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freilich wird nicht so leicht von ihrer Meinung ablassen können."
Friedrich Just seufzte zu dieser Bemerkung;, dann nickt er langsam mit dem Kopfe und brummt unter seiner glatt rasierten, aber durch dunkle Bartwurzeln bläulich angehauchten Oberlippe hervor: „Das sogenannte schwache Geschlecht ist immer am stärksten in der Verurteilung unglücklicher Frauen." Und wieder in einen geschäftsmäßigen Ton übergehend, fuhr er mit einer etwas hohen Stimme fort: „Sis sprachen von drei Söhnen des Herrn Teil; ich kenne nur den einen, Herrn William."
„Die beiden Brüder Dechner sind Söhne aus Tells erster Ehe, sie leben ebenfalls hier. Sie wissen doch, daß Mr. Teil eigentlich Dechner, Karl Dechner, hieß; er ging schon einmal als junger Mann nach Amerika und machte dort seine Kunststücke in den Schaubuden. Er mußte damit ein schönes Stück Geld zusammengebracht haben; denn eines Tages kam er hier wieder mit einer Frau an und äußerte die Absicht, fortan als Rentner bei uns zu bleiben. Seine Gattin schenkte bald darauf Zwilliugen das Leben, starb aber leider im Wochenbette. Er gebärdete sich erst wie toll; er schien sich in Schmerz und Verzweiflung ganz auflösen zu wollen; doch schon nach wenigen Wochen erklärte er uns, er hielte es nicht länget mehr aus, er müßte wieder reisen. Gegen alle Einreden meiner Frau blieb er taub; er beschwor uns, wir möchten uns der Zwillinge annehmen und sie so aufziehen, als wenn es unsere eigenen Kinder wären. Mit Eifer griff meine Frau äü; tvir haben niemals Elternfreuden genossen, und sie nahm daher nur gar zu gern die Kinder in unser Haus; auch redete sie nun Herrn Dechner selber zu, sein wild aufgewühltes Herz durch eine größere Reise wieder zur Ruhe zu bringen. Das Kostgeld, das er uns anbot, lehnte ich natürlich ab; wir hatten, Gott sei Dank, soviel, daß wir die beiden Buben aus eigenen Mitteln noch sättigen konnten. So reiste er denn ab und ließ lange Zeit gar nichts von sich hören. Erst nach drei Jahren kam er plötzlich wieder zurück und brachte seine zcheite Frau mit, Viktorine, eine geborene Albin, die er in Kanada geheiratet hatte. Diese Frau — nun, Sie haben sie ja lange genug gekannt — war eine sehr hübsche Er- schemung, sie hatte französisches Blut in den Adern, und der Blick ihrer schwarzen feurigen Augen hatte es uns allen erst angetan. Das Pärchen fing an, hier eine Art Haus zu machen; sie empfingen Gäste aus den gebildeten Gesellschaftskreisen, denen der Hausherr dann und wann ein Kunststückchen zum besten gab und denen die frische und natürliche Liebenswürdigkeit der jungen Hausfrau außerordentlich gefiel. Das ging so an die zwei Jahre fort, bis auf einmal das Verhältnis der Gatten getrübt erschien. War es, weil Frau Viktorine dem Gemahl keine Kinder schenkte, oder weil sie ihm Grund zur Eifersucht gab? Ich weiß es nicht. Eines Tages erfuhren wir, daß sie ein Verhältnis mit einem jungen Ulanenoffizier hätte. Wir waren empört und zogen uns von ihr und ihrem Gatten gänzlich zurück. Ich hatte auch gegen den letzteren ein Vorurteil, weil er sich um seine Zwillinge, die immer noch bei uns waren, gar nicht mehr kümmerte.
In einer Hinsicht war das freilich recht erwünscht, denn meine Frau hätte die beiden Jungen gutwillig auch nicht Sehr hergegeben, sie hatte sich schon förmlich in sie vernarrt, aß er übrigens, als er bald darauf zum zweiten Male nach Amerika gegangen war und seine Frau, die Ursache dieses, jähen Entschlusses, dahin mitgenommen hatte, seinen ehrlichen Namen ablegte und sich drüben nur noch William Tell Kannte, das schien mein Vorurteil nur zu rechtfertigen — hatte er vielleicht etwas zu verheimlicheu? Hatte er sich seines Familiennamens zu schämen?"
„Gestatten Sie, Herr Lampert," unterbrach Friedrich Just den gesprächigen Goldschmied, „das hatte wohl einen anderen Grund. Mein Herr trieb drüben eine Zeitlang auch das Geschäft eines Kunstschützen, und da sollte ihm wohl der Name William Teil als Reklame dienen."
x_, "Nun, das mag ja sein; mir aber hat dieser abenteuerliche Namenswechsel nie gefallen und die traurige Folge ist auch nicht ausgeblieben; drei Söhne eines und desselben Vaters, die Zwillinge erster Ehe und der drüben ihm von Vik- lorme endlich geschenkte Sohn William, tragen jetzt verschiedene Familiennamen und sind einander so entfremdet, daß sie Bei ;eder zufälligen Begegnung sich absichtlich den Rücken kehren."
r "Das ist gewiß betrübend," meinte Herr Just, der langsam fein Notizbuch hervorgezogen hatte, um sich irgend eine
Aufzeichnung zu machen, „aber derselbe Fall tritt ja auch eilt, wenn eine Frau zum zweiten Male heiratet und Kinder aus beiden Ehen hat; daun führen die Geschwister auch verschiedene Familiennamen, ohne daß sie nötig haben, sich deshalb zu hassen. Uebrigens — Sie wollten mir noch sagen, was man meiner Herrin eigentlich vorgeworfen hat."
