rrn-böcrf v.Ct
UW
st
M
M
MD
I
Zwei Weiten.
Roman von Emma Merk.
(Nachdruck verboten.)
(Fortsetzung.)
'Seine Sprechweise, wie ec die Worte fast überhastig hervorsprndelte, hatte etwas so Lebenswarmes, Mitfort- reißendes, in seiner Stimme lag eine solche Fülle von Güte und Liebe.
Hildegard wurde das Herz weich und warm, und leise, innig wiederholte sie das so lang von ihm ersehnte Wort:
„Mein Vater! Mein guter Vater!"
Auf einer benachbarten Bank hatte ein junges Pärchen Platz genommen, das wohl hier ein Versteck für heimliches Liebesgeflüster suchte, aber doch mit einer gewissen Neugier zu den beiden herüberschaute, die in so weltentrückter, bewegter Stimmung beisammen sahen.
„Komm mit in mein Atelier, Kind," sagte Holst, der sich erhob, sobald er diese indiskreten Blicke bemerkte. „Diese kürzen Minuten des Alleinseins sollten uns die Menschen doch gönnen. Mir ist das Herz ja so voll! Ich mutz dir erzählen von deiner Mutter, von deinem einstigen Heim, von unserem Glück und unserem Elend! Das kann ich nicht, wenn fremde Augen uns stören. Dort oben in meinen eigenen vier Wanden ist es jetzt still und einsam. Komm!"
Er szvg sie- mit sich fort, mit solcher Ungedulds, niit so heißem Drängen, daß sie kein Bedenken zu äußern wagte, nur mit heimlicher Angst dachte, Ivie bald sie eigentlich Heimeilen müßte zum frühen Abendbrot.
Verwirrt, durchglüht von seiner Erregung und doch mit einem gewissen Bangen an der Seite des großen, hochgewachsenen Mannes, der durch sein rasches, lebhaftes Dahinschreiten noch auffallender wirkte, von ihrer Familie gesehen Ml werden, folgte sie ihm durch die frühlingshellen Straßen.
Der Weg war zum Glück nicht weit.
In dem Atelierhaus begegnete ihnen niemand.
Freudestrahlend führte er sein Kind über die Schwelle seines eigenen Heims.
„Gott sei Dank! Hier sind wir ungestört!"
Mit Händen, die vor Aufregung bebten, nahm er ihr den Hut ab.
wJch will dein Haar sehen! O, dieses braune Haar mit dem rötlichen Schimmer, wie es mich an deine Mutter erinnert, an mein armes, totes Glück!" flüsterte er mit feuchten Augen.
Hildegard blickte sich verwundert um.
Wie merkwürdig es hier aussah! Die Wände waren mit Studien bedeckt, aber zwischen bett Landschaften, den Zeichnungen und Aquarellen hing kunterbuntes Zeug, alte Stoffe, hie zum Teil ganz verblichen und zerfetzt waren, ein
paar ind ische Götzen, die wie Teufelf.ratzen herab grinsten, Kürbisflaschen, vertrocknete Früchte ttnb Pflanzen, zerbrochene Krüge in antiker Form, ein paar Stücke altes Rüstzeug und allerlei Unerklärliches!
Holst schob eine Mappe von einem großen Lehnstuhl, aus dessen Polsterung die Roßhaare herausschauten ttnb drückte sein Kind mit Gewalt auf den bequemen Sitz nieder, während er sich einen Holzschemel heranzog, auf dein Oele und Farben Flecke zurückgelassen hatten.
Gleich darauf sprang er wieder auf, unk in einem Schrank herumzukramen, während Hildegard etiväs erschrocken und entsetzt beit Tisch überblickte, auf dem die. unbeschreiblichste Unordnung herrschte. Sie, die an die säuberlich aufgeräumten Bernhoblerscheit Stuben gewöhnt war, in denen täglich Staub gewischt wurde,, obwohl die meisten unbewohnt waren, hatte so etwas in ihrem Leben noch nie gesehen. Zeichnungen, Kohlen, Farben, Kreide, Oelfläschchen, Zigarren, vollgehäufte Aschenschälen, ein Rest von Brot, von Wurst und Butter, ein Frühstücksgeschirr, Handschuhe, Krawatten, Briefpapier, Photographien, Zeitungen, das lag hier alles in einem wilden Chaos durchs- einander und dazwischen und darüber lastete eilte grau« Staubschicht.
Der arme Vater! Er hatte niemand, der für ihn sorgte.
Während sie müßig ihren Tag verdämmerte und sich bedienen ließ, lebte er hier als bedürfnisloser Einsiedler in diesem Unbehagen, dieser Verwahrlosung!
Als er sich zu ihr wendete, sahen seine Augen freilich weit, weit hinweg über diese wüste Umgebung, wie in ferne, lichte Vergangenheit.
.„Das war deine Mutter. Das war meine Iduna!" sagte er leise und drückte Hildegard ein Bild in die Hand. „Mit aller Liebe habe ich sie gemalt, aber ich habe es ja nicht fertig gebracht, das liebe Gesicht so wiederzugeben, wie ich es sah, wie es itt meiner Seele lebte. Ich meine, ein entzückenderes, sanfteres, süßeres Geschöpf als sie kann nie auf Erden gewandelt haben. Sie war so zart und schutzbedürftig, mit einem Schimmer von Schwermut nm das junge Haupt, mit einem Ausdruck hilfloser Weltunerfahreu- heit, der so herzbewegend war, daß Man bei dem ersten Blick in ihre Augen das heiße Verlangen fühlte: Dürfte ich dich Hinwegtragen, du Holdselige, über jeden harten Stein am Wege! — Gott sei Dank, du hast mehr Mut und Kraft, mehr sonnige Heiterkeit und Energie in deinem Wesen, du bist besser gerüstet zum Kampf mit dem Leben. Deine arme Mutter war von einer überängstlichen, lustund weltscheuen Mama zu weich gewöhnt, zu sehr verzärtelt worden. Sie war nicht in die Schule geschickt worden,, sie war überhaupt gar nicht heransgekominen aus der Treibhausluft eines warmen, mit Liebe förmlich überheizten Heims. Und als Iduna zwanzig Jahre zählte, starb ihre Mutter und ihr Vater nahm eine zweite Frau. Ein furchtbar jäher Umschwung, der wohl auch einer Siür-


