Ausgabe 
27.10.1913
 
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MoMg, den 21. Gktoder

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Lauernblut.

Koman von Gerhart v. A m h n t o r (Dagobert v. Gerhardt).

Machdruck verboten.)

(Fortsetzung.)

Ter Freiherr aber fährt mißbilligend auf:Nehmen Sie nrir's nicht übet, Herr Staatsantvalt, Sie sind ein Durchgänger und dazu ein Virtuose in der Selbstquälerei! Sie werden doch wegen eurer solchen Lappalie nicht Ihrer aussichtsreichen Laufbahn entsagen?"

Nennen Sie jene Affäre keine Lappalie; sie liegt mir wie eine Zentnerlast auf dem Gewissen. Ich bin ein berufe­ner Vertreter des Gesetzes, ein. Staatsanwalt, der jedes Verbrechen, das zn seiner Kenntnis kommt, anzuzeigen die Verpflichtung hat---"

Verbrechen! Hier handelt es sich doch nm kein Ver­brechen."

Nach meiner Ansicht," fuhr der Staatsanwalt 311 dem Freiherrn fort,habe ich allerdings versucht, ein Ver­brechen zu begehen, ja, ich habe es begangen, denn ich habe einen: Manne nach dem Leben getrachtet, den ich als Ehrenmann schätzen muß und der mir persönlich nichts zu Leide getan hat. Als gewissenhafter Staatsanwalt müßte ich mich nun selber bei meiner vorgesetzten Behörde denun­zieren --"

Wenn Ihr Gewissen so überempfindlich ist, nun, so tun Sie es doch--"

Ich werde es nicht tun, iveil ich eben als Mitglied jener sogenannten guten Gesellschaft es anständigerweise nicht tun darf. Wenn ich unseren Zweikampf zur Anzeige brächte, so würde ich auch Ihnen, als meinem Gegner, eine Bestrafung zuziehen, eine Bestrafung dafür, daß Sie mich, den Tollkopf, großmütig geschont haben. Pfui! Das wäre ein Bubenstreich, den ich mir nimmer verzeihen könnte. Jawohl, Herr von Brank, es wäre ein Bubenstreich! Es wäre zugleich eilt Frevel an dem Andenken meiner seligen Mut­ter, denn jede öffentliche Verhandlung unserer Angelegen­heit müßte ja den Ruf jener Fran noch heilloser zerstören."

Der Ruf der seligen Mrs. Tell kann durch die Wahrheit nie geschädigt werden," tönte es ernst und mahnend vom Fenster her.

Tie beiden am Tische sitzenden Herren, die die Anwesen­heit des dritten beinahe ganz vergessen hatten, blickten über­rascht nach Just, der die Rolle des schweigenden Zuhörers aufgeben zu wollen schien.

Tell lächelte bitter:Der Ruf einer Frau wird nicht gerade gebessert, wenn ihre Zusammenkünfte mit einem Nebenbuhler ihres Gatten bekannt werden."

Und dennoch hat Ihre Frau Mutter das Urteil der Welt nie zu scheuen gehabt," erwidert Just mit einer ge­wissen Heftigkeit,ich berufe mich auf den, der in dieser Sache der einzige kompetente Richter sein kann." Er deutete

auf den Freiherrn, wie wenn er ihn aufforderte, für hie Ehre der Mrs. Tell einzutreten.

Brank wirbelte seinen grauen Schnurrbart durch die Finger und brummte zustimmend:Der Amerikaner hat recht. . . und vollkommen recht." Und sich gegen TeT wendend:Halten Sie mich nicht für indiskret, wenn ich über diese Sache wiederholt mit Herrn Just gesprochen habe; es war mir eine Wohltat, er hat doch auch jene Frag gekannt und verehrt und bewundert. Gleichwohl pflichte ich Ihnen darin bei: es wäre wenig pietätvoll, wenn Sie unnötiger­weise den Namen Ihrer Frau Mutter zum Gegenstand des Stadtgespräches machen wollten."

Just hat den Fensterplatz verlassen. Er tritt an den Staatsanwalt heran und fragt ihn sanften, wenn auch vor­wurfsvollen Tones:Meinen Sie denn noch immer, daß Sie sich Ihrer Frau Mutter zu schämen haben? Ich habe Ihnen doch schon wiederholt gesagt, und auch Herr von Brank hier bestätigt es Ihnen, daß . . ."

Teil fällt ihm kurz und bestimmt ins Wort:Lassen wir das, mein guter Just; es gibt Dinge, deren Berührung einem Pein verursacht."

So verurteilen Sie also Mrs. Tell? So zürnen Sie ihr?" fragt Just tief erregt, und es ist schwer, zu entschei­den, ob Unwille über die Härte des Unversöhnlichen oder nur das wehmütige Gedenken an die einstige Freundin und Genossin seine Stimme zittern macht.

Der Staatsanwalt schweigt; nach einer Weile stößt er ingrimmig hervor:Es wäre besser gewesen, meine Fräu Mutter hätte überhaupt nie Anlaß zum Gerede der Läster- mäuler gegeben!"

Dem braven Just steigt eine Blutwelle in die Wangen; er will heftig erwidern, hoch er beherrscht sich, und nach einem mehr betrübten als vorwurfsvollen Blicke auf den Staatsanwalt wendet er sich wieder dem Fenstersitze zu, wo er sich schweigend niedersetzt.

Sie nehmen die Sache viel zu tragisch, mein lieber Herr Staatsanwalt," hebt Brank kopfschüttelnd an.Lassen Sie doch das Vergangene sein; kein vernünftiger Mensch wird Sie jemals dafür verantwortlich machen."

Doch!" erwidert Tell voll Bitterkeit,die Gesellschaft tut es; sie pflegt ein jedes ihrer Mitglieder zu fragen: wer war dein Vater? wer deine Mutter?" Er lächelt ingrimmig, dann stößt er erleichtert hervor:Gottlob, ich brauche diese Gesellschaft nicht; wenn ich aus dem Staatsdienste aus­scheide, breche ich auch zu ihr alle Beziehungen ab. 0, Sie ahnen gar nicht, wie mir das wohl tun wird, wieder ein freier Mensch zu sein, wieder das Recht zu haben, mich nach meiner Art ausleben zu dürfen und mir das zu er­halten, waS mir Staat und Gesellschaft jeden Augenblick rauben wollen: die eigene freie Persönlichkeit. Ich will mir nicht länger vorschreiben lassen, was ich irgend einer willkürlichen Sitte, einem banalen Herkommen gemäß zu tun oder zu lassen habe: ich will mir selbst das Gesetz geben.