Ausgabe 
27.10.1913
 
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um als selbständig denkender Mensch meinen eigenen Weg zu gehen." , , ,c. c

Der Freiherr bewegt ein toemg, mitleidig das Haupt: So lange Sie mit anderen Menschen dieselbe Luft otmen, so lange Sie nicht ans einer einsamen Insel im Weltmeer leben, so lange werden Sie auch das Joch irgendeines ge­schäftlichen Zwanges ertragen müssen." ,

Ich werde mich tiefem Joch nicht fügen, denn als Prt- vatniaun werde ich keine Rücksichten mehr zu nehmen haben."

Was wollen Sie aber beginnen?"

Kommt Zeit, kommt Rat. Man hat mich neulich als Justitiar bei einer Versicherungsanstalt zu gewinnen gesucht das beste wäre", fügte er spöttisch hinzu,man würde ein Bauer und lebte im ausschließlichen Verkehr mit der All­mutter Natur."

Hören Sie, da treffen Sie eigentlich den Nagel auf den Kopf", bemerkt lebhaft der Freiherr.Ich habe schon öfters darüber nachgedacht, ob eine Reform unserer ganzen wirt­schaftlichen Lage nicht dadurch möglich wäre, daß sich die höheren Stände, statt der Beamten- und Schreiberlaufbahn, wieder der Bebauung des Bodens zuwendeten ein gebil­deter Mann hinter dem Pfluge, das wäre eine Rückkehr zum Uranfange unserer Kultur, nur mit dem Unterschiede, daß der neue Adam etwas mehr im Kopfe hätte als der alte."

Der Diener bringt den durch Just bestellten Wein her­ein, doch Tell lehnt dankend ab; er bittet um die Erlaubnis, sich bei den Damen melden lassen zu dürfen.

Nach einer Weile tritt er mit dem Orchideeustrauß, den er im Vorflur abgelegt hatte, über die Schwelle des Gar­tensaales, und nachdem er der Frau vom Hause die Hand geküßt hat, wendet er sich gegen Ellen und bietet ihr ein wenig zaghaft den Strauß an.

Jy pense, mein gnädiges Fräulein! Ich habe daran gedacht, daß ich nicht daran gedacht hätte."

Ellen nimmt freundlich dankend die Blumen, aber in ihren tiefen, dunkelbraunen Augen liegt eine unausgespro­chene Frage, und das Lächeln um ihre Lippen ist wohl kein aufrichtiges. Wenigstens kommt es dem Staatsanwalt_ so vor, Und die bange Vorstellung, daß sie am Ende doch wisse, daß er der Gegner ihres Vaters war, wirft wieder dunkle Schatten in seine Seele.

Doch er spielt, so gut es gehen will, den Unbefangenen, holt aus der Tasche ein Pakctchen hervor und sagt:Das Süße dem Süßen! Diese Pralinees schmachten darnach, in Ihrem Munde zu zerschmelzen."

Er ärgert sich, daß ihm nichts Besseres einfallen wollte als diese gemeinplätzige Galanterie.

Ellen öffnet ohne Ziererei die bunte Schachtel, nascht ein Stückchen Schokolade, hält dann der Mutter die Schach­tel hin und fordert schließlich den Geber auf, ebenfalls zu- zulangW.

Was haben Sie denn zu dem Unfälle meines Gatten gesagt?" fragte Frau von Brank;Sic können sich denken, wie wir uns erschrocken haben."

Ich habe die größte Teilnahme empfunden", versichert Tell, und wieder zürnt er sich im stillen, daß er keine wär­meren, natürlicheren Worte zu finden vermag;ich wäre auch sofort herausgekommen, aber die leidigen Amtspflichten hielten mich fest; erst heute konnte ich mich losmachen."

Er kommt sich wie ein ertappter Dieb vor; wird man ihm nicht die Lüge vom Antlitz ablesen? Die beiden Damen sehen ihn auch so eigentümlich fragend an mein Gott! hätte er sich nur nicht hierher begeben! In welchem Lichte ytuß er dieser Frau erscheinen, der er ihr Liebstes so schnöde hat rauben wollen? Aber seine Vermutungen sind doch wohl unbegründet. Frau von Brank berichtet jetzt, mit welcher Hingebung der alte Just ihren Gatten gepflegt habe; dieser Mann sei wirklich eine Perle; das ganze Haus habe sich schon so an ihn gewöhnt, daß man an seine wahrscheinliche baldige Rückkehr nach Berlin noch gar nicht zu denken wage. Kami man denn so unbefangen mit jemand plaudern, gegen den man einen schweren Vorwurf auf dem Herzen hat? Nein! Einer solchen Verstellung ist Frau vou Brank nicht fähig.

Tell findet sein Selbstvertrauen mehr und mehr wieder; ?r schüttelt allen Zwang und alle Unsicherheit von sich ab uyd ist bei Tische ein munterer und liebenswürdiger Gesell­schafter; nur Ellen schaut nach ihm, wenn sie sich unbeachtet wähnt so wenigstens glaubt er zu bemerken, mit heim­lich ntusternden Blicken; aber auch sie nimmt teil an der all­gemeinen Unterhaltuub, und sie lacht fröhlich ihr silbernes Lachen, wenn Teil -einen Scherz erzählt oder Just ein drolli­

ges Abenteuer aus seinem amerikanischen Nomadenleben zmn besten gibt.

