zu Boden gesenkt, in schmerzlichem Schweigen verharrte. „Sie waren der Genosse des Herrn Tell."
„Nur sein Diener, Herr Lampert, nichts werter; freilich auch gelegentlich sein Helfer bei den Vorstellungen.
„Da werden Sie natürlich meinem Urterl über den Verstorbenen nicht beistimmen?" ,, r n, ,
„Nein, Herr Lampert, wenigstens nrcht so ganz. Auch Mrs. Tell war immer eine gütige Herrin gegen mich, und ich müßte mich sehr irren, wenn sie nicht alle die Jahre da drüben an der ungestillten Sehnsucht nach rhrem Sohne ernstlich gekrankt hätte. Die früher so hübsche und blühende Frau war zuletzt recht welk und häßlich geworden; Sie würden sie kaum wieder erkannt haben."
„Warum kehrte sie dann nicht zu ihrem Sohne zurück, den sie uns als kaum zweijährigen Buben zu fernen beiden Stiefbrüdern hierher auf den Hals geschickt hatte? Ist so etwas schon dagewesen? Den ganzen Kindersegen dresesHerrn Tell, richtiger Dechuer, haben wir aufgezogen! Erne Mutter hätte sich nicht so leicht von ihrem Sohne trennen dürfen.
„Sie war an den Gatten gebunden und dieser wollte von einer Rückkehr nach dem Vaterlande nichts mehr wissen; das arme Kind aber wäre bei dem unsteten Umherwandern der Eltern an Leib und Seele zugrunde gegangen. Ich selbst habe ihr zugeredet, die sich damals bietende Gelegenheit zu benutzen und den kleinen William nach Europa in geord- nete Verhältnisse zu schicken. Ach, es mag ihr schwer genüg geworden sein; die arme Frau hat so wie so unter dem rauhen und unversöhnlichen Wesen des Mannes wohl manches zü erdulden gehabt." t
„Sie hat es nicht anders verdient, das heißt, ich rede hier als kurzsichtiger Mensch und urteile nach dem Scheine, verbesserte sich der Goldschmied, indem er seme scharf er- hobene Stimme zu einem sanfteren Tone herabmaßrgte. „Ich bin ein Christ, mein lieber Herr Just, und will meinen Nächsten nicht verdammen; der liebe Gott allein steht m die Herzen und kennt die Beweggründe unserer Taten. Meme Frau aber, die mit den Verhältnissen sehr genau bekannt war, meint, so skandalös, wie ihres Vetters Gattin, habe sich eine junge Ehefrau und Mutter noch nie in dieser großen Stadt benommen." , ~
„Ich weiß nicht recht, was man meiner armen Herrm eigentlich zum Vorwurf machte; ich erinnere mich nur, daß sie mir einmal zuraunte — es war auf einer unserer letzten Reisen, westlich vom Mississippi, und sie weinte damals heimlich sehr viel —: „Just, wenn Sie Europa noch einmal Wiedersehen und dort etwas Schlechtes von mir hören sollten, dann glauben Sie nur ein Viertel davon und verteidigen Sie mich; ich war besser als mein Ruf." So sagte ste zu mir, und, Herr Lampert, ich habe die Menschen kennen gelernt: in den Augen der armen Frau war ein Etwas, das mich an ihren Worten nicht zweifeln ließ."
„Sie sind ein braver Mann, Herr Just, und treten für die ein, mit der Sie jahrelang gute und schlimme Stunden , geteilt haben. Das ist nur in der Ordnung; meine Fran
Samstag, den 27. September
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Lauernblut.
Roman von Gerhart v. A m y n t o r (Dagobert v. Gerhardt).
(Nachdruck verboten.)
Der Rang ist das Gepräge nur, Der Mstnn das Gold trotz alledem. Robert Burns.
„Barmherziger Gott! Was wird der arme William dazu sagen! Und alle beide tot — erschlagen — beraubt?"
Der Goldschmied Wilhelm Lampert faltete seine bis zur Brusthöhe erhobenen Hände uni) starrte mit leerem Blick auf die flimmernden, mit allerlei kostbaren Schmuckgegenständen angefüllten Schaukästen seines Ladens.
„Ich habe die Totenscheine, sowie die wenigen in den Taschen der beiden Leichen gefundenen Papiere für Herrn William mitgebracht," versetzte der Ueberbringer der traurigen Botschaft, „wenn Sie nur seine gegenwärtige Wohnung angeben wollen."
„Genthinerstraße 316. Ich denke doch, daß er dort noch wohnt, wir haben ihn seit fast drei Monaten nicht mehr gesehen; ein so fleißiger, strebsamer Assessor, wie unser William, hat nicht viel Zeit zu Besuchen. Ach, was hätten die armen Eltern für Freude an diesem Sohne gehabt, wenn ihnen die Rückkehr nach Europa beschiedeu gewesen wäre! Und was wird meine ahnungslose Frau dazu sagen! Aber nein — sie war nicht ahnungslos; sie sagte mir schon immer in der letzten Zeit, als gar keine Briefe mehr von Frau Tell eingingen: Gib acht, Wilhelm, in Amerika ist etwas passiert; dies lange Schweigen ist mir verdächtig. Und ein Wunder wäre es auch nicht, fügte sie dann wohl hinzu, wenn diese Leute einmal von der Nemesis ereilt würden, denn Frau Viktorine hat sich doch gar zu schlecht benommen, und mein Vetter Karl — eben Ihr Herr Tell, der eigentlich Dech- ner hieß — muß auch ein rechter Vagabund geworden fein, daß er gar keine Sehnsucht mehr nach seinen drer Söhnech empsindet und nun schon ein Vierteljahrhundert lang da drüben umherstrolcht und mit seinen Kunststücken den Leuten das Geld aus der Tasche gaukelt."
Ueber das Gesicht des anderen, dem diese vertraulichen Mitteilungen gemacht wurden, flog ein Ausdruck herben Schmerzes. Er war von mittelgroßem, biegsamem, em wenig zur Fülle neigendem Wüchse; die nachtdunklen Augen, die ihm unter scharf gezeichneten Brauen glommen, senkte er, scheinbar peinlich berührt, zur Erde. Auf seinem kurz geschorenen, dichtem schon leicht ergrauten Haare saß ein weicher Filzhut mit ungemein breiter Krempe; der großgewürfelte graue Cheviotanzug und die an einem Lederriemen über die Schulter hängende, mit einem Stahlbügel verschlossene Tasche verrieten den Reisenden, der tatsächlich erst vorgestern in Hamburg vom Schiffe gestiegen war.
„Sie nehmen mir meine Offenherzigkeit nicht übel, Herr Just," fuhr der Goldschmied fort, da der andere, den Blick


