Ausgabe 
27.12.1913
 
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MZ m. 202

Samstag, den 27. Dezember

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August der Genügsame."

Bon Emmy v. Egt dH.

(Nachdruck verboten.)

Endlich war der Schrank geöffnet. Dolalla warf ziem­lich unsanft alles heraus, was sie fassen founte, da rollten Tap'iserien, da fielen Reisenecessaires, Andenken aus Ma- rienbad, gerahmte Stickereien, ganz krauses Zeug, dessen Verwendung nicht zu erraten war, alles Zeugen einer längst vergangenen Zeit. Das war alles nicht, >vas Dolalla suchte. Endlich tastete sie, schon ziemlich enttäuscht, in dem letzten dunkelsten Winkel; da: eine Rolle, lang, fest. . . . int Nu lag sie am Boden, die Schnüre waren durchschnitten und das Geheimnis entrollte sich: ein schöner Mann in Allongeperücke, umwallt von Hermelin und Purpur, Brust- harnisch, Beinschienen, Ordensband, die Krone neben sich. Dolallas Angen weiteten sich, während sie sie auf der lebensgroßen Figur herumspazieren ließ. Deswegen also hatte Mamsell Eordula, der verstorbenen Großmutter Haus­hälterin, so sabelhast geheimnisvoll mit dem Schrank getan, deswegen hatte sie selbst, Dolalla, ihre Kleider nicht htnein- hängen dürfen, wenn sie hier zu Besuch war, während Cordula die besten Stücke ihrer Garderobe verstohlen da unterbrachte. Deshalb hatte es des Paters nachdrücklichen Befehls bedurft, um den Schlüssel herbeizuschaffen. Und deshalb auch war ihr dies Schrank-Biest immer so gefährlich und unheimlich vorgekommen, geradezu etwas Feindseliges- war davon ausgegangen.Ich habe doch gewußt, daß einer drin steckte," sagte sie vor sich hin und rollte den blenden-, den Rittersmann wieder zusammen. Dann stürmte sie mit ihm die Treppe hinunter und brach in die schläfrige Stille des Salons ein.

Ich habe ihn, endlich habe ich ihn! Seht hier den Rit­ter, der Cordulas alte Kleider bewachte!" Damit schnellte sie das Oelbild auf.

August der Starke," rief belustigt der Vater.

August der Starke," sagte etwas betroffen die Mutter.

August der Starke," wiederholte Regie- rungsrat von der Kehre, Schwiegersohn des Hauses. Das­selbe zwitscherte Finchen, seine Frau, der Bruder Leutnant lachte imb Herr Quistvrp, der Maler, der eben die Besitzer des Schlosses malte, bestätigte es mit Kennermiene. Dolalla sah von einem zum andern, aus der G-schichtSstunde tauchte in ihr ein unklarer Begriff auf von Maitressen, Günstlmgs- wirtschaft, Prunk, Verschwendung und unter dem Eindruck einer langsam ausgehenden, aber umfassenden Erkenntnis! sagte das Kind bedeutungsvoll:Der war es also."Ein Pesne" ist es nicht, aber ein ganz gute- Bild war es ein­mal, schade daß es so verdorben ist," sagte wieder gnit Kennermiene der Maler und heftete es an eine der Türen. Jetzt sahen alle, daß die Leinwand an vielen Stellen bloß lag, besonders der untere Teil war sehr zerstört, der obere Rand war in willkürlichem Schwintg ausgebogeiü

ttnd man mutmaßte, es könne aus einer Boiserie geschnitten sein, in der es vielleicht als Hauptstück zur Ausschmückung eines Saales geprangt. Aber im ganzen Schlosse war kein solcher Raum, war auch nie einer gewesen; niemand hatte das Bild je gesehen, noch konnte man sich erklären, wohep es komme und warum es in dem verborgenen Winkel aus­gehoben worden.

Die alte Cordula lvird es schon wissen," meinte D.o- lalla.

Während nach ihr geschickt wurde, beobachtete der Maler nachdenklich die Wirkung der üppig schönen Männergestalt auf die junge Frau von der Kehre, und zu ihr in tte Fensternische tretend sagte er:Das hat er sich uichil träumen lassen, der Mann, der sich so gerne malen lteß und seine Bilder so freigebig in die Schlösser seiner Untertanen hängte, daß hier eines davon in einem alten Schranke verenden sollte das hat er nicht gewollt!"

Was hat er daun wohl gewollt?" fragte Fichen.

Geliebt fein wollte er, geliebt noch über das Grab hinaus. Liebe war feine Kunst, seine Wissenschaft, sein Lebenszweck; mit Liebe erfüllte er die Luft um sich her, überall wo er war, sproßte sie auf; der Verführung Zauber umgab ihn, sein Blick war eine Fessel, sein Wort ein Bann, willig ergaben sich seine Opfer. Der da verstand es zu lieben, wahrhaftig, er verstand es. Sehen Sie sich das Bild an, gnädige Frau, noch heilte hat es den Zauber nicht verloren, trotz seiner Mißhandlung. Das Parfüm, das seine Gestalt umschwebt, ist unzerstörbar.

Kein Wunder, daß jede Frau sich ihm ergab, daß ihn keine vergessen konnte, daß ihm jede verzieh . . ."

Zu Beginn dieser Rede hatte Finchen versucht, ihn mit einer hilflosen Bewegung zu unterbrechen, dann aber war ihr eingefallen, daß sie doch eine verheiratete Frau sei und er eben nur ein Künstler, dem man ein freies Wort gestat­ten dürfe, sie ließ ihn reden, bis sie vergaß, wer zu iHv sprach, und es schien ihr, als spräche das Bild selbst und erkläre seinen eigenen Zauber.

Inzwischen war Fräulein Cordula eingetreten, ein kleines, vertrocknetes Dämchen, gebückt und schief, die Schä­den ihres Wuchses unter einem schwarzseidenen Schulter­kragen bergend, von dem eine breite Franse baumelnd herabhing. Sie war die Kindheitsgespielin, spätere treue Dienerin der kürzlich verstorbenen Baronin und nahm noch heute als wohlverdienten Ruheposten eine ganz besondere Stellung zwischen Vertrauter itnb Angestellter im Hause ein. Dankend und knixend setzte sie sich auf den augeboteite.it Stuhl und sah sich so plötzlich dem an die Tür gehefteten Bilde gegenüber.

Die Wirkung war überraschend.

Wie bei einer gerichtlichen Konfrontation sprang die arme Alte zitternd auf, hob abwehrend die Hände gegen, das Bild, erbleichte und sank wie getroffen wieder in den Stuhl, dann warf sie einen erschütternden Blick aus der