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Utnebm, ohne daß dre strenge Selbstkritik des Dichters sie ans Lrcht gelangen Keß. Durch dies Hervvrtreten im späten Alter, . Mischung von höchster Reife undliterarischer Nn- jAuld ist em eigentümlicher, ein ganz besonderer Klang in Webers Dichtungen gekommen, der unwillkürlich aufhvrchen läßt. Hätte er »nrt ferner kleinen frischen Begabung in den vierziger oder fünfziger Jahren lustig drauflosgesungen, wie die Kinkel, die Nedwitz die Roquette, denen er wohl in der Tonart seines Liedes verwandt war, dann hätte seine Stimme wacker mitgeschallt im deutfchen Dlchterhain, aber ihr fehlte jener tiefe Silberklang, jene umflorte Helle, jene zarte persönliche Stimmung, gewoben aus dem Ernst langer Lebenserfahrungen und der Wärme einer alles überwindenden Güte, die dem Werk dieses Poeten jetzt einen ergreifenden Zauber verleiht. Ein ganzer Mann ist er, naiv noch und dem Schein der Dinge hingegeben, dabei doch reifuiti) abgeklärt, und die Ehrfurcht vor einer bedeutenden, selten harmonischen und geläuterten Persönlichkeit bietet nun einew Unvergeßlichen Unterton, der noch in unserm Urteil, nachdem die Dreizehnlinden-Mode längst vorbei ist, die mannigfaltigsten ästhetischen Bedenken gegen diese Dichtung nicht aufkomnien läßt.

Es wird erzählt, daß den auf derroten Erde" geborenen Förstersknaben einst ein schlankes junges Mädchen mit großen hellblauen Augen und hoher Stirn, da sie ihn spielend int Walde sand, küßte und mit Blumen beschenkte: Der größte Dichtergeisti Westfalens, Annette von Troste-Hülshoff, ward so zur Muse, hie den begabten Nachfahren zum Poeten weihte. Tief im Heimat­boden wurzelt auch Webers Kunst, kreist von Anfang an um die große Vergangenheit, um die Gestalten Armins und Wittekinds, die aus dem bergigen Waldgebiet hervorwachsen. Annettes Gruß Und Kuß wurden ivirklich zu einein Symbol für das Kind, das ein sonnigesDorfidyll" im grünen Revier voll auskosten durfte, bevor es der Abschied vom Elternhaus und die Schule härter anpackten. Wie bei "so manchem echten Dichter hat auch bet Weber dieses schöne Jugendparadies den Grund gelegt für seine Poesie, und wo Lachen blitzt und Sonne in seiner sonst schwer­mütig und dunkel gefärbten^Welt, da ist es ein Strahl aus dem Kinderland. Ter Gyninasiast Begann bereits wohlklingende Verse zu schmieden, tind manches darunter ist erstaunlich frühreif. Als bann der Student, der sich das Brotstudium der Medizin ge- lvählt hatte, in einem üppigen lyrischen Frühling Lieder über Lieder sang und den Genossen mitteilte, da strngab densch>varzen Friedel", den man wohl seiner romantisch edeln Erscheinung wegen auch denschönen Weber" nannte, bald die Gloriole eines jungen Genies. Gustav Freytag, deut er während seiner Breslauer Semester nahe trat, schrieb dem berühmt gewordenen Kollegen, mehr als 40 Jahre später:Du erschienst mir damals als eine ideale Gestalt, an Talent und Charakter gereifter, als ich war, in meinem jungen Leben der erste gute Kamerad, dessen I lleberlegenheit ich mit dankbarer Bewunderniig anerkannte." Weber trug sich in dieser Zeit mit einem: großen RomankranzLieder ans! Teutobürg", die die Kämpfe Hermanns des Cheruskers, Witte­kinds Ringen mit dem Frankcnkaiser und den Sieg des Kreuzes int Sachsenlandc verherrlichen sollten. Tas Motiv vonDreizehn- liitden" war hier schon angeschlagen, freilich in unfertig ba­naler Form; aber ein halbes Jahrhundert harter Arbeit, ernster Vertiefung und heißer Beseelnng jener leicht gefügten Reime sollte dahingehen, bevor dem Dichter der lange schlummernde Schein dieses in ihm wöhnendeit Lichtes wieder aufging.

