Ausgabe 
28.4.1913
 
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Feten die Jugendfröhlichkeit hätte vernichten können. Nun hieß es einfach: Du bist erwuchsen. Suche dir eine Stek- lung! Das arme, verwöhnte, vor jedem rauhen Lüftchen mitj jedem rauhen Wort gehütete Kind in der Fremde, in der Abhängigkeit! Ich habe deine Mutter kennen gelernt, als sie Gesellschafterin war bei einer launen­haften, kränklichen Dame. Eine Bilderbestellung führte mich in das Haus, und da ich als Maler schon genug grimmigen Aergcr über die Arroganz und Wetterwendigkeit der wider­wärtigen Frau schlucken muhte, verstand- ich wohl den ge­quälten Mick auf dem jungen Gesicht. Ich sagte dir ja, in der ersten Stunde schon hatte ich keinen anderen Ge­danken, keinen andern Wunsch, als sie zu befreien aus ihrem Frondienst als sie in meine Arme zu nehmen, und zu bergen, zu schützen an meiner Brust. Und es war förmlich, als wüchsen mir Riesenkräfte, als könnte ich das Glück Ul mir zwingen, nun, da ich mit der Begeisterung der Liebe schaffte, da es sich um die Zukunft handelte für sie und mich. Ich hatte mit einemmal erstaunlichen Erfolg. Ich verdiente mehr als je zuvor, und die trüb- seligen Stunden, in denen man an seinem Können irre ivird, stellten sich nicht mehr ein. Ich war pingt und hoff­nungsfreudig, ein Optimist, ein Schwärmer. Ich zweifelte gar nicht, dah das Glück bei mir bleiben müsse, und als ich einmal wußte, daß Iduna mir gut sei, kam ich mir vorftrie ein Sieger, dem die Welt offen stand. So haben,wir uns geheiratet und in einem seligen Rausch dahingelebt in den bescheidenen zwei Zimmerchen neben meinem Atelier. Wie waren wir glücklich! Roch ein, zwei Fahre nach deiner Geburt lcig's wie beständiger Sonnenschein über unserm Heim. Und dann, mit einemmal, brach's über uns herein, als wären alle bösen Geister gegen uns verschworen. Meine arme Frau fing an zu kränkeln, sie wurde immer1 müder, immer bleicher. Und mich verfolgte das Pech, Künstler­pech! Ich weiß nicht, ob du dir vorstellen kannst, wie lähmend, wie niederdrückend es auf einen Maler wirkt, wenn die Bilder, die er in freudiger Zuversicht entworfen hat, wieder zurückkommen von den Ausstellungen, wenn diese Kisten in seinem Atelier ihn angrinsen, während er doch den Mut finden soll zu neuer Arbeit, neuem Glauben an den Erfolg. Wer diese ganze Misere nicht selbst erlebt hat, vermag sich ja nicht vorzustellen, daß man nach Wochen und Monaten des nutzlosen Wartens und Hoffens arnl liebsten seine Pinsel zerbrechen und seine Farben zum Fenster hinauswerfen möchte, dah man jeden Handwerker beneidet, der täglich sein Pensum herunterfront und dann am Ende der Woche doch seinen Lohn in der Hand hält. Und wenn man dann obendrein ein geliebtes Antlitz immer schmaler und durchsichtiger werden sieht, wenn der Arzt zögernd vom Süden spricht und man sich mit geballten Fäusten sagen muß: ein paar dieser Bilder, wenn diese anständig bezahlt würden, das wäre vielleicht Erholung ftir sie, die Rettung!!"

Er schwieg eine Weile, wie überwältigt von der furcht­baren Erinnerung.

Hildegard war ganz bleich geworden.

Ihr schauderte vor diesem Einblick in das Leben, das ihr bisher seinen bitteren Ernst noch so güädig verschleiert hatte.

Als deine Mutter krank zu Bette lag, habe ich auf künstlerischen Ehrgeiz verzichtet. Ich habe zusammenge­pinselt, was mir bestellt wurde, was Geld einbrachte. Es war gerade soviel, dah wir unser Leben fristen konnten. Nur um mein gutes Weib zu beruhigen, die sich auch noch mit Selbstvorwürfen quälte, daß sie mich in meinem Streben hemmte, habe ich freilich ab und zu ein Bild versucht. Sonnige, heitere Landschaften, die Käufer an­lockten, waren es nicht. Wer schafft denn Erfreuliches, wenn er den Glauben an sich und das Leben verloren hat? Kampflos, sanft, svie in einer überwältigenden Müdigkeit hat deine arme Mutter an einem grauen Wintermorgen die Augen geschlossen. Nun war es ganz dunkel um mich. Grabesnacht!"

