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Tiefe einer gefolterten Seele auf den Hausherrn und senkte die Augen.
„Sie wissen also, wo das Bild herstammt, liebe Cor-- buXa?z/ begann außerordentlich freundlich d-er Baron.
„Aus Bergloha," stammelte sie.
„Bergloha! richtig!" und er erklärte den andern, das sei ein Gut im Sächsischen, das verkauft worden, als dieses durch Erbschaft an die Familie fiel. Von der alten Cordula erfuhr man nun, daß das Bild dort im Saal gehangen, eingelassen in die Wand, die mit weißgoldener Boiserie geschmückt war. Die alte Baronin, damalige Besitzerin, eine sehr strenge Frau, der niemand zu widersprechen wagte, hatte es entfernen lassen. Sie waren noch Kinder gewesen, ihr Baroneßchen und sie, als jene eines Tages in hie Kntscherwohnnng gekommen und blaß und zitternd gerufen hatte: „Jetzt wird einer aus der Wand geschnitten." Sie waren dann beide in den Saal gelaufen und hatten noch gesehen, wie der Lakai auf der Leiter mit einem Messer, das schrecklich blitzte, den letzten Schnitt tat und das Bild schauerlich rauschend und knitternd zu Boden sank. Das' Baroneßchen hatte laut aufgeschrien, das Gesicht in die Hände versteckt und angstvoll gefragt, ob er blute. Die Frau Gräfin aber hatte befohlen, daß es aufgerollt werde und auf den Boden gebracht: „Daß mir der sittenlose Mensch aus den Augen kommt."
Als sie diese Worte wiederholte, seufzte die alte Cordula tief auf.
„Eine Exekution also," rief lachend der Leutnant.
Doch Cordula lächelte nicht. Mit den Worten ihrer Baronin hatte sie deren frischen Abscheu gegen eine Zeit in sich bewahrt, die heute einfach historisch geworden« niemanden mehr erregte.
„Wie aber kam das Bild hierher?" fragte der Baron weiter.
Beim Umzug von Bergloha war es gegen den Willen der Gräfin mitgekommen. Damals war die Baronesse schon erwachsen und hatte neben ihrer Mutter auf der Freitreppe gestanden, als die Wagen abgeladen wurden. Sie selbst, Cordula, hatte diese Rolle heraufgetragen und sie aufrollen müssen, weil niemand wußte, was es war. Da hatte die Frau Baronin ärgerlich gesagt: „Der alte Sünder hätte auch dort bleiben können." Dre Töchter hatten gebeten, die Mutter möchte ihn zurückschicken, denn er würde sich rächen. Diese aber hatte geantwortet: „Den werde ich schon still kriegen", und sie hatte ihn mit eigenen Händen in den großen Schrank gestellt und sagte: „Nun, und du Cordula, sollst den Schlüssel haben." So war das Bild in den Schrank gekommen, nnd so war es darin geblieben.
„Und bis heute hat er sich Nicht gerächt!" So schloß Frl. Cordula ihren Bericht und legte, indem sie aufstan^ und einen Kuix versuchte, die Hand auf die arme verbogen-) Brust. Ein unbeschreibliches Gemisch von Bewußtsein" er-, füllter Pflicht, Stolz auf ihre Wachsamkeit, die alle Gefahren gebannt hatte, die von dem Gefürchteten ausgehen könnten, der ausgestoßen, geraubt, verbannt gewesen, und ein Fortschieben jeder Verantwortlichkeit für kommendes Unheil lagen in Miene und Bewegung des alten Fräuleins.
Unmöglich konnte der Hausherr sie ungeneckt entschlüpfen lassen.
„Nun ist mir freilich vieles begreiflich geworden, liebe Cordula," sagte er, „besonders auch eine gewisse interessante Leichtfertigkeit Ihres Wesens, Mangel gewisser Tugenden, . . . wenn freilich Kleider von Ihnen sich in der Nähe dieses gefährlichen Mannes aufgehalten haben, dann ist alles möglich — aber auch alles verzeihlich."
„Niemals haben meine Kleider in diesem Schranke gehangen, niemals!" beteuerte die alte Cordula hochrot im Gesicht und preßte noch heftiger die Hand aufs Herz, dabei aber schoß unter den gesenkten Lidern ein bitterböser Blick zu Dolalla, die kichernd hinter ihrem Vater Deckung suchte.
„Wie gut Sie zu erzählen verstehen, liebes Fräulein Cordula, Sie werden mir noch öfter von diesen alten Geschichten erzählen müssen," sagte verbindlich dankönd und ablenkend die Baronin. Mamsell Cordula verstand das Zeichen und empfahl sich.