Als Weber 1840 seine Staatsprüfung bestanden hatte und wohl­bestellter Arzt war, war er zugleich auf dem besten Wege, eines jener vielversprechenden Talente zu werden, bereit Ruf und Ruhm I eilt uneingelöster Wechsel auf die Zukunft ist. Nichts von seinen I Dichtungen erschien, und auch das köstliche Geschenk einer Reise nacht Italien, das dem armen jungen Doktor durch die Güte eines Freundes zuteil wurde, trug nicht die erwarteten poetischen Früchte. I Während damals die Sonne des Südens und der Antike als die I beste Schule der Kunst" galt, fand der Sohn derroten Erde" I wenig Anregung in dem Land der reuten Fernen;auch welscher I Reime zartverschlungene Kette, wie konnte sie der herbe Sachse I lieben!" Grade die Kraft und knorrige Eigenart seines Wesens I hielt ihn davon ab, sich in die Schar der Sänger zu mischen, wie I man wohl angenommen. Weber war von Anfang an eine strenge I Selbstkritik eigen, wie sie selten den Künstlern, die zumeist ihre I Werke wie leibliche Kinder lieben, mit auf den Weg gegeben ist. I EinUngeheuer" nennt er schon früh eine Ballade', die manchen I andern Jüngling veranlaßt hätte, einen zweiten Goethe in sich I zu wittern, nnd dieLieder aus Teutoburg" verlacht er alsKling, klang, Klingelspiel nnd Reimerei". Dazu kant als ein zweiter We­senszug, der /ihm den jungen Lorbeer als trügerisch erscheinen lassen mochte, die ernste männliche Gruudstimmnng, die sich zeitig dem Aweifel gesellte. Den Abiturienten schon hatte ein schweres Lungenübel befallen; man hatte ihm den Tod mit 24 oder 25 Jahren prophezeit. Jrn besten Alter, in den Jahren seiner auf­opfernden Tätigkeit als Arzt, war er krank, und das Leiden läuterte ihn.Wohl ist es wahr", schreibt er einmal darüber,daß zum sichern festen Tiefgang ein,Teil Ballast nottut". Jedenfalls war er nicht der Mann dazu, sein Schicksal auf eine leichte Kunst des Reimens und des Wortes zu stellen. Er wurde Arzt, ein Landarzt, der feinen Beruf wie ein Priester auffaßte und nicht nur den Körper, sondern auch die Seelen heilen wollte. Die Zeit, da er in Driburg in engsten und ärmlichen Berhältnissen als Manschen-

I lreund und Tröster wirkte, hat jenes warme Mitleid, jene teer# Rehende Güte in ihm zur Reife gebracht, die aus seinen Gedichten strahlen. Später trat neben seinem Berufe die Politik in den Bor- dergrund. Die allgemeine Beliebtheit, die er sich gewonnen, fand dann ihren Ausdruck, daß man ihn in das preußische Abgeord­netenhaus wählte, dem er mehr als 30 Jahre als Mitglied der Zentrumspartei angehört hat.

So verfloß sein Seben tote das eines guten und tüchtigen: Tatmenichen, der int engeren Kreise eines innigen Familienglückes und im weiteren seines öffentlichen Wirkens wacker an I feiner Stelle steht, doch in nichts hervorragt über andre. I Aber dies Dasein warf, nur den Nächsten bekannt,

I einen bunten Widerschein in poetischen Spiegelungen, die I wie eine Zauberlaterne den Alltag verklärten. Die dumpfe Epoche, I o'.eJ)em "tollen Jahr" 1848 folgt, entlock ihm packend Politische I Lieder der Anklage im Tone Herweghs; die Siege von 1870 feiert | er in volkstümlich prächtiger Weife; seine Ehe gibt ihm innige I Gedichte ein, in denenSiebe Leiterin" ist,nicht die matte, weich- I sich schmachtende, nein, die starke, todverachtende; nicht die eifer­süchtige, hassende, nein, die versöhnende, weltumfassende; nicht die rote, flammende Rose, nein, die weiße, die makellose..." Seine helfende Sorge für die Kranken und Armen spricht sich in dem verstehenden Nachschafscit fremden Leides und fremder Not aus, ober über alles Verzweifeln trägt ihn fein Glaube hoch empor, den er in die Worte saßt:

Nicht viel, doch eines lernt' ich klar erfassen, Daß auf der Fahrt int wüsten Lebensmeere Allein Gebet und Arbeit Trost gewähre.

Nun will ich, bis erlahmen meine Nerven, Im harten Dienste fort und fort mich mühen. Und, da so hoffnungsreich die Sterne glühen, Im Sternenmeer vertrauend Anker werfen..."

