Ausgabe 
27.9.1913
 
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Vom Pikkolo zum Millionär.

Heitere Erzählung von Harry Nitsch.

(Nachdruck verboten.)

(Schluß.)

Wenn ich nlich für Herrn Sanner verbürge," wandte der Hotelier ein, der nicht an eine Schuld seines Sekretärs glauben konnte.Läßt sich die Verhaftung nicht vermeiden?"

Ich will meinen Vorgesetzten hiervon benachrichtigen, im Augenblick kann ich aber nicht anders handeln, Herr Lei­der. Haben Sie noch irgendetwas zu erledigen, Herr Sanner?"

Ich danke Ihnen, Herr Kommissar, nichts. Ich bin bereit. Ihnen zu folgen."

Der Kommissar zuckte wieder die Achseln, dann wandte er sich zum Gehen. Auch Erich hatte seinen Hut genommen und schritt mit stummem Gruß hinaus. In diesem Augen­blick kam atemlos, die schwarzen Locken wild um das geizende, schmal geschnittene Gesichtchen hängend, ein junges Mädchen, halb Kino noch, halb Jungfrau, angesprungen. Es stürzte auf die vornehme Dame zu und rief hastig etwas in fremder Sprache.

Messieurs, arretez, arrOtez, sil vous platt! ries diese darauf erregt.

Der Kommissar drehte sich in der Türe um und blickte die Dame fragend an.

Die Juwelen sind gefunden," fuhr die Dame in fran­zösischer Sprache hastig fort.Meine Tochter sagt es mir soeben. Sie fand sie in meiner kleinen Schatulle, die ich ganz vergessen hatte. Sie xuhte auf dem Boden des Hand­koffers. Ich erinnere mich jetzt, daß ich die Juwelen vor jnetner Hierherkunft aus der Kassette nahm und in die Scha­tulle legte. Das hatte ich leider aanz vergessen." 1

Darauf eilte die Dame aus den stumm dabei stehenden Sekretär zu:O verzeihen Sie mir, mein Herr, ich bin ststtröstlich über das, was ich Ihnen angetan habe. Ich Qeoe Ihnen jede Genugtuung, dre Sie von mir verlangen. Bitte, bitte, verleihen Sie mir. Wir Frauen mit spanischem Blut in den Adern sind so schnell, so leichtfertig mit dem Wvrt, bitte, denken Sie daran und zürnen Sie mir nicht. Auch ich habe furchtbar leichtfertig gehandelt. Wie kann ich es nur wieder gut machen? Geh', Rosita, gib dem Herrn Sekretär die Hand und sage ihm, er soll wieder gut sein."

Trotz der schlimmen Stunde, die Erich soeben durch­zukämpfen hatte, mußte er Über den Eifer der eleganten, vornehmen, aber gewiß sehr gutherzigen Dame lachen.

Als die reizende Kleine auf ihn zusprang, ihm die Hand reichte und ihn dabei mit ihren zwei nachtschwarzen Sternen anfunkelte, da wich der Groll von seiner Seele und er ergriff auch die hingehaltene Hand der Mutter. Diese schüttelte die etwas große, aber weiße, wohlgepflegte Rechte kräftig und sagte mit erlöstem Aufatmeü:

Ich danke Ihnen, Herr Sanner. Sie sind ein guter Mensch, Sie müssen mein Freund werden."

Von dieser Stunde an entwickelte sich zwischen der rei­chen Mexikanerin, ihrer Tochter und Erich Sanner ein über­aus freundschaftlicher Verkehr. Namentlich die reizende, sech­zehnjährige Rosita suchte ihren Freund Erich Sanner auf, so ost dieser nur eine Sekunde Zeit für sie übrig hatte» Erich mußte oft über den Eifer des liebreizenden Mädchens lachen, dem er Unterricht in der deutschen Sprache erteilte.

Und dann tauchte in seiner Erinnerung ein anderes reizendes Mädchengesicht auf: Mila Cernau.

Wie merkwürdig der Zufall spielt. Die Situation war mit der damaligen so ähnlich und doch so grundverschieden. Mila Cernau hing an dem gutmütigen, aber dummen Jungen und gab ihm Sprachunterricht, trotzdem er nur ein armsKger Pikkolo war.

Rosita Pinedo hing an dem großen, liebenswürdigen Menschen und ließ sich von ihm Sprachunterricht geben, trotzdem er nur ein simpler Hotelsekretär war, der erst für den Winter seine erste Direktorstelle angenommen hatte. Und auch Madame Pinedo ließ den Verkehr der beiden ungehin­dert geschehen, wie einst Madame Cernau in Frohwinkel. Das Kind der Millionärin, der Besitzerin riesiger Plantagen im fernen Mexiko, und der einstige Pikkolo, der sich nur durch Fleiß und Tüchtigkeit vom Kellner zum Sekretär und nun bald zum Direktor emporgearbeitet hatte.

