigen Bestimmungen sind von einer anderen Hand. Auch sonst fehlen einige erläßliche Angaben. Es steht also den Erbberechtigten, zunächst der Ehefrau und bf Mutter des Verstorbenen zu, diese letztwillige Verfügung Muzu- fechten." >.

(Schluß folgt.)

StaMfevßeant pusahl.

Von Georg Busse-Palma.

(Schluß.)

Es half ihm ganz und gar nichts, daß ihm auf sein dringendes Ersuchen hin ein neuer Sabel bewilligt wurde, der wirklich! herausging und blank, schneidig und spitz war. Jahrelang hatte man an feilte alte Plempe geglaubt, die doch überhaupt nicht aus dem Futteral zu bringen war, weil man an ihn selber geglaubt hatte. Nun glaubt man an seinen nagelneuen Sabel ebenso­wenig wie an ihn! Er durste gar nicht daran denken, noch ein­mal die prachtvolle Haltung früherer Tage einzunehmen und seine berühmte Aufforderung in die Welt zu schniettern. Ein schal­lendes Gelächter wäre die einzige Folge gewesen. Ja, er war eine gefallene Größe; dem einen ein Aergentis, dem andern ein Gegenstand gutmütigen Spottes. Und das fraß nicht weniger an ihm als der Verlust an Genuß- und Nahrungsmitteln, der mit seinem Sturz ans dem alten Ansehen verknüpft war.

Mager und hohläugig, nur noch ein Zerrbild seines früheren behaglichen Selbstbewußtseins, schlich er tags durch die Stadt. In schlaflosen Nächten wurde er sich darüber klar,. daß es nur ein Mittel gab, das verlorene Paradies wiederzugewinnen - Er mußte seine Waffe einmal wirklich gebrauchen und damit vor Stadt und Land beweisen, daß er nicht nur wie ein Löwe brüllen, sondern auch, wenn es fein wußte, wie ein Löwe beißen konnte!

Aber wie um alles in der Welt sollte er das anstellen? Die größten Uebeltäter, gegen die er einzuschreiten hatte, ver­dienten bestenfalls eine Polizeistrafe von einigen Mark, unb er konnte sie doch unmöglich um seines Ansehens willen kaltblütig durchbohren! Schließlich verirrte sich seine Phantasie bis in die Möglichkeit eines erneuten polnischen Aufstandes. Seine Augen flammten, wenn er das alteNoch ist Polen nicht ver­loren" von irgendwoher erklingen hörte, und seine von Scham und Ehrgeiz beflügelte Einbildungskraft trug ihn in die Stunde der Entscheidung.

In Breiten Kolonnen sah er die Sensenmänner heranmar- schieren. In der vordersten Reihe schritt Stephan Modlibowski,' der Aufrührer, die Ursache seines Sturzes, der die Fahne mit deut Bilde der Mutter Gottes, der Königin von Polen trug. Da! warf er, der Stadtsergeant Pusahl, einsam, aber todesmutig/ sich dew> Heerzug entgegen!Halt, oder ich! zieh' blank!" Klatschend flog seine Hand an den Degengriff, und als Ste- bban Modlibowski höhnisch! zu feixen begann, da funkelte seine! Klinge auch schon aus der Scheide^ Und er, Pusahl, der zahnlose! Wiedehupf! jagte sie bis an das Heft in seinen verruchten Nabel.

Wenn Pusahl in seiner Vorstellung soweit gekommen war, hob sich seine Brust immer in mächtigen, befreienden JW