748
Aber
Abends, tote schon die 58tinnen tiefer und wärmer leuchteten als am grellen Tag, stand ich auf dem Posillipo vor dem Palazzo Grimini. lieber den seinen Kies der Wege schritt, begleitet von
Sie mar blond. Von jenem köstlich loarmcn, goldschimmernden Blond des Südens, an dem nichts Gretchenhastes ist. Sie hatte blaue Augen. Aber auch die waren nicht deutsch. Wenn sie tanzte, dann standen diese Augen so in Glut, daß man keine Farbe mehr erkennen konnte, dann waren sie brennende Fackeln. Wenn sie ruhig zum Tisch kam, um die Saldi einzusammeln, und mit geschlossenen Augen tief atmete, daß die feinen Nasenflügel bebten, dann waren die Augen kühl und blau wie Stahl. Wie ein goldener^ Feuerbrand fiel eine blonde Locke in ihre weiße Stirn.'
Sie sei aus Neapel, sagte der deutsche Wirt, und aus sehr
Sie sei aus Neapel, sagte der deutsche Wirt, und aus sehr feiner Familie. Mehr wußte er nicht oder wollte er nicht sagen.
Sie war sehr stolz und erwiderte keinen noch so heißen Blick.
Als ich wieder einmal auf Capri war, stieg ich gleich zur Osteria unterhalb der Villa des Tiberio hinauf. Eine magere schläfrige Capreserin von dreißig Jahren mit dünnen Beinen und dünnen Armen tanzte eine matte Tarantella. Oder schien mir das alles nur so? Denn die ich suchte, war nicht da.
Aber der deutsche Wirt war noch da. Er entsann sich genau der schönen Neapolitanerin und lächelte listig, als ich von ihr sprach. Ja, das war ein Weib! Die hatte ihm ein schönes Stück Geld eingetragen. Jeder Fremde hatte sie sehen wollen. Und sie selber hatte sich int Feuer ihrer Beine ünd Augen eine hübsche Summe geschmiedet und mit nach Neapel genommen.
Ich mußte drei Flaschen vom teuersten und hitzigsten Capri- to-ein trinken, ehe der Wirt sich aiischickte, mir die Geschichte dieser Tänzerin, dieser wundervollen Gottesgnade, zu erzählen.
Nur einem jungen Neapolitaner, der trüge in einer Ecke saß, griff sie liebkosend ins schwarze Saar, wenn sie an ihm vorüberkam. Wir haßten ihn alle, den Burschen, der gleichmütig seinen Wein trank und eitel lächelte, wenn sie zu ihnt kam.
mini erhitzte, das mußte den Fremden von Capri die Soldi inj der Tasche locker machen. So tanzte sie für sich und Pietro. Tanzte drei Sommer lang. Bis Pietro sagte, nun sei es genug, um eine kleine Osteria in Neapel aufmachen zu können.
Eine Osteria in Neapel?
Ja, in der Via Sistina, ganz nahe beim Corso Umberto, eine kleine Osteria, wo man einen halben Liter vino rosso oder vino bianco für fünf Saldi bekommen könne. Und es ser kein schlechter Wein.
Und sie ist glücklich mit Pietro Peroni?
Das sei gut möglich. Denn sie liebten sich beide sehr.
, Ach, s o fein war die Sehnsucht der Fürstin Franzesca Gri- mtnt nicht.
Sie hatte sich unsinnig in der schlanken Pietro Perom ver- lrebt, der ihr Kammerdiener war, ein junges, energisches Gesicht hatte, frische Lippen, die so rot waren wie die Korallen in den Felsenriffen von Capri, heiße Augen und krauses schwarzes Haar, das man durch die feinen weißen Finger ziehen und jählings, löstftch zu sehen, wieder zu glänzenden Locken zusammenrollen lassen konnte.
Eine schöne, blonde Frau mit stahlblauen Augen brachte mir den Wein. Das Haar war in Zöpfen sauber geordnet. Der Feuerbrand der blonden Locke fiel nicht mehr in die stolze, weiße Stirn. Sie trug ein enges, verwaschen blaues, hochgeschlossenes Kleid. Darunter atmete noch immer der biegsame, schlanke Körper, und wenn sie schritt, war es ein verhaltener Tanz.