So war ör alt geworden, volle 57 Jahre, bevor er wieder dem Gedanken an ein größeres Werk nahetrat. Die Idee, aus fernen Jünglingstagen her vertraut, ward allmählich zur Gestalt,die Christianisierung unseres Landes irgendwie dichterisch darzustellen". In den Jahren 1876 und 1877 wurde bann die DichtungDrei- zehnlinden" in jugendlichem Feuer, in einem Schwung ber Phan­tasie, wie wenn ein lang gestauter Bergstrom Plötzlich losbricht, niebergeschrieben; bas Manuskript legte er zu Weihnachten 1877 ber Tochter unter ben Christbaum. Als bas Epos ein Jahr barauf erschien, hatte es einen ungeheuren Erfolg und machte seinen Ver- fasfer mit einem Schlage berühmt. Auch weiter blieben ihm bie Muse und bas Publikum treu. DieGedichte", bie 1882 heraus- gefommen,; der eigentliche poetische Ertrag seines Lebens offenbaren erst beit ganzen bichierischen Reichtum feiner Natur, be­siegelten und rechtfertigten ben Ruhm, bett ihm fein historischer Sang" eingetragen, unb fein letztes Werk, die poetische Erzählung Goliath", zeigt ben fast Achtzigjährigen ioteber von einer neuen Seite, als einen tragischen Idylliker von wehmütiger Anmut unb herber Große. So blieb biefemSpätling Apolls" die Gabe des Gesanges, die er so sorgsam gepflegt unb so treu durch alle Stürme und Hemmnisse bes Lebens gerettet, bis zuletzt treu, unb als er am 5. April 1894 starb, enbete ein Dichterdasein, bas an bie weih­nachtliche Stnnbe seiner Geburt gemahnt; wie in ber Christnacht nach altem Volksglauben bie Blüten sich entfalten, so war auch hier aus bem greifen Winter bes Alters bie herrlichste Frucht ent­sprungen.

Webers Dichtungen zeichnen sich burch eine ebeitio klare unb schlichte wie vollendete Form ans. Mit nneiiblichem Eifer hatte er sich biesen natürlich reinen Stil herangebilbet, nicht zum wenigsten durch feine lleberfetzimgen. Tie Dichter, bie er verdeutschte, weisen deutlich auf seinen eigenen Geschmack hin. Es sind germanische Poeten, Stegner und Runeberg, als die wichtigsten ber Skandi­navier, Tennyson von den Engländern. Besonders bie lieber« tragungeu bes britischen poet laureate,Enoch Arden", Aylmers Field" und als sein Meisterstück die höchst schwierigeMaud", zeigen Weber als einen Virtiosen des Reimes und Rhythmus, zugleich als einen feinfühligen Dichter, der von ben fremden Vor­bildern lernte. Stegner, dessen Frithjofssage in ihrem Stoff auf Dreizehnlinden" gewirkt, und Tennyson, dessen Einfluß imGo­liath" sehr stark ist, haben denn auch Webers Schaffen mitbestimmt. Letzten Endes ober gehört das historische Epos ans ber Zeit Lud- wigs bes Frommen aber doch zu ben Dichtungen, bie durch Scheffels Trompeter" hervorgerufen würben, mag es auch in feinem ge­trogenen religiösen Ton von ber luftigen Bagantengeschichte noch so weit entfernt fein. In ber matten Fabel, einer Bekehrungsd, Jntriguen- unb Liebesgeschichte, wie man sie schon oft vorher ge­lesen, in der Gegenüberstellung der Guten nnd Bösen, die ohne feinere Schattierung nur weiß und schwarz gesehen find, liegen die Fehler vonDreizehnlinden", die aber freilich die Vorzüge nur klarer hervortreten lassen. Welch hohe Kunst, wie viel Reichtum ber Anschauung und Gestaltung gehört dazu, ans solch einem stosslichen Nichts ein reich bewegtes Gemälde ber Vorzeit, ein wundervolles Bild der westfälischen Sitte und Landschaft zu ge­stalten. Tas Naturgefühl, das eine der wichtigsten Grundtöne von Webers Kunst ist, tritt noch stärker hervor in bernorbischen Idylle" Von beut Knecht Goliath, biefem tragisch heldenhaften Gesang von ber Heiligkeit des kinblichen Gehorsams, der dos Mäbchen abhält, ben Geliebten nach ber Eltern Tode zu heiraten; und Von ber Stanbhaftigkeit weiblicher Liebe, die dem Geliebten