Nach einer kurzen Pause fuhr er fort:In meiner Kunst war ich irre geworden. Wozu lebte ich noch? Ich hätte mir freilich sagen müssen: Deiner Pflicht! Für dein Kind! Ich muh es dir gestehen, Hildegard: in meinem verdüsterten Herzen war keine Liebe für das zappelnde, unruhige, nach Abwechselung verlangende kleine Geschöpf, das die Mutter nach wenigen Tagen völlig vergessen zu haben schien, das mich scheu und ängstlich anblickte und

spielen und essen wollte. Dein Lachen, dieses unverwüstliche Kinderlachen, tat mir unsagbar weh; ich konnte es nicht ertragen. Ich habe dich mit finsteren Augen angesehen/ bis du zu weinen ansingst, und ich hatte doch auch keine Geduld für deine Tränen. Mein Gott, ich war am Ende meiner Kraft! Ich war ein Verzweifelter mit völlig zer­rütteten Nerven! Zuweilen ergriff mich auch namenloses Mitleid mit dir, mit der armen Kreatur, die erst herein­wachsen muhte in dieses erbärmliche Leben. Und weißt du" er faßte die Hand seiner Tochter und senkte diq ©timhie,weißt du, in einer Nacht, da überkam mich ein. grimmiger Entschluß: Beide wollten wir der Mutter solgcn. Ich nehme das Kind mit mir in den finsteren Abgrund. Dann bleibt ihm alles Weh des Daseins er­spart. Ahnungslos soll es hinüberschlummern in das große Dunkel! Als ich dann an deinem Bettchen stand und dich atmen sah in wohligem Behagen, mit wärmen, rosigen Lippen, da flehte dieses blühende Leben doch. zu eindringlich um Schonung. Ich wußte, daß ich es nicht vollbringen konnte. Mir schauderte vor meinem wahn­sinnigen Gedanken.. Ich war froh, daß die fremden Leute dich mir fortnahmen. Ich aber wollte sterben, das stand fest! Wenn ich in der traurigen Umgebung ge­blieben wäre, in dem Atelier mit den unverkauften Bil­dern, in den Zimmern, die von meinem verlorenen Glück erzählten, dann hätte ich ivohl auch ein Ende gemacht. Aber gerade in den verzweifeltsten Tagen kam ein Freund zu mir, mit dem ich auf der Akademie zusammen gewesen, dem ich einmal einen Dienst hatte leisten können, und hielt mir eine Strafpredigt:Das darf nicht so weitergehen! Du mußt heraus! Ich weiß einen Ausweg ans dein Elend." Mir wurde eine Stellung angeboten, als Zeichner bei einer englischen Zeitung. Du weißt, sie wollen ja immer ihrem Publikum authentische Bilder bringen und schicken einen Künstler, an Ort und Stelle, wo Krieg geführt wird oder sonst ei» wichtiges Ereignis sich abgespielt hat. Jetzt sind die Engländer selber mit Aegypten engagiert man mühte sofort dahin abreisen. Ich würde es mit tausend Freuden tun, aber, weißt du, ich habe eine Aussicht, eine sehr gute; Partie zu machen und fürchte, daß mir ein anderer das Mädel wegschnappt, wenn ich gerade jetzt vom Platz weiche. Für dich aber gibt es gar nichts Besseres als einen Szeneii- wechsel. Du bist geschickter als ich. Ich kann dich mit bestem Gewissen als Ersatzmann empfehlen." Während er sprach, dachte j,ch immer das eine: Es wäre besser, sich da draußen in der Fremde herauszudrücken aus der Welt. In den Kulturzentren hat ein Mensch ja fast das Recht verwirkt, Über sein Leben zu verfügen. Mir graute vor dem banalen Ende eines Selbstmörders, über das dann eine kurze Notiz in der Zeitung steht:Ein Maler hat sich aus Not erschossen!" Ich wollte untertauchen in die große Einsamkeit, unbemerkt, unbeklagt. Wie aus weiter, kühler Ferne hörte ich den Freund sagen:Das Kind gibst du in eine Erziehungsanstalt, in dem Kloster am Anger nehmen sie kleine Mädchen aus."

^Wie schrecklich!" rief Hildegard unwillkürlich schau­dernd.

(Fortsetzung folgt.)

Hessische Truppen unter Napoleons Kähnen im Jahre

,,,.#8011 Dr. H. B erger, Gießen.

II. Gefechte und Schlachten i m M a i 1813.

Ende April 1813 war der Aufmarsch der französischen Truppen aus Thüringen beendet. Napoleon führte seine Heeresmässen über die Saale in die Ebene von Leipzig, wo er seinem Gegner eine Schlacht zu liefern gedachte. Am 1. Mai marschiert die deutsche Division Marchand, zu der die Hessen gehörten, nach Weißenfels und rückt hier in die Schlachtordnung des Neyschen 3. Korps eilt. In Weißenfels befand sich bereits das Hauptguartier des Kaisers. Hier sahen die hessischen Truppen im Vorbeimarsch die Reste ihrer Veteranen, die nach dem russischen Feldzug bei der alten Garde des Kaisers zurückgeblieben waren.

Nordöstlich von Weißenfels, bei dem' Dorfe Poserna, das den Eingang in die große Leipziger Ebene bildet, stoßen die Bor- truppen des 3. französischen Korps auf die russisch-preußische Avantgarde. Die an Poserna sich anlehnenden Höhen waren von dem russischen General Wintzingerode besetzt. Marschall Ney be-

*) Benutzt: Akten des Haus- und Staatsarchivs zu Da r m st ad t.