Erich Sanner mußte immer und immer wieder an die Uehnlichkeit dieser beiden, zeitlich so weit auseinander liegen­

den Ereignisse denken. Manchmal beschlich ihn etwas wie Wehmut, wenn er sich den bitteren Abschied von Mila Cernau ins Gedächtnis zurückrief. Und wenn er sich seiner Gefühle erinnerte, als er die Jugendgeliebte in Genf an der Seite des Gatten wiedersand.

Wird mir der Abschied von diesem reizenden, natür­lichen, liebenswürdigen Kind auch so schwer fallen? fragte Erich sich wohl zuweilen. Trotzdem er mitten in der Prosa des Lebens stand und er tapfer seinen Mann stellte, war doch noch ein Stück des alten Träumers in ihm lebendig.

Madame Pinedos Kur war beendet. Sie wollte noch eine kleine Rundreise durch die Hauptstädte Europas machen und dann wieder heimkehren ins ferne Mexiko, wo ihr Gatte schon seit fünf Jahren unter der Erde schlummerte.

Er war so gut und hatte mich so lieb, mein armer Mann," sagte Madame Pinedo am Tage vor der Abreise zu dem ernst gewordenen Erich.Ich lebte sorgenlos in den Tag und brauchte mich um nichts zu kümmern. Jetzt lassen mir die Geschäfte keine Ruhe und ich verstehe doch nichts da­von. Ueberall werde ich betrogen. Sie ahnen ja nicht, Sanner, wie schwer es ist, ein großes Vermögen zu verwalten."

Erich schwieg, er nickte nur langsam, wie znr Bestäti­gung. Plötzlich schlug sich Madame Pinedo an die Stirne:

Mein Gott, mir kommt da eben ein trefflicher Gedanke. Ich habe Sie schätzen gelernt, Herr Sanner kommen Sie mit mir. Werden Sie mein Sekretär, übernehmen Sie die Verwaltung meines Vermögens. Sie sind ein guter Mensch, ich habe unbegrenztes Vertrauen zu Ihnen. Sie sind so ganz anders, wie unsere leichtfertigen Mexikaner, so ernst, so gediegen. Das gefällt mir. Wollen Sie?"

Erich blickte die Dame im höchsten Grade überrascht an. Das Anerbieten kam so plötzlich, daß er nicht wußte, was er dazu sagen sollte.

Meine Karriere, mein Beruf," erwiderte er leise.Ich würde aus allem herausgerissen, gnädige Frau."

Ich stelle Ihre Zukunft sicher, Herr Sanner. Wenn dies Ihre ganzen Besorgnisse sind, die hoffe ich leicht zu überwinden. Nun, schlagen Sie ein? Kommen Sie mit uns, zuerst als unser Reisemarschall, dann als mein Sekretär."

Ich kann nicht, gnädige Frau. Der Schritt wäre von einer zu großen Tragweite für mich, außerdem habe ich für den Winter bereits Verpflichtungen. So ehrenvoll Ihr An­erbieten auch für mich ist, ich kann es nicht annehmen."

Ist denn niemand hier, der mich bei diesem eigen­sinnigen Mann unterstützt?" rief Madame Pinedo in ko­mischer Verzweiflung.Daß Rosita nicht hier ist. Würden Sie unseren vereinten Bitten auch widerstehen?"

Ja, gnädige Fran," erwiderte Erich mit einem tiefen Atemzug.Ich habe die Ueberzeugung gewonnen, daß es besser ist, Ihr hochherziges Anerbieten nicht anzunehmen für mich und meine Ruhe," setzte er leise hinzu.

Madame Pinedo sprang plötzlich auf:Da kommt Ro­sita. Sie soll Sie mit überreden helfen."

Leichtfüßig schwebte Rosita in den Salon, in dem das Gespräch stattfand. Ihre Angen glänzten nicht so fröhlich wie sonst, ein Zug stiller Wehmut war über das Gesicht gebreitet.

Rosita, hilf mir, unseren Deserteur hier einzufangen. Ich habe ihn gebeten, mit uns nach Mexiko zu kommen und die Verwaltung unseres Vermögens zu übernehmen. Der Trotzkopf will aber nicht."

Die dunklen Augen des Mädchens weiteten sich, ihr Herz

klopfte fast hörbar.

Er soll mit uns kommen? Wirklich, Mama?"

Und er will nicht. Geh, rede ihm zu. Vielleicht hast Du mehr Glück als ich."

Zaghaft, was an dem sonst so kecken Mädchen doppelt auffiel, ging Rosita auf^ Erich Sanner zu und sagte mit sonderbar verschleierter Stimme:

Bitte, kommen Sie mit uns, Herr Sanner."

Es klang fast kühl und gleichgültig, doch Rositas Augen sprachen eine beredtere Sprache. Erich kämpfte heftig mit sich selbst, dann sagte er mit tiefem Atemzuge:

Ich danke Ihnen, gnädige Frau, ich stehe zu Ihren

Diensten."

Ein leiser Schrei hallte durch deu Salon, dann flog Rosita ihrer Mutter an den Hals. Eine Träne fiel dieser auf die Hand. Befremdet blickte Madame Pinedo auf ihr Töchterlein, das ihr Gesicht in den seidenen Spitzen barg.