„Undankbarkeit, Leichtsinn, Treulosigkeit — das schlimmste, was man einer Ehefrau vorwerfen kann."
„Herr Lampert! Sie versündigen sich an dem Andenken einer Verstorbenen!" rief Just feierlich aus. „Ich möchte darauf schwören, daß man solchen Vorwurf der seligen Mrs. Teil zu Unrecht macht!"
Der Goldschmied legte seine Hand auf die Schulter seines kleineren Gegenüber und sagte im Tone der Belobigung: „Sie sind ein warmer Fürsprecher der Verblichenen. Ich' richte nicht, ich erzähle Ihnen nur, was mir meine Frau gesagt hat und wovon damals die ganze Stadt voll war? Warum wäre sonst plötzlich der junge schmucke Ulanenoffizier versetzt worden? Warum hielt Dechner oder Teil, wie er sich später nur noch genannt hat, damals auf einmal seine gesellschaftliche Stellung für so unheilbar erschüttert, daß er zu uns gestürmt kam und uns himmelhoch beschwor, wir sollten seine Zwillinge aus erster Ehe noch ferner in Kost behalten, er müßte sein Zelt wieder abbrechen und mit seiner Frau, die ihn entehrt und beschimpft hätte, das Weite suchen?"
„Sie mag unvorsichtig, leichtsinnig und gefallsüchtig gewesen sein; sie war ja damals noch blutjung und unerfahren, und die gesellschaftlichen Verhältnisse Europas, die ihr, der in der halben Wildnis Ausgewachsenen, noch völlig neu waren, mögen sie geblendet und ihr die Ueberlegung geraubt haben. Uber ich möchte meine Hand darauf ins Feuer legen, ettoaä' Schlechtes hat sie nicht begangen."
„Waren Sie denn schon mit Tell assoziiert, als ihm drüben endlich ein Sohn geboren wurde?"
Der Gefragte schien einen Augenblick nachzusinnen, dann' sagte er, wie einer, der das längst Vergangene stückweise aus den Schubfächern seines Gedächtnisses chervorkramt: „Gewiß, schon vorher. Wo war es doch? — Richtig! In Hamburg lernten wir uns kennen. Herr Tell erzählte mir dort, daß er zum zweiten Male über den Ozean fahren wollte, um in der neuen Welt sein Glück zu versuchen; ob ich Lust hätte, ihn zu begleiten? Er brauchte einen Helfershelfer bei seinen Vorstellungen. Wir wurden unschwer einig, und so wurde ich sein Diener, und, wenn Sie wollen, sein stiller Teilhaber am Geschäfte. Die Frau, die er bei sich hatte, genas, vielleicht ein halbes Jahr nach unserer Ankunft drüben, eines Sohnes, dem in der Taufe ebenfalls der Name „William Tell" gegeben wurde. Zwei Jahre lang hat sie das Kind auf allen Reisen mit sich umhergeschleppt und ihm die zärtlichste Pflege und Fürsorge gewidmet, bis der Moment kam, wo sie sich schmerzlich von ihm trennen mußte. Sie hat es bis zu ihrem Todei auch nicht mehr wiedergesehen. Doch Sie gestatten, daß ich mir die Wohnung dieses nunmehr zum Manne gediehenen Kindes notiere?"
„Wenn ich, wie gesagt, nicht irre: Genthinerstraße 315."
Während der andere schrieb, fuhr der Goldschmied fort: „Sie werden aber auch die beiden älteren Söhne aufsuchen müssen — Gott, wenn ich nur meine Frau hier hätte, die weiß alle Adressen am Schnürchen; ich habe gar kein Gedächtnis für Zahlen mehr. Bitte, Herr Just, gehen Sie doch erst noch zu meiner Frau: Hornstraße 200, sie muß die Kunde von Ihnen selbst erfahren."
„Ich weiß nicht, ob ich heute noch so viel Zeit erübrigen
werde."
„I, das wird sich schon machen lassen. Sonst ist sie um diese Stunde meist hier im Laben; aber gerade heute hält sie die Wache im Hause. Wir erhielten heute morgen unerwartet eine größere Zahlung, die ich zu verwahren nicht mehr die Zeit hatte —. bitte, lassen Sie sich den Weg nicht verdrießen."
„Morgen gegen Abend will ich kommen, dann habe ichj wahrscheinlich das Vergnügen, Sie ebenfalls vorzufinden."
(Fortsetzung folgt.)