Jetzt konnte der Leutnant sich nicht mehr zurückhalten, tanzend und sich um sich selber drehend rief er dem noch- immer in der Fensternische stehenden Maler zu: „Haben Sie gehört, Quistorp! Trotz ihrer Moral war meine Urgroßmutter doch eine witzige Frau — haben Sie gehört, zup Strafe für feine Sünden wurde August der Starke in die
Dunkelheit eines Schrankes verbannt und als einziges Amüsement mit der so geliebten Weiblichkeit war ihm "die zeitweilige Gesellschaft von Cordulas tugendsamer Garderobe gestattet, auf daß er genügsam werde! — o weise Urgroßmutter, höchst gerechte Frau — o raffinierte Strafe!" Der Maler hatte gehört; mit einem lächelnden Blick nickte er dem jungen Offizier zu, dann beugte er sich wieder zu dessen Schwester und fuhr in seiner halblauten Rede fort: „Aber Sie, gnädige Frau, lassen Sie mich hoffen, Sie hätten; in diesem Falle nicht wie die Urgroßmutter gehandelt, eher wie die Großmutter! Sie hätten das Gesicht versteckt und mitleidvoll gefragt, ob er blute!"
Fluchen lachte: „Ein Bild! aber ich bitte Sie, so kindisch war ich doch auch als Kind nicht, daß ich geglaubt hättp, ein Bild könne bluten!"
„Nicht kindisch, durchaus nicht kindisch! Es offenbart sich da ein höchst sensibles Mitfühlen von Dingen, die weit über kindliches Wissen gehen. Heißt es nicht einen Menschen zum zweiten Male töten, wenn man ihn so um seine Absicht betrügt? Er hatte sich ein Leben nach dem Tode zusichernl wollen, indem er seine Bilder in die Säle seiner Untertanen! hängte, da von der Wand wollte er nicht aufhören, ihrs Feste zu beherrschen. Aufeuern wollte er die Kavaliere durch seine gefürchtete Rivalität, schmachtende Frauenblicke sollten! über feine Gestalt gleiten, träumen sollten sie von ihm und sich von den dürren Lippen eines langweiligen Gatten ab- weitden . . ."
Jinchen lachte nicht mehr. Sie versuchte mit An st reim gung zu überhören, was da mit bedeckter Stimme nebeih ihrem Ohren gesprochen wurde, sie machte einen Schritt vorwärts, als wolle sie von der Unterhaltung der anderen nichts verlieren. Ihr Mann sprach eben: „Erlaube — lieber — Schwieger—papa," doch lachend fuhr der Leutnant dazwischen. „Erlaube — lieber — Schwager — dies — Bild — versuchte der Regierungsrat von neuem. „Wir wollen ihn aus der Genügsamkeit wieder erlösen," sagte der Hausherr.^
„Erlaube — bitte — lieber — Schwiegerpapa. Dies —■ Bild — gehört — meines — Erachtens —", „Zunächst in einen Rahmen! — natürlich, selbstverständlich, — Herr Quistorp." Da aber, mit einem letzten siegreichen Anlauf vollendete der Regierungsrat:
„Dies — Bild — gehört — meines — Erachtens — gar nicht — dir!"
„Es gehört mir nicht?" fragte peinlich berührt der Baron und der Leutnant sand es überaus komisch, daß sie- etwas besaßen, das ihnen nicht gehören sollte. Finchen runzelte leicht die Stirn, sie trat nun unabsichtlich den kleinen Schritt wieder zurück in die Fensternische und die: Stimme neben ihrem Ohr begann von neuem zu erzählen von dem Lächeln der Herren, die sich über weiße Frauen^ schultern neigen, vom Fächerfchlag, vom Klang der Gläser, von heimlichen Küssen ....
Die übrigen stritten teils sachlich ernst, teils übermütig scherzend über das Problem des Besitzrechtes, bis die Bae- ronin, müde des Themas, vorschlug, ihr Mann solle das! Bild an irgend ein Museum geben.
„Ich mag es auch nicht gern int Hanse haben, mir hak der Mann zu viel Fraueu unglücklich gemacht," sagte sic und lehnte ihn mit einer lässigen Handbewegnng ab.
Da aber erscholl aus der Fensternische Finchens hellklare Stimme in der verwunderten Frage: „Waren Sie denn so unglücklich, die Frauen, die er geliebt?"
Eine Stille entstand in dem Zimmer, ein hörbares Staunen fesselte jeden Laut, bis Dolalla voller Schrecken) ausrief:
„Schafft ihn fort! Schon fängt er an! der ist gefährlich.' ich wußte es ja." _
Der Dichter von „Dreizehnlinden".
(Zum 100. Geburtstag- von F. W. Weber.)
Von Dr. Paul Landau.
So mancher Dichtersmann gilt nur als Schöpfer eines Werkes, aber das ist zumeist eine Jugendarbeit, die ihnr in der Fülle frischer Kraft und leichten Mutes die freundliche Muse in den Schoß warf. Daß aber einer, der von der Gymuasiastenzeit an unermüdlich Und doch durchaus nicht dilettantisch gedichtet, Mit 65 Jahren sein erstes und zugleich das Werk, das ihm den Ruhm bringt, veröffentlicht, das ist der einzigartige Fall des „Dreizchnlinden-Weber", zugleich ein vollgültiger Beweis für die Ursprünglichkeit und Echtheit des Talentes, das gleichsam unterirdisch ein ganzes Menschenleben stets neue Keime und Blüten


