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als bis sie sich zu größerer Wahrscheinlichkeit verdachtet hat: es ist so unverzeihlich, einen Unschuldigen zu verdächtigen.
Der Kronprinz gratulierte dem Staatsanwalt zu seiner Umsicht und wandte sich dann den in der Nähe des Flügels harrenden Künstlern zu. ,
Die Unterhaltung mit Tell hatte mehr Zeit in Anspruch genommen, als der Kronprinz sonst bei derartigen Anlagen einem einzelnen spenden konnte. Gehört hatte kein Dritter etwas von den ausgetauschten Worten. Um so lebhafter war nun aber das Interesse der Geladenen an Tell erregt worden. Wer war denn dieser in der Gesellschaft ganz unbekannte Mann, und was mochte der Kronprinz so lange mit ihm verhandelt haben? z .
Ein einfacher Staatsanwalt bürgerlicher Herkunft, der von dem Erben der Krone hierher befohlen und durch so lange Ansprache geehrt worden war, mußte jedenfalls eine Zukunft haben; er würde dereinst vielleicht Minister und ein mächtiger Mann werden; ja, er hatte vielleicht jetzt schon geheimen Einfluß; es war jedenfalls weise, sich mit ihm rechtzeitig bekannt zu machen. Und so drängten sich denn Heute an ihn heran und ließen sich ihm vorstellen, die ihn ohne diese Auszeichnung durch den hohen Gastgeber wahrscheinlich hartnäckig übersehen hätten. , z t
In der Mitte des Saales, stand tn einer plaudernden Damengruppe ein junges Mädchen, das an der Unterhaltung nur geringen Anteil nahm; in seinem Herzen regte sich die lebhafteste Genugtuung, daß Tell vom Kronprinzen so ausgezeichnet worden war. Das wird ihn wieder mit der Welt versöhnen, dachte sie freudig bewegt, der er sich doch ohne allen Grund immer feindlicher entfremdet; wenn er jetzt, zu mir käme, ich möchte ihm so gern von Herzen Glück wünschen!
Aber der sehnlich Erwartete kam ilicht. Er hatte gesehen, wie Ellen die Huldigungen Randensteins geduldet und er war zu stolz, sich da einzudrängen, wo, wie er in seiner Verbitterung wähnte, ein anderer der Willkommenere war. So kehrte er auf seinen alten Standort zurück, hörte dort auch den zweiten und letzten Teil des Konzerts an, und fand sich erst im Marmorsaale des ersten Stockwerks, zu dem man emporgestiegen war, um sich an einem reich besetzten Büfett zu erfrischen, ganz plötzlich und unausweichlich dem bisher so geflissentlich von ihm gemiedenen Fräulein von Brank gegenüber.
Ellen redete ihn zuerst an, damit er ihr im Durcheinander der an die Herrlichkeiten des Büfetts drängenden Herren und Damen nicht wieder entführt würde ......
„Guten Abend, Herr Staatsanwalt, endlich bekommt man Sie auch einmal zu sehen!"
Er verbeugte sich steif und förmlich und erwiderte den freundlichen Gruß des Mädchens in auffallend zurückhaltender Weise.
Was hat er nur wieder? dachte Ellen, enttäuscht zu ihm aufblickend; sollte ihn die Unterredung mit dem Kronprinzen so wenig befriedigt haben? Laut fragte sie: „Warum so ernste Falten auf der Stirn? Ich hatte ein frohes Gesicht von Ihnen erwartet, da Ihnen der Kronprinz so viel gnädige Aufmerksamkeit erwieserl hat."
Tell zuckte mit den Achseln und gab sich den Anfchein, als ob er gar nicht verstände, was ihm besonderes begegnet sein sollte.
„Ja so!" rief er, wie sich plötzlich erinnernd, „allerdings! Seine Kaiserliche Hoheit waren sehr gnädig gegen Niich; ich wundere mich nur, daß Sie, mein gnädiges Fräulein, das bemerkt haben."
„Warum sollte ich das nicht bemerkt haben?"
„Sie waren so beschäftigt — so vertieft in Ihrer Unterhaltung mit Herrn von Raiidenstein."
Er brach ab. Sie verstand ihn nicht. Worauf zielte er eigentlich hin? Daß er auf Herrn von Randenstein eifersüchtig sein könnte, daran dachte sie nicht im Traume. Was verdarb ihm denn die Laune? Vielleicht der Umstand, daß er mit seinen amtlichen Nachforschungen noch immer kein erschöpfendes Ergebnis erreicht hatte? Das mochte es sein! gewiß, das war es!
„Herr Staatsanwalt," hob sie unvermittelt an, und sie reckte ihr zierliches Persönchen soweit sie konnte in die Höhe, um ihre frischen Lippen seinem Ohr möglichst nahe zu bringen, „ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen." —
„Ah, ich weiß schon," unterbrach sie der Ahnungslose in boshaftem Spott, da er ihre noch leeren Hände bemerkt'hatte, ^Jhr Kavalier läßt Sie Not leiden, was befehlen Sie, das ich Ihnen vom .Büfett bringen soll."