„Ich habe Sie auf Capri Tarantella tanzen sehen," sagte ich leise.
Sie nickte und lächelte kühl. Einen Augenblick blieb sie am Tisch stehen. Ihre Augen glitten über mich weg. Schaute sie durchs .Fenster in die trostlose Dunkelheit der Gasse? Träumte sie in einen hohen kristallenen Spiegel hinein, der ,in prunkendem Goldrahmen aus einem breiten Marmorsims herauskam? Sah sie zwischen den Palmen des Parkes Griminr bas blaue Meer und das jubelnde Licht der Sonne?
Ich legte Geld hin.
„Grazie, Signore!"
Weich und dunkel klang die Stimme. Wie geschaffen für hohe marmorne Hallen und stille, vornehme Bondirs, wo durch halbgcfchlossene Jalousien die Sonneiibänder kommen und auf seidenen Kissen und kristallnem Gerät spielerisch tanzen — —
Sie nahm das Geld und ging in den Schatten einer Ecke, wo auf einem Haufen Klter Kleider ein kleines Kind schlief.
Draußen, wm Seil, schwankten im leisen Wind die kostbaren, geflickten venetianifchen Spitzen und die blaue, verwaschene Seide.
Ten Pietro Peroni habe ich nicht gesehen Aber ich denke mir, er ist ein Mann, der seinen kostbaren Schatz besser zu hüten weiß, als der Fürst Roberto Grimini. Ich oent'e mir, er hat wilde Blitze in den Augen und in der Tasche einen locker sitzenden Dolch.
Geld müßte sie ihm schassen? Wovon sollten sie leben? Pietro Peroni war immer etwas faul gewesen. Und zwei 'Leute satt machen, oder gar drei, nein, das konnte er nicht.
Da schickte er sie nach Capri. O, er hatte oft genug gesehen, wie die Fürstin Franzesca Grimini im hohen Lichtsaal des Palazzo, weiß überslammt vom elektrischen Licht, vor ihren Gästen Tarantella tanzte, wie sie alle hingeriffen waren von der wir- belnden Glut und der schwingenden Schönheit ihres Köüpqrs. Er hatte gesehen, wie selbst der Staatssekretär sich über ttyre blaffe Hand gebeugt und ihr zugeflüstert hatte, dies sei die reichste Stunde seines Lebens. Was die hohen Gäste des Palazzo Gri-
Tags darauf suchte ich in Neapel die Via Sisfina.
Es war eine ganz enge Gasse in der alten Stadt. Es roch! nach verbranntem Oel und faulenden Früchten. Große Rudel halbnackter schmutziger Kinder lärmten. Von einer Seite der Gasse zur anderen, von Haus zrl Haus, zogen sich Stricke; überall elende, trockene Wäsche.
Da war ein Seil, daran hing ein verschlissener, blauseidener Frisiermantel und ein Unterrock, der war besetzt mit sauber geflickten, kostbaren venetianischcn Spitzen. Gehörten' diese verblaßten Herrlichkeiten der Fürstin Franzesca Grimini?
Ich las ein Schild: „Pietro Pironi — Osteria con alloggio e forntaggio."
Tarantella.
Bon Kurt K ü ch l e r.
. In einer kleinen Osteria auf Gapri, unterhalb der armseligen Steinhaufen, die der Caprese die Villa dl Tiberio nennt, kann man sich für zehn Saldi die Tarantella vortailzen lassen.