Nach der Mahlzeit begleitet der Staatsanwalt den Frei- Herrn auf einem Musterungsgange durch den Wirtschafts­hof, die Stallungen und die Treibereien. Just ist im Schlosse geblieben, um, wie er scherzhaft versichert, den Damen seine Dienste zu widmen. Der Staatsanwalt gewahrt zn seiner Ueberraschung, wie bereitwillig und ehrerbietig der Guts­herr von seinen Knechten und Mägden begrüßt wird, und er macht eine daraus bezügliche Bemerkung.

Knechte und Mägde?" wiederholte der Freiherr mit leise tadelnder Betonung.Mein lieber Herr Staatsanwalt, für mich gibt es keine Knechte und Mägde mehr, ich kenne nur Arbeiter und Arbeiterinnen, denen ich ein möglichst freundlicher und kameradschaftlicher Arbeitgeber zu sein be­strebt bin. Meine Frau hat noch einige Mägde im Schlosse; diese gehören aber zum Hausgesinde, zur Familie, und die besten und zuverlässigsten werden von ihr zur Auszeichnung noch mitdu" angeredet, worauf diese Mädchen immer recht stolz sind."

Ihre Arbeiter scheinen Sie hoch zu verehren, Herr von Brank, eine Seltenheit in unseren Tagen."

Hier in Giesdorf keine Seltenheit. Obgleich die Haupt­stadt fozusagen vor meiner Tür liegt, habe ich doch noch nie über Arbeitermangel zu klagen gehabt."

Dann müssen Sie einen Zanberstab besitzen, mit dem Sie die freizügigen Leute zu bannen wissen."

Herr von Brank lächelt:Dieser Zauberstab heißt men­schenfreundliche Behandlung. Ich gebe ihnen gesunde Woh­nungen, guten Lohn, die besten Kartoffeln und das schönste Brotgetreide; die Frauen und Kinder meiner Arbeiter wissest, daß sie an meiner Frau und Tochter jederzeit Freundinnen und Helferinnen in der Not haben. Das lohnen mir denn die Leute durch freudige Pflichterfüllung und durch zähes Festhalten an den ihnen liebgewordenen Verhältnissen. Ich habe keine Strich- und Zugvögel unter ihnen. Ich möchte met- neu Staudesgenossen keinen ungerechten Vorwurf machen; wenn ich aber von dem Arbeitermangel in gewissen Gegenden höre, dann frage ich mich immer, ob denn den Leuten dott auch immer und ausnahmslos eine menschenfreundliche Be­handlung zuteil wird."

Gegen fünf Uhr kehrten beide ins Schloß zurück.

Sie müssen vorlieb nehmen, Herr Staatsanwalt", sagt Fran von Brank, indem sie den Gast an den Tectisch ein» ladet,wenn Sie hier wirklich nur eine Tasse Tee finden"

Und keine Schweine-Vesper", ergänzte lachend der Hausherr,wie sie noch vielfach um diese Zeit mitgenoitiq men wird. Ich bin kein Nachäffer des Fremden, aber die Engländer sind hinsichtlich der Diät ganz verständige Seuti und meinen Five oclock tea lasse ich mir nicht nehmen. Etwas Orangenmarmelade gefällig, echt schottische, kann fi6 empfehlen."

Nach dem Tee er ist int Gartensaale genommen wor­den geht Ellen an den Flügel und fragt den Staats- Anwalt:Soll ich Ihnen ein Lied singen?"

Tu das, mein Kind," versetzte der Freiherr statt des; Gefragten,mich aber entschuldigt, wenn ich Herrn Just in mein Arbeitszinimer entführe; er wird mir bei der Ab­fassung einiger Geschäftsbriefe gewiß behilflich sein."

(Fortsetzung folgt.)

vor Metz.

CBlrnnl 27. Oktober.)

Aus meinem Leutnants-Tagebuch. Von Oberstleutu. a. D. Reiche,

Am 18. August wurde der eiserne Ring um Metz geschlossen. Es begann also jetzt für uns die Zeit der Einschließung, die erst mit der Kapitulation am 2 7. Oktober ihren Abschluß sand,. Fast 21/2 Monate bei meist regnerischem Wetter Biwak Und immer Biwak mit seltenen Unterbrechungen in lammervollen Quartieren, dabei so unter den Kanonen der Forts, daß wtr leben Tag mehrfach mit den großen Zuckerhüten beschossen wurden. Ob­wohl wir immer- namentlich in letzter Zeit alarmbereit! waren, wurde täglich, wie in der Friedensgarnison, exerziert und Unterricht abgehalten. An den zuerst häufigen Ausfällen wnr den Franzosen Wohl die Lust vergangen, dafür schossen aber bte Kanonen ber Forts sowohl wie die französischen Vorpolten aus jede Helmspitze, die sich zeigt«. . ' , . ,,

Recht interessante Abwechslung boten tu Metz ausgelassen» Luftballons, auf die natürlich lebhaft Jagd gemacht wurde, leidert nicht immer mit Erfolg. In den letzten Tagen hatten wir aber