„Sie verstehen mich falsch, Herr Staatsanwalt; es iH eine ernste, hochwichtige Mitteilung in der Augelegenheitz! deren Erforschung Sie betreiben."
Er stutzte und sah sie erschrocken, fast feindselig am Schon wieder diese unselige Sache!
„Was ist es? Reden Sie!" stieß er gefoltert hervor.
„In jener Nacht," flüsterte sie ganz leise, nachdem sie sich scheu umgeblickt hatte, ob auch kein unberufen eu Lauscher in der Nähe wäre, „da bei uns eingebrochen wurde, habe ich zum Fenster meiner Schlafstube hinausgesehen und im Scheine eines Blitzes den Maurermeister Dechuer erkannt; er stand unten vor dem Schlosse und setzte, wie er mich gewahr wurde, schnell seinen Hut auf, den ihm! der Sturm vom Kopfe geweht haben mochte."
Tell stöhnte halb unterdrückt, wie ein Gladiator, dep auf dem Sande der Arena eine tödliche Wunde empfängt.
„Ist das denkbar? Haben Sie denn auch recht gesehen?" „Ganz gewiß! Ich schwöre Ihnen, daß ich mich mcht getäuscht habe!" erklärte Ellen voller Eifer, wenn sw auch mit Schrecken die Wirkung gewahr wurde, die ihre Mitteilung auf ihn machte.
„Ich danke Ihnen," kam es heiser und halb erstickt aus Teils Kehle, „ich werde morgen früh ungesäumt meine Maßregeln treffen." Er zwang sich gewaltsam zu einem getvissen Gleichmut und richtete sich stolz zu seiner vollen Höhe auf. „Sie sehen in mir den rücksichtslosesten Vertreter der Gerechtigkeit; um ihr zu dienen, werde ich gegen mein eigenes Blut ivüten und des Stiefbruders mcht schonen. Freilich werden Sie von jemand, der so anrüchige Beziehungen hat, wohl kaum noch die Dienste eines Kavaliers annehmen wollen."
„Aber ich bitte Sie, Herr Staatsanwalt," unterbrach sie ihn lebhaft und vorwurfsvoll. Es kränkte sie, daß ep so reden konnte. —
Und fort war er und sie schaute ihm bestürzt nacb.
Die Tränen waren ihr ins Auge gestiegen und sie, hatte Mühe, zu verhüten, daß ihr das salzige Skaß über die Wangen floß.
Tell wankte indessen durch das Gewühl der ain Bufett mit Messer und Gabel klappernden Gesellschaft. Wie ein Schlafwandelnder ging er immer weiter und geriet in eine muntere Gruppe gold- und silberglänzender Gardeoffiziere, die an einem Ende der Täfel sich von den Lcv- täten die Gläser füllen ließen.
„Ah! der Herr Staatsanwalt!" sagte eine gemütcrchs Stimme. „Zum Teufel! Sie werden mich doch nicht schneiden wollen? Kommen Sie, mir wollen einmal ganz leis« anstoßen und unsere Freiheit leben lassen!"
Es war der Rittmeister von Tollen, der den finster Blickenden also anredete. Er hatte zwei Sektgläser füllen lassen und drückte eines derselben dem Staatsanwalt in die Hand, ließ das feinige mit dem des anderen zusammen- klmgen und sagte, auf seine jüngeren Kameraden deutend, die sich eilfertig zwischen dem Bicfett und den zu bedienenden Damen hin- und herbewegten: „Danken wir Gott, daß wir es diesen nicht gleich zu tun haben! Es lebe das Hagestolzentum!"
Tell trank gezwungen Bescheid und versuchte seinen Gesichtszügen einen Ausdruck des Lächelns zu geben; bann verneigte er sich fhtntnt gegen den Ulanenrittmeister und setzte seine einsame Wanderung fort.
„Der scheint heute ungenießbar!" dachte Tollen; „wahrscheinlich memoriert er eine Anklagerede — trauriges Gewerbe! — Nun, es muß auch solche Käuze geben."
Tell wandte sich weiter. Ganz zufällig streifte sein nach oben schweifender Blick den kleinen Balkon, der an der westlichen Wand des Saales hervorragt, um gelegentlich Fanfaren blasenden Trompetern zum Aufenthaltsort zu dienen. Heute war kein Musiker dort oben sichtbar; aber ein paar männliche und weibliche Gestalten waren zu erkennen, die über das vergoldete Geländer neugierig in den Saal hinunterlugten. War wirklich das bartlose frische Gesicht von Friedrich Just darunter? Wahrhaftig, er war es! Wie kam er dort hinauf? Was wollte er hier im Neuen Palais? Wer hatte ihm Eingang verschafft? Der Nachbar Justs, den Tell jetzt auch erkannte, hätte ihm diese Frage beantworten können.
Neben Just stand nämlich Adolf Dechner, der Instrumentenmacher, und wiederum neben diesem war das feiste Antlitz der genußsüchtigen Frau Mieseke, der Hoffouriers- Witwe, sichtbar. (Fortsetzung folgt.) ,