.Der' raffinierte Genießer und europäische Nervenmensch macht es so: er läßt sich zuerst den Salto di Tiberio zeigen, von wo aus der großartige kaiserliche Wüterich seine Opfer dreihundert steue Meter hinab ins tiefblau spielende Meer gestürzt haben soll. Dann dämpft er die schöne, schaurige Aufregung, unter der dre Saut des Rückens angenehm vibriert, durch ein paar Glas vonr köstlichen Eno rossa di Capri und badet schließlich feine Nerven in den schönen wilden Wellen einer feurig getanzten Tarantella. Das Blut des Lebens kocht. Die schönen Neapolitanerinnen, flammend in der Buntheit ihrer Tracht, versenden die heißesten Blitze ihrer Augen. Unter der weißen, flachen Kappe knistert und schimmert das schwarze Haar. Das Tamburin rasselt. Bon runden hellbraunen Armen fallen die weiten, weißen Aermel bis zur Schulter und um die wild bewegten, schönen Beine flattert und schlägt der rote Rock — Teufel, das ist ein Erlebnis! Die grausamen Erinnerungen an den blutlüsteruen, menschenverachtenden, großen Kaiser Tcherins verbrennen vor der Glut der Tarantella. „Well, latofulltj nice!" sagt Miß Clutierham. Und in der ,These feiner erlebnisdürstenden Seele vollkommen befriedigt, zahlt der Deutsche seine zehn' Soldi — ohne zu handeln.
Sie war nichts weniger als die Gattin des Fürsten Roberto Grimini in Neapel, Franzesca Grimini. . .
Und tanzte in Capri unter den Ruinen des marmornen; Märchenschlosfes des großen Kaisers Tiberius? Und nahm mit spöttischem Lächeln, Uhlen Augen und stolz erhobener Stirn, auf der die goldene Locke brannte, auch die kleinste Münze entgegen? Und griff dem jungen, eitlen Neapolitaner spielend ünd schmeichelnd ins schtvarze Haar.
Ja, da war sie schon längst nicht mehr hie Gattin des Fürsten Roberto Grimini. Da war sie eine schöne geflüchtete Frau, für die große Gesellschaft in Neapel und Rom nur noch eine pikante Erinnerung, über die man nachsichtig lächelte. Da war sie nur noch eine Abtrünnige, die nicht mehr über die weißen Marmorstufen des stolzen Palazzo Grimini auf dem Posfllipo gehen durfte, nicht mehr unter den Palmen des Parks über den Bauen Golf hin träumen und ihre feine Sehnsucht nicht mehr in die süße Ferne wehen lassen konnte . . .
Manchmal sind die kleinen Mädchen ans Neapel, die oben auf Capri, hoch über den dunkelgrünen Gärten voll leuchtender Goldorangen, Tarantella tanzen, sehr, sehr hübsch. Manchmal aber auch nicht. Immer aber sind sie rassig, beweglich und feurig. Und im wilden ^/z-Takt des Tanzes, im fliegenden blau- rot-weißeii Farbenspiel ihrer Kleider, sind sie alle schön und heiß.
Wer hat die herrliche Franzesca tanzen sehen? O, war das ein Weib, war das eine Tarantella! Eine Tarantella, die nichts weniger war, als _ eine völlige Hingabe des ganz in Schönheit und Bewegung aufgelösten Körpers an den ewigen Rythmus . ... Sie stanzte mit nackten Beinen und es kümmerte sie nicht, wenn ihr int Taumel der Bewegung das weiße Hemd von der runden, matt schimmernden Schulter glitt und bis unter die zarte, mädchenhafte Brust fiel.
Und 'Pietro Peroni war nicht dumm. Er nahm Geschenke und Liebe, wo sie ihm geboten wurden.
Bis der Skandal kam und Franzesca Grimini nichts mehr hatte al§, den schlanken Pietro Peroni, ein wenig Geschmeide, das nachsichtige Lächeln der großen Gesellschaft und die ©rinne» lang an einen sehr liebenswürdigen, aber etwas alten ünd matten Fürsten und an leuchtende Sonnentage in der traumhaften Stille des Parkes auf dem Posillipo . . . Aber, die Frauen sind merkwürdige Geschöpfe, der schlanke Pietro Peroni war ihr mehr wert, ja 18 diese Erinnerungen. Sie ließ nicht von ihm ab. Und Pietro war treu und anständig genug, sie zu behalten. Geld müßte sie ihm schaffen? Wovon sollten sie